Bionda, Alisha (Hrsg.) – Sherlock Holmes und das Druidengrab. Erzählungen

_Durchwachsene Anthologie: Der Meisterdetektiv zwischen Schlangen und Gitterstäben_

Arthur Conan Doyle schuf vor 125 Jahren den literarisch größten Meisterdetektiv aller Zeiten. Seit seinem Tod haben zeitgenössische Autoren Sherlock Holmes und seinen treuen Freund Dr. Watson in neue Fälle verwickelt und somit für die Leser am Leben erhalten.

Volker Bätz, Tanja Bern, Anke Bracht, Barbara Büchner, die die Titelstory bestreitet, Tanya Carpenter, Andreas Flögel, Ruth M. Fuchs, Désirée Hoese, Guido Krain, Sören Prescher, Ramón Scapari, Vincent Voss und der deutsche Sherlock-Experte Klaus P. Walter konfrontieren Holmes und seinen messerscharfen Verstand in diesem Kurzgeschichtenband mit mystischen Fällen – meisterhaft bebildert von Crossvalley Smith.

So stellen sich Sherlock Holmes wieder viele Fragen. Geht tatsächlich ein Vampir in London um? Gibt es wirklich einen Geist auf Carnington Hall, der sein Unwesen treibt? Was hat es mit den Stimmen aus dem Jenseits auf sich? Und welches Geheimnis steckt hinter der brennenden Brücke? (Erweiterte Verlagsinfo)

_Die Herausgeberin_

Alisha Bionda lebt seit 1999 auf den Balearen und ist die Herausgeberin etlicher Anthologien und Reihen. Romane hat sie u. a. in Hohlbeins „Schattenchronik“-Vampirserie vorgelegt. Im April 2007 stellte sie zusammen mit Michael Beyeler und Florian Hilleberg das Literaturportal LITERRA ins Netz. Seit 2011 betreibt sie die Agentur Ashera.

Alisha Bionda wurde in Düsseldorf geboren und bereiste mit ihren Eltern die halbe Welt, studierte ein halbes Dutzend Fächer. Sie liebt Bücher, Rockmusik, die Farbe Schwarz, Katzen und Hunde und New York. Ihr Motto: Vernunft braucht manchmal eine Pause!

_Die Autoren_

Die Autoren stellen sich vor jedem Text jeweils selbst vor. Einer sei allerdings hervorgehoben, weil er bereits selbst als Sherlock-Herausgeber aufgetreten ist:

Klaus-Peter Walter wurde 1955 in Michelstadt, Odenwald, geboren. Er lebt heute in Bitburg, Eifel. Nach dem Studium der Slawistik, Philosophie und osteuropäischen Geschichte wurde er freier Publizist. Aufgrund einer schweren Infektion mit dem Holmes-Virus widmet er sich seit dem Gymnasium der Kriminalliteratur. Er gibt seit 1993 das Loseblatt-„Lexikon der Kriminalliteratur“ LKL heraus. Er schrieb 1995 „Das James-Bond-Buch“ und war Ko-Autor an „Reclams Krimi-Lexikon“. Er veröffentlichte zahlreiche Kriminalkurzgeschichten, so etwa „Sherlock Holmes und Old Shatterhand“ (2005) und „Der Tote vom Sewer“ (BLITZ-Verlag, 2006).

_Der Künstler_

Crossvalley Smiths Eigenbeschreibung: “ Crossvalley Smith wurde in der Nähe von Siegen, dem Geburtsort von Peter Paul Rubens, geboren. Er wuchs dann in Kanada auf. Später in Deutschland studierte er Mathematik und Physik und promovierte in Mathematik. Seine grosse Liebe gilt der Malerei, der Kosmologie, Astronomie und der Science Fiction…

Er malt und zeichnet seit seiner Kindheit. Anfang der 90er Jahre hat er dann versucht, den Pinsel durch den Computer zu ersetzen. Was dabei herausgekommen ist, sehen Sie auf seiner Homepage…“

_Die Erzählungen _

_1) Desiree Hoes: Eine Studie in Blut_

Scotland Yard meldet die Ermordung von DER FRAU, die Sherlock Holmes besiegt hat: Irene Adler. Doch als Holmes stante pede sich zum Fundort begibt, ist die Leiche verschwunden. Unterdessen erreichen Dr. Watson beunruhigende Nachrichten, dass in diesem brütend heißen Sommer immer mehr Bettler, Prostituierte und Obdachlose spurlos verschwinden.

Ja, einer der Wortführer der Bettler wird sogar bei ihm vorstellig, um Hilfe zu erbitten. Er hat eine Kapazität der Wissenschaft bei sich: Prof. Abraham van Helsing. Dieser doziert, dass hinter der Reihe von Verschwindefällen nur eine Spezies stecken kann, nämlich die Vampire. Und dass die mittlerweile untot gewordene Irene Adler die Anführerin der Londoner Vampir-Sippschaft geworden sei.

Da beginnt sich Watson, ernsthafte Sorgen um seinen Freund zu machen. Dieser schickt ihm eine geheimnisvolle Botschaft …

|Mein Eindruck|

Die Autorin verbindet recht gekonnt das sattsam gewohnte Bild des einsamen, nervösen Meisterdetektivs mit dem der Vampire, die sich ihre Beute unter den Wehrlosen suchen. Dazwischen steht, wen wundert’s, die Polizei in Gestalt von Inspektor Lestrade: Er tut die sich anbahnende Katastrophe mit einer beruhigenden Lüge ab. Nach dem Motto: Alles halb so wild. Es sei denn natürlich, es träfe ein Mitglied der Königsfamilie oder einen Parlamentarier. Da hört der Spaß natürlich auf.

Recht spannend ist die Schlussszene gestaltet: Holmes und Watson treffen Irene Adler. Kugeln helfen bei Untoten leider nicht, wie der gute Doktor feststellen muss. Aber WOLLEN sie die einstige Opernsängerin überhaupt töten?

_2) Vincent Voss: Stimmen aus dem Jenseits_

Die schöne Lady Carter wendet sich an Holmes, weil sie um ihr Leben fürchtet. Sie gehört einem spiritistischen Zirkel an, der Dämonen beschwört. Auf diesem Wege habe sie zu ihrem kürzlich verstorbenen Vater Kontakt aufgenommen. Der Teufel persönlich habe ihr die Todesart verkündet. Und Dr. Lloyd, einer der Teilnehmer des Kreises sei bereits einem tödlichen Unfall zum Opfer gefallen. Sie sei die Nächste in der Reihe.

Holmes kennt den Fall aus der Presse und hat für Spiritismus nichts als Verachtung übrig. Während er den profanen Hintergrund, den er annimmt, recherchiert, soll Watson Lady Carter in Sicherheit bringen. Zuvor statten sie zusammen der Gerichtsmedizin einen erhellenden Besuch ab. Als sich jedoch Watson nachts vor Lady Carters Fenster auf die Lauer legt, um den recht irdischen „Teufel“ abzupassen, erleidet selbst um ein Haar einen solchen „Unfall“. Er folgt Lady Carter humpelnd zu einem finsteren Friedhof …

|Mein Eindruck|

In der Tat erweist sich die gut konstruierte Ermittlung als Weg zu einer profanen Immobilienintrige, die ein Teilnehmer des Spiritistenkreises angezettelt hat. Was der Erzählung fehlt, sind Stimmung und Atmosphäre. Im Vordergrund stehen die Tricks des Meisterdetektivs und seine scharfsinnigen Beobachtungen. Also nichts Ungewöhnliches.

_3) Ramón Scapari: Die brennende Brücke_

Wie kann eine Stahlbrücke nur in Brand geraten? Diesem Rätsel gehen Holmes und Watson bei einem Besuch in der Normandie auf den Grund. Der bekannte Ingenieur Gustave Eiffel hat sich an den Detektiv gewandt, in der Hoffnung, ein in mehreren Drohbriefen vorausgesagtes Unglück an einer bestimmten Eisenbahnbrücke nahe Saint-Lô abzuwenden. Die Schreckensbilder vom Einsturz der von Theodor Fontane besungenen Tay-Bridge im Jahr 1879 sind den beiden Freunden noch eindrücklich in Erinnerung. Sie nehmen eilig die erste Fähre von Dover nach Calais.

Neben dem Viadukt befindet sich ein Gasthof, der ein leckeres Diner zubereitet, wie Watson findet. Da platz der Gastwirt aus dem nächtlichen Regen herein und ruft: „Die Brücke! Sie brennt!“ Und tatsächlich – als Holmes und Watson sofort nachsehen, ist die Stahlkonstruktion in ein unheimliches bläuliches Feuer getaucht, als stünde sie in Flammen. Zu Watsons Überraschung stürzt Holmes hinaus ins Gewitter, um der Ursache auf der Grund zu gehen …

|Mein Eindruck|

Man merkt dieser herausragenden Geschichte an, dass hier ein Fachmann erzählt. Der Autor ist laut Auskunft der Herausgeberin selbst Architekt. Mit zahlreichen Details erweckt er die elmsfeuerhafte Erscheinung des Viadukts zu eindrucksvollem Leben. Neben der Tay Bridge und dem Viadukt erwähnt er noch ein weiteres Brückenunglück, um dessen Aufklärung sich Holmes nach dem Reichbachfall-Zwischenfall bemühte. Alle drei Brücken vermag der Autor exakt und glaubwürdig zu beschreiben.

Leider bemüht sich Holmes nicht immer erfolgreich um die Verhinderung bzw. Aufklärung eines solchen Unglücks. Und auch in Saint-Lô werden ihm Steine in den Weg gelgt. Kann er den nächsten Zug abhalten, über die einsturzgefährdete Brücke zu fahren? Das Mittel des Unbekannten, um für den Einsturz zu sorgen, erweist sich als eine chemische Keule, deren Wirkung schwer anzuzweifeln ist. Doch wer steckt dahinter?

_4) Tanja Bern: Holmes und der Wiedergänger_

Jeremy Smith, ein Bürger aus Dem Dorf Lymington in Hampshire, wendet sich an Holmes, weil ein Wiedergänger bzw. Vampir sein Dorf unsicher mache. Vor Ort erfahren Holmes und Watson von einem Grab der Familie Helliway, dem besagter Wiedergänger entstiegen sei. Die Vollmondnacht gemahnt an Werwölfe, doch als ein Schrei ertönt, kommt er aus dem Dorf selbst. Das Duo eilt zurück, doch als Watson seinen Revolver zieht, erlebt er eine Überraschung. Denn das Gesicht des Übeltäters kennt er gut …

|Mein Eindruck|

Die Geschichte ist szenisch sehr flüssig und anschaulich erzählt, doch hätte die Autorin noch ein wenig mehr in die Grundlagen investieren sollen. Wer ist Jeremy Smith überhaupt, fragt sich der Leser sofort. Und warum fürchten sich die Polizisten auf der Wache so vor dem angeblichen Wiedergänger? Dessen Zustand stellt sich dann als keineswegs übernatürlich heraus, sondern als ganz irdisch, wenn auch ausgefallen. Diese Logikmängel gesellen sich zu formalen, sprachlichen Mängeln, die das Lektorat hätte ausbügeln müssen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Autorin ein junges Publikum für ihre Bücher zu begeistern weiß.

_5) Anke Bracht: Sherlock Holmes und der Geist von Carnington Hall_

Auf Carnington Hall spukt es – mit tödlichen Folgen, wie der Hausherr beteuert. Lord Carnington betrauert mit seiner Frau Helen den Tod ihrer Schwiegereltern sowie den von deren Butler James. Und alle drei Tode, die sich binnen weniger Wochen ereigneten, sollen sich nach dem Erscheinen einer Weißen Frau, eines Geistes, ergeben haben. Da nun Countess Carnington die Weiße Frau ebenfalls gesehen hat, glaubt sie, als Nächste an der Reihe zu sein.

Holmes, der von Lord C. zu Rate gezogen worden ist, glaubt bekanntlich nicht an übernatürliche Erklärungen, sondern an rationale. Zusammen mit Watson beginnt er zu beobachten, zu verhören und zu recherchieren. Hellhörig wird er, als Lord C. von seiner Jugendliebe Elizabeth erzählt, die er kurz nach der Verlobung verlassen musste, um in den Krieg zu ziehen. Von dort kehrte er nicht nur zeugungsunfähig zurück, sondern fand auch Elizabeth als Kindsmörderin zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt: Sie soll seinen (!) kleinen Sohn Thomas in der Themse ertränkt haben. Das konnte er ihr nie verzeihen.

Doch die Ermittlung des dynamischen Duos ergibt, dass sich die Wirklichkeit entweder so – oder völlig anders gestaltet hat. Denn welche Leiche liegt im nahen Mausoleum wirklich begraben und wird täglich mit Blumen geehrt?

|Mein Eindruck|

Die Autorin erzeugt erst die authentische Homes-Atmosphäre und beginnt dann gekonnt, sämtliche Annahmen über die wahren Verhältnisse auf Carnington Hall auf den Kopf zu stellen. Dazu enthüllt sie schrittweise die Vorgeschichte, der Watson auf den Grund geht, präsentiert eine sehr ungewöhnliche Mordmethode und zaubert eine Tote aus dem Hut. Das ist wirklich fabelhaft gemacht. Auch wenn der Leser aufpassen muss, alles genau mitzubekommen. Nur mit dem Familiennamen der Nachbarn hat sie sich vertan: Erst heißen sie Worsleys, dann auf einmal Whisleys. Humorvoll ist die ständige Kabbelei zwischen Holmes und Watson. Eine runde Sache.

_6) Klaus Peter Walter: Sherlock Holmes und der Golem_

Homes und Watson weilen anno 1912 im schönen Prag, wo ihnen die Herren Franz Kafka und Max Brod begegnen. Kafka zeigt Watson den Jüdischen Friedhof und erzählt ihm die Legende von Rabbi Löw und seinem Golem. Diese gibt Watson an Holmes weiter. Das erweist sich als hilfreich, als Max Brod sich zusammen mit Rabbi Treppengelaender an den Detektiv wendet: Eine wertvolle Handschrift aus dem 16. Jahrhundert sei vom Synagogendiener Vaclav gestohlen worden. Am Tatort erscheint die Handschrift wieder – offensichtlich aber mit einer Kamera fotokopiert.

Ist es ein Zufall, dass kurze Zeit später drei Jesuiten ums Leben kommen und ein Vierter in der Pension, in der Holmes und Watson logieren, mit gebrochenen Rippen darniederliegt? Offenbar sind die Jesuiten (die Watson seit seiner Jugendzeit verhasst sind) von einem übermächtigen Krieger angegriffen worden. Doch es gab bei Nr. 3 eine Zeugin, eine Prostituierte. Es ist klar, dass sie in höchster Lebensgefahr schwebt. Denn jemand hat diesen Krieger sicherlich ausgeschickt …

|Mein Eindruck|

Klaus Peter Walter hat sich durch mehrere Holmes-Publikationen als Experte ausgewiesen, so etwa im BLITZ-Verlag. Er gehört mindestens einer internationalen Sherlock-Holmes-Gesellschaft an. Daher kann der Leser eine ausgefeilte und stimmige Erzählung über Walters bevorzugten Helden erwarten.

Er wird nicht enttäuscht. Natürlich geht es um das Auftreten des titelgebenden legendären Kriegers aus dem 16. Jahrhundert. Er sollte ursprünglich im Mittelalter die jüdischen Bürger vor Pogromen schützen. Rabbi Löw soll ihn erfunden haben. Sie dazu auch Gustav Meyrinks hervorragenden Roman „Der Golem“, der vielfach verfilmt (und von mir besprochen) wurde.

Es kommt zu einem spannenden und actionreichen Showdown im Jesuitenkloster Clementinum, das offenbar auch Mozart-Fans ein Begriff ist. Merkwürdig ist jedoch, dass das dynamische Duo Holmes & Watson an keiner Stelle mit der Wimper zuckt, als die Legende auf magische Weise zum Leben erwacht. Da hätte ich etwas mehr Verwunderung und Ungläubigkeit erwartet.

_7) Guido Krain: Die Geisterschlange von Castonhall_

Watson kennt Sir Roderick Caston schon seit der Geburt von dessen Tochter vor zwei Jahrzehnten. Daher wird er zum Geburtstag des Hausherrn eingeladen. Er nimmt Holmes mit, und das erweist sich als kluge Entscheidung, denn kaum sind die beiden Londoner im Schneetreiben eingetroffen, als in der ersten Nacht auch schon ein Schrei alle Gäste und Bewohner von Castonhall aus dem Schlaf reißt – bis auf den betrunkenen Amerikaner Riggs natürlich. Man findet den britischen Major Masters tot im Speisezimmer, nicht weit von jener unheimlichen Blumenvase entfernt, die nur mit dem schillernden Auge einer Schlangengöttin dekoriert ist.

Doch was war die Ursache für Masters‘ grässlichen Tod? Vier Bisswunden im Gesicht weisen auf einen Schlangenbiss hin, doch das Schmelzen der Augäpfel kann sich Watson nicht erklären. Doch Holmes hat einen ersten Verdacht, wer dafür verantwortlich ist und über die geeignete „Tatwaffe“ verfügen könnte. Ein zweiter Todesschrei in der nächsten Nacht verspricht Antworten.

|Mein Eindruck|

Die Auflösung des Rätsels ist perfide gehandhabt: Der Autor liefert eine rationale und eine mystische Erklärung. Wer also denkt, Holmes habe den Fall aufgeklärt, irrt – der Horror geht weiter und verschärft sich. Denn warum sollte ausgerechnet die liebliche Grace mit dem Leben davonkommen?

Die Story weiß zu unterhalten, doch die Fälle von falscher Rechtschreibung würden jeden Korrektor vor Entsetzen vom Stuhl fallen lassen. Und dafür ist gewiss kein Schlangenbiss nötig.

_8) Barbara Büchner: Sherlock Holmes und das Druidengrab_

Prof. Albus Millstone ist einer der Erzfeinde aller Gesetzeshüter, eingeschlossen Holmes‘. Daher verwundert seine Einladung umso mehr. Holmes soll die neueste Ausgrabung des Pseudo-Archäologen besichtigen, unweit Londons in den Hügeln gelegen, denn damit habe es eine besondere Bewandtnis: Druidenmagie. Dem tückischen Angebot kann Holmes nicht widerstehen, und Watson kommt mit, um seinem Freund in der Gefahr beizustehen.

Das Druidengrab hat bereits ein erstes Opfer gefordert, als sie eintreffen: Die Leiche eines Vorarbeiters der Gräber ist aber so blutleer, ausgetrocknet und plattgewalzt, dass Watson sich fragt, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Millstone fordert Holmes natürlich heraus, ob er sich wohl zutraue, nachts in das Grab zu gehen und es mit den beiden steinernen Wächtern aufzunehmen. Holmes, der nie ans Übernatürliche geglaubt hat, besteht sogar darauf – aber nicht ohne eine Rückversicherung.

Die Nacht bricht herein, Holmes lässt eine Puppe von sich die Leiter ins Grab hinab – und die beiden grotesken Grabwächter erwachen zum Leben, um den Eindringling zu vernichten …

|Mein Eindruck|

Es kommt zu einem überraschenden Showdown, in dem ein Rabbi à la Judah Löw eine entscheidende Rolle spielt. Die Wiener Autorin kann wirklich ausgezeichnet erzählen, wie jeder weiß, der ihre zahlreichen phantastischen Romane gelesen hat. Dass sie aus Österreich stammt, ist an etlichen Dialektwörtern wie „heroben“ und „nebstbei“ zu bemerken. Ihre Rechtschreibung und Interpunktion entspricht der Neuen Rechtschreibung, die inzwischen überwunden ist.

Da Rabbis und zum Leben erweckte steinerne Wächter oder Krieger auch in der vorhergehenden Geschichte eine zentrale Rolle spielen, finde ich es sehr passend, dass gleich im Anschluss die Geschichte vom Druidengrab folgt. Und Millstone? Nimmt ein unrühmliches, aber höchst verdientes Ende.

_9) Andreas Flögel: Die Fremde_

Vor Baker Str. 221B fährt eine seltsame Kutsche vor. Mrs. Hudson ist ratlos und ruft Holmes und Watson herbei. Die Kutsche ist für den Transport von Fracht ausgelegt, beherbergt aber doch einen Fahrgast. Dr. Watson erschrickt: Das Mädchen ist leichenblass und, als er es mit Mrs. Hudsons Hilfe auszieht, mit den Spuren von Missbrauch und Misshandlung übersät. Außerdem ist es unverkennbar tot, denn jeder Herzschlag fehlt.

Wo kommt dann aber dieses ominöse Klopfgeräusch her? Aber sie nachsehen, sehen sie zur ihrem Erstaunen, dass sich die Hand der Toten so bewegt, dass sie – gut kombiniert – Morsezeichen klopft. Holmes kann vier Wörter entziffern: „Hilfe – Oberst – Peabody – Keller“. Da es im Londoner Adressbuch nur einen Oberst Peabody gibt, ist er schnell ausfindig gemacht. Der Soldat diente wie Watson in Afghanistan, so dass es dem Doktor leichtfällt, Interesse an einem Bettelbesuch vorzutäuschen, während Holmes draußen rekognosziert.

Ein Zugang zum Keller ist ebenso schnell gefunden wie benutzt, doch als sich die beiden Gentlemen darin befinden, erwarten der Oberst und sein grobschlächtiger Diener George sie bereits – mit einem gezückten Revolver. In einer Ecke erspäht Watson allerdings eine zusammengekauerte Frauengestalt, die einen eisernen Halskragen trägt. Offenbar ist hier seine Hilfe gefragt. Leider fackelt der Oberst nicht lange zu schießen, als Holmes einen seiner Tricks versucht. Peng! Schon sinkt der Detektiv in die Brust getroffen nieder, als er Hilfe von unerwarter Seite erhält …

|Mein Eindruck (Spoiler)|

Die Frau in dem zur Gefängniszelle umgewandelten Keller ist nichts anderes als eine Göttin der Naturmächte. Dr. Watson, der emotional normal empfindende Teil des dynamischen Duos, verfällt ihrem geistigen Einfluss auf der Stelle – was einfach ist, denn sie steht splitterfasernackt vor ihm. Er fällt in eine Trance, in der er sich ihr ganz zu unterwerfen und zu ergeben wünscht. Man denke an eine Kombination aus Titania und Galadriel, dann kann man sich ihre Macht ungefähr vorstellen.

Holmes unterliegt ihrem Charme nicht, doch dafür hat sie Verständnis. Holmes vertritt die rationalistische Seite des Duos, musste dafür aber auch auf emotionale Erfüllung verzichten, wie die Göttin ihm sagt. Das weiß er ja selbst. Und findet es nicht lustig, wenn man ihm dies vorhält. Aber worauf SIE hinauswill, ist der Standpunkt, dass Leben nicht eine Ansammlung aus Analysen und diskreten Zuständen ist, sondern eine ganzheitliche Auswirkung von zahllosen Faktoren. Der Tod beispielsweise ist keineswegs das Ende, wie die Mädchenleiche belegt haben dürfte: SIE hat die Lebewesen in der Leiche veranlasst, die Klopfzeichen auszuführen …

Indirekt kritisiert der Autor also durch die Naturgöttin die sich heute ausbreitende techno- und bürokratische Sicht auf das Leben. Dabei kommt uns ein wesentlicher Aspekt des Lebens abhanden. Ich würde ihm darin beipflichten. Und seine Story ist wirklich gut zu lesen: spannend, weil voll überraschender Wendungen.

_10) Sören Prescher: Schleichendes Gift_

Ein Mann, der sich Leonard Whedon, Erbe des Papierfabrikanten Whedon aus Rochester, vorstellt, bittet Holmes um Schutz: Man habe versucht, ihn zu vergiften. Im Haus seiner eigenen Familie! Das Mordwerkzeug war eine Tasse Tee …

Als Holmes und Watson in der Fabrikantenvilla vorstellig werden, erfahren sie zu ihrem Erstaunen, dass der gute Leonard kürzlich bereits das Zeitliche gesegnet habe. Der Mordanschlag war nämlich erfolgreich. Die Polizei sei bereits eingeschaltet, sagen die zwei Brüder Nicolas und Cedric. Als Holmes hartnäckig weiterforscht, stößt er auf einen weiteren, echten Mordversuch, diesmal an Nicolas. In diesem Haus scheint nicht alles eitel Freude und Harmonie zu sein.

Watson grübelt unterdessen über die ungewöhnliche Kälte im Innern des Hauses nach, während draußen wärmende Sonne scheint. Auch die Widmung in einer Dickens-Ausgabe, die auf das Jahr 1870 verweist, gibt ihm zu denken. Und erst recht die Ausgaben einer Zeitung, die aus dem Jahr 1872 stammen. Am Ende hat er es noch mit einem Geisterhaus zu tun? Aber diesen Verdacht behält er für sich. Denn Holmes ist viel zu froh darüber, den Fall aufgeklärt zu haben …

|Mein Eindruck|

Mal von den schrecklichen Druckfehlern und Stilblüten (die Dienerschaft der Villa ist eine „Belegschaft“ wie in einer Fabrik) abgesehen, so bietet die Story nur wenig, das reizvoll ist. Zudem bleiben lose Enden übrig, was den Leser wenig zufriedenstellen dürfte.

Ich fand es darüber hinaus wenig plausibel, dass sich eine ganze stolze Fabrikantenfamilie von einem hergelaufenen Detektiv bis ins kleinste peinlichste Detail durchleuchten lässt (wobei so manches pikante und grausige Detail zum Vorschein kommt), ohne dass sich auch nur eine einzige Stimme des Protests erhebt. Da muss Holmes aber schon eine gewaltige Autorität innehaben, um so unumschränkt schalten und walten zu können.

_11) Volker Bätz: Sherlock Holmes und der Schatten des Chronos_

Eine schöne junge Frau erscheint in der Wohnung von Holmes und Watson: Clara Ashby. Watson ächzt: Sie ist die Schwester eines verachtenswerten Spiritisten, der in Olondon Tagesgespräch ist. Doch als sie der Einladung der Dame folgen, treffen sie einen kranken, lethargischen Mann an, der auf den gleitenden Strom der Themse starrt. Er sagt, er erwarte seinen Tod um 22 Uhr, und fragt, ob sie ihm beistehen würden. Das ist in Ordnung.

Er weiß sein Todesdatum, weil ihm dies eine ganz bestimmte Geisterstimme geflüstert habe: Die seiner geliebten Emma, deren Tod er herbeigeführt zu haben glaubt. Emma war Claras Freundin im Internat für höhere Töchter. In der heutigen Séance soll Emmas Geist erscheinen, um sich an ihm zu rächen. Alle vier lassen sich in die bereitstehenden Stühle schnallen, dann wird von einem Diener das Licht ausgesperrt. Die Sitzung beginnt.

Doch sie endet völlig anders als erwartet …

|Mein Eindruck|

Eine kleine, feine Erzählung, die auf den Punkt kommt und mit einer verblüffenden Lösung des Rätsels aufzuwarten weiß. Am Schluss hinterlässt die Geschichte noch einen kleinen Stachel im Bewusstsein des Lesers: ein Widerspruch, der sich vielleicht nur durch die echte Existenz von Geistern auflösen lässt.

_12) Ruth M. Fuchs: Sekhmet darf nicht gedient werden_

Holmes und Watson sind bei Lord und Lady Worthington eingeladen, als ein aufgeregter kleiner Mann hereinstürzt und verkündet, dass der Leiter der ägyptischen Sonderausstellung im britischen Museum, die der Lord als Schirmherr organisiert hat, zu Tode gestürzt sei. Aufruhr und Panik scheinen jedoch Holmes nicht anzufechten, der einfach nur von einem „Gerücht“ spricht.

Im britischen Museum angekommen erweist sich das vorzeitige Ableben des Ausstellungsleiters Arthur Bambidge in der Tat als Falschmeldung: Da steht er ja, quicklebendig. Aber er hat schlechte Neuigkeiten: „Harriet ist tot.“ Harriet ist kein Frauenzimmer, sondern sein Assistent. Und er liegt mit gebrochenem Genick auf der Kabine des Aufzugs. Anscheinend schaute er, vor dem Aufzugschacht wartend, in die Höhe und sah dort etwas, das ihn mit Entsetzen und Schrecken erfüllte, so dass er den Halt verlor und in die Tiefe auf die sich nähernde Aufzugkabine fiel. Watson fallen sofort die schmalen Würgemale an Harriets Hals auf. Bambidges Finger sind viel dicker.

In Harriets Arbeitszimmer bietet sich dem Detektiv ein weiteres Rätsel: Es ist völlig verwüstet. So als habe jemand wütend etwas gesucht und es nicht gefunden. An der Wand stehen Hieroglyphen, die Bambidge übersetzt: „Sekhmet darf nicht gedient werden!“ Holmes schließt haarscharf, dass dies etwas mit der Mumie zu tun haben muss, die das Haupt- und Prunkstück der Ausstellung ist. Es handle sich um die Mumie eines Priesters, der aus einer ungewöhnlichen Gruft im Tal der Könige geborgen wurde: „In der ganzen Gruft fand sich kein einziges Ankh.“ Das kreuzförmige Ankh ist das Zeichen für Atem und Leben. Der Priester muss als Verbrecher angesehen worden sein.

Das nächste Detail lässt Watson die Haare zu Berge stehen: Der Priester, der verbotenerweise Sekhmet diente, wurde bei lebendigem Leib gefesselt und einbalsamiert …

|Mein Eindruck|

Doch wer oder was hat nun Harriets Tod mitverschuldet? Wie sich herausstellt, befand sich in der Gruft des ketzerischen Priesters noch eine zweite Mumie … An diesem Punkt findet das Übernatürliche Eingang in das Gewebe der Geschichte. Das ist doch recht gruselig und rätselhaft erzählt, so dass der Leser bis zum Schluss bei der Stange bleibt.

Nur an einer Stelle musste ich stutzen. Holmes schlägt seinem Freund Watson auf die Finger, um zu verhindern, das etwas Verbotenes anfasst. Diese Geste ist viel zu impulsiv und emotional, um zu Holmes‘ rationalem Charakter zu passen. Sie passt vor allem zu einem weiblichen Charakter. Hier hat sich die Autorin selbst zu sehr eingebracht. Holmes hätte wohl nur besonnen die Finger seines Freundes gepackt und beiseite geschoben.

Bemerkenswert sind das Auftreten eines „Steamobils“, also eines dampfgetriebenen Bodenfahrzeugs, und die Erwähnung von „Droiden“, wie man sie aus STAR WARS kennt. Wozu diese Fremdkörper unter den Realien der Geschichte dienen sollen, entzieht sich meinem Verständnis. Allenfalls im Kontext des Steampunk-Subgenres, das alle möglichen Zeiten kombinieren darf, könnte man diese Artefakte goutieren. Aber dafür ist diese Sammlung eigentlich nicht ausgelegt.

_13) Tanya Carpenter: Im Rauch der Meerschaumpfeife_

Inspektor Lestrade verhaftet Sherlock Holmes wegen dringenden Mordverdachts! Lord Beddingfurth hat das Zeitliche gesegnet. Tot liegt der Mann, der am Abend zuvor noch Dr. Watson im Savage Club getroffen hat, auf dem Boden seines Musikzimmers. Seine Lippen sind blau verfärbt, die Haut des Gesichts schimmert jedoch rosig statt blass. Watson riecht Bittermandel, schreibt dies jedoch dem Amaretto zu, der sicherlich in der Zimmerbar steht.

Die Indizien deuten auf Holmes: Holmes‘ eigene Meerschaumpfeife, eine Violine, die er zu malträtieren wusste – und vor allem die Tatsache, dass Holmes kein Alibi für die Tatzeit hat. Jeder weiß, dass er gesellschaftliche Anlässe meidet. Deshalb schlug er auch Beddingfurths Einladung in den Savage Club aus.

In der Knastzelle bittet der Detektiv seinen Freund Dr. Watson, eine Liste von Erkundigungen einzuziehen und von Gegenständen zu besorgen. Getreulich besorgt Watson das Gewünschte. Dann lässt Holmes ihn Lestrade rufen. Der Fall sei gelöst …

|Mein Eindruck|

Die Lösung ist durchaus verblüffend – und soll hier deshalb keinesfalls verraten werden. Die Autorin greift hier die Problematik des allzu großen Fans von Promis auf. Es ist geradezu beängstigend, wozu Fans bereit sind, um mit ihrem Star in Kontakt zu treten. Hier jedoch handelt es sich allerdings sogar um einen posthumen Test von Holmes‘ Fähigkeiten, die diesen in den Knast bringen. Schande über Holmes, wenn er diesen Fall nicht lösen könnte. Man sieht also, dass auch eine Prise Ironie in der Erzählung versteckt ist.

_Schwächen und Zweifelsfälle_

Wer hätte je gelesen, dass Holmes eine „Twistjacke“ (S. 58) trug? Ich jedenfalls nicht, denn bislang las ich immer von seiner Tweedjacke. Ärgerlich ist auch der Wechsel von Namen. Erst heißen die Nachbarn in Anke Brachts Erzählung Worsleys, dann auf einmal Whisleys (S. 87).

Die Korrekturarbeit lag offensichtlich bei den AutorInnen selbst, denn wie sonst wäre es zu erklären, dass die Qualität des Sprachstils und die Häufigkeit der Druckfehler von Story zu Story schwankt? Den Vogel in Sachen Schlampigkeit schießt zweifellos Guido Krain ab. Ab S. 123 macht er aus „übersät“ doch lieber „überseht“, aus einer Miene eine „Mine“, aus einem Stil einen „Stil“ und aus einer Schlange eine „Schlage“. „Des Nächtens“ ist eine überkandidelte Stilblüte, die ihm um die Ohren gehauen gehört.

Sören Prescher arbeitet auch nicht viel sorgfältiger. Aus Vorhängen werden „Vorgänge“ (S. 175) und aus „hasst“ einfach nur „hat“ (S. 176). Auf S. 178 veranstaltet er gar einen Tigerangriff in Afrika, obwohl jeder Wikipedia-Surfer weiß, dass Tiger in Afrika nicht vorkommen. Prescher liebt auch das Weglassen von Wörtern – schließlich gibt es sowieso eine lästige Überzahl dieser Spezies auf der Welt. Auf S. 181 fehlt etwas in dem Satz: „Kurz ärgerte [ich] mich, sie nicht früher … gesehen zu haben.“ Man kann zwar argumentieren, das „ich“ könne man eh weglassen, aber dann müsste der Autor bzw. sein Erzähler schreiben, dass ihn „DIE TATSACHE ärgerte, sie … nicht früher gesehen zu haben.“ Wenigstens ein Satzsubjekt darfs schon sein, gell?

Silbentrennung wird heutzutage grundsätzlich dem Textprogramm überlassen. Leider kann das Programm auch nur trennen, was schon vorhanden ist. Deshalb fällt die Trennung von „Metalll-gierung“ auf S. 217 reichlich unkorrekt aus. Es fehlt das E.

_Unterm Strich_

Mit diesem Band beginnt der Fabylon-Verlag seine Reihe MEISTERDETEKTIVE. Wer wäre als Figur besser geeignet, diese Reihe zu eröffnen, als Sherlock Holmes? Die vorliegende Sammlung von Erzählungen, die den berühmtesten Detektiv aller Zeiten in Aktion präsentieren möchte, weiß durchaus spannend zu unterhalten. Wie es die Konvention verlangt, erzählt stets Dr. Watson von Holmes‘ Heldentaten.

Die Themen variieren von übernatürlichen Mächten über spiritistische Erscheinungen bis hin zu fingierten Morden. Geister spielen ebenso eine Rolle wie geisterhafte Schlangen und sogar Golems. Die Golem-Geschichte gehört zu den stärksten Beiträgen des Bandes, neben der über die brennende Stahlbrücke und der über die Erdgöttin. Diese Geschichten glänzen vor allem angesichts der Handvoll schwächerer Beiträge, die mir durch ihre vielen Druckfehler (s. o.) negativ aufgefallen sind.

Insgesamt also eine lesenswerte Anthologie, die besonders Sammler interessieren dürfte. Die nächste Anthologie sollte aber sorgfältiger lektoriert werden. Selbst wenn dadurch der Preis um ein oder zwei Euro höher ausfällt. Zum Ausgleich dafür könnte ich durchaus auf die Illustrationen verzichten, auch wenn diese ihren eigenen Reiz zum Buch beitragen.

Fazit: drei von fünf Sternen.

|Broschiert: 240 Seiten
ISBN-13: 978-3927071759|
http://www.fabylon.de

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