Bionda, Alisha / Borlik, Michael (Hrsg.) – ewig dunkle Traum, Der (Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik, Band 1)

Dämonenjäger, Vampire, Zombies, Mumien, wiederauferstandene Tote, ekelerregende Monster – das ist der Stoff, aus dem die Träume des Horrorliebhabers gemacht sind. „Der ewige dunkle Traum“, eine Anthologie, herausgegeben von Alisha Bionda und Michael Borlik, entführt meisterlich in die dunklen Abgründe menschlicher Existenz und deckt durch die Auswahl der Erzählungen ein breites Spektrum bekannter Gruselmotive ab.

Sechzehn Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen – mit einer Länge von zwei bis fünfzig Seiten – füllen den umfangreichen Band, und als kleine Draufgabe gibt es am Schluss noch kurze Essays zu dunklen Themen wie Vampiren, Werwölfen oder dem ägyptischen Totenkult.

„Der ewig dunkle Traum“ ist der Auftakt zu der von Wolfgang Hohlbein herausgegebenen „Schattenchronik“, einer Romanserie beim |BLITZ|-Verlag, die die Vampirin Dilara durch die Jahrhunderte begleiten soll. Zusammen mit Alisha Bionda wird jeweils ein Gastautor für einen Roman der Serie verantwortlich zeichnen und so – hofft zumindest der Leser – vergangene Jahrhunderte wieder auferstehen lassen. Die hier vorliegende Anthologie jedoch soll den geneigten Leser zunächst neugierig machen, in geheimnisvolle Welten entführen und Autoren des deutschen Fantasy- und Horrorgenres vorstellen: ein Vorhaben, das grandios gelingt!

Wolfgang Hohlbein, seines Zeichens Vielschreiber und ungekrönter König der deutschen Fantasy, leiht der „Schattenchronik“ seinen Namen. Und er bringt die Kugel ins Rollen, denn in der Titelgeschichte „Der ewig dunkle Traum“ aus seiner Feder begegnen wir Dilara zum ersten Mal. Da ist sie noch menschlich und erlebt ihren ersten Zusammenstoß mit den Wesen, die in den Schatten hausen. Ein Vampir nähert sich ihr, kennt sie scheinbar. Und ja, etwas beginnt sich in Dilaras Gedächtnis zu regen. Unbekannte Namen plagen sie, halbe Erinnerungen, die sie nicht zuordnen kann, und so fürchtet sie den Abstieg in den Wahnsinn. Eine wunderbare Novelle, die vieles nur anreißt und so nur noch neugieriger darauf macht, wie es denn nun mit Dilara weitergeht.

Die Qualität der in die Anthologie aufgenommenen Geschichten ist durchweg hoch. Nie hat man das Gefühl, einen Autor vor sich zu haben, der sein Handwerk nur halb versteht. Dazu kommt, dass thematisch für jeden Leser etwas dabei sein dürfte. Es gibt die verschiedensten Vampire, Geister und sonstigen Schattenwesen – bekannt oder unbekannt – zu entdecken. Einige der (meiner Ansicht nach) gelungensten Erzählungen sollen hier kurz erwähnt werden.

Da wäre zunächst Eddie E. Angerhubers „Das Nachtbuch“, die mit der Widmung an E.A.P. und T.L. schon zeigt, wohin uns Angerhuber entführen will. Hier wird das Spiel um die wiedererweckte Geliebte, das besonders Poe so gern betrieb, bis zu Ende gespielt. Ein Paar; er offensichtlich ein obsessiver Liebhaber, sie die Leiche, aufbewahrt und wiedererweckt zu seinem Vergnügen. Gerade die Anspielungen zu Poes „Berenice“ sind kaum zu übersehen. Die Erzählung lässt noch einmal die Schönheit des Todes auferstehen, die in der Literatur des 19. Jahrhunderts so beliebt war. Die sehr suggestige Prosa tut ein Übriges.

Alisha Biondas Erzählung „Seelenpfand“ ist ebenfalls technisch überzeugend. Die reine Form der Geschichte ist originell, ebenso wie Biondas Interpretation des Seelenvampirs. Diese Form des Vampirs, der seinem Opfer die Lebenskraft aussaugt, ist an sich keine neue Erfindung. Doch fragt sich Bionda: Wo fängt ein Seelenvampir an? Ist er überhaupt ein übernatürliches Wesen oder nur eine Metapher für einen verzehrenden Menschen, dessen Liebe seinem Gegenüber geradezu die Lebensenergie aussaugt? Und so bleibt es dem Leser überlassen, ob „Seelenpfand“ nun eine übernatürliche Erzählung oder die psychologische Betrachtung einer (zu?) intensiven Liebesbeziehung ist.

Frank H. Haubolds „Die Stadt am Fluss“ ist von einem gänzlich anderen Kaliber. So realistisch und beschaulich die Geschichte auch beginnt, so steigert sie sich doch unweigerlich ins Bedrohliche und Surreale. Haubolds Protagonist Robert begibt sich auf eine Reise in seine provinzielle Heimatstadt, ein Ort, in den er seit Jahren keinen Fuß mehr gesetzt hat. Doch seine Reise in die Vergangenheit wird bald zu einer Reise ins Verderben, denn was einmal verloren ist, das kann nicht so einfach wiederbeschafft werden. Roberts Suche nach seiner verlorenen Jugend scheitert nicht nur, sie endet in einer Katastrophe. Erscheint Robert die Stadt zunächst nur einsam, so wird die Atmosphäre bald unheilschwangerer. Die Straßen sind verlassen, das Haus seines ehemaligen Schulfreundes verwahrlost. Und als die Dunkelheit hereinbricht, wird er gar von einem Rudel streunender Hunde angefallen. Und was hat es mit seiner Jugendliebe Sara auf sich, die eines Tages spurlos verschwand? Als Schmankerl ist die Geschichte von musikalischen Anspielungen durchzogen, versorgt Roberts Autoradio ihn doch nicht nur ständig mit Musik, sondern lockt in schließlich auch in die zuschnappende Falle. Und so dröhnt nicht nur Jim Morrison aus den Boxen, sondern gar „In a Gada da Vida“- die Langversion wohlgemerkt!

Abschließend sei noch Christel Schejas „Der Verfluchte von Tainsborough Manor“ erwähnt, eine Liebeserklärung der Autorin an die schwarze Romantik. An der walisischen Küste lässt sie die Stimmung der Schauergeschichten des 19. Jahrhunderts wiederauferstehen, ganz im Stile der damaligen Größen wie Byron und Shelley. Selbst ihr Vampir hat grüne Augen, ein kleines aber feines Detail, das Liebhaber zum Schmunzeln bringen wird. Doch anstatt bei den tatsächlich blutrünstigen Vampiren des 19. Jahrhunderts stehen zu bleiben, vermischt sie Elemente der schwarzen Romantik mit der modernen Vorstellung vom Vampir als sensiblem Einzelgänger und schreibt eine überzeugende Erzählung, ohne jemals in den Kitsch abzurutschen.

Über „Der ewig dunkle“ Traum gibt es noch viel zu sagen, vereint die Anthologie doch Geschichten von Markus Heitz, Eddie M. Angerhuber, Mark Freier, Alisha Bionda, Armin Rößler, Frank H. Haubold, Dominik Irtenkauf und Javier Hurtado, Wolfgang Hohlbein, Barbara Büchner, Marc-Alaster E.-E., Michael Borlik, Boris Koch, Linda Budinger, Christel Scheja und Markus K. Korb. Es soll an dieser Stelle jedoch genügen, zu versichern, dass die Anthologie 400 Seiten reinstes Lesevergnügen bietet. Da ist garantiert für jeden Geschmack etwas dabei – Gänsehaut garantiert!

http://www.blitz-verlag.de/

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