Baumgartl, Nomi – Mumo

Mumo genießt die letzten Minuten im Meer. Hier fühlt sich der junge Elefantenbulle wohl, doch hier kann er nicht auf ewig bleiben. Seine Herde zieht wieder ins Landesinnere, und weil Mumo sich seiner Familie stark verbunden fühlt, tritt er mit ihnen die Rückreise ins Herz von Afrika an. Doch obwohl er hier glücklich und in Frieden lebt und auch nicht die Gefahr durch menschliche Elfenbeinjäger fürchten muss, trifft er eine wichtige Entscheidung. Beim Elefantenbaum hat er die Gewissheit bekommen, dass es ihm vorbehalten ist, seinen Traum zu leben, und Mumos Traum soll ihn zurück ans geliebte Meer führen. In einer schicksalhaften Nacht zieht Mumo, ohne sich großartig zu verabschieden, von dannen, läuft aber bereits nach wenigen Stunden in die Fänge der gefürchteten Menschen. Statt des friedlichen Lebens in Meeresnähe droht ihm nun die Gefangenschaft auf Lebenszeit. Mumo ist verzweifelt, denn innerhalb kürzester Zeit steht sein gesamtes Leben komplett auf der Kippe.

Nomi Baumgartl ist in erster Linie Fotografin und als solche auch international renommiert. Die aus München stammende Autorin verbringt ihr Leben überall in der großen, weiten Welt und hat es sich zum Lebenswerk gemacht, als Hommage an die Schöpfung die Verbindung von Mensch und Natur in Bildern zu zeigen. Nun aber ist „Mumo“ in der hier rezensierten Fassung ein Hörbuch, in dem es der Autorin nicht möglich ist, mit visuellen Bildern zu arbeiten. Stattdessen muss sie ihre Kreativität ausschließlich darauf ausrichten, ihre Worte derart wirken zu lassen, dass eben genau das, was sie ansonsten mit der Kamera einfängt, sich nun auf mentaler Ebene bei ihrem Publikum festsetzt. Schaut man sich Nomis beeindruckende Fotografien im Booklet an, wird einem klar, welch schwierige Aufgabe sie sich mit dieser Hörbuchgeschichte aufgeladen hat, zumal die Story um den kleinen Elefanten auch reichlich moralische Aspekte beinhaltet, welche die vielen Eindrücke noch verstärken.

Doch, und das muss man schon einmal vorweg sagen, ist es der Autorin wunderbar gelungen, auf gänzlich andere Weise emotionale Bilder zu erschaffen, die auch abseits der Handlung zu berühren vermögen.

Baumgartl beginnt die Erzählung, die übrigens vom überaus erfahrenen Synchronsprecher Thomas Fritsch (William Hurt, Jeremy Irons, Russel Crowe) dargeboten wird, mit einer herrlichen Momentaufnahme Mumos im Meer und beschreibt damit auch schon sehr umfassend die träumerischen Gedanken des Elefanten, die sich nach und nach zu seinem zukünftigen Lebensweg manifestieren sollen. Bereits hier entwickeln sich prägende Eindrücke, die in jedem Schritt von Mumos Reise haften bleiben und dazu auch immer noch von weiteren eindrucksvollen Momentaufnahmen ergänzt werden. Fritsch erzählt vom langsamen Fußmarsch der Dickhäuter beim Sonnenuntergang, analysiert Traditionen und Riten, die von den Elefanten sehr bewusst betrieben werden, spricht von geheimen Wünschen und Erwartungen und geht dann mit einem Mal über in eine sehr dramatische Wendung, in welcher der lang ersehnte Traum von der bitteren Realität abgelöst wird und sich das Schicksal des wehrlosen Elefanten ohne seine Einflussnahme für sein gesamtes weiteres Leben entscheidet.

Die Geschichte vom Leben des Elefanten, der beschloss, seine letzten Tage am Meer zu verbringen, mag auf den ersten Blick eine rein fiktive Erzählung aus dem Bereich der Jugendliteratur sein, ist aber hinsichtlich des traurigen Beigeschmacks und des moralischen Anspruchs definitiv mehr als das, nicht zuletzt, weil Baumgartl den Plot absolut realitätsnah vortragen lässt und unterschwellig sehr viel Kritik einbringt, die sich vordergründig auf das Verhalten der menschlichen Jäger bezieht. Die Autorin beschreibt in einem scheinbar harmlosen Bericht, wie der Mensch kompromisslos die Natur ausbeutet, die Tierwelt erheblich gefährdet und sich der wertvollsten Schätze beraubt, ohne sich dabei der langfristigen Konsequenzen des natürlichen Gleichgewichts bewusst zu sein. Elefanten, in diesem Fall der hilflose Bulle Mumo, der zunächst als Spielball der unbarmherzigen Tierfänger missbraucht wird, gehören zu den am meisten gefährdeten Opfern in diesem kaum mehr aufzuhaltenden Teufelskreis und bieten daher auch den perfekten Aufhänger für eine derart tragische Erzählung, nicht zuletzt, weil Baumgartl auch schon mehrfach Erfahrungen mit den riesigen Dickhäutern gemacht hat, die sie hier auch souverän ausspielt.

Was genau hinter diesen Lebewesen steckt, welche Gepflogenheiten ihr Leben bestimmen, wie sie sich generell in ihrer Umwelt verhalten und was ihre Natur ausmacht – nun, das werden Experten sicherlich wissen. Wie man all dies jedoch mit Emotionen füllt, ein Mehr an Leben einbringt, weitere Geheimnisse enthüllt, Sympathien ausbreitet |und| dann auch noch eine bewegende Geschichte erzählt, diese Kunst ist sicherlich nur wenigen vorbehalten, unter anderem eben der Autorin von „Mumo“, der ich ein großes Kompliment für die Story und die Darstellung der grauhäutigen Landriesen aussprechen muss. Um es einmal bildlich zu beschreiben, möchte ich zum Abschluss gern meine Lebensgefährtin zitieren, die im Bezug auf unser gemeinsames Kind folgende Äußerung hören ließ: „Wenn der Kleine irgendwann den Inhalt begreift und sich von Mumos Geschichte mitreißen lässt, haben wir als Eltern gute Arbeit geleistet.“ Ich denke, dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Zum Rahmen des im Digibook erscheinenden Hörbuchs sei noch gesagt, dass neben den zwei CDs mit dem eigentlichen Plot als Zusatz noch eine DVD mit der Dokumentation „Der Elefantenmann“ enthalten ist, auf der es weitere beeindruckende Bilder aus dem afrikanischen Tierreich zu sehen gibt. Auch hierbei handelt es sich um eine ergreifende Dokumentation, die zum einen erschreckende Aspekte offenbart, andererseits aber auch die Schönheit dieser Tiere adäquat nach außen kehrt. Schlichtweg grandios, wie eben die Reise des Elefantenbullen Mumo, die ich jedem, egal welche Art und Form der Literatur er oder sie bevorzugt, nur wärmstens ans Herz legen kann.

http://www.sprechendebuecher.de

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