Alexander, Cassie – Medizin um Mitternacht (Nightshifted 1)

_|Nightshifted|-Trilogie:_

Band 1: _“Medizin um Mitternach“_
Band 2: „Moonshifted“ (noch ohne dt. Titel)
Band 3: „Shapeshifted“ (Juni 2013, noch ohne dt. Titel)

Man nehme: Eine gute Portion „Grey’s Anatomy“ und eine Prise „Anita Blake“, rühre alles kräftig durch, lasse es einmal aufkochen und raus kommt ein Buch wie Cassie Alexanders „Nightshifted: Medizin um Mitternacht“.

Klingt erstmal gut? Stimmt, die Idee ist alles andere als schlecht. In ihrem Romandebut platziert Cassie Alexander ihre Protagonistin Edie Spence als Krankenschwester auf der geheimen Station Y4 des County General. Auf Y4 wird alles behandelt, was übernatürlich ist: Vampire, Tageslichtagenten, Wertiere, Gestaltwandler und manchmal sogar Drachen. Da eine geheime Station im normalen Krankenhausbetrieb trotz des generellen Trubels vermutlich irgendwann auffallen würde, lauern im County noch die Schatten, um im Fall der Fälle beteiligten „Zivilisten“ das Gedächtnis zu löschen.

Edie ist Nachtschwester (sie braucht das Geld) und bei einem ihrer ersten Einsätze geht etwas völlig schief und ein Tageslichtagent pustet sein Lebenslicht aus; allerdings nicht, ohne ihr aufzutragen, Anna zu retten. Edie, die ein schlafwandlerisches Talent dafür hat, sich in Dinge einzumischen, die sie nichts angehen, macht sich auf die Suche nach der ominösen Anna und findet sie schließlich auch. Mit Weihwasser bewaffnet, befreit sie das misshandelte Vampirmädchen aus den Fängen des Bösewichts, ebenfalls ein Vampir. Der geht dabei drauf, was Edie in weitere Schwierigkeiten bringen wird. Denn die Vampire – lange nicht so impulsiv, wie man gemeinhin annimmt – stellen sie vor ein Tribunal. Nur wenn Edie die geflüchtete Anna auftreiben kann, damit diese zu ihren Gunsten aussagt, hat sie eine leise Chance, lebend und mit intakter Seele aus der ganzen Sache rauszukommen.

Und so findet sich Edie bald in einem Netz aus Vampirmachenschaften wieder, während sie versucht, Anna zu finden (die sich nach ihrer Rettung prompt aus dem Staub gemacht hatte) und ihr neu erwachtes Liebesleben zu ordnen. Eigentlich auf One-Night-Stands abonniert, machen Edie im Moment gleich zwei Männer den Hof: Ein attraktiver Gestaltwandler namens Asher und ein Zombie namens Ti, dem alle paar Seiten wichtige Körperteile abfallen (nein, nicht diese wichtigen Körperteile, keine Sorge). Besonders Ti wird viel zur Rettung Edies beitragen, indem er Anna ausfindig macht und generell für die tougheren Parts der Handlung zuständig ist.

_Eigentlich hat „Nightshifted“_ also alles, was eine gute Urban Fantasy ausmacht: Action, Romantik und eine Heldin zum Mitfiebern. Und doch will keine rechte Stimmung aufkommen. Das liegt zum einen daran, dass alle Charaktere – mit Ausnahme der Ich-Erzählerin Edie – blass und austauschbar bleiben. Ihre Kollegen auf Y4 haben Namen, aber keine Gesichter. Man erfährt absolut nichts über sie, was dazu beiträgt, dass alle Szenen auf Y4 uninspiriert heruntergeschrieben wirken. Seltsam, schließlich arbeitet Autorin Cassie Alexander tatsächlich als Krankenschwester. Man sollte also annehmen, dass dieser Aspekt ihrer Geschichte ihr besonders leicht von der Feder gehen sollte. Doch dem ist leider nicht so. Statt eines atmosphärischen Krankenhaussettings flüchtet sich Alexander zunehmend in Medizinsprech. Das soll wohl Glaubwürdigkeit suggerieren, nervt aber letztendlich nur und trägt nichts zur Handlung bei. Schließlich hat es für den Leser kaum Mehrwert zu erfahren, welche verschiedenen Infusionen gerade in einen der ebenfalls vollkommen austauschbaren Patienten gepumpt werden und wie viele andere Schwestern dafür gegenzeichnen müssen. „Bei der Arbeit komme ich ganz gut klar, aber niemand steht mir wirklich nahe,“ sagt Edie gegen Ende des Romans und beschreibt damit ein Gefühl, das sich über den Roman hinaus auf den Leser überträgt.

Selbiges gilt für die Patienten auf Y4. Sie sind hauptsächlich Staffage. Mal läuft ein Drache durchs Bild, mal wird ein Tageslichtagent in einen Vampir verwandelt. Das alles jedoch ist kaum mehr als pure Show, um auf eine Romanlänge von 400 Seiten zu kommen. Man erfährt fast nichts über die jeweiligen Subkulturen. Selbst die Vampire, die im weiteren Verlauf durchaus eine Rolle spielen werden, bleiben ein Enigma dahingehend, dass sie zwar als Gegenspieler, nicht aber als eigenständige Figuren agieren dürfen. Es fehlt definitiv ein wirklicher Bösewicht, um die dahinplätschernde Handlung aufzupeppen und der Protagonistin einen Kontrahenten gegenüberzustellen, an dem sie sich abarbeiten kann. Das schien Alexander zu viel Arbeit zu sein, weswegen die Vampire hauptsächlich im Dunkel bleiben und weder der Leser noch Edie wirklich dahintersteigen, welcherart Bedrohung sie nun darstellen sollen. (Edie allerdings ist daran nur bedingt interessiert. Der Leser jedoch schon.) Da wird mal etwas von verschiedenen Gruppierungen (Throne genannt) angedeutet, aber die Autorin wirft dem gegeigten Leser nie mehr als kleine Informationsbrocken hin. Damit bleibt die Welt von “Nightshifted” leider schwarz/weiß. Sie bekommt keine Konturen und wirkt nur als Leinwand, vor der Edie ihr recht durchschnittliches Leben leben kann (unterbezahlter Job, unleidliche Familie, kaum Sozialkontakte und ein verworrenes Liebesleben – kommt doch wohl vielen bekannt vor, oder?).

Darüber hinaus sind andere für die Action zuständig. In der Regel ist es Ti, der Feuerwehrmann-Zombie. Geht es um Ermittlungsarbeit (z. B. die Suche nach Anna), lässt Ti irgendwelche nicht näher beleuchteten Kontakte spielen, woraufhin die Handlung sich sprunghaft nach vorn bewegt. Da schimmert die Faulheit der Autorin durch, die sich auch sonst nur teilweise mit der Logik anfreunden kann. Wenn Ti z. B. in seinem Arm eine Knarre zum Tribunal schmuggelt (ja, wirklich – ein bisschen spritzendes Blut und abfaulende Körperteile sollte der Leser bei der Lektüre abkönnen), wäre es da nicht praktischer sie zu laden, anstatt die Kugeln einzeln im Fleisch der eigenen Zunge zu verstecken? Pfui deibel …

_“Nightshifted“ kommt mit_ einer guten Prämisse und einer durchschnittlich interessanten Heldin daher, passt also prima ins Genre der Urban Fantasy. Leider kommt bei der Lektüre keine wirkliche Stimmung auf. Selbst als Edie schon gefesselt ihrem Tod ins Auge sieht, bleibt man als Leser ziemlich ungerührt. Ob in diesem Universum jemand lebt oder stirbt, könnte egaler nicht sein.

|Taschenbuch: 384 Seiten
Originaltitel: Nightshifted
ISBN-13: 978-3492268493|
http://www.piper-verlag.de

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