Barclay, James – dunkle Armee, Die (Die Kinder von Estorea 3)

Mit [„Der magische Bann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5706 war die Geschichte um die Aufgestiegenen bzw. den Krieg zwischen der estoreanischen Konkordanz und dem Königreich von Tsard zunächst abgeschlossen. Die Konkordanz konnte den Sieg davontragen, das Gleichgewicht in Estorea wurde wiederhergestellt, und auch die Stellung der als abtrünnig geltenden Kinder Westfallens hatte sich im Zuge dessen verbessert. Warum aber hat Autor James Barclay den Strang so zielstrebig auf ein Finale zusteuern lassen? Gute Frage, nächste Frage …

Nun, wer Barclays Raben-Legenden jedoch kennt, weiß, dass der gute Herr immer noch genügend Ideen im Hinterkopf hat, um eine in sich vollendete Geschichte noch einmal völlig aus ihren Fugen zu reißen und mit noch eleganter passenden Puzzleteilen neu zusammenzuflicken. Ähnliches hatte der Mann hinter „Die Kinder von Estorea“ auch im dritten Band im Sinne, der sich zehn Jahre nach den bedeutungsschwangeren Ereignissen in Estorea ansiedelt. Wie nämlich erwartet, ist „Die dunkle Armee“ der Auftakt einer noch viel größeren Sache …

_Story_

Seit dem Sieg über die Legionen aus Tsard ist in Estorr wieder Frieden eingekehrt. Mit Eifer arbeiten die verbliebenen drei Aufgestiegenen in speziellen Akademien daran, ihr Erbe weiterzugeben und den Aufstieg zu vervollkommnen. Zur gleichen Zeit meldet sich aber auch ihr einstiger Bruder Gorian zurück. Dieser hat in den letzten Jahren sein Bündnis mit dem Tsardonischen König ausgeweitet und unterdessen auch seine magischen Fähigkeiten kontinuierlichen verbessern können. Während die Spannungen innerhalb der Konkordanz einen neuen Höhepunkt erreichen und Advokatin Del Aglios ständig mit der Kanzlerin wegen der Berechtigung des Aufstiegs in Konflikt gerät, streut der letzte Aufgestiegene eine faule Saat aus und kreiert eine wahrhaftig tödliche Waffe. Gorian besitzt nunmehr die Fähigkeit, die Toten zu erwecken und über ihre leblosen Körper zu verfügen. Die nichtsahnenden Vertreter der Konkordanz müssen hilflos mit ansehen, wie Teile ihres Herrschaftsgebiets von einer Armee der Toten niedergerannt werden, die sich dabei beständig vergrößert, indem sie sich die Überlebenden ihrer Opfervölker gleich einverleibt.

Roberto Del Aglios und seine engsten Verbündeten Dina Kell und Pavel Nunan kämpfen an vorderster Front gegen die finstere Armee, müssen jedoch hilflos mit ansehen, wie ihre eigene Legion Stück für Stück dezimiert wird. Selbst die Aufgestiegenen wissen keinen Ausweg mehr, zumal sich Gorian die Dienste seines Sohnes Kessian gesichert hat. Noch während die Konkordanz auf politischer Ebene völlig auseinanderzubrechen droht, marschiert Gorians Heer Richtung Estorr, um das wankelmütige Reich endgültig zum Einsturz zu bringen – und seine einstigen Gefährten auf grauenvolle Art und Weise zu vernichten …

_Persönlicher Eindruck_

Obschon es eigentlich tunlichst vermieden werden sollte, „Die Kinder von Estorea“ mit den beiden Raben-Zyklen aus Barclays Feder zu vergleichen, drängt sich eben jener Vergleich nun zum ersten Mal richtig penetrant auf. Denn gerade in “Die Legende des Raben“ galten bereits mehrere Stränge als endgültig und final, wurden dann aber wieder neu aufgerissen und komplett durcheinandergewirbelt. Genau diesen Schritt wagt der Autor nun auch in „Die dunkle Armee“, wenngleich etwas besser vorbereitet und mit deutlich geringerem Überraschungseffekt.

Der Zeitsprung, den die Handlung vollzieht, scheint aber dennoch sehr gewagt, da sich die Situation in den letzten Bänden erheblich zugespitzt hatte und es nun nicht gänzlich glaubwürdig klingt, dass die Entwicklungen in Estorea nur noch vergleichsweise langsam voranschreiten. Zwar ist es nachzuvollziehen, dass Gorian eine ganze Weile braucht, um sein intrigantes Spiel anzuzetteln und seine Macht zu erweitern, und ebenso scheint es verständlich, dass sich die Konkordanz neu ordnen und aufstellen muss, um nicht in ihrem eigenen politischen Sumpf zu ersticken. Und dennoch ist diese Dekade ein großer, in der Relation nicht mehr ganz so überschaubarer Zeitraum, der letzten Endes etwas ungünstig gewählt scheint.

Im Zusammenhang mit dem, was sich in „Die dunkle Armee“ schließlich zuträgt, sind solche analytischen Diskussionen allerdings eher Erbsenzählerei, da Barclay in Windeseile ein riesiges neues Fass aufmacht und einen neuen Story-Komplex ankurbelt, der in seiner Machart ebenfalls an den Raben erinnert, aufgrund der vielen authentisch anmutenden Ereignisse aber stellenweise noch ergreifender geschildert wird. Handelte es sich bei seinen legendären Zyklen in erster Linie um reine Fantasy-Werke, die zu großen Teilen auf den typischen Inhalten der modernen Phantastik beruhten, manifestiert sich in diesem dritten Roman nun immer mehr der Eindruck, dass „Die Kinder von Estorea“ trotz des fiktiven, ebenfalls phantastischen Settings viel näher an der Realität orientiert ist. Das ausgeklügelte politische System, das immer mehr an Bedeutung gewinnt, spielt hier ebenso eine Rolle wie die Zeichnungen der Charaktere. Aber auch die beklemmende Situation, in die das Land und die bekannten Figuren hier hineingeraten, wirken zusehends mehr der Realität entsprungen und heben sich ganz klar von den viel zitierten traditionellen Elementen der modernen Fantasy ab.

Die Frage für den aktuellen Roman lautet nun, inwiefern diese Entwicklung gut ist und wie sie sich auf den Verlauf der Geschichte auswirkt. Doch gerade hier kann man ein ausschließlich positives Resümee ziehen, da der gesamte Komplex noch viel dichter und intensiver erzählt wird und die einzelnen Stränge noch ein deutlich größeres Potenzial aufweisen als der Krieg gegen die Tsardonier in den ersten beiden Bänden. Die Hauptdarsteller sind inzwischen enge Vertraute, das politische Wirrwarr hat man endlich durchschaut, und auch die Rollen der vielen Würdenträger in Estorea sind geklärt. Insofern hatten die letzten beiden Bücher rückblickend eher die Funktion einer Einleitung zu den Ereignissen, die sich nun hier in „Die dunkle Armee“ zutragen, dies natürlich sehr ausführlich und sehr spannend geschrieben und in letzter Instanz auch sehr überzeugend umgesetzt, aber eben auch noch steigerungsfähig – und damit sind wir nun beim zweiten Doppelpack, der mit dem dritten Band beginnt und in „Die letzte Schlacht“ das hier bereits vorbereitete Finale präsentieren wird.

Die gesamte Story ist noch viel umfassender als das Plot-Konstrukt der ersten Romane. Die Fehden verlaufen sich in weitreichendere Instanzen, die Konfliktparteien kämpfen wegen undurchsichtigerer Motive, und die Erzählung selber wird viel härter und aggressiver, da die Schlachten hier schonungsloser und ohne jegliche Rücksicht ausgetragen werden. Dennoch spielt Barclay seine Stärken dieses Mal nicht in erster Linie auf dem Schlachtfeld aus, sondern vermehrt auf der emotionalen Ebene. Die zwischenmenschlichen Schauplätze bekommen weitaus mehr Beachtung und werden teilweise sehr dramatisch geschildert. Hass, Verzweiflung, Wut, Trauer, Vertrauen und Treue gelten zu den wichtigsten Grundlagen der Story und sind immer wieder Aufhänger für die zahlreichen, ineinander verwobenen Konflikte innerhalb des Plots.

Dabei soll natürlich nicht vergessen werden, dass der Krieg in einem neuen Ausmaß begonnen hat und die bislang noch nicht so aktiv in Erscheinung getretenen Protagonisten ein viel größeres Forum bekommen, allen voran Gorian Westfallen. Aber auch der bislang sehr unklare Einfluss der Kanzlerin wird deutlich, die Religion gerät näher in den Fokus, und während sich Tsardonier und die Legionen der estoreanischen Konkordanz ein weiteres Mal auf den Feldern gegenüberstehen, gewinnen die hintergründigen Geschichten immer mehr an Bedeutung.

Das Ergebnis ist einmal mehr beeindruckend und ein blendendes Beispiel dafür, wie man die moderne Fantasy interpretieren kann, ohne dabei einzig und alleine auf die klassischen Elemente der Phantastik zurückgreifen zu müssen. Mit „Die dunkle Armee“ hat der Vierteiler in seiner Intensität ein völlig neues Gesicht bekommen und eine Form gefunden, die sich endlich auch wieder mit dem „Raben“ vergleichen lässt.

|Originaltitel: A Shout for the Dead (Teil 1)
Übersetzt von Jürgen Langowski
Mit Illustrationen von Paul Young
Redaktion: Rainer Michael Rahn
Paperback, Broschur, 464 Seiten|
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