Beckett, Simon – Kalte Asche

_Klasse Thriller: Utopia ist abgebrannt_

Auf der Hebrideninsel Runa werden die sterblichen Überreste einer verbrannten Frau gefunden. Dr. David Hunter, forensischer Anthropologe, soll auf Bitten der schottischen Kripo mal einen Blick drauf werfen. Tatsächlich stellt er fest, dass es sich um ein Mordopfer handelt – und der Mörder befindet sich noch auf dem Eiland. Da schneidet ein Sturm die wenigen Bewohner von der Außenwelt ab. Wird der Killer erneut zuschlagen?

_Der Autor_

Simon Beckett, geboren 1968, studierte Anglistik und arbeitet seit 1992 als freier Journalist. Seine Reportagen dienten ihm zum Teil als Grundlage für den Thriller „Die Chemie des Todes“. Insbesondere seine Recherchen auf der sogenannten „Body Farm“, dem forensischen Trainingslager des FBI, flossen in den Roman mit ein.

_Handlung_

Der forensische Anthropologe Dr. David Hunter hat gerade eine schwere Aufgabe im schottischen Hochland hinter sich und freut sich schon auf seine Freundin Jenny (aus „Chemie des Todes“), als ihn Detective Superintendent Wallace, der Leiter der schottischen Kripo, bittet, einer Meldung auf der abgelegenen Hebrideninsel Runa nachzugehen. Ein ehemaliger Kriminalpolizist namens Brody habe in einem Weiler verbrannte Knochen gefunden. Jenny muss also warten, denn Wallace kann wegen eines Zugunglücks keine anderen Leute entbehren, die zur Spurensicherung in der Lage wären.

|Die Insel|

Runa stellt sich als einsam gelegenes, windgepeitschtes Eiland heraus, auf dem sogar noch die alte keltische Sprache Gälisch im Alltag gesprochen wird. Es gibt nur ein einziges Hotel mit der einzigen Bar, geleitet von Ellen, die eine entzückende Tochter namens Anna hat. Sofort versetzt ihr Anblick David einen Schock, denn sie erinnert ihn an seine eigene Tochter, die er zusammen mit seiner Kara bei einem Autounfall verlor. Ellen bemerkt mit erstaunlichem Feingefühl seine Gefühlssituation und kümmert sich besonders um ihn.

|Die Leute|

Aber Runa weist eine gut geführte Schule, eine moderne Klinik, renovierte Infrastruktur und neu asphaltierte Straßen vor. Es gibt hier einen Gönner namens Michael Strachan, der mit seiner umwerfend schönen Frau Grace aus Südafrika hierher auf einen ererbten Familiensitz gezogen ist. Andrew Brody, der Expolizist und Witwer, ist überhaupt nicht gut auf Leute zu sprechen, die „etwas für nichts bekommen“. Auch die einzige Ladenbesitzerin Tait ist nicht gut auf Grace Strachan zu sprechen. Sie nennt sie „Schlampe“, bevor die Männer sie zum Schweigen bringen. Denn alle Kerle außer Brody stehen heimlich auf Grace, sogar der Dorfpolizist Fraser und sein Assi Corporal Duncan McKinley.

|Die Schnüfflerin|

Aber es gibt noch jemanden, der mit der Fähre vom Festland gekommen. Maggie Cassidy behauptet, sie sei Romanautorin und wolle bloß ihre Großmutter Rose besuchen, doch schon bald erweist sie sich als eine neugierige Schnüfflerin von der Presse. Sie schafft es, den jungen Duncan zu übertölpeln und einen Blick auf den Fundort der Leiche zu erhaschen. Brody und Hunter sind wütend. Sie lassen den Fundort absprerren und Duncan in einem Wohnwagen Wache halten. Eine Maßnahme, die sich als notwendig erweist, um Maggies zweiten Versuch abzuwehren. Wenigstens gibt es auf Runa keinen Mobilfunkempfang, denkt Hunter.

|Der Fundort|

Er untersucht die Überreste am zweiten Tag genauer. Es handelt sich um einen offensichtlich Widerspruch. Einerseits sind alle Knochen derart heiß verbrannt worden, dass nur noch das Kalzium übrig blieb. Andererseits sind die Füße und eine Hand so gut erhalten, dass David sogar eine DNA-Bestimmung machen kann. Möglicherweise handelt es sich um einen Unfall oder gar Selbstmord, meint Duncan. Sogar spontane Selbstentzündung wäre möglich, hat er mal gelesen. Freundlich aber bestimmt und kenntnisreich weist David diese Option zurück.

Dann untersucht er den Schädel. Das Cranium explodierte unter dem Gasdruck des stark erhitzten Schädelinneren, doch ein zweiter Blick ergibt: Das Austrittsloch wurde zuvor eingeschlagen und so geschwächt. Die junge Frau weißer Rasse, die höchstens 30 Jahre alt war und vor vier bis fünf Wochen starb, wurde ermordet.

Die Frage, ob die Straßenarbeiter, die Strachan auf die Insel brachte, die Täter gewesen sein könnte, lässt sich leicht beantworten. Die Tat erfolgte nach deren Abzug. Und da seitdem niemand neu her- oder weggezogen ist, muss sich der Mörder immer noch auf Runa befinden. Zum Glück ist der Kreis der Verdächtigen klein. Wird der Mörder erneut zuschlagen, sobald er sich entdeckt und verfolgt fühlt?

|Verirrt|

David kann Wallace nicht erreichen und fährt mit Ellens klapprigen VW Käfer vom Fundort in der Nacht los, um im Hotel zu telefonieren. Doch Strachans Hund, ein Golden Retriever mit dem Namen Oscar, taucht plötzlich auf der regennassen Straße auf und David weicht ihm aus. Als Ergebnis dieses hektischen Manövers bleibt der Käfer stecken. In stockfinsterer Nacht muss David ohne Taschenlampe losgehen. Prompt kommt er von der Straße ab, rutscht die Böschung hinab und kugelt sich die Schulter aus.

Er verirrt sich in der Finsternis, denn Sturmwolken verdecken Mond und Sterne. Dann sieht er endlich ein winziges Licht. Er beginnt einen mühseligen Anstieg, bis er endlich zur Lichtquelle gelangt. Sie leuchtet aus einem Grabhügel. Da tritt eine Gestalt aus dem Cairn, die er hier als Letztes erwartet hätte. Gleich darauf wird alles schwarz …

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen Thriller in nur zwei, drei Sitzungen gelesen, denn sobald ich einmal auf Seite 100 angelangt war, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Das Wichtigste ist natürlich die Suche nach der Identität des Killers. Das Dumme ist nur, dass es drei davon zu geben scheint. Zunächst gehen wir zusammen mit David Hunter und seinen Polizisten davon aus, dass es sich nur um einen Mann handelt. Die drei Finali belehren uns eines Besseren.

Was die Reihe der Morde so bedrückend und dringlich macht, ist der elementar wichtige Umstand, dass die Insel in jeder Hinsicht von der Umwelt abgeschnitten ist. Es kommt kein Spurensicherungsteam, es gibt keine Kommunikationsmöglichkeit, und ab und zu fällt auch schon mal der Strom aus. Als würde der hereinbrechende Atlantiksturm nicht schon tagelang für eine klaustrophobische Atmosphäre sorgen, so kommt ein psychologischer Druck hinzu, der die ganze Lage wie in einem Dampfkochtopf zum Explodieren bringen muss.

Die Handlung wird nur möglich, weil sich die Atmosphäre des Misstrauens unter den Einheimischen gegen die „Reingeschmeckten“ und Zugezogenen zunehmend verstärkt. Da braucht dem versoffenen Dorfpolizisten nur das Wörtchen „Mordermittlung“ herauszurutschen, schon eskaliert die bislang sorgfältig kontrollierte Situation derart, dass der Gedanke an ein Pogrom naheliegt. Dazu kommt es zum Glück nicht, wohl aber zu weiteren rätselhaften Morden.

Dass Hunter fast in den Flammen eines brennenden Gemeindezentrums umkommt, trägt nicht gerade zu seiner Beruhigung bei. Dennoch behält er mühsam die Kontrolle. Zusammen mit Brody, der von Wallace offiziell noch in die Ermittlung eingebunden worden ist, bevor der Kontakt abriss, fällt ihm ein wahrer Informationsschatz in den Schoß: Maggie Cassidys akustisches Tagebuch, das ihre Recherchen festhält. Das Tonband mit der Stimme aus der Vergangenheit ist zwar ein alter Trick, aber es erfüllt seinen Zweck – es führt die Ermittler auf die vermeintlich richtige Spur.

Während sie den vermeintlich wahren Mörder erwischt haben, kommt es im Hotel zur vorhersehbaren Katastrophe. Die Morde haben sich gesteigert, nicht nur in Grausamkeit, sondern vor allem in der Frequenz. Durch eine weitere unbedacht entschlüpfte Information wird die Krise herbeigeführt. In einer ungeheuer spannenden Szene bangt der Leser zusammen mit David Hunter um das Leben von Ellen und ihrer Tochter Anna (deren Vater inzwischen bekannt ist). Das Ende besteht in einer apokalyptischen Explosion, die jedem Agententhriller gut zu Gesicht stünde.

Aber das ist keineswegs das Ende. Zunächst muss Hunter erkennen, dass er von Anfang an nur benutzt worden ist, um einen Rachefeldzug zu vollenden. Und als wäre dies nicht genug, suche ihn eine Rächerin ihrerseits in seinem trauten Londoner Zuhause heim. (All diese Informationen sind schon viele Male in Rezensionen enthüllt worden, so dass ich wohl kaum etwas Neues enthülle.) Etliche Male wird der Leser an der Nase herumgeführt.

Der Fall in Runa zerstört jede Illusion, dass am Rande der Zivilisation noch so etwas wie Paradies existieren könnte. Ganz im Gegenteil: Auch hier gibt es Prostitution, Eifersucht, Alkoholismus und Ignoranz. Die Wohltaten des Einwanderers Strachan, der aus Runa ein Modelldorf machen will, sind mit einem dunklen Geheimnis erkauft.

Der deutsche Titel „Kalte Asche“ führt ebenfalls in die Irre. Die Asche, die David Hunter untersucht, birgt zahlreiche Hinweise auf die Tote. Und falls die Stimmung auf der Insel damit gemeint ist, so heizt sich diese zusehends auf, bis es buchstäblich zu einer Explosion der Gewalt kommt. Aber in anderer Form, als sie jeder erwartet hätte.

_Unterm Strich_

Ein richtiger Page-turner! Anhand einer rätselhaften Mordserie findet wie schon in „Chemie des Todes“ die Dekonstruktion einer dörflichen Gemeinschaft statt – sie implodiert geradezu, bevor es im Finale zur großen Explosion kommt. Der Weg dorthin ist gespickt mit Rätseln, finsteren Geheimnissen, Verwechslungen, entschlüpften Informationen und Missverständnissen – alles unter der unwiderstehlichen Gewalt eines Sturms.

Aber zugleich mit der Dorfgemeinschaft geht Strachans Traum von einer intakten, optimierbaren Gemeinschaft zugrunde: Utopia ist abgebrannt. Und damit auch die Illusion, dass sich der alte Adam irgendwie ändern ließe. Schon seit über 2000 Jahren leben und sterben Menschen auf Runa (die Cairns), seit 1000 Jahren steht hier ein Wachturm (der Broch), und ein Standing Stone behauptet sich seit wer weiß wie vielen Jahren.

Dennoch ist das Ende der menschlichen Besiedlung nahe. Es wird Runa ergehen wie schon St. Kilda: Die Menschen werde die Insel verlassen und zuvor ihre Hunde im Hafen ersäufen. Das ist dann der Anfang vom Traum der Besiedlung der Erde durch das Menschengeschlecht. Denn auch hier existiert die Erbsünde …

Zur Übersetzung kann ich nichts sagen, weil ich sie nicht kenne. Ich würde aber jedem die Buchlektüre empfehlen, weil man dabei keinen der vielen kleinen Hinweise vorenthalten bekommt.

Fazit: volle Punktzahl.

|Taschenbuch: 432 Seiten
Originaltitel: Written in Bone
ISBN-13: 978-3499241956|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

_Simon Beckett bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Chemie des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2355
[„Kalte Asche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4205
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