Andras – Schatten

Ein Serienmörder treibt in Wien sein Unwesen. Seine Opfer sind junge Mädchen, die erst gekreuzigt und anschließend ausgepeitscht werden. Nach dem dritten Mord ist die Polizei sicher, dass der Täter aus dem Sado-Maso-Milieu stammen muss. Aus diesem Grund ziehen die Ermittler den ehemaligen Kriminalbeamten Marcus Wolf hinzu.

Marcus arbeitete lange Jahre als Polizist, erst bei der Sitte und später bei der Mordkommission, ehe er vor sechs Jahren über Umwege den SM-Club „Dominion“ und ein Edelbordell von seinem reichen Großonkel erbte. Marcus quittierte den Polizeidienst, leitet seitdem Club und Bordell und lebt mit seiner Frau Caro, der extrovertierten Amber und der zurückhaltenden Jacqueline in einer Viererbeziehung. Obwohl sein Ruf stark unter seiner neuen Tätigkeit gelitten hat, ist er zur Zusammenarbeit bereit.

Auch Marcus ist sich beim Anblick des Opfers sicher, dass der Mörder aus der SM-Szene stammt. Zu seiner Bestürzung stellt sich heraus, dass alle drei Opfer in seinem Club verkehrten. Als er dann auch noch erfährt, dass die Kreuzigungsszene vor neun Jahren exakt auf die gleiche Art in seinem Club gespielt wurde, steht fest, dass der Mörder damals unter den Zuschauern war – und vermutlich auch heute noch zu Marcus‘ Kunden gehört.

Marcus nutzt seine zahlreichen Kontakte in der SM-Szene und der Halbwelt für die Ermittlungen. Die Zeitungen überschlagen sich mit Skandalmeldungen über seinen Club, und kurzzeitig wird er sogar als Täter verdächtigt. Einer seiner Mitarbeiter wird erschossen aufgefunden – angeblich Selbstmord. Marcus ahnt, dass er dem Mörder näher steht, als er dachte, und dass er plötzlich auch um seine eigene Sicherheit fürchten muss …

Mörderjagd im Sadomaso-Milieu, das bedeutet zu Recht ein „Hardcore“-Prädikat vom |Heyne|-Verlag, da mit expliziten Schilderungen in Sachen Sex und Gewalt nicht gespart wird. Wer sich davon allerdings nicht abschrecken lässt, bekommt darüber hinaus noch einen spannenden Thriller geliefert, der keineswegs der oberflächliche Softporno ist, den man vermuten mag.

|Interessante Charaktere|

Im Mittelpunkt steht Ich-Erzähler Marcus Wolf, ein Mann mit augenscheinlich vielen Facetten. Marcus ist ehemaliger Kriminalbeamter, der auch Jahre danach nichts von seinem Spürsinn verloren hat, ein schwergewichtiger Zweimeterhüne, der für seine drei Frauen dominanter Herr, liebevoller Partner und zuverlässiger Freund zugleich ist. Caroline ist seine Ehefrau und Managerin, studierte Juristin aus steinreicher, alteingesessener Wiener Familie, die ein inniges Verhältnis zu ihrer Uroma besitzt, während der Kontakt mit ihrem Vater aufgrund ihrer Lebensweise abgebrochen ist. Gemeinsam mit dem Chateau übernahm Marcus auch die beiden jungen Frauen Amber und Jacqueline, die wohl die bemerkenswertesten Figuren sind. Die offensive Amber, zierliche 1,50 Meter groß, und die ruhige, hingebungsvolle Jacqueline gehörten zu den Kindern, die Marcus‘ Großonkel im Chateau gefangen hielt und regelmäßig von Kunden benutzen ließ. Als Elfjährige bereits zum Sex gezwungen, werden sie von Marcus als junge Frauen in eine Therapie geschickt, die jedoch nichts daran ändert, dass sie sich zu devoten Sexspielen hingezogen fühlen und das Chateau als Zuhause empfinden.

Die anfangs unrealistisch harmonische anmutende Viererbeziehung wird im weiteren Verlauf differenzierter dargestellt. Die beinah grenzenlose Liebe und Hingabe, die ihm die drei Frauen entgegenbringen, verunsichert Marcus bisweilen. Obwohl er weiß, dass Amber und Jacqueline freiwillig bei ihm leben und seine Quälereien genießen, fühlt er ein schlechtes Gewissen, da er sich unweigerlich mit seinem perversen Onkel vergleicht, der die Mädchen schonungslos ausbeutete. Auch die offene Beziehung ist nicht immer ungetrübt. Amber und Jacqueline fühlen sich zeitweise zurückgesetzt, da Marcus mit seiner Frau Caro die meiste Zeit verbringt, und Caro wiederum zeigt eifersüchtige Regungen, wenn den beiden anderen mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Damit bleibt das Verhältnis immer noch mehr als ungewöhnlich, wird aber erfreulicherweise nicht als völlig unkompliziert hingestellt. Bei aller Innigkeit bleibt noch Raum für kleine Spannungen, (Selbst-)Zweifel und Schwierigkeiten, die dieser Konstellation den nötigen Realismus verleihen.

Eine interessante Nebenfigur ist außerdem Sergei, früher Major bei der Armee, heute offiziell Geschäftsmann und inoffiziell Mitglied der russischen Mafia. Gegen jährliche Abzahlungen hält sich Marcus Probleme mit der Russenmafia vom Hals, während Sergei im Gegenzug kleine Gefälligkeiten leistet und auch bei der Suche nach dem Mörder behilflich ist, wobei sich schließlich sogar herausstellt, dass er auch ein persönliches Interesse verfolgt. Marcus verbindet ein zwiespältiges Verhältnis mit Sergei, mit dem er nie Ärger hatte, den er aufgrund seiner Machenschaften aber auch nicht als Freund sehen kann. Trotz der eingehaltenen Distanz findet Marcus Sergei beinah wider Willen sympathisch, zumal Sergei kein gewissenloser Mörder ist, sondern, auch als Mafioso, bestimmte Grenzen nicht überschreitet.

|Spannende Mörderjagd|

Bis kurz vor Schluss bleibt die Handlung weitgehend temporeich und durchweg spannend. Bereits auf den ersten Seiten wird der Leser mit dem dritten Mordopfer konfrontiert. Das tote Mädchen, dessen Augen dem Mörder bis zum Schluss verächtlich entgegenblickten, verursacht beim Leser gleichsam wie bei Marcus Wolf ein unwohles Gefühl. Brisant wird es, als sich herausstellt, dass der Mörder in irgendeiner Form in Verbindung mit dem „Dominion“ stehen muss und sich Marcus von allen Seiten bedroht fühlt. Bereits zu Zeiten von Marcus‘ Großonkel ist der Täter offenbar im Chateau ein- und ausgegangen und der Verdacht erhärtet sich, dass Marcus ihm bereits persönlich begegnet ist. Weitere Morde geschehen, Marcus selbst steht unter Verdacht und die Zeit läuft ab, denn in wenigen Tagen wird das nächste Mädchen getötet, wenn Marcus und seine Freunde nicht rechtzeitig die Lösung finden. Der Leser entlarvt den Täter aufgrund von Hinweisen leicht etwas früher als die offizielle Enthüllung, doch das ist kein großes Manko, denn selbst als Marcus und seine Leute von seiner Identität überzeugt sind, fehlt ihnen der Beweis, um ihn zu überführen.

|Einblicke ins Milieu|

Wer sich überhaupt nicht für die Sadomaso-Szene interessiert oder sich gar davon abgestoßen fühlt, der wird an diesem Roman keine Freude haben. Allerdings muss man auch kein Anhänger sein, um Gefallen zu finden. Vor allem im ersten Viertel nehmen die sexuellen Schilderungen zwar ein wenig überhand und die scheinbar perfekte Abstimmung der jeweiligen Personen aufeinander erinnern an derartige Szenen aus Historicals. Es fließen jedoch auch viele Erklärungen des Ich-Erzählers ein, der dem Leser die bizarre Welt der Sadomasochisten ein wenig näher bringt. Gerade weil Marcus Wolf kein klassischer Sadist ist, sondern Hemmungen kennt und sich manchmal von seinen Frauen überhaupt erst überreden lassen muss, bestimmte Dinge zuzulassen, versteht man die Faszination, die er beschreibt, selbst wenn man sie nicht teilen sollte. Im „Dominion“ begegnet man Auspeitschungen, Sklaven mit Halsbändern, Ganzkörperkostümen, die auch das Gesicht einschließen, stolzen Doms mit ihren unterwürfigen Subs, die sich zu ihren Füßen kauern und an der Leine geführt werden. Die Schilderungen sind ausschweifend, aber nicht obszön, befremdlich, aber nicht pervers.

|Kleine Schwächen|

Es gibt nicht viele Mankos in diesem Roman, ein paar haben sich aber doch eingeschlichen. Im Verhältnis zwischen Marcus und seinem ehemaligen Kollegen Malowsky liegt eine Menge ungenutztes Potenzial. Ihre einstige Freundschaft wandelte sich in Feindschaft, die auch noch Bestand hat, als sie sich jetzt angesichts der Mordserie wiedersehen. Nachdem sie gezwungenermaßen zusammenarbeiten müssen, blüht die alte Verbundenheit wieder auf – und zwar rascher, als es angebracht wäre. Zu schnell söhnen sich die beiden wieder aus, reizvoller wäre aber gewesen, die Zwietracht noch etwas auszubauen und erst gegen Ende abzulegen.

Etwas ärgerlich sind die konstruierten Verhältnisse um Caro und ihre Familie. Nicht nur, dass sie aus einer millionenschweren Familie stammt, was der Skandal-Presse, die Marcus und das „Dominion“ umlagert, seltsamerweise verborgen geblieben ist, ihre geliebte „Uomi“ ist eine 118-jährige Dame, die gut ein paar Jahrzehnte jünger wirkt und das Chateau mit all seinen Lustspielchen noch aus den Gründertagen kennt. So liebenswert die „Madame“, wie Marcus sie ehrfürchtig nennt, auch geschildert wird, ihr methusalemisches Alter bei gleichzeitig fast jugendlicher Wachheit ist doch arg übertrieben. Ähnliches gilt auch für die Versöhnung zwischen Caro und ihrem Vater, die zu plötzlich herbeigeführt wird. Bei den Ermittlungen ist es ein wenig schade, dass den Löwenanteil der Täter-Identifizierung ein ausgeklügeltes Computer-System und Kommissar Zufall erledigt und Marcus nicht so sehr durch Recherche auf den Mörder kommt.

_Als Fazit_ bleibt ein spannungsgeladener Thriller, der in der Wiener BDSM-Szene spielt und mit interessanten Einblicken in das Milieu aufwarten kann. Wer sich nicht an recht expliziten Schilderungen von Sex und Gewalt stört, wird trotz kleiner Schwächen gut unterhalten. Auch wenn darüber bisher nichts zu hören ist, wären weitere Werke mit Marcus Wolf in der Hauptrolle willkommen.

_Der Autor_ ist ein Frankfurter Schriftsteller, der den Namen „Andras“ für dieses Werk als Pseudonym verwendet. Er bewegt sich seit mehreren Jahren in der BDSM-Szene und ließ sich für manche Charaktere von den Lebensgeschichten wirklicher Personen inspirieren.

http://www.heyne-hardcore.de

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