Alexander, Lloyd – Drei Leben für Lukas Kasha

_Ausgezeichnetes Jugendabenteuer im Orient_

Lukas ist ein Faulenzer und Tagedieb, da kommt eines Tages ein Gaukler in seine Stadt. Lukas wagt es, den Kopf in den Wassereimer des Gauklers zu stecken, und als er ihn wieder herauszieht, schwimmt er im Meer – von seiner Welt ist keine Spur mehr zu sehen!

In dem orientalischen Land Abadan, in dem er nun gelandet ist, wird er, gemäß einer Prophezeiung, als König begrüßt. Aber bald schon merkt er, dass sein neues Leben auch seine Schattenseiten hat. Gemeinsam mit einem Reimeschmied und dem rätselhaften und aufmüpfigen Mädchen Nur-Jehan muss er fliehen – und eine Welt voller Gefahren und Überraschungen erwartet ihn.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der sechsbändigen „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“. Alexander schrieb mit der „Westmark“-Trilogie eine historische Fantasy, die in einem Fantasieland spielt, das viel Ähnlichkeit mit dem frühen 19. Jahrhundert, aber keinerlei Magie vorzuweisen hat.

_Handlung_

Lukas Kasha ist ein junger Tagedieb, der am liebsten ohne Geld in den Tag hineinlebt. Und er ist auch noch stolz darauf, seine Mitbürger in Zara Petra ums liebe Geld zu prellen. Daher macht es dem Bruder Leichtfuß auch nichts aus, bei einem Kunststück eines Gauklers, der gerade in die Stadt gekommen ist, mitzumachen. Der Gaukler nennt sich Battisto und behauptet, er könne jeden mit Hilfe eines Wassereimers in eine andere Welt befördern. Lukas will sich nicht auf den Arm nehmen lassen und da ein Lohn winkt, steckt er seinen Kopf in den Wassereimer.

Doch er findet sich mitten in einem Ozean wieder! Mit kräftigen Schlägen schwimmt er ans Ufer. Dort schaut er zu, wie Soldaten in seltsamer Kleidung ein Mädchen auf einem schönen Pferd gefangen nehmen. Sie wehrt sich, doch Widerstand ist zwecklos. Die Soldaten werden auf den Gestrandeten aufmerksam und verhaften ihn gleich mit. Lukas fällt auf, wie schön das Mädchen ist, doch er wird sie erst Tage und Wochen später wiedersehen.

Hier ist das orientalische Land Abadan, und seine Hauptstadt ist Shirazan. In diese wird Lukas gebracht, aber nicht etwa ins Gefängnis, sondern – oh Wunder! – in den Königspalast. Zufällig trifft es sich nämlich, dass Abadan keinen König mehr hat und der Hofastrologe Locman sagte die Ankunft eines neuen Königs voraus: Lukas nämlich!

Doch was nützt es, gegen die nun folgende gute Behandlung zu protestieren, denkt sich Lukas. Schließlich wird er rundum gehätschelt und gepflegt und alle tanzen nach seiner Pfeife. Doch nach ein paar Ausflügen in die Stadt vermisst Lukas den direkten Kontakt mit seinen Untertanen: Er darf sich ihnen nicht einmal zeigen, sondern muss in seiner Sänfte bleiben. Die Palastwache unter ihrem Kommandanten verwehrt Lukas, kurz mal so in die Stadt zu gehen, um mal etwas anderes als Lakaien oder Minister zu sehen. Lukas sieht jedoch das Sklavenmädchen vom Strand wieder und nähert sich ihr in einem verbotenen Bezirk des Palastes, dem Harem: Sie heißt Nur-Jehan und hat eine sehr spitze Zunge. Sie gefällt Lukas auf Anhieb, denn sie verbeugt sich kein einziges Mal vor ihm.

Der Großwesir Shugdad findet es gar nicht witzig, dass der neue König Kasha sich in Staatsgeschäfte einmischen will, um zum Beispiel das Köpfen und Auspeitschen abzuschaffen. Wenn es nach Shugdad ginge, dürfte sich der Herrscher nur ums Spielen kümmern und ansonsten den Erwachsenen das Regieren überlassen. Als Lukas auch noch einen Reimeschmied, der etwas kritisch aufgefallen ist, begnadigt und zu seinem persönlichen Diener macht, zieht er sich die Missbilligung des gesamten Ministerrates zu. Das sieht nicht gut, Lukas.

Zum Glück erfährt Lukas von einem Geheimgang unter der Palastmauer und entschlüpft mit seinem neuen Diener Kayim in den Basar. Dort tut Lukas, was er schon immer getan hat: Er will die Händler übertölpeln. Leider sind sie genauso schlau wie er und kennen schon alle Tricks. Als er mit Kayim wieder in den Palast zurückkehrt, lässt Großwesir Shugdad ein Attentat auf ihn verüben, doch Kayim vereitelt, dass Lukas stirbt. Dennoch lässt Lukas den Attentäter, seinen Leibwächter, nicht töten. Vielmehr bereitet er seine Flucht vor. Der erstaunte Kayim muss mit einer List das Mädchen aus dem Harem holen, dann fliehen sie zu dritt durch den Geheimgang.

Doch wohin soll sich Lukas wenden, der verbannte König? Das Königreich Abadan befindet sich in einem Krieg gegen Rebellen des eroberten Königreichs Bishangar. Lukas ist dieser Krieg, der nur den Ministern nützt und das Volk verarmen lässt, zuwider. Er will lieber Frieden mit dem König von Bishangar schließen. Zufällig weiß Nur-Jehan ganz genau den Weg dorthin. Eine Reise voller Gefahren und Abenteuer beginnt für die drei Gefährten. Unterdessen rüstet der neue König Shugdad zum Krieg gegen Bishangar …

_Mein Eindruck_

Wow, was für ein toll erzähltes Jugendabenteuer! Ich habe es in nur wenigen Stunden gelesen und fühlte mich dabei stets gut unterhalten. Mal von dem langsamen Beginn abgesehen. Aber die Figur des Lukas ist recht ungewöhnlich in einem orientalischen Umfeld, das nur die Sitten und Gebräuche des tiefsten Mittelalters kennt. Abadan entspricht ungefähr dem alten Bagdad, mit ein paar persischen Assoziationen (Shirazan = Shiraz), und Bishangar ist relativ stark arabisch angehaucht und erinnert etwas an die rebellischen Afghanen.

Alle diese Länder entsprechen den alten Geschichten aus Tausendundeiner Nacht in jedem Klischee. Aber mit einem deutlichen Unterschied: Die Gesellschaft ist mit großem Scharfblick sehr realistisch geschildert. So ein Großwesir ist keiner, der sich von einem dahergelaufenen König auf der Nase herumtanzen lässt. Schon bald schickt er Lukas einen Attentäter. Leider sind die Bishangaris zu Lukas‘ Leidwesen keinen Deut besser: Sie verstehen sich mehr auf Tapferkeit und und tapferes Sterben als auf weniger nobles Überleben.

Aufs Überleben versteht sich hingegen Lukas ganz ausgezeichnet, und Kayim kann ihm dabei nur beipflichten – mit gedrechselten Reimen, versteht sich. Lukas bringt Nur-Jehan ein paar Lektionen in Geduld und List bei, mit praktischen Beispielen. So übertölpelt er beispielsweise auf eine geradezu geniale Weise einen Pferdehändler, der Nur-Jehan ihren stolzen Schimmel geklaut hat. Also braucht Nur-Jehan den Rosshändler nicht gleich umzubringen und dabei die ganze Stadt auf sie aufmerksam zu machen. Das stolze Mädchen dankt es ihm aber schlecht: Als Lukas und Kayim Proviant kaufen, verduftet sie mit ihrem Pferd. Erst viel später soll er sie unter ungewöhnlichen Umständen wiedersehen.

Der listenreiche Lukas scheint ein Nachfahre von Odysseus zu sein, doch auch er muss ein oder zwei Lektionen lernen. Damit aber kein falsches Pathos aufkommt, streut Kayim stets einen seiner mehr oder weniger gelungenen Verse ein, was dann wieder auf ironische Weise Humor aufkommen lässt. So bleibt der Leser von Belehrungen mit erhobenem Zeigefinger verschont.

Selbst als Lukas den alten Sterndeuter und Hofastrologen Locman wiedertrifft, wird die Lektion, die Lukas erhält, so geschickt verpackt, dass wir mehr schmunzeln als grübeln müssen. Locman hat entdeckt, dass seine astrologischen Berechnungen keinen Pfifferling wert sind: Er hat das Attentat auf Lukas nicht vorhergesehen. Schließlich floh er ebenfalls, verwarf seine Bücher und Tabellen und wurde in einem kleinen Dorf Wahrsager und Berater. Statt Tabellen und Berechnungen schrieb er auf Zettel unsinnige Empfehlungen, verteilte sie wahllos nach Gutdünken an Ratsuchende und staunte, als immer mehr zu ihm kamen. Denn wenn sein Rat fehlschlug, gaben sie nicht ihm die Schuld, sondern sich selbst. Und weil 50 Prozent der Ratschläge ja gute waren, wählten ihn seine Mitbürger schließlich zum Bürgermeister. Mir erscheint dies wie eine kleine Satire auf Fernsehprediger und amerikanische (nur amerikanische?) Politiker.

Natürlich gehen der Krieg und Lukas‘ Abenteuer gut aus, und das Mädchen Nur-Jehan entpuppt sich als etwas viel Besseres als nur ein Sklavenmädchen. Leider wird keine Romanze daraus. Gerade als es so aussieht, als käme sie zu ihm zurück, versetzt ihn ein Missgeschick zurück in den Wassereimer des Gauklers. Interessant ist nun natürlich die Frage: Was hat Lukas aus seinem zweiten Leben gelernt? Wie wird er sein drittes Leben gestalten? Wer die Antwort auf diese Fragen erfahren will, sollte selber lesen. Es lohnt sich.

_Unterm Strich_

Dass Lloyd Alexander ausgezeichnet erzählen kann, wusste ich ja schon von seinem Taran-Zyklus her, den ich hier vollständig besprochen habe. Aber dass er auch über die Aufgabe des Erzählens und des Erzählers nachgedacht hat, zeigt sich unter anderem in Geschichten wie „Lukas Kasha“. Mit Geschichtenerzählen kann man nicht nur seinen Lebensunterhalt verdienen, sondern auch noch seinen Mitmenschen Nachrichten und Weisheiten vermitteln, die zugleich zu unterhalten wissen. Beide Seiten erhalten also einen großen Nutzen davon. Und weil gute Geschichten genau wie gute Witze stets eine größtmögliche Verbreitung suchen, geht einem guten Erzähler, der ja auch ein guter Zuhörer sein muss, der Stoff für sein Metier nie aus.

Mir hat die Geschichte jedenfalls viel Spaß gemacht. Und wer sich wundert, wie man per Wassereimer von A nach B gelangt, der hat noch nicht begriffen, dass eine gute Geschichte wie ein Traum funktioniert: Sie verzaubert das Bewusstsein des Zuhörers / Lesers und entführt ihn in unwahrscheinliche Gegenden, um unwahrscheinliche Dinge zu erleben. Doch erwacht man aus diesem erzählten Traum, kann man sich im Gegensatz zu den meisten Träumen noch gut daran erinnern und auf diese Weise vielleicht etwas daraus lernen. Zum Beispiel eine Botschaft, die unseren Helden den Frieden dem Krieg vorziehen lässt.

Ich würde das Buch Jugendlichen ab 14 Jahren wärmstens empfehlen. Da es auch noch ausgezeichnet übersetzt ist – es bekam anno 1982 den Österreichischen Kinderbuch-Übersetzerpreis – liest es sich auch noch sehr schön und flüssig. Es besteht fast nur aus Dialogen, von denen die meisten recht witzig und geschliffen sind. So etwas findet man bei modernen Autoren nicht mehr oft.

|Originaltitel: The first two lives of Lukas Kasha, 1978
256 Seiten
Aus dem US-Englischen von Wolf Harranth|
http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/

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