Barclay, James – magische Bann, Der (Die Kinder von Estorea 2)

Nach dem vorläufigen Abschluss seiner Raben-Chroniken gilt James Barclay als einer der heißesten Fantasy-Autoren weltweit. Selbst renommierte Schreiber wie Stan Nicholls und der inzwischen leider verstorbene David Gemmel loben Barclay als die Verkörperung der modernen Fantasy und preisen hier vor allem sein Talent, einprägsame, unvergessene Charaktere zu kreieren.

Während hierzulande noch die Ausläufer seiner letzten Reihe verdaut werden, hat der Autor im Hintergrund längst die nächsten Juwelen schleifen lassen. Mit „Die Kinder von Estorea“ meldete Barclay sich eindrucksvoll zurück, wenngleich die Debütausgabe erst einmal noch nicht die Genialität durchschimmern ließ, die den |Raben| seinerzeit auszeichnete. Mit „Der magische Bann“ folgte nun im letzten Jahr die zweite Episode des Vierteilers und damit der verspätete Startschuss für eine unglaublich faszinierende phantastische Weltreise durch die schlachtenreiche, moderne Fantasy.

_Inhalt:_

Die estoreanische Konkordanz ist nach der jüngsten Niederlage gegen das Volk der Tsardonier arg ins Hintertreffen geraten. Das abtrünnige Königreich hat der Advokatin und ihrem Gefolge den Krieg angesagt und in Atreska einen mächtigen Verbündeten gefunden, nachdem sich auch dieser Bündnispartner unter der Regentschaft Yurans verräterisch aus der Konkordanz verabschiedet hat.

Gleichzeitig muss sich Herine des Aglios mit den Intrigen ihrer Kanzlerin herumschlagen, die das politische System Estoreas zu unterwandern versucht und die Herrschaft der Advokatin merklich schwächt. Als ihr schließlich bewusst wird, dass die gesamte Konkordanz dem Untergang geweiht ist, wenn die Heerscharen aus Tsard nicht vor ihrer Ankunft in Estorr vernichtend geschlagen werden, sieht sie sich zum Handeln gezwungen – doch vorerst sind ihr die Hände gebunden.

Herines größte Hoffnungen liegen vorerst auf ihrem Sohn Roberto, der als General und Anführer der größten Streitmacht aber noch die Folgen einer heimtückischen Seuche verkraften muss. Erst langsam erholen sich seine Soldaten wieder, dürfen sich aber keine weiteren Schonfristen mehr erlauben, denn die Tsardonier ziehen unerbittlich vorwärts und haben die Armee der Konkordanz schon in vielen kleinen Scharmützeln erheblich dezimiert.

Paul Jhered, Schatzkanzler der Konkordanz und gewiefter Stratege in Personalunion, erreicht schließlich mit den vier Aufgestiegen den Trupp seines Freundes Roberto und versucht, del Aglios davon zu überzeugen, dass die vier Kinder die letzte Chance darstellen, das Blatt in Zeiten des Kriegs zu wenden. Doch der erste Beweis ihrer Macht, der in einem zerstörerischen Schlag gegen die feindlichen Armeen endet, wird vom Anführer des Heeres als Ketzerei abgetan und nicht akzeptiert.

Jhered und die vier Aufgestiegenen sind gezwungen, die Truppen wieder zu verlassen – bis ein schicksalhaftes Attentat die Führungsebene in der Armee umstimmt und die Kinder von Westfallen zurückgebeten werden. Doch während die Akzeptanz für die vier Sonderlinge langsam zu erblühen beginnt, geschieht in ihren Reihen etwas Unfassbares. Der rebellische Gorian, ihr heimlicher Anführer, begeht einen schrecklichen Fehler, der die gesamte Zukunft der Konkordanz maßgeblich beeinflussen könnte …

_Persönlicher Eindruck:_

Im zweiten Kapitel von Barclays neuer Fantasy-Saga wächst das zunächst noch recht komplexe Puzzle um die Konkordanz, ihre politische Struktur und die Zwiste und Fehden innerhalb ihrer Gebiete langsam aber sicher zusammen. Diente „Das verlorene Reich“ trotz seiner Detailfülle noch in erster Linie dazu, die Charaktere und ihren individuellen Werdegang zu zeichnen und vor allem den gesamten Komplex darzustellen, der in seinen vielen verschachtelten Ränken und Machenschaften nur schwer greifbar war, kommt der Autor nun schon recht deutlich zur Sache und arrangiert die Kapitel von „Der magische Bann“ deutlich zielstrebiger und inhaltlich auch selbstbewusster.

Dies scheint ihm aus mehreren Gründen aber auch ein Leichtes zu sein, wobei in erster Linie der Aspekt schwer wiegt, dass es wohl kaum einen Schreiber gibt, der phantastische Kriegsszenarien so umfangreich und authentisch umschreiben kann wie James Barclay – und diese Episode ist geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen, brutalen Übergriffen und heftigen Schlachten! Aber auch die Tatsache, dass sämtliche Protagonisten innerhalb der Story eine sehr starke persönliche Entwicklung durchleben, kommt Barclay sicher zugute.

Im Mittelpunkt stehen natürlich die vier Kinder von Estorea, nach denen die Saga schließlich auch benannt wurde. Ihre jeweiligen Eigenheiten kommen in „Der magische Bann“ viel deutlicher zum Tragen und entscheiden wesentlich über den Verlauf der Geschichte. Gorian entpuppt sich langfristig als störrischer, uneinsichtiger Rebell, Osaccer mimt trotz seiner verlorenen Sehkraft den umsichtigen, souveränen Mittelsmann, Arducius zieht im Hintergrund die Fäden und hält die Aufgestiegen zusammen, und Mirron stellt schließlich den emotionalen Part in dieser Gruppe dar, bleibt damit aber auch eine Variable, die trotz ihrer dezenteren Berücksichtigung in der Handlung die womöglich wichtigste Rolle spielt – selbst wenn man dies bisher noch nicht so recht vorhersehen kann.

Wie der Autor diese Charaktere kontinuierlich aufbaut und sie vor allem im Wechselspiel mit Persönlichkeiten wie Roberto del Aglios und Paul Jhered auftreten lässt, liest sich pracht- und eindrucksvoll, wobei Barclay auch diesen Sturköpfen eine emotionale Entwicklung zuschreibt, die den weiteren Plot recht unberechenbar gestaltet – und genau dies ist eine der elementaren Stärken, die sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht.

Derweil muss sich Barclay aber auch einen kritischen Seitenhieb gefallen lassen, denn zweifelsohne sind einige Szenen in „Der magische Bann“ dem Tolkien’schen Vorbild entliehen. Insbesondere die finale Schlacht am Grenzwall erinnert stark an den Angriff auf Helms Klamm. Aber auch die Art und Weise, wie die einzelnen Teile der Armee in die Schlachten eingreifen bzw. die fatale Wirkung der magischen Eingriffe der Aufgestiegenen haben eine sehr offensichtliche Inspirationsquelle, die aber Gott sei Dank ausreichend modifiziert wird, um den eigenständigen Hergang aufrechtzuerhalten. Nichtsdestotrotz: Einzelne Parallelen lassen sich nicht abstreiten, werden aber an dieser Stelle angenehm und erneut sehr heroisch eingebaut, so dass man sie als solche auch bereitwillig annimmt.

Eine echte Barclay-Story wäre aber keine solche, könnte sie keine majestätischen, wenn auch nicht immer unvorhersehbaren Wendungen aufweisen. Und hiervon hat der Autor in den Schlusssequenzen gewohntermaßen ein ganzes Fass voll zu bieten. Ob es nun die entscheidenden Eingriffe in die Schlacht, die Verzweiflungstaten der Kinder von Estorea oder einfach nur die persönlichen Einsichten in das Seelenleben der Kriegsherren Jhered oder del Aglios sind – Barclay schafft immer wieder neue Gänsehautmomente und häuft diese in den letzten Kapiteln des Buches auf ein Maß, das definitiv nur den Großen dieses Faches vorbehalten ist.

Gleichzeitig stellt er sich selber auch wieder vor eine unheimlich große Herausforderung und eine Ausgangssituation, wie man sie auch schon von den Raben-Geschichten kannte. Die Story ist nämlich vorläufig abgeschlossen und größtenteils rund; und dennoch wird noch eine Menge passieren, da der gute Herr ja noch zwei weitere Bände zu füllen hat.

Es bleibt also die Frage, wie er diesem durchweg erhabenen Band noch einmal eins draufsetzen möchte. Aber wer die Historie des Autors etwas intensiver verfolgt hat, wird sich auch hier kaum Sorgen machen müssen. Wenn Barclay nämlich eines wirklich beherrscht, dann die Kunst, unter Druck Fantastisches zu kreieren. Ich schaue also voraus auf den im Herbst 2008 erschienen dritten Band – und erhole mich bis dahin noch von den beeindruckenden Vorgängen in „Der magische Bann“, einem Buch, das die Erwartungen trotz der besagten Vergleiche mal wieder vollkommen übertrifft!

|Originaltitel: Cry of the Newborn (Teil 2)
Übersetzt von Jürgen Langowski
Paperback, Broschur, 592 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52452-1|
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