Barker, Clive – Hellraiser

_Die Lehren des Schmerzes und der Lust_

Mit Hilfe eines Zauberkästchens ruft Globetrotter und Glücksritter Frank Cotton die Zenobiten herbei, Dämonen aus der Anderswelt. Sie versprechen ihm das, was er am meisten begehrt: sinnliche Lust und Freuden des Fleisches, wie sie noch kein lebender Mensch erfahren hat. Doch die Grenzen zwischen Lust und Schmerz sind fließend, und Frank sieht sich betrogen, gefangen in der Zenobiten-Hölle. Um in seine eigene Welt zurückzukehren, braucht er Julia, die Frau seines Bruders. Und Blut. Viel Blut …

_Der Autor_

Clive Barker, 1952 in Liverpool geboren, ist der Autor von bislang 18 Büchern, darunter die sechs „Bücher des Blutes“. Sein erstes Buch für Kinder trägt den Titel „The Thief of Always“ (Das Haus der verschwundenen Jahre). Er ist darüber hinaus ein bekannter bildender Künstler, Filmproduzent und -regisseur („Hellraiser 1“) sowie Computerspiel-Designer

Er lebt in Beverly Hills, Kalifornien, mit seinem Lebenspartner, dem Fotografen David Armstrong, und ihrer Tochter Nicole. Sie teilen sich das Haus mit vier Hunden, fünf Goldfischen, fünfzehn Ratten, unzähligen wilden Geckos und einem Papagei namens Malingo.

Wichtige Romane:
1) Damnation Game (1985)
2) Weaveworld (1987)
3) Imajica (1991)
4) Sacrament (1996)
5) Abarat 1 (2002)

_Handlung_

Endlich hält Frank Cotton den Schlüssel zur Anderswelt in Händen. In Deutschland hat ihm ein Mann namens Kircher die Adresse von Lemarchand gegeben, und dieser verkaufte ihm dieses seltsame Zauberkästchen. Hier im Haus in der Lodovico Street bietet sich ihm endlich die Gelegenheit, das Tor aufzustoßen, hinter dem das Paradies irdischer Freuden und Lüste liegen soll. Denn Frank, der Globetrotter und Glücksritter, hat schon tausende von Frauen gehabt. Er kennt alles, was die Erde an Freuden zu bieten hat. Denkt er.

Eine paar komplizierte Drehungen an der Intarsienarbeit des Kästchens, eine Melodie ertönt und ein Glockenschlag, dann bricht ein seltsames Licht hervor, und eine Stimme fragt Frank: „Was ist dies für eine Stadt?“ Die Stimme gehört einem Mitglied des „Ordens von der klaffenden Wunde“, einem der Zenobiten. Frank kann vier sehen. Einer ist Pinhead: In seiner Kopf- und Gesichtshaut stecken juwelenbekrönte Nadeln. Die anderen sind ebenso scheußlich anzusehen, der fünfte, der „Ingenieur“, soll erst später kommen.

Frank trägt sein Begehren vor. Er sucht Transzendenz, die größtmögliche Lust. Doch die Zenobiten folgen einer Definition von Lust, die auch den Schmerz mit einschließt. Sie warnen Frank. Es ist ihm egal, und er fordert sie auf, ihm zu zeigen, was sie an Lust zu bieten haben. Sie entsprechen seinem Wunsch: Das Ergebnis der totalen Verfeinerung all seiner Sinne bringt Frank beinahe um den Verstand. Als er fertig ist, tritt der vierte Zenobit auf, möglicherweise eine Frau. Sie hält eine besondere Lektion über den Zusammenhang zwischen Lust und Schmerz für Frank bereit …

|Drei Jahre später.|

Franks Bruder Rory und seine wunderschöne Frau Julia ziehen in das Haus an der Lodovico Street ein. Doch um ihre Ehe steht es nicht zum Besten, und nach vier Jahren der Abnutzung des Begehrens beginnt Julia immer öfter an Frank zurückzudenken. Nur Stunden vor ihrer Trauung mit Rory hat sie sich Franks stürmischem Begehren hingegeben. Am Tag danach verschwand er. Die Frustration hat sie verbittert und gehässig gemacht.

Deshalb fasziniert sie das oberste Zimmer im Haus. Die Vorhänge sind zugenagelt, so dass niemand von der Straße hereinschauen kann. Sonderbare Schwingungen wie von einer lauten Glocke erinnern sie an Frank. Als Rory sich beim Renovieren in die Hand schneidet, fallen seine Blutstropfen auf den Boden. Am anderen Morgen sind die Tropfen verschwunden, obwohl Julia nicht gewischt hat. Da hört sie eine körperlose Stimme ihren Namen rufen. „Ich bin es – Frank.“ Und ein letztes Wort: „Blut.“ Julia hat verstanden.

Inzwischen interessiert sich auch Kirsty Cotton, Mitte zwanzig, für das Haus in der Lodovico Street. Sie weiß, dass Julia sie nicht ausstehen kann, aber dafür kommt sie mit Rory klar. Sie beobachtet Julia und stellt zu ihrer Verwunderung fest, dass Julia fremde Männer in ihr Haus mitnimmt, die daraus nicht mehr auftauchen. Soll sie Rory sagen, dass seine Frau ihn betrügt? Nein, sie wartet lieber noch ein bisschen, um mehr herauszufinden. Im Herbst nimmt sie schließlich all ihren Mut zusammen, um dem blutigen Geheimnis des Hauses auf den Grund zu gehen.

Das hätte sie bleiben lassen sollen, denn sie spielt ein Spiel um Leben und Tod, sobald die Zenobiten auf sie aufmerksam geworden sind.

_Mein Eindruck_

Diese Handlungsskizze kennt wahrscheinlich jeder aus der gleichnamigen Verfilmung, die der Autor selbst produzierte und heute immer noch auf dem Free-TV gezeigt wird. Die sechs Fortsetzungen machte Barker nicht mehr, aber die Imitate sind inzwischen Legion. Daran lässt sich ablesen, wie einflussreich und stilbildend die Ideen waren, die Barker in dieser Novelle von rund 110 Seiten und dem nachfolgenden Film verarbeitet hat.

Die Grundidee ist einfach. Ein faustischer Sucher nach Erkenntnis will die größtmögliche Lust und die schönsten Freuden des Fleisches erfahren, um so die Grenzen der „Conditio humana“ zu überschreiten. Doch was ihm der „Orden von der klaffenden Wunde“ diesbezüglich zu bieten hat, trifft nicht ganz seinen Geschmack. Um genau zu sein: Die Erkenntnis kostet ihn das körperliche Leben und sein Geist vegetiert in einer Hölle aus Schmerz dahin.

Julia, die Schöne, könnte die Erlöserin der Bestie Frank sein. Sie beschafft ihm Blut und andere körperliche Substanzen in Gestalt von menschlichen Opferlämmern. Schon bald kann er mit ihr kommunizieren. Doch was er nicht ahnt: Sie gedenkt, ihn zu ihrem Sex-Spielzeug zu machen. Leider unterliegt auch sie einem Irrtum, denn Frank hat nicht vor, sich ausnutzen zu lassen, sobald sie ihre Nützlichkeit verloren hat.

Doch die Methode des Fleischbeschaffung fordert natürlich nicht nur Julias moralische Unschuld, sondern erregt auch die Aufmerksamkeit Kirstys. Als diese in den Besitz des Zauberkästchens gelangt und die Zenobiten herbeiruft, gibt es nur einen Einsatz, den sie diesen Wächtern der Hölle im Tausch für ihre Seele anbieten kann: Frank, der sein Gefängnis unerlaubt verlassen hat.

„Hellraiser“ ist also im Grunde ein metaphysischer Thriller, was landläufig unter „Horror“ einsortiert wird. Dabei handelt es sich aber auch um eine moralische Parabel darüber, ob sich über die Freuden des Fleisches, wie in den 80er Jahren häufig propagiert, Erkenntnis und Transzendenz erreichen ließen. Genauso gut hätte Barker einen Drogensüchtigen nehmen und ihn der maximalen Versuchung aussetzen können. Doch das haben schon andere vor ihm getan, darunter William S. Burroughs („Nova Express“, „Junkie“ u. a.) und Philip K. Dick („Ubik“, „Die drei Stigmata des Eldritch Palmer“, „Der dunkle Schirm“).

Dass Sex und Schmerz zusammengehören, macht Barker mit der Erfindung der Zenobiten deutlich. Nicht nur die Opfer des Lustsuchers bekommen Schmerzen zu spüren, sondern auch der Täter selbst. Doch warum überhaupt? Schließlich sind die Zenobiten, Wächter der Anderswelt und des geheimen Wissens, keine Moralapostel, die eine Mission von Gott erhalten haben. Sie werden allerdings als „Theologen“ bezeichnet, und das rückt sie verdächtig in die Nähe eines rachsüchtigen Gottes. Aber an diesem Punkt befindet sich „Hellraiser“ in guter Nachbarschaft mit fast allen Horrorromanen seit den siebziger und achtziger Jahren. Wo kämen wir denn hin, wenn die Sünder davonkämen?

Aus der Sünde der Wollust heraus begeht Julia eine weitere Sünden: Sie mordet, schließlich auch ihren Angetrauten selbst. Einzig Kirsty scheint unschuldig zu sein, doch wenn sie Frank den Zenobiten opfert, so muss auch sie Schuld auf sich laden – oder ist es lediglich Gerechtigkeit, die sie ausübt? Nein, ihr Motiv ist egoistisch: Sie kauft sich frei.

Am Schluss geht es dem Haus in der Lodovico Street nicht anders als dem Hause Usher aus Poes berühmter Erzählung: Es bricht zusammen. Das hat auch den Vorteil, dass die verräterischen Spuren beseitigt werden, die zu Kirsty führen könnten. Und obendrein wird der Zugang zur Welt der Zenobiten geschlossen.

|Zu dieser Ausgabe|

Der Verlag nennt dies die „erste ungekürzte deutsche Ausgabe“ – seine Spezialität. Was hat nun der Leser davon? Natürlich sind die ehemals zensierten und nun ergänzten Stellen nicht hervorgehoben. Schließlich handelt es sich nicht um eine textkritische Ausgabe. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es die sexuellen Szenen und diverse Andeutungen sind, die jetzt restauriert wurden.

Außerdem enthält diese Ausgabe neben der Titelillustration des bekannten Zeichners John Bolton vier Zeichnungen des Autors selbst. Die Zeichnungen zeigen seine Interpretation vom Aussehen von vier der fünf Zenobiten, die im Text erwähnt werden. Pinhead sieht noch am menschlichsten aus …

|Die Übersetzung|

Heißt der Deutsche nun Kircher oder Kirchner? So ganz sicher bin ich mir nicht, denn im Text wird er mal so, mal so geschrieben. Druckfehler gibt es überall, aber der folgende Satz auf Seite 66 ist eine härtere Nuss: „Sie versuchte aus Angst, daß er sie hier oben hören könnte, mit ihrem Bündel so leise, wie sie nur irgend konnte, zu dem Zimmer am Ende des Treppenabsatzes zu bringen.“ Statt „bringen“ müsste es „gehen“ heißen, dann wird ein Schuh draus.

Auf Seite 124 fordert der Autor – oder der Übersetzer? – unsere Vorstellungskraft erneut heraus: „Damit wollte er ihr den Todesstoß versetzen, aber sie hörte es [vermutlich das Messer] und wich der Gnade aus.“ Ist diese Formulierung eh schon unklar, so wirkt das Auftreten von „Gnade“ vollends verwirrend. Ich nehme mal an, dass eine „Klinge“ gemeint ist. Vielleicht gibt es im Original auch ein Wortspiel zwischen „coup de grace“ (frz.: Todesstoß) und „grace“ (engl.: Gnade, Grazie usw.). Leider kommt es in der Übersetzung nicht zur Geltung.

In der zweiten Auflage sollten diese Fehler bzw. Unklarheiten behoben werden.

_Unterm Strich_

Selbst noch zwanzig Jahre später verfehlt die Novelle ihre einflussreiche Wirkung nicht, die sie auf eine Generation von Filmemachern, Grafikern und Autoren ausgeübt hat, vom Leser ganz zu schweigen. Die Szenen sind vielfach visuell genau umsetzbar, denn der Autor kommt vom Theater.

Aber es gibt auch Passagen, die innere Abläufe beschreiben. Diese mögen langweilig erscheinen, doch sie geben die geistige Essenz der Geschichte wieder. Dadurch erst wird Frank als Faustfigur sichtbar, der selbstverständlich einen hohen Preis zu entrichten hat. Mit einer Helena gibt sich Frank nicht mehr zufrieden. Er hat schon alle Helenas ausprobiert.

Julia ist zwar nicht gerade sein Gretchen, aber doch eine fähige Komplizin, eine berechnende Frau vom Schlage der „Frau Margarethe“, die im „Faust“ von Mephisto bezirzt wird. Die Gretchenrolle der gefallenen Unschuld kommt vielmehr Kirsty zu, von der nicht genau gesagt wird, wie sie mit Rory und Frank zusammenhängt. Aber sie ist keineswegs die junge Frau, die im Film auftaucht, sondern reifer, entschlossener und schlauer. Dass sie keinen Freund hat, soll als Hinweis genügen, dass die Handlung der Story stellenweise von der des Films abweicht. Es ist interessant, beide gegeneinander abzuwägen. Jede hat ihre Vorzüge und Mängel. Ein detaillierter Vergleich würde hier zu weit führen.

Die vorliegende Ausgabe ist sexuell freizügiger und mit den Originalzeichnungen des Autors ausgestattet, die die Zenobiten als „klaffende Wunden“ zeigen. Doch die zumindest zwei Fehler oder Unklarheiten im Text bedürfen der Korrektur. Sobald sie behoben sind, hält der Käufer endlich eine gültige Fassung in Händen: einen Klassiker des modernen Horrors.

|Originaltitel: The hellbound heart, 1986
128 Seiten
Aus dem Englischen von Joachim Körber|
http://www.edition-phantasia.de

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