Adler-Olsen, Jussi – Schändung

Einst abgestraft und in den Keller versetzt, ermittelt Vizekommissar Carl Mørck nun mit dem Sonderdezernat Q in seinem zweiten Fall. Diesen hat Mørck eher dem Zufall zu verdanken, denn eines Tages liegt die Akte eines vermeintlich gelösten Kriminalfalls auf seinem Schreibtisch, und niemand weiß, wie sie dorthin gekommen ist. Dennoch macht sich Mørck mit seinem Assistenten Assad sogleich an die Arbeit und vertieft sich in den Fall des ermordeten Geschwisterpaars aus Rørvig. 20 Jahre zuvor sind die beiden in einer kleinen Waldhütte brutal ermordet worden, in Verdacht stand damals eine Clique von Jugendlichen aus reichem Hause. Doch nachgewiesen werden konnte ihnen die Tat nicht – bis einer der sechs die Tat gesteht und seitdem im Gefängnis seine Strafe absitzt. Schon nach kurzer Recherche glaubt Mørck nicht an die Schuld des einen allein, immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass auch die anderen fünf ihren Teil der Schuld tragen.

Dieser Mord bleibt nicht die einzige Tat, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Konto der reichen Jugendlichen geht. Vielmehr scheinen diese Schuld an einer Reihe von Überfällen und Misshandlungen zu sein. Nur konnte ihnen keine der Taten angelastet werden. Während Kristian Wolf nicht mehr am Leben ist und Bjarne Thøgersen im Gefängnis sitzt, sind die verbleibenden drei Männer – Ulrik Dybbøl Jensen, Ditlev Pram und Torsten Florin – an die Spitze der Karriereleiter aufgestiegen. Daher erscheint es in der Gegenwart umso schwieriger, diese angesehenen Mitglieder der Gesellschaft mit den damaligen Taten in Verbindung zu bringen. Doch nun müssen sich die drei nicht nur vor dem Sonderdezernat Q in acht nehmen, sondern auch vor Kimmie Lassen, die als einzige Frau damals zu der gefährlichen Clique gezählt hat, die aber nach einem Schicksalsschlag auf der Straße lebt. Doch Kimmie hat nicht vergessen, was die Männer der einstigen Clique ihr angetan haben und so verfolgt sie die drei auf Schritt und Tritt, während sie sich gleichzeitig vor den Häschern ihrer früheren Freunde geschickt versteckt hält.

Carl Mørck ahnt noch nicht, was Jensen, Pram und Florin alles auf dem Kerbholz haben und dass Kimmie Lassen bereits Jagd auf die drei macht. Stattdessen schlägt sich Mørck mit seiner neuen Sekretärin Rose herum, die ihm anfangs gehörig auf die Nerven geht, die dann aber genau wie Assad ihren Teil dazu beiträgt, die Jugendclique von einst auffliegen zu lassen …

_Dänenpower_

Nach „Erbarmen“ handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um den zweiten Fall des Sonderdezernats Q, an dessen Spitze Carl Mørck agiert. Und der steht als geschiedener Mann ganz in der Tradition anderer Kriminalkommissare. Zudem war er nach einem missglückten Polizeieinsatz, bei dem einer seiner Kollegen ums Leben gekommen und der zweite schwer verletzt worden ist, in psychologischer Behandlung. Allerdings ging Mørck nicht nur zu den Sitzungen, um sich seine Probleme von der Seele zu reden, sondern weil er der Psychologin zu gerne an die Wäsche gehen würde. Doch leider hat diese noch nicht angebissen, und seine eher unbeholfenen Annäherungsversuche, die er in „Schändung“ wagt, dienen auch nicht gerade dazu, dass Mørck endlich einmal wieder bei einer Frau zum Zuge kommt. Zwar scheint er nicht ganz so depressiv zu sein wie sein schwedischer Kollege Kurt Wallander, aber viel fehlt auch nicht daran, denn auch zu Hause ärgert er sich mit seinem Sohn und seinem merkwürdigen Untermieter herum, zudem überlegt er, seinen querschnittsgelähmten Kollegen zu Hause zu pflegen. Viele Probleme sind es also, mit denen Mørck zu kämpfen hat und die ihn von seinem Fall ablenken.

Zudem weht ihm beruflich ein kräftiger Wind entgegen: Sein Vorgesetzter wirft ihm immer mehr Stöcke zwischen die Beine, um die Ermittlungen zu behindern, bis Mørck gar suspendiert wird. Doch den Kopf steckt er deswegen nicht in den Sand, stattdessen legt er sogar noch eine Schippe drauf. Dies zeigt die starke Seite des Vizekommissars, die mir persönlich deutlich besser gefallen hat als die verzweifelte Seite Mørcks, bei der er im Selbstmitleid versinkt, weil er seit Urzeiten mit keiner Frau mehr im Bett gewesen ist.

Sehr gut gefallen haben mir Assad und Rose als fleißige, aber manchmal auch recht aufmüpfige und eigensinnige Assistenten im Sonderdezernat Q. So überrascht Assad bei so manch einer Vernehmung mit seinen teils eher unqualifizierten Bemerkungen und Fragen, die aber manchmal dann doch genau ins Schwarze treffen. Und auch Rose sorgt für einigen Wirbel, wenn sie neue Tische für die Kellerräume bestellt, damit sie auf ihnen ihre Akten sortieren kann. Doch die nur halb aufgebauten Tische machen das Chaos im Keller schließlich perfekt. Dennoch lässt sich Rose von nichts aus der Ruhe bringen und überhört so manche (nicht allzu freundlich gemeinte) Ermahnung ihres Chefs.

Neben Mørck ist Kimmie Lassen die zweite Hauptfigur des Kriminalromans. Sie lebt auf der Straße, obwohl sie aus reichem Hause stammt und ein großes Haus besitzt. Geldsorgen hat sie demnach nicht, doch muss sie sich vor ihren früheren Freunden versteckt halten. Doch was hat sie damals erleben müssen, das ihr Leben dermaßen auf den Kopf gestellt hat? Nur langsam nähern wir uns der Lösung dieses Rätsels. Kimmie Lassen ist in diesem Buch am schwierigsten zu durchschauen, da Jussi Adler-Olsen uns zunächst nur wenige Informationen über Kimmie und ihre Vergangenheit Preis gibt. Genau dies macht Kimmie umso interessanter, auch wenn anfangs noch gar nicht klar ist, dass sie eine dermaßen zentrale Rolle in diesem Roman spielt. Ihre ehemaligen Weggefährten dagegen blieben für meine Begriffe etwas zu blass. Jensen, Pram und Florin sind ziemlich stereotyp gezeichnet, sie sind die Jungs aus reichem Hause, die auf Kosten anderer ihre Gewaltfantasien ausleben und auch heutzutage ihre Macht immer wieder aufs Neue ausnutzen – sei es bei der Jagd auf Mensch und Tier oder gegenüber ihren Angestellten.

Insgesamt hat mich die Charakterzeichnung somit nicht vollkommen überzeugt. Hinzu kommt die Schwierigkeit, Mørck zu durchschauen, wenn man den ersten Teil „Erbarmen“ nicht gelesen hat. Seine privaten Probleme werden hier nur am Rande erwähnt, sodass man sich zusammen reimen muss, dass er geschieden ist und sein Sohn noch bei ihm im Hause wohnt. Welche Probleme es aber in der Ehe und mit seinem Kind gegeben hat bzw. noch gibt, konnte ich mir nicht erklären. Schade fand ich auch, dass nur angedeutet wurde, was bei dem Polizeieinsatz passiert ist, bei dem Mørcks einer Kollege gestorben und der andere schwer verletzt worden ist. Ganz aufgeklärt ist dies wohl noch nicht, eventuell gibt das Stoff für das nächste Buch, im vorliegenden bleibt diese Tat jedenfalls ziemlich in der Luft hängen.

_Jagd auf die Jäger_

Was dagegen nahezu perfekt gelungen ist, ist der Spannungsbogen. Zunächst sind Ulrik Dybbøl Jensen, Ditlev Pram und Torsten Florin diejenigen, die Jagd machen – auf wehrlose Tiere und auch auf Kimmie. Die aber dreht irgendwann den Spieß um, was der Handlung deutlich mehr Tempo verleiht. Zu Beginn ahnt man noch nicht, welche Rolle Kimmie im gesamten Gefüge spielt, doch je mehr Puzzleteile an den richtigen Platz rücken, umso mehr möchte man wissen, was sich hinter den verbleibenden Lücken verbirgt, was damals wirklich geschehen ist und wieso Kimmie auf der Straße gelandet ist. Was Jussi Adler-Olsen uns hier schließlich eröffnet, hat es in sich. Hier hat der Autor aus dem Vollen geschöpft, um seine Leser zu schockieren. Beim Finale übertreibt Adler-Olsen es zwar ein klein wenig, doch immerhin gerät die Auflösung wirklich schlüssig.

Carl Mørck mit seinen eigenwilligen Assistenten Assad und Rose hat im Krimigenre sicherlich eine blendende Zukunft vor sich, wenn Jussi Adler-Olsen es weiterhin so gut versteht, seine Leser so sehr zu packen und sie mit zu reißen. Allerdings würde ich mir für das nächste Buch wünschen, dass endlich aufgeklärt wird, was bei dem missglückten Polizeieinsatz damals schief gegangen ist, noch länger sollte Adler-Olsen seine Leser nicht mit Andeutungen hinhalten. Auch in puncto Nebencharaktere könnte er beim nächsten Mal ein klein wenig einfallsreicher sein, dann dürfte der dritte Fall des Sonderdezernats Q sicherlich zu einem äußerst lesenswerten Krimi werden!

|Taschenbuch: 460 Seiten
ISBN-13: 978-3423247870
Originaltitel: |Fasandræberne|
Deutsch von Hannes Thiess|
http://www.dtv.de/

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