Akoto, Philip – Menschenverachtende Untergrundmusik?

Provokation und Rockmusik gehen seit jeher Hand in Hand, sind fast untrennbar miteinander verbunden und wirken bis zu einem gewissen Grad sogar unmittelbar zusammen. Die Kombination aus lauten, elektrisch verstärkten Gitarren und einer womöglich extravaganten visuellen Umsetzung ist prädestiniert, revolutionäre, anarchistische oder einfach nur oppositionelle Ideen zu kommunizieren, wovon letztlich tausendfach Gebrauch gemacht wurde und auch weiterhin wird. Welche musikalische Kunstform eignete sich auch besser, um moralische Wertvorstellungen auf die Probe zu stellen und verkrustete Systeme aufzubrechen? Zeige ein ungewöhnliches Verhalten, und es wird dir Aufmerksamkeit zuteil.

Waren es früher die lasziven Hüftschwünge des Elvis Presley oder der exzessiv vor- und ausgelebte „Sex, Drogen & Rock ’n‘ Roll“-Lebensstil von Bands wie THE WHO oder THE ROLLING STONES, die Stürme der Entrüstung heraufziehen ließen, so müssen die Extreme heutzutage deutlich weiter ausgelotet werden, um eine Gegenreaktion hervorzurufen – sollte man meinen. Doch gerade die Beispiele aus der jüngsten Geschichte zeigen, dass dem nicht unbedingt so ist. Wenn es den Finnen LORDI gelingt, nur aufgrund einer Horrormaskierung Boykottaufrufe zu provozieren, muss man konstatieren, dass sich trotz eines nicht unerheblichen Gesellschaftswandels innerhalb der letzten fünfzig Jahre offenbar nicht viel verändert hat.

_Alles nur Schein?_

Es stellt sich nun die Frage, was bleibt, wenn man eine auf Äußerlichkeiten und Entertainment fixierte Band wie LORDI oder die in ihrem Streben nach Aufmerksamkeit deutlich weiter gehende Death-Metal-Band CANNIBAL CORPSE hinterfragt hat. Gibt es ein Konzept, das die Provokation übersteigt und die Außendarstellung dieser Gruppen über den bloßen Unterhaltungsfaktor erhebt? Oder allgemeiner formuliert: Beherbergt die heutige Rock- und Metalszene Musiker, die mit ihrer Kunst eine wie auch immer gelagerte Veränderung anstreben?

An diesem Punkt setzt der analytische Teil des vorliegenden Buches an. Am Beispiel verschiedener Bands aus dem Gothic-, Industrial- und Thrash/Death/Black-Metal-Bereich beleuchtet Autor Philip Akoto die Ideologie (sofern vorhanden) bzw. Motivation der betreffenden Musiker, mit dem Ziel, ihnen Subversion nachzuweisen oder abzusprechen. Ein grundlegender Aspekt seiner Untersuchung ist dabei der von Wolfgang Sterneck (u.a. Schriftsteller und Gründer des KomistA-Verlages) geprägte Begriff der „konsequenten Musik“, wonach Bands nur als subversiv zu bezeichnen sind, wenn sie ein politisches Bewusstsein haben und danach handeln, um letztlich die erwähnte (soziale) Veränderung anzustreben.

Dass Konsequenz auch zu Kontroversen führt und ernst zu nehmende Subversion von unterschiedlicher Qualität sein kann bzw. auf unterschiedlichen Ebenen abläuft, zeigen alle von Akoto detailliert untersuchten Gruppen. Während sich die amerikanische Death-Metal-Band CATTLE DECAPITATION entsprechend ihrer aggressiven Musik drastischer textlicher und visueller Mittel bedient, um eine vergleichsweise simple Vegetarismus-Botschaft zu verbreiten, und die dem Gothic-Bereich entstammenden THANATEROS ein spirituelles Schamanismus-Konzept präsentieren, gehen die Industrial-Band THE GREY WOLVES und die schwedische Death/Black-Metal-Band DISSECTION globaler, totalitärer und vor allem politisch fragwürdiger vor. Liefern die sich selbst als Kulturterroristen bezeichnenden Briten THE GREY WOLVES bereits durch die Benennung nach der rechtsradikalen türkischen Terrorgruppe eine Diskussionsgrundlage, kokettieren sie darüber hinaus auch offen mit faschistischer Symbolik, sehen dies allerdings nur als Teil eines anarchistischen Verwirrungsplans. Was die Engländer mit DISSECTION respektive ihrem Sänger und Gitarristen Jon Nödtveidt verbindet, ist eine ihrem Handeln zugrunde liegende Agenda. Einmal handelt es sich dabei um das „Cultural Terrorist Manifesto“, das THE GREY WOLVES als Orientierung dient, während Nödveidt zu den Mitbegründern des „Misanthropisch-luziferischen Ordens“ gehört. Diese Organisation fasst ihre Ideologie in den sogenannten „Satanic Aphorisms“, einem 24 Punkte umfassenden Regelwerk zusammen.

All diese Hintergründe wurden von dem seit 1998 als freier Musikjournalist tätigen Philip Akoto sorgfältig recherchiert, und der Leser könnte sich alleine mit den verschiedenen Quellenangaben wochenlang beschäftigen. Allerdings enthält auch das ursprünglich als Magisterarbeit eingereichte Buch bereits eine Fülle von Informationen, die wissenschaftlich-sachlich aufbereitet und verarbeitet werden.

_Das Spiel mit morbider Ästhetik_

Neben den konkreten Fallbeispielen werden im ersten Teil des Buches die Verbindungen zwischen den verschiedenen Subkulturen untersucht, wobei Akoto vor allem auf die Darstellung von Tod und Gewalt eingeht, die sich wie ein roter Faden durch die unterschiedlichen Szenen zieht. Dabei liegt das Augenmerk nicht ausschließlich auf dem Musikbereich. In kurzen Exkursen wird der Umgang mit dem Thema Tod in TV-Sendungen, Filmen und der Literatur nachgezeichnet. Und insbesondere die letzten beiden Bereiche dienen den Metal-, Gothic- und Industrial-Genres als Inspiration, was unzählige Texte und Plattencover reflektieren.

_Fazit_

„Menschenverachtende Untergrundmusik?“ bietet auf 117 Seiten eine qualitativ hochstehende Untersuchung des Subversionspotenzials der Industrial-, Metal-, und Gothic-Musik vor dem Hintergrund des (vermeintlich) gleichgültigen Umgangs bzw. der wahllosen Darstellung von Gewalt und Sterben. Darüber hinaus straft es jene Kritiker lügen, die den betrachteten Kunstformen von vorneherein Inhaltslosigkeit vorwerfen. Deutlich wird allerdings auch, dass das Verhältnis von Entertainment zu Inhalt klar zu ungunsten des letztgenannten Aspekts ausfällt und sich zu viele Bands mit bloßer Provokation zufrieden geben.

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