Akers, Tim – Herz von Veridon, Das

_Jacob Burn hat_ eine Menge Kontakte, sie sind quasi sein Arbeitskapital. Aber das Treffen mit dem bärtigen Hünen in der schäbigen Kleidung stand eigentlich nicht in seinem Terminkalender. Und wenn Jacob geahnt hätte, in welche Verwicklungen ihn dieses Treffen hineinziehen würde, wäre er dem Kerl wahrscheinlich in weitem Bogen aus dem Weg gegangen. Statt dessen muss er feststellen, dass ihm auf einmal eine ganze Menge Leute ans Leder wollen …

_Tim Akers legt_ in seinem Romandebut das Gewicht nahezu ausschließlich auf die Handlung. Insofern ist es kein Wunder, dass die Charakterzeichnung nicht besonders tiefschürfend ausgefallen ist.

Jacob wollte schon als kleiner Junge Pilot werden. Nachdem er jedoch bei seinem Jungfernflug sein Luftschiff zum Absturz gebracht hat, hat die Akademie ihn rausgeworfen, das hat ihn ziemlich verbittert und zum Bruch mit seiner Familie geführt. Seither arbeitet er für Valentine, die Unterweltgröße der Stadt, seine Aufträge erhält er von einer Vermittlerin namens Emily, in die er verliebt ist.

Emily scheint Jacob auch zu mögen, behält das aus beruflichen Gründen aber für sich. Sie ist vor allem pragmatisch veranlagt und tut, was für ihr Überleben notwendig ist.

Mehr gibt es zu den Charakteren eigentlich nicht zu sagen. Obwohl an der Jagd auf Jacob ziemlich viele Personen beteiligt sind, bleiben sie alle auf ihre Funktion innerhalb des Plots beschränkt und entwickeln keine echte eigene Persönlichkeit.

Was die Handlung betrifft, fühlte ich mich teilweise an die „Bourne-Identity“ erinnert. Alle wissen, worum es geht, nur der Held weiß es nicht. Um zu überleben, muss er das schleunigst herausfinden, was bedeutet, dass er abwechselnd damit beschäftigt ist, seine diversen Kontakte aufzusuchen, um an Informationen zu kommen, und damit, sich mit seinen Verfolgern zu prügeln, um ihnen zu entwischen.

Tim Akers erzählt diese Mischung aus Puzzle und Verfolgungsjagd geradlinig und temporeich. Ausschmückungen fehlen fast völlig, die Umgebung wird größtenteils lediglich skizziert. Es geht nicht darum, wo oder wie etwas passiert, wichtig ist nur das Geschehen selbst.

Trotzdem kann man nicht sagen, dass das Setting zu kurz gekommen wäre. Der Autor hat seine Geschichte in einer Welt angesiedelt, die ziemlich … sagen wir mal, beschränkt ist. Im Zentrum steht die Stadt Veridon, sie ist Schauplatz der Ereignisse, hineingebaut in einen Steilhang und von allen möglichen Richtungen umspült von Flüssen. Drumherum gibt es noch ein paar Dörfer und ansonsten Wildnis. Zumindest innerhalb des Radius, der den Stadtbewohnern bekannt ist und der ist offenbar nicht allzu groß.

Dafür hat Veridon in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung erlebt. Seit dem Aufstieg der Kirche des Algorithmus verfügt die Stadt über eine Vielzahl neuer, technischer Errungenschaften, zu denen auch die Luftschiffe gehören. Einen Großteil dieser Technik fand ich allerdings ausgesprochen unangenehm. Die Art und Weise, wie die Piloten ihre Flugschiffe lenken, ist gruselig, der Auftritt des Engramms vor allem eklig. Tatsächlich sind die Praktiken der Kirche insgesamt schlicht menschenverachtend. Erstaunlich, dass die Stadtbewohner sich all dem so bereitwillig unterwerfen, es so selbstverständlich hinnehmen. Schließlich ist die neue Religion noch so jung, dass nahezu jeder Einwohner sich noch daran erinnern kann, wie das Leben davor aussah. Unwillkürlich fragt man sich, wie mies dieses Leben wohl gewesen sein muss …

Natürlich betreibt die Kirche Propaganda. Mir persönlich kam die aber äußerst widersprüchlich vor. Der Mythos von der Entstehung der Kirche besagt, dass die Kirchengründer eine kranke Göttin heilten und dafür mit technischem Wissen beschenkt wurden. Die Darstellung einer Bühnenaufführung dieses Mythos‘ klingt allerdings nicht nach einer Heilung, sondern vielmehr wie die Beschreibung einer allmählichen Demontage. Den Theaterbesuchern scheint diese Diskrepanz erstaunlicherweise nicht aufzufallen.

Und auch das Gerangel um das geheimnisvolle Artefakt, um das es eigentlich geht, erschien mir gegen Ende zunehmend unglaubwürdig. Nachdem Jacob herausgefunden hat, worum es sich handelt, und beschlossen hat, es keiner der darum streitenden Parteien zu überlassen, es aber auch nicht selbst zu benutzen, warum hat er es da nicht einfach platt gemacht? Sämtliche Probleme hätten sich mit einem einzigen Hammerschlag erledigen können. Eine Antwort auf die Frage, was am Ende mit dem Artefakt wirklich geschah, gibt es leider erst im nächsten Band.

_Unterm Strich_ blieb ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Der Plot war ganz gut ausgedacht, sauber aufgebaut und zügig und spannend erzählt. Das Setting dagegen war mehr als gewöhnungsbedürftig. Wer diesbezüglich unempfindlich ist und bei seiner Lektüre vor allem Wert auf Action legt, der ist hier mit Sicherheit richtig. Freunden von Detailreichtum, epischen Geschichten und/oder eindringlicher Charakterzeichnung würde ich von der Lektüre eher abraten. Allen anderen empfehle ich, das erste Kapitel zu lesen, ehe sie das Buch kaufen. Wer mit den Ereignissen in der Steuerzentrale des Luftschiffs keine Probleme hat, dürfte auch mit dem Rest keine haben.

_Tim Akers_ wurde als einziger Sohn eines Theologen in North Carolina geboren. Später zog er nach Chicago, wo er das College besuchte und noch heute mit seiner Frau und seinem deutschen Schäferhund lebt. Er widmet seine Zeit zu gleichen Teilen der Pflege von Datenbanken und dem Führen von Füllfederhaltern. „Das Herz von Veridon“ war sein erster Roman, die Fortsetzung erscheint im Dezember unter dem Titel „Die Untoten von Veridon“.

|Taschenbuch 350 Seiten
Originaltitel „The Heart of Veridon“
aus dem Amerikanischen von Michael Krug
ISBN-13: 978-3-404-20666-7|
http://www.luebbe.de

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