Belli, Giaconda – Republik der Frauen, Die

_Politik mit „gesundem Menschenverstand“_

Vermutlich macht das Cover des neuen Romans der nicaraguanischen Autorin Giaconda Belli, das riesige rote Pumps zeigt, vor allem Frauen neugierig. Was soll das sein – diese Frauenrepublik? Eine Amazonengesellschaft in Louboutins? Mich ließ der Titel sofort an Robert Merles etwas in die Jahre gekommene Dystopie „Die geschützten Männer“ (1974) denken, in der die Frauen die Herrschaft über die ganze Welt übernehmen, weil ein ausschließlich Männer befallender Virus diese in Scharen dahinrafft, bis nur noch wenige von ihnen übrig sind, welche dann in Camps gehalten und vor dem Virus geschützt werden müssen.

Bei Giaconda Bellis Behandlung des Themas fällt jedoch sofort auf, dass schreibende Frauen und Männer in unterschiedlichen Dimensionen denken: Muss es bei einem Mann wie Merle gleich die ganze Welt sein, nimmt sich eine Frau erst mal nur ein kleines Land vor. Was außerdem in „Die geschützten Männer“ heute befremdlich anmutet, ist die Tatsache, dass Merle seine Geschichte so konstruiert, dass die Frauen genau die gleichen Verhaltensmuster an den Tag legen wie die Männer vorher. Belli hingegen wird der Tatsache gerecht, dass Frauen und Männer doch recht unterschiedlich denken und handeln.

Das fängt schon dabei an, dass eine Frau einen weniger aggressiven Grund dafür findet, warum den Männern die Macht entgleiten kann. So müssen diese nicht gleich sterben, sondern ein Vulkanausbruch und die Stoffe in der Luft sind daran schuld, dass der Testosteronspiegel im Blut der Männer des kleinen südamerikanischen Staates „Faguas“ erheblich sinkt, so dass sich bei den anstehenden Wahlen im Land der ungewollten Softies eine neue Frauenpartei durchsetzen kann und es bis zur Präsidentschaft bringt. Sie mobilisiert vor allem Frauen, die mit den Zuständen in ihrem Land (Müllproblem, Arbeitslosigkeit, mangelnde Kinderbetreuung, Wasserknappheit etc.) nicht zufrieden sind, dahingehend, wieder andere Frauen von ihrer Partei zu überzeugen, „die sich vornimmt, dem Land das zu geben, was eine Mutter ihrem Kind gibt, es in Ordnung hält, wie eine Frau ihr Haus in Ordnung hält“. Auf diese Art verbreiten sich die Ideen der „Partei der Erotischen Linken“ wie ein Lauffeuer.

Bei Belli müssen die Frauen das Weibliche nicht ablegen, um Macht ausüben zu dürfen. Im Gegenteil, die Präsidentin Viviana Sansón ist eine attraktive Journalistin, die sich schon immer traute, anzuecken und Missstände in ihrem Land aufzudecken. Gleich zu Beginn des Buches wird sie jedoch angeschossen und muss aufgrund ihrer Verletzung ins Koma versetzt werden. Während Freunde und Verwandte am Krankenbett um ihr Schicksal bangen, erfährt der Leser die ganze Geschichte der Parteigründung, der Wahlen und der Veränderungen in Faguas aus der Sicht der unterschiedlichen Charaktere. So lernt man auch die einzelnen Schicksale des harten Kerns um die Präsidentin kennen. Da ist von der braven Hausfrau bis zu einer jungen Frau, die als Mädchen verkauft und sexuell missbraucht wurde, alles dabei.

Das Symbol der Partei ist ein Fuß mit roten Zehennägeln, denn die Anfangsbuchstaben der Partei „PIE “ bedeuten in der spanischen Landessprache „Fuß“. Und genau so wollen die Politikerinnen das Land auch voranbringen: indem sie einen Fuß vor den anderen setzen. Die Anhänger der Partei lackieren nicht nur ihre Nägel rot, um ihre Weiblichkeit zu betonen, sondern tragen auch T-Shirts mit der Aufschrift „Ich segne mein Geschlecht“. Die Ziele der Partei kann man ebenso als „weiblich“ definieren. Als sie gewonnen haben, organisieren sie das Leben in diesem Staat völlig um. Wie Kinder nehmen sie die Menschen an eine liebende aber fordernde Mutterhand. Statt wie es bisher in der Politik üblich war, alle Anstrengungen in die militärische Richtung zu lenken, verpflichten sie die Einwohner, Lesen und Schreiben zu lernen. Sie führen das Studienfach „Mutterschaft “ ein, um dafür zu sorgen, dass alle Kinder einen guten Start ins Leben bekommen. Die Wirtschaft wird vorangebracht, indem der Anbau und Export von Blumen gefördert wird. Damit stoßen sie auf großen Anklang. Auch die Einführung einer Aktion, bei der das sauberste Viertel einer Stadt keine Wasserkosten bezahlen muss, wird positiv gesehen.

Bei Belli wird aber auch deutlich, dass man einen ganz rigorosen Schnitt machen muss, weil die Männer sonst an den über Jahrhunderte etablierten Strukturen festhalten und solche tiefgreifenden Veränderungen blockieren wollen. Also schickt man alle Männer des öffentlichen Dienstes für sechs Monate nach Hause und ersetzt ihre Stellen durch Frauen. Die Männer erhalten zwar vollen Lohnausgleich und manche finden auch ihr Gutes an der Situation, aber nicht bei allen stößt sie auf Gegenliebe. Auch die öffentliche Ausstellung und Tätowierung von Vergewaltigern wird vor allem von Männern kritisch gesehen. Die Autorin zeigt also, dass es keinen langsamen Übergang geben kann, weil die Ideen zu weit auseinandergehen. Doch das Attentat auf die Präsidentin macht klar, dass es wieder eine Annäherung geben muss. Ein „Frauen gegen Männer “ ist nicht möglich. Man muss beide Geschlechter auf seiner Seite haben, um langfristig an der Macht zu bleiben, denn mit einer gewonnen Wahl steht man eben erst am Anfang.

In ihrer Danksagung schreibt Giaconda Belli, dass sie in den 80er Jahren selbst einer geheimen „Partei der Erotischen Linken“ angehört hat. Obwohl diese nie zu Einfluss gelangte, war die Gruppe „eine Erfahrung in Kameradschaft und Kreativität, die uns alle bereicherte“. In „Die Republik der Frauen“ hat Belli die damals entstandenen Träume und Visionen gedanklich weitergesponnen, denn das Land „Faguas“ ist unschwer als „Nicaragua“ auszumachen, da sie dieses Pseudonym bereits in ihrem Roman „Bewohnte Frau“ (1988) für die Hauptstadt ihres Landes benutzte. Allerdings erinnern die Probleme von „Faguas“ und damit der südamerikanischen Länder auch an die Probleme der Länder Europas – beispielsweise an das Müllproblem in Neapel, die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien oder alles blockierende Verwaltungsapparate in Griechenland sowie Mitglieder der Exekutive und Legislative, die sich aufgrund von Geld und Einfluss alles erlauben können. In Faguas halten sie sich extravagant Pinguine und in Europa veranstalten sie Bunga-Bunga-Partys, schachern sich Kredite zu oder schmuggeln Teppiche am Fiskus vorbei. Selbst Menschenhandel, die sexuelle Ausbeutung von Frauen oder häusliche Gewalt gegen sie sind in Europa nicht fremd. Von daher ist „Die Republik der Frauen“ ein Buch, das globale Probleme auf eine zeitgemäße Art und Weise mit feministischen Anliegen zusammenführt und Lösungen sucht. „Die Ideen in meinem Roman sind einfach gesunder Menschenverstand. Ich bin erstaunt, dass wir Frauen sie noch nicht in die Tat umgesetzt haben. “

|Originaltitel: El país de las mujeres
Übersetzung: Lutz Kliche
304 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3426199152|
http://www.droemer.de

_Corinna Hein_

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