Amarque, Tom – White Series: Die Evolution der Psyche

Was ist Psyche? Der Begriff ist alltagstauglich geworden und längst kein gepachteter Begriff der Psychologie mehr. Er steht für einen bestimmten Sachverhalt, der im täglichen und auch wissenschaftlichen Sprachgebrauch ansonsten mehr genannt wird als beschrieben oder erklärt. Was ist das also genau: Psyche? Wenn man versucht, über Psyche nachzudenken, begibt man sich sozusagen in einen selbstreferentiellen Prozess des Beobachtens und Reflektierens. Man fragt demnach nach dem, was man selbst besitzt oder selbst ist, oder?

„Psyche“ von Tom Amarque liefert eine Reihe interessanter Erklärungen zu dieser Art der Selbstbeobachtung; er zeigt auf, wie sich die menschliche Psyche in Bezug auf die Bio-, Sozio- und Nous-Sphäre hat entwickeln können. Dabei greift der Autor in erster Linie auf kybernetische, systemtheoretische und radikalkonstruktivistische Ansätze zahlreicher Wissenschaftler (z.B. Humberto R. Maturana und Ernst von Glasersfeld) zurück. Selten kam mir eine derart gelungene Verquickung besagter naturwissenschaftlicher Theorien mit den Ansätzen grenzwissenschaftlicher Autoren wie Ken Wilber oder Don Beck unter. Sprache und Theoriebildung erfolgen nicht, wie man erwarten könnte, im psychologischen Gestus, sondern in einer Synthese der verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze. Obgleich aber der Entwicklungspsychologe Jean Piaget zu Wort kommt und auf seine Entwicklungsstadien des Kindes eingegangen wird, kommen für meinen Geschmack erziehungspsychologische und lerntheoretische Ansätze etwas zu kurz. Das Buch weist dennoch keine Lücken auf, hinsichtlich der Entwicklung des Menschen, die ja das Thema dieses Buches ist, hätten aber derartige Positionen bestimmt ihren Teil beisteuern können. Amarques Thesen sind von der radikalkonstruktivistischen Metabetrachtung gekennzeichnet, und diese findet sich in der modernen Erziehungswissenschaft ebenso wie in der Lerntheorie, wenn auch nicht in der radikalen Form eines Varelas oder Maturanas.

Amarques funktional-systemische Sprache eröffnet dem Leser eine strukturierte und systematisierte Leseführung, lässt allerdings bei klassisch geisteswissenschaftlicher Fragestellung wie der nach Liebe und Sinn noch einige Ungewissheiten zurück. Zu Beginn des Buches betont Amarque, dass das Paradigma, unter dem „Psyche“ verstanden werden will, ein kybernetisches sei. Auch wenn ich mir persönlich eine Ausweitung der philosophischen Tragweite vieler Begriffe gewünscht hätte, wird das Buch durch seine wissenschaftliche Sprache aber zu einem hervorragenden Nachschlagewerk, wenn man mal wieder rasch nachgucken muss, wie im konstruktiven Prozess Bewusstsein und Wirklichkeit erzeugt werden. Und daran sollte man sich stets erinnern!

„Psyche“ ist in summa ein wirklich gelungenes Buch, denn es zeugt von einem reflektierten Geist, der die Phänomene – auch die, die wir scheinbar nicht begreifen können – auf die subjektive Interpretations- und Inszenierungsleistung des Subjekts zurückgeführt (ohne in Solipsismus zu verfallen), eine echte Alternative zum dualistisch-logozentrischen Paradigma aufweist und, ganz nebenbei, die Stärkung des Individuums im reflexiven Abgleich mit Welt in einer nachhaltigen Ethik aufgehen sieht. Eine Menge Ansprüche – dieses Buch setzt richtig an, sie zu erfüllen!

http://www.phaenomen-verlag.de/

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