Bilal, Enki – Bilal – 32. Dezember

|Enki Bilal gehört seit Jahren zu den Großen der französischen Comic-Szene. Sein Zyklus »Legenden der Gegenwart« und die Geschichten um Alexander Nikopol und Jill Bioskop haben ihn zu einem der tonangebenden Zeichner der achtziger und neunziger Jahre gemacht. Nach einem kurzen Blick auf Bilals Biographie werden an dieser Stelle zwei seiner Comic-Alben vorgestellt, die vor einiger Zeit auf Deutsch im |Ehapa|-Verlag erschienen sind: »Exterminator 17« und »32. Dezember«.|

Enki Bilal wurde am 7. Oktober 1951 in Belgrad geboren. Als er zehn Jahre alt war, beschlossen seine Eltern, nach Frankreich auszuwandern. Die Familie fand in Paris ein neues Zuhause. Schon früh entdeckte Bilal seine Faszination für das Zeichnen. Mit einer seiner Arbeiten gewann er 1971 einen Talentwettbewerb für Nachwuchszeichner, den die Jugendzeitschrift »Pilote« veranstaltet hatte. Es folgte eine erste Veröffentlichung in Heft 645 von »Pilote«. Nach diesem ersten Erfolg blieb Bilal dem Magazin viele Jahre lang treu verbunden. In den siebziger Jahren schrieb und zeichnete er für »Pilote« viele kleine Szenarios. Er entwickelte dabei seine so genannte Runzeltechnik und übte sich in Direktkolorierung, was damals noch eine eher ungewöhnliche Methode war.

Ebenso wichtig wie die Ausbildung seines Zeichentalents in jenen Tagen war wohl Enki Bilals Bekanntschaft mit Pierre Christin. Der langjährige Szenarist wollte politische Themen aufgreifen und konnte Bilals Hang zu Monstren und phantastischen Halbwesen nicht so recht teilen. Doch aus der gemeinsamen Arbeit dieses ungleichen Paares erwuchs der fünfteilige Zyklus »Legendes d’Aujourd’hui« (dt.: Legenden der Gegenwart), der in der Zeit von 1975 bis 1983 entstand. Bilal und Christin widmeten sich hier gesellschaftlichen Themen. Die Geschichten waren geprägt von einem stets skeptischen Blick auf die Machtstrukturen der Politik. Später kamen phantastische Einflüsse hinzu, die auf Bilals Konto gingen. Der grob als »Polit-Fiction« zu umschreibende Zyklus stellt Bilals erstes großes Werk dar und brachte ihn (trotz gewisser inhaltlicher Schwächen) voran in die erste Liga der französischen Comickünstler.

Wem Enki Bilal seitdem noch kein Begriff war, lernte ihn spätestens durch seinen zweiten Zyklus kennen. Der dreiteilige Nikopol-Zyklus, begonnen 1980, entstand allein unter Bilals Federführung. Sowohl als Autor als auch als Zeichner setzte er mit dem ersten Band »La foire aux Immortels« neue Maßstäbe. Die Geschichte teilt Seitenhiebe in Richtung von Politik, Kirche und Gesellschaft aus. Nicht zuletzt ist es ein phantastisches Science-Fiction-Abenteuer. Zeichnerisch ist Bilals Freude an offenen Formen, an großen Panels und an grafischer Ganzheitlichkeit kaum zu übersehen. Jede Seite ein Kunstwerk, könnte man seinen Anspruch formulieren.

_Exterminator 17_

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Bei |Ehapa| erschien vor kurzer Zeit das Album »Exterminator 17« (frz.: Exterminateur 17), das Bilal 1976/77 mit dem Szenaristen Jean-Pierre Dionnet schuf. Das SF-Szenario stellt eine Präambel zu der späteren gleichnamigen Reihe dar und beleuchtet die Vorgeschichte der Hauptfigur, des Androiden Nummer 17. Es geht dabei um einen Kriegsandroiden der Generation 17, ein altes Modell, das zerstört werden soll. Sein Erfinder und Konstrukteur richtet es jedoch so ein, dass seine Seele bei seinem Tod auf die menschliche Maschine überwechselt. Fortan ist Exterminator 17 ein Android mit der Seele seines Erfinders, mit einem Bewusstsein seiner Selbst und mit Lebenswillen. Ein Rebell unter den Maschinen. Aus Angst vor einer Revolution machen die Menschen Jagd auf ihn.

Veröffentlicht wurde die Geschichte zum ersten Mal in dem ambitionierten SF-Comic-Magazin »Metal Hurlant« (Heft 13). Wer andere Arbeiten von Enki Bilal kennt, muss sich über »Exterminator 17« wundern. Gleichförmig angeordnete Panel, zusammenhanglose Bildsprünge, langweilige Hintergründe – weder Form noch Inhalt von »Exterminator 17« können überzeugen. »Exterminator 17« ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein schlechtes Szenario negativ auf die Zeichenqualität auswirkt. Was Enki Bilal später zu »Exterminator 17« zu sagen hatte, unterstützt diesen Eindruck: „Die ersten zehn Seiten hatten mich noch interessiert, aber plötzlich hakte ich die Sache komplett ab. Ich habe die Geschichte dann ohne Enthusiasmus zu Ende gezeichnet. Rein automatisch.“

_32. Dezember_

Ganz anders sieht es bei dem Album »32. Dezember« aus. Hier ist alles wieder da, was man als Leser des Nikopol-Zyklus geschätzt hat. Mutige, offene Bildformen, Direktkolorierung, unter der die einzelnen Linien zu verschwinden drohen, ein abwechslungsreicher Gesamteindruck. Durch unzählige grafische Gegensätze entsteht ein spannendes Werk: Kleine Panels stehen gegen große, farbige Doppelseiten gegen nahezu farblose, haargenau Details gegen unklare Eindrücke. Und nicht nur optisch ist Bilals »32. Dezember« ein außerordentlich empfehlenswertes Comic-Album. »32. Dezember« ist der zweite Teil einer Trilogie, die 1998 mit dem Band »Der Schlaf des Monsters« (frz.: Le Sommeil du Monstre) begann. Bilal wendet sich mit dieser dritten großen Arbeit wieder dem Medium Comic zu, nachdem er eine ganze Weile im Filmgeschäft aktiv war.

In »32. Dezember« erzählt Enki Bilal die Geschichte von Nike, Amir und Leyla, die in den neunziger Jahren als elternlose Säuglinge in den Ruinen von Sarajewo gefunden wurden. Inzwischen ist viel Zeit vergangen, über dreißig Jahre. Sie haben noch gelegentlich Kontakt miteinander. Auf unterschiedlichen Wegen schlagen sie sich durch die Welt des Jahres 2026. Es treffen also wieder Science-Fiction und persönliche Abgründe aufeinander. »32. Dezember« ist jedoch weitaus mehr. Themenschwerpunkte des Bandes sind Kunst und Religion. Optus Warhole, ein weltweit legendärer Künstler, kennt kein Maß und keine Form mehr. Er ist radikal bis zum Äußersten, schreckt vor inszenierten Massenmorden nicht zurück. Die Menschheit ist seine Leinwand, formbar. Bilal selbst sagt: „Manipulation ist das zentrale Thema meiner Bücher, was auch immer andere dazu sagen.“ Von diesem Standpunkt aus wird auch der Bogen zur Religion ersichtlich. Die kürzlich irgendwo in der Wüste entdeckte Adler-Stätte stellt die Führer aller Religionen vor neue Fragen über den Ursprung der Menschheit. Sind die phantastischen Relikte echt oder nur ein weiterer Spielstein in dem allumfassenden Werk von Optus Warhole? Die bezaubernde Melancholie, die Bilals Werke auszeichnet, ist in »32. Dezember« voll da. Eine schwer greifbare Seelenzerrüttung der Hauptfiguren, Grausamkeit und phantastische Höhenflüge treffen sich hier und formen ein facettenreiches Ganzes. »32. Dezember« bleibt nicht unpersönlich, und der Leser kommt nicht umhin, zu deuten und selber Überlegungen anzustellen. Ein herrlicher Comic, einhundert Prozent Enki Bilal, ein Album zum Immer-wieder-Lesen.

Wann der dritte Teil der Trilogie erscheint, ist noch nicht bekannt.

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