Baxter, Stephen – Diktator (Die Zeit-Verschwörung 4)

|Die Zeit-Verschwörung:|

Band 1: [„Imperator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3516
Band 2: [„Eroberer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4333
Band 3: [„Navigator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5428
Band 4: _“Diktator“_

Stephen Baxters „Zeitverschwörung“ entführt in dem abschließenden Band „Diktator“ den Leser in eine Parallelwelt, in der das Dritte Reich das britische Expeditionskorps in Dünkirchen vernichtend geschlagen hat. Luftkämpfe über dem Kanal oder eine Luftschlacht um England gab es nie, stattdessen setzte die Wehrmacht unter schweren Verlusten über den Kanal und eroberte zumindest den Süden Englands und London; die offizielle Bezeichnung für das besetzte England ist „Protektorat Albion“. Eine Karte desselben findet sich auf der ersten Seite.

Nicht nur das für die Serie untypische Parallelwelt-Szenario – bislang hat man immer recht erfolgreich gravierende Änderungen der Geschichte durch den „Weber“ vereitelt – ist ein Paukenschlag, gleich auf den ersten Seiten lüftet Baxter zudem das Geheimnis um die Person des Webers und seine Hintermänner: Der Weber der Zeit ist Ben Kamen, ein österreichischer Jude und ehemaliger Schüler des Mathematikers Kurt Gödel, der mit den gödelschen Unvollständigkeitssätzen und seiner Kontinuumshypothese die fiktionale Grundlage für die Zeitreisefähigkeiten des Webers liefert. Allerdings besitzt aber nur Kamen die Fähigkeit, mit einer nach Ideen Gödels entwickelten Maschine im Traum Nachrichten in die Vergangenheit zu schicken. In „Navigator“ wurden jedoch auch eine Person sowie ein Gerät in die Vergangenheit geschickt – dieser Widerspruch wird nicht aufgeklärt.

Zeitmanipulationen scheinen kein Privileg des armen Ben Kamen zu sein, der in die Hände von SS-Offizier Josef Trojan und der eiskalten, drallen und blonden Agentin und Überläuferin Julia Fiveash gefallen ist. Julia sieht nur den persönlichen Vorteil und Karrierechancen, falls Kamen Erfolg hat und den Endsieg ins Jahr 1066 vorverlegt. Der fanatisch überzeugte Nazi Josef Trojan lässt ihn Naziparolen in die Ohren irritierter Sachsen blöken; wie der Leser aus „Eroberer“ weiß, hat William der Eroberer trotzdem den „nordischen“ Harold Godwinson geschlagen, und mit dem zehntausendjährigen arischen Reich wurde es auch nichts. Ironischerweise kehrt Baxter fast 900 Jahre später wieder an den Schauplatz der Schlacht von Hastings zurück, und erneut unterliegen die Briten den nun deutschen Invasoren.

Baxter baut noch einige weitere Figuren auf, aus deren Sicht er einen Blick auf das Leben im besetzten Albion wirft. So zum Beispiel Ernst Trojan, das Gegenteil seines Bruders Josef, ein braver, anständiger deutscher Landser. Dass seine Geliebte Claudine eine aus Not zur Prostitution gezwungene dunkelhaarige französische Schönheit ist, macht ihn noch mehr zum positiven Abziehbild seines Bruders und der blonden Julia Fiveash. Hauptsächlich aus seiner Sicht erleben wir das Leben im besetzten England; er wird bei einer britischen Familie einquartiert. Der Amerikaner Gary Wooler, ein Freund Kamens, wird zeitweise in ein Kriegsgefangenenlager gesteckt, seine britische Freundin Hilda wird ein frühes Opfer der Besatzer. Der englische Bobby George muss sich ebenfalls mit den Nazis arrangieren, leider gerade mit der in seinen Augen verräterischen Hure Julia Fiveash, deren Reizen er trotzdem nicht widerstehen kann.

Stephen Baxter bemüht hier sichtlich das Klischee, allerdings scheint dies Absicht zu sein, denn das Szenario und die Charaktere erinnern frappierend an die stereotypen Kriegsfilme während und kurz nach der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Doch geschickt konterkariert Baxter; immer wieder bricht er bewusst aus dem Schema aus: So vergewaltigen britische Soldaten auf dem Rückzug eine Britin, während viele Briten die deutsche Disziplin und Ordnung sowie eine straffe Verwaltung zu schätzen lernen, was genau dem Gegenteil vieler |Invasion Narratives| entspricht, in denen deutsche Arroganz und Bürokratismus die britische Kultur vernichten und das Leben unerträglich machen.

Die kontrafaktische Geschichte ist sehr deutlich von Harvard-Professor Niall Ferguson inspiriert, den Baxter auch in seinem Nachwort als Ideenquelle nennt. Ferguson ist berüchtigt für sein Buch „The Pity of War: Explaining World War One“, in dem er ein demokratisches, wohlhabendes Europa unter deutscher Führung ohne Kommunismus oder Faschismus als mögliches Ergebnis eines britischen Verzichts auf eine Intervention im Ersten Weltkrieg projiziert. Ganz so extrem und bewusst zum Widerspruch herausfordernd ist Baxter jedoch nicht, er zeigt eigentlich sogar das Gegenteil: Denn trotz der halben Eroberung Britanniens nimmt der Rest der Geschichte den uns bekannten historischen Verlauf. Die Wehrmacht verblutet in den Weiten Russlands, mit Stalingrad als Wendepunkt. Danach ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das Protektorat Albion verlorengeht und man Kamen befreien kann. Die Gödel-Maschine wird zwar zerstört, aber ob man sie nicht nachzubauen versucht, lässt Baxter bewusst offen.

Ökonomische Faktoren dominieren den Verlauf der Weltgeschichte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs laut Baxter, nicht „große Personen“, wie sie schon bei Ovid in Form von Kaisern und Feldherren angeblich die Weltgeschichte maßgeblich formten. Auch Joachim Fests Hitler-Biografie und der Vorstellung Hitlers als treibender Kraft hinter dem Nationalsozialismus erteilt er damit eine Absage, folgt eher Ian Kershaws Hitler-Biografie mit modernen soziologischen Ansätzen, die davon ausgehen, dass die soziale und ökonomische Situation früher oder später zwangsweise einen oder mehrere Diktatoren hervorgebracht hätten. Zum Vergleich sei Kolumbus in „Navigator“ genannt; der Entscheidung des spanischen Herrscherpaares beziehungsweise von Kolumbus, nach Western oder Osten zu segeln, misst Baxter hingegen tatsächlich gravierende Bedeutung zu.

_Fazit:_

„Diktator“ ist der am besten lesbare Roman der Quadrologie. Baxter achtet auf Details und liefert ein interessantes, sehr differenziertes und vielschichtiges Bild eines von Deutschland besetzten Englands. Die große Schwäche des Romans ist gleichzeitig auch das Problem der ganzen Serie: Die Rahmenhandlung um den Weber der Zeit ist furchtbar an den Haaren herbeigezogen und prinzipiell so nötig wie ein Kropf. War sie wirklich nötig, um vier Romane geradezu krampfhaft verzweifelt zu einer Serie zusammenzubinden? Ich hätte darauf lieber verzichtet, stattdessen hätte Baxter von der realen Geschichte abweichen und spekulieren können, so, wie er es in „Diktator“ mit dem parallelen Zweiter-Weltkrieg-Szenario eines besetzten Englands getan hat. Insbesondere der zweite Band „Eroberer“ wirkt auf Leser, die das Ende der Serie nicht kennen, verwirrend und frustrierend, und die recht banale Geschichte um den Weber, die im gleichnamigen Abschlussband vorgesetzt wird, verstärkt diese Empörung eher noch. Schade, denn mit „Diktator“ beweist Baxter, dass er durchaus gelungene |Alternate History|-Romane schreiben kann, wenn er nur wollte. Mit dem arg konstruierten Weber der Zeit als Rahmenhandlung der „Zeitverschwörung“ hat er sich und seine Leser um sein schriftstellerisches Potenzial betrogen.

|Originaltitel: Weaver
Übersetzt von Peter Robert
Taschenbuch, Broschur, 608 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52426-2|
http://www.heyne.de
http://www.stephen-baxter.com

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