Baxter, Stephen – Navigator (Die Zeit-Verschwörung 3)

|Die Zeit-Verschwörung|
Band 1: [„Imperator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3516
Band 2: [„Eroberer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4333
Band 3: _“Navigator“_
Band 4: „Diktator“

Können Sie sich vorstellen, was passiert wäre, wenn Kolumbus Amerika nicht entdeckt hätte? Wenn Mongolen oder Chinesen die durch einen noch brutaleren Glaubenskrieg stark geschwächten Europäer und Araber völlig überrannt hätten und stattdessen eine mesoamerikanische Hochkultur Europa entdeckt hätte?

Mehrere unbekannte „Weber der Zeit“ versuchen seit Jahrhunderten, mit Hilfe von Prophezeiungen und Anweisungen den Lauf der Geschichte grundlegend zu verändern. Jahrzehntelange Vorbereitungen zur Beeinflussung von Christoph Kolumbus entscheiden das Schicksal der Welt, der sich der Tragweite seiner Entscheidung jedoch nicht im Geringsten bewusst ist.

_Die Zeit-Verschwörung_

Der Engländer Stephen Baxter (* 1957) ist bekannt für seine naturwissenschaftlich fundierten Science-Fiction-Romane. Seit 1995 arbeitet Baxter hauptberuflich als Autor und wurde seitdem mit zahlreichen renommierten SciFi-Preisen wie dem |Philip K. Dick Award| und unter anderem auch dem deutschen |Kurd-Laßwitz-Preis| ausgezeichnet.

Doch Baxter ist kein Technomane, er ist vielmehr ein Visionär. Er scheut sich nicht, Handlungsbögen aus tiefster Vergangenheit über die Gegenwart bis hin in die ferne Zukunft zu schlagen, wie er es bereits in seiner |Kinder des Schicksals|-Trilogie getan hat.

Dies tut er auch in der |Zeit-Verschwörung|, die ich treffender dem Genre Alternate History denn der Science-Fiction zuordnen möchte. Das Zeitalter der Römer in Britannien und dessen Niedergang behandelte er im ersten Band „Imperator“, in „Eroberer“ zeigt er den Aufstieg und Fall der germanischen und nordischen Stämme in England. Dabei macht er die Schlacht bei Hastings 1066 als den Dreh- und Angelpunkt der Prophezeiung fest; Harold Godwinson hat es in der Hand, die Prophezeiung des Webers zu erfüllen und die Tür für die prophezeite zehntausendjährige glorreiche nordische Zukunft Britanniens aufzustoßen. Doch der Normanne Wilhelm siegt, der Plan des ominösen „Webers der Zeit“, von dem die Prophezeiung stammt, erfüllt sich nicht.

Hier setzt der dritte Band „Navigator“ an: Zwei widerstrebende Prophezeiungen sollen Christoph Kolumbus beeinflussen, den Weg nach Indien im Westen oder im Osten zu suchen. Es scheint mehrere Weber zu geben, die den Zeitteppich in ihrem Sinne verändern möchten. Einer scheint die Entdeckung und Besiedelung Amerikas im Keim ersticken und eine Konfrontation mit dem Islam provozieren zu wollen, während der andere eindringlich davor warnt. Kolumbus selbst ist nur Spielball und Nebenfigur in diesem Roman, der das Schicksal zweier Familien im Laufe der Jahrhunderte zeigt, die jeweils ihre Version der Prophezeiung zu verwirklichen versuchen. Dabei waren der spätere Kreuzfahrer Robert und die schöne Muslima Moraima einst in hoffnungsloser Liebe miteinander verbunden …

_Christentum und Islam_

… stehen im Mittelpunkt des Romans – nicht Kolumbus oder eine Seefahrt, wie man meinen könnte. Im maurischen Spanien kurz nach der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer treffen wir einen alten Bekannten wieder: Der Priester Sithric arbeitet im Diensten der Araber an „Wunderwaffen“ für die Prophezeiung. Zwar ist er ein erklärter Diener Gottes und Gegner des Islam, doch nur der Wesir von Cordoba verfügt über das nötige Wissen und die Ressourcen, die er benötigt. Beide benötigen den anderen, und obwohl sich beide schließlich persönlich schätzen lernen, endet ihre Geschichte tragisch. Ebenso die Liebesgeschichte zwischen Robert und Moraima, die mit einer Teilung der Prophezeiung endet. Die Christen (Roberts Nachfahren) arbeiten fortan an ihrem Teil der Prophezeiung, während die Moslems (Moraimas Kinder) dasselbe tun. In beiden Lagern gibt es jedoch unterschiedliche Auffassungen, ob man der Prophezeiung Folge leisten sollte. Als später eine weitere Prophezeiung der geteilten ersten widerspricht, liegt die Entscheidung in den Händen weniger; man könnte fast sagen, in denen des Zufalls.

Baxter streut kleine Episoden ein, in denen von einem vollständig moslemischen Europa berichtet wird, das ein aktiv Zeitreisender in persona, nicht in Form einer auf gut Glück in die Vergangenheit geschickten Prophezeiung, gerade noch verhindern konnte, indem er Karl Martell unterstützte. Die Schlussfolgerung, dass es mehrere „Weber“ mit unterschiedlichen Interessen gibt, liegt nahe, aber weiter geht Baxter auf das in den ersten Bänden sehr diffuse Geheimnis um den oder die „Weber der Zeit“ wieder nicht ein.

Stattdessen überzeugt er mit starken Charakteren und sehr schön erzählten abwechslungsreichen Episoden, die von Andalusien über die Kreuzzüge bis hin in das Mongolenreich reichen, aber hier möchte ich nicht mehr verraten. Wer hätte das dem sonst definitiv nicht eben für seine Charakterisierung von Personen bekannten Baxter zugetraut? Die Liebesaffäre von Robert und Moraima ist ihm vortrefflich gelungen, sie akzentuiert zudem die spätere Tragik: Ihre Nachfahren werden sich noch bis zur Reise des Kolumbus gegenseitig zerfleischen. Kolumbus selbst ist nur eine Randfigur, wichtig ist nur seine Entscheidung. Überhaupt wird der Mann aus Genua eher als kleines Licht dargestellt, der sich auf jede nur erdenkliche Weise einschmeichelt, um seine Expedition zu finanzieren. Das kleinste Rad ist er im großen Getriebe, und dennoch macht seine Entscheidung Geschichte.

_Fazit:_

Baxter hat es endlich geschafft, seiner Zeit-Verschwörung Substanz zu geben. Sehr viel spekulativer erzählt er seine eigene Geschichte, akzentuiert Bekanntes neu, anstatt sich wie in den Vorgängern sklavisch eng an der Historie zu orientieren. Auch wenn man immer noch nicht viel über den Weber erfährt und die Zeitmanipulationsaspekte oft eher unnötig aufgesetzt wirken, um historische Episoden zu erzählen, hat Baxter die übergeordnete Handlung viel stimmiger mit seiner Geschichte verwoben, seine Charaktere sind ausgefeilter und man kann mit ihnen mitfühlen. Die völlige Belanglosigkeit der verwirrend schnell wechselnden unterentwickelten Charaktere der Vorgänger hat ein Ende gefunden, auch erzählerisch spinnt Baxter ein wesentlich bekömmlicheres Garn. Warum nicht gleich so?

Das Geheimnis des Webers wird im grandiosen Abschlussband „Diktator“ gelüftet. Der Titel lässt bereits erahnen, wer hinter den Zeitmanipulationen um ein „zehntausendjähriges arisches Reich“ im Norden und hinter der forciert beschleunigten Erforschung von Schlüsseltechnologien für künftige „Wunderwaffen“ steckt. Schade, dass Baxter mit den beiden eher schwachen ersten Bänden vermutlich viele Leser enttäuscht und vergrault hat. „Navigator“ stellt eine deutliche Steigerung zu den Vorgängern da, „Diktator“ wird diesen positiven Trend erfreulicherweise fortsetzen.

|Originaltitel: Navigator (Time Tapestry 3)
Übersetzt von Peter Robert
Taschenbuch, Broschur, 592 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52371-5|
http://www.heyne.de

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