Barry, Dave – Dave Barry erklärt, was ein echter Kerl ist

Es gibt Männer und es gibt Kerle – dies ist die Prämisse, von der Dave Barry ausgeht. Während Erstere relativ unauffällig daherkommen, sind es Letztere, die als politisch unkorrekte Quertreiber gegen die Regeln einer auf Gleichberechtigung und Gleichbehandlung ausgerichteten Gesellschaft auftreten. Kerle sind geistig einfach gestrickt – wortkarg, wenn es um Gefühle geht, aber offen in der Präsentation diverser Körperfunktionen; sie haben eine eigenwillige Auffassung von körperlicher Hygiene, zwischenmenschlichen Beziehungen und ehelicher Treue. Sport steht bei ihnen zuzeiten höher im Kurs als die Bedürfnisse ihrer Familie, sinnlose Wetten mit vorprogrammiert peinlichem Ausgang locken sie an wie das Licht die Motten.

In neun Kapitel bricht Barry eine Lanze für den Kerl. Er stellt ihn als genetisches Relikt einer Ära dar, in der kerliche Grobheit der Menschheit das Überleben sicherte. Immer wieder erzählt er Episoden aus dem steinzeitlichen Höhlenleben, in dem es die Kerle waren, die durch ihr wüstes Treiben die notwendigen Impulse zur Evolution gaben. Eine ganze Historie des Kerls entwickelt Barry, die über Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit bis in die aktuelle Gegenwart reicht und einen Blick in die Zukunft einschließt.

Stets gespickt mit einschlägigen Beispielen, Zitaten aus ihm zugegangenen Briefen und Zeitungsartikeln und ähnlichen Belegen geht Barry dem Kerl in allen seinen Erscheinungsformen und Eigenheiten nach. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er dabei dem unkontrollierten Drang des Kerls zu verhängnisvollen Reparaturen im Haushalt, seiner Scheu vor ärztlicher Behandlung und selbstverständlich seinem schwierigen Verhältnis zum weiblichen Teil der Bevölkerung. Hier geht Barry sogar so weit, den Frauen der Welt Tipps im Umgang mit Kerlen zu geben, die, drückt man die richtigen Knöpfe, in den ihnen von der Natur gesetzten Grenzen, welche der Verfasser dankenswerterweise präzise definiert, durchaus brauchbare Lebensgefährten und Väter sein können.

Um das schwierige Thema allgemeinverständlich sachlich zu beleuchten, lockert Barry seinen Text durch Schaubilder und Vergleichstabellen auf, die knapp zusammenfassen, was er zuvor versucht hat in Worte zu fassen. Sehr einleuchtend ist z. B. ein Kreisdiagramm auf S. 134, das den „Anteil der Hirnfunktionen, die Konzentrationsfähigkeit, Interesse am Weltgeschehen und vitale Körperfunktionen (Atmen etc.) aufrechterhalten“ vergleicht mit dem „Anteil der Hirnfunktionen, die auf eine nackte Frauenbrust fixiert sind“. Geradezu erschütternd aufschlussreich ist das ausführliche wissenschaftliche Ablaufprotokoll der Beobachtung von Kerlen, die sich fünf Urinale in einer öffentlichen Flughafentoilette teilen müssen (S. 111-114).

Ein Buch wie dieses zu besprechen, ist eine verteufelt schwierige Sache. Groß ist die Verlockung, viele der gelungenen Gags zu zitieren, die Dave Barry oft meisterhaft serviert. Die Versuchung ist auch deshalb so groß, weil es wenig gibt, über das man sonst schreiben könnte, da „Dave Barry erklärt …“ kein Roman im eigentlichen Sinne ist, über dessen Aufbau und Struktur man sich an dieser Stelle auslassen könnte. Barry ist hauptsächlich Kolumnist, d. h. er schreibt täglich für die Zeitung witzige Sachen über Themen, die ihm gerade in den Kopf kommen und (hoffentlich) von allgemeinem Interesse sind – jeden Tag über ein neues.

Die Kunst, sich kurz zu fassen und trotzdem ins Schwarze zu treffen, ist eine überaus schwierige. Barry beherrscht sie, aber sie prägt sein Buch (und die meisten seiner Bücher): Es gibt zwar einen übergreifenden Leitgedanken, doch keinen eigentlichen roten Faden. „Dave Barry erklärt …“ ist quasi eine Sammlung von Kolumnen, die dieses Mal einem einzigen Thema – den „Kerlen“ – gewidmet ist. Der Vergleich passt gut; man kann es überprüfen, indem man einzelne Kapitel miteinander austauscht. Siehe da, es ist in der Regel völlig gleichgültig, wo sie stehen; das Buch „funktioniert“ trotzdem.

Noch härter wird die Aufgabe des Rezensenten, wenn er sich dazu äußern soll, ob der Verfasser sein Thema getroffen oder verfehlt hat. Schließlich geht es hier um Humor, der bekanntlich eine höchst komplexe Materie darstellt. Was mensch – man oder frau – komisch findet, ist furchtbar schwer zu sagen. Barry hat sich ein solides Fundament gezimmert, indem er seinen Humor auf der Basis des größten gemeinsamen Nenners gründet. Möglichst viele Leute sollen seine Scherze komisch finden. Das bedingt, dass sie harmlos sein müssen. Spezieller Humor zielt immer auf bestimmte Nischengruppen, während das breite Publikum gelangweilt oder empört und damit ablehnend reagiert.

Barry-Humor ist folglich sanft, zumal er US-amerikanisch daherkommt. Das betrifft nicht nur den ständigen Bezug aufs Base- und Footballspiel. Nie wird Barry sarkastisch oder zynisch oder gar verletzend, immer präsentiert er seine Gags mit einem Schmunzeln: Sieh her, ich meine es gar nicht ernst! Wer das schätzt, wird glänzend unterhalten, denn der Mann beherrscht sein Handwerk.

„Dave Barry erklärt …“ ist ein Buch, das wenig Text auf möglichst vielen Seiten verteilt. Es reiht sich somit ein in die Reihe der Barry-Werke, denen die US-Kritik einen „erstaunlichen Anteil weiß bleibenden Papiers“ bescheinigte. Das ist wiederum ein gelungener Barry-Gag, der allerdings nicht so lustig ist, dass man den stolzen Preis für die gebundene Ausgabe zahlen möchte. Insofern ist für den sparsam denkenden Leser vermutlich das Beste, ein wenig Geduld zu zeigen und auf die Taschenbuchausgabe zu warten.

Unter der Regie von Jeff Arch wurde Barrys Buch übrigens mit ihm selbst in einer Hauptrolle 2005 unter dem Titel „Complete Guide to Guys“ verfilmt. Der Low-Budget-Streifen (www.guidetoguys.com) zeigt die Evolution des „Kerls“ von der Steinzeit bis in die Gegenwart. In einer Gastrolle als britischer Experte tritt immerhin John Cleese auf.

Dave Barry wurde 1947 in Armonk, New York, geboren. Nach seiner Schul- und Collegezeit begann er als Journalist für eine Provinzzeitung zu arbeiten. 1975 nahm er an einem Kurs „Kreatives Schreiben für Geschäftsleute“ teil. Bis 1983 bot er seine Dienste diversen Unternehmen an, dann heuerte er beim „Miami Herald“ an, wo er noch heute arbeitet. Dort machte Barry sich einen Namen mit seiner Kolumne, in der er die unterschiedlichsten Aspekte des menschlichen Alltagslebens humoristisch aufgriff. Sie wird seit Jahren in vielen hundert Zeitungen veröffentlicht. 1988 wurde er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Barry ist nicht nur Kolumnist, sondern auch ein fleißiger Buchautor, wobei das eine freilich mit dem anderen oft zusammenfällt: Viele Bände sammeln die Kolumnen des Autors, andere sind quasi kolumnenähnliche „Ratgeber“. In den USA standen Werke wie „Babies and Other Hazards of Sex“, „Dave Barry Slept Here: A Sort of History of the United States“, „Dave Barry Turns 50“, „Dave Barry’s Book of Bad Songs“ usw. auf den Bestsellerlisten. Von 1993 bis 1997 produzierte CBS die TV-Comedy „Dave’s World“ (dt. „Immer Ärger mit Dave“) mit Harry Anderson in der Titelrolle; die Storys orientierten sich an zwei Barry-Büchern.

Auch in Deutschland ist Barry längst kein weitgehend unbeschriebenes Blatt mehr. Unter den hierzulande erschienenen Büchern sind die Comedy-Krimis „Tricky Business“ (dt. „Tricky Business“) und „Big Trouble“ („Jede Menge Ärger“) eine besondere Erwähnung Wert, denn dies sind „richtige“ Romane, auch wenn die Handlung die barrytypischen Bocksprünge schlägt.

Über Dave Barry und sein Werk informiert die Website http://www.davebarry.com („If you leave this website, I will kill this defenseless toilet.“), die viele Texte aus des Meisters Feder sammelt und Lesestoff für vergnügliche Stunden bietet.

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