Baxter, Stephen – Eroberer (Die Zeit-Verschwörung 2)

|Die Zeit-Verschwörung|:
Band 1: [„Imperator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3516
Band 2: _“Eroberer“_
Band 3: „Navigator“ (2008)
Band 4: „Weaver“ (2008/09)

Britannien, im Jahre 607 nach Christus: Der Halleysche Komet zieht über den blassen Himmel über London und erschreckt die Sachsen, die sich über die Hinterlassenschaften der Römer hermachen und das Land in Besitz nehmen. Der junge Sachsenkrieger Wuffa erfährt von einer uralten Prophezeiung, dem Menologium der Isolde, die der „der letzte Römer“ genannte Ambrosias im Norden bewahrt. Dieser teilt die Prophezeiung mit ihm und seinem Freund Ulf sowie Sulpicia, einer hübschen Britannierin, die sie zu Rivalen um ihre Gunst macht.

Die Prophezeiung erschreckt ihn, denn Teile davon sind anscheinend bereits eingetreten: Der Wolf des Nordens, der den Bären erlegt, muss sich auf die Sachsen und Nordmänner beziehen, die König Artus besiegten. Doch was ist die Insel, die doch nicht Insel ist, Schild und doch nicht Schild? Was sind die Drachenklauen aus dem Osten, welches Blut mischt sich, welcher Drache muss das Haupt neigen?

Bis hin ins Jahr 1066, dem Datum der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer, reicht die Prophezeiung. Doch hier versagt die Prophezeiung des geheimnisvollen „Webers“ zum ersten Mal – das zehntausendjährige „Arierreich reinen Blutes aus dem Norden zu Christi Ruhm“ entsteht nicht, Wilhelm ist 1066 siegreich in der Schlacht von Hastings. So sinnieren der Wikinger Orm und der Priester Sithric bei der Krönung Wilhelms: |“Das hier ist falsch. Wir sind in der falschen Zukunft, mein Freund. Und nun werden wir sie nicht mehr los.“ „Hätte es denn anders kommen können?“ „Du warst doch dabei, Wikinger. Du weißt, wie wenig gefehlt hat …“|

_Stephen Baxter_

Der Engländer Stephen Baxter (* 1957) ist bekannt für seine naturwissenschaftlich fundierten Science-Fiction-Romane. Seit 1995 arbeitet Baxter hauptberuflich als Autor und wurde seitdem mit zahlreichen renommierten SciFi-Preisen wie dem |Philip K. Dick Award| und unter anderem auch dem deutschen |Kurd-Laßwitz-Preis| ausgezeichnet.

Doch Baxter ist kein Technomane, er ist vielmehr ein Visionär. Er scheut sich nicht, Handlungsbögen aus tiefster Vergangenheit über die Gegenwart bis hin in die ferne Zukunft zu schlagen, wie er es bereits in seiner |Kinder des Schicksals|-Trilogie getan hat.

Dies tut er auch in der |Zeit-Verschwörung|, die ich treffender dem Genre Alternate History denn der Science-Fiction zuordnen möchte. Das Zeitalter der Römer in Britannien und seinen Niedergang behandelte er im ersten Band, in „Eroberer“ zeigt er den Aufstieg und Fall der germanischen und nordischen Stämme. Dabei macht er die Schlacht bei Hastings 1066 als den Dreh- und Angelpunkt der Prophezeiung fest; Harold Godwinson hat es in der Hand, die Prophezeiung des Webers zu erfüllen und die Tür für die prophezeite zehntausendjährige glorreiche nordische Zukunft Britanniens aufzustoßen. Doch der Normanne Wilhelm siegt, der Plan des ominösen „Webers der Zeit“, von dem die Prophezeiung stammt, erfüllt sich nicht. Oder etwa doch?

_Britannische Geschichte häppchenweise_

Das Menologium der seligen Isolde gibt verschlüsselt Auskunft über bedeutende geschichtliche Ereignisse. Anhand der Wiederkehr des Halleyschen Kometen werden exakte Datumsangaben gemacht, zum Beispiel über das Jahr der Plünderung von Lindisfarne durch die Wikinger. Das sorgt für einen sehr episodischen Charakter des Buchs; mit Ausnahme der abschließenden Episode um Wilhelm den Eroberer sind die anderen eher kurz gehalten. So wechseln sich die Hauptcharaktere recht schnell ab; interessanterweise fallen ihre Nachkommen wie bereits im Vorgänger der Sklaverei anheim, können aber dennoch die Prophezeiung bewahren und weitergeben. Besondere Sympathien für die Handlungsträger können sich so leider nicht entwickeln, dafür wird man mit einer kurzweiligen Rundreise quer durch Höhepunkte der britannischen Geschichte verwöhnt, die Baxter sorgfältig recherchiert hat.

Nach wie vor bleiben jedoch die Motive des „Webers“ im Dunklen. Das großartige britannische Reich der Zukunft unter Harold Godwinson ist gescheitert, Wilhelm regiert jetzt das Land. Die Prophezeiung fällt einem maurischen Sklaven in die Hände, der sie nach Spanien bringt, wo der nächste Band des Zyklus („Navigator“) zum ersten Mal außerhalb Englands spielen wird, mit Kolumbus‘ Entdeckung der Neuen Welt als zentralem Thema. Es stellt sich jedoch, insbesondere für Science-Fiction-Leser, die Frage, ob hier nicht Etikettenschwindel betrieben wird. Für einen Thriller reicht der mysteriöse „Weber“ im Hintergrund nicht aus, Science-Fiction-Elemente sind auch nicht vorhanden, stattdessen liefert Baxter einen reinrassigen historischen Episodenroman.

_Fazit:_

Quo vadis, Baxter? Die Prophezeiung entspricht exakt den historischen Tatsachen, Überraschungen gibt es keine. Auch der Grad der Beeinflussung der Hauptcharaktere durch die Kenntnis der Prophezeiung wird in diesem Buch im Unterschied zu „Imperator“ nicht thematisiert, gewisse Elemente wie der Abstieg in die Sklaverei und die Bewahrung der Prophezeiung trotz aller Widrigkeiten hingegen wiederholen sich.

Im Vergleich zum Vorgänger bietet Baxter nichts Neues, die Charaktere sind weniger memorabel und bis auf die Wilhelm-Episode erzählt er auch kaum eine eigene Geschichte, sondern käut nur bekannte Historie wieder. Das ist mir einfach zu wenig. Baxter scheint erpicht darauf zu sein, ein kleines bisschen historischen Roman in jeder Epoche der britannischen Geschichte unterzubringen, wirklich interessante Aspekte wie einen möglichen Sieg Harold Godwinsons bei Hastings, was diesen Roman zu einer Alternate History Novel machen würde, verkneift er sich jedoch. Im Genre des historischen Romans muss sich Baxter jedoch mit anderen Autoren messen, denen er mit diesen von einer Prophezeiung zusammengehaltenen historischen Episoden-Häppchen meiner Ansicht nach, trotz vorzüglicher Recherche, nicht das Wasser reichen kann. Und alleine diese reicht bei weitem nicht aus, diese Serie als Science-Fiction zu klassifizieren. Hoffentlich lässt der „Weber“ im nächsten Band ein wenig mehr von seinen Absichten erkennen – das Episoden-Schema alleine kommt nicht über Mittelmaß hinaus.

Einzig die Übersetzung (insbesondere der Prophezeiung, unter Beibehaltung des Akrostichons) verdient ein Extralob: Peter Robert leistet, mittlerweile fast schon wie gewohnt, exzellente Arbeit.

http://www.heyne.de

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