Borge, Bernhard – Nachtmensch, Der

_Das geschieht:_

Die Freunde Bernhard Borge, Autor erfolgreicher Kriminalromane, Kai Bugge, Psychologe, und Inspektor Hammer von der Kriminalpolizei der norwegischen Hauptstadt Oslo schließen eine Wette ab: Bugge und Hammer werden den nächsten Dall gemeinsam aufklären, und Borge wird quasi als Sekundant festhalten, wer den Sieg davonträgt: der moderne Seelenforscher oder der traditionelle Spürhund. Die Gelegenheit ergibt sich, als Borge von seinem Vetter in die Sommerfrische eingeladen wird. Helge Gårholm hat in seiner an einem einsamen Fjord gelegenen Villa „Seewind“ wie so oft eine illustre Gesellschaft um sich geschart, Er ist ein Frauenheld, der seine Gefährtinnen betrügt und gegeneinander ausspielt. Kann er gleichzeitig einen oder gar mehrere Rivalen vor den Kopf stoßen, ist ihm das umso lieber.

Dieses Mal tändelt Gårholm mit der Theaterschauspielerin Saisa Sjöström, hält es aber auch mit deren Kollegin Sonja Lundmo. Sie ist zusammen mit ihrer älteren Schwester Eva – die bald dem erfreuten Neuankömmling Borge schöne Augen macht – und dem Bruder Dr. Arne Lundmo zu Gast in der Villa. Der Journalist Arnold Kvam ist unsterblich in Saisa verliebt und ertränkt den Kummer über sein Abblitzen im Alkohol. Vesla Kramer ist eine Pfarrerstochter, die sich dem allgemeinen Liebes- und Leidenskarussell fernzuhalten sucht. Der Athlet Storm-Jensen, ein Fechtmeister, sucht dagegen die Konfrontation mit dem Gastgeber, während Kåve, Helges jüngerer Bruder, ein erfolgloser Maler, der vom Älteren seit jeher unterdrückt und gedemütigt wird, wie immer von den Anwesenden kaum wahrgenommen wird.

In einer Sommernacht wird Helge Gårholm in seinem Bett ermordet; man hat ihm mit einem gezähnten Messer die Kehle förmlich durchgesägt. Inspektor Hammer kommt aus Oslo in die Villa ‚Seewind‘ und beginnt mit seinen Ermittlungen, die von Kai Bugge auf psychoanalytischem Wege begleitet werden. Eines ist klar: Der Täter ist unter den Anwesenden zu finden!

_Hitzköpfe in der Kühle der Nacht_

Der Mord im Landhaus als Psycho-Drama: So lässt sich die Geschichte vom „Nachtmenschen“ knapp charakterisieren. Autor Borge sperrt eine Gruppe emotional mehr oder weniger instabiler Protagonisten an einem von der Außenwelt abgeschlossenen Ort zusammen und wartet ab, was geschieht. In der Regel ereignet sich ein Mord, dem bald weitere Untaten folgen. Auch die finale Konfrontation zwischen Detektiv und Verdächtigen bleibt nicht aus, aber sie mündet nicht in der Auflösung eines zuvor kunstvoll verschlungenen Krimi-Knotens.

Faktisch ist es nicht einmal der Detektiv, der das Rätsel löst. Ein Psychologe ersetzt ihn, erläutert aber mindestens ebenso weitschweifig die seelischen Irrungen und Wirrungen, die dem zuvor beschriebenen kriminellen Tun zu Grunde liegen. Das war vor mehr als einem halben Jahrhundert noch neu und womöglich faszinierend. Heute ist es ein alter Hut. Auf Borges/Bugges pseudo-psychologischen Grundseminare könnte der Leser deshalb verzichten. Glücklicherweise nehmen sie nur einen Teil des ersten Kapitels und das Schlusswort ein; dazwischen spielt sich eine interessante Handlung ab.

Dass Borge ein flüssiger Erzähler ist, scheint auch in der Übersetzung durch. Darüber hinaus nimmt sich „Der Nachtmensch“ nicht gar zu ernst, unterhält mit Scherzen über das eigene Genre und präsentiert eine Gruppe recht lockerer Vögel, die sich in Wort und Tat sehr viel weltlicher als die höchstens zwischen den Zeilen gegen Sitte & Anstand sündigenden Angelsachsen geben.

|Das Hirn hinterlässt andere Spuren|

Kai Bugge = Sherlock Holmes, Bernhard Borge = Dr. Watson: Der Vergleich liegt nahe, und Bugge zieht ihn selbst. (Inspektor Hammer dürfte dann wohl Inspektor Lestrade sein.) Es gibt freilich einen gewichtigen Unterschied: Bugge verschmäht exakt diejenigen Indizien, die Holmes zusammengetragen hätte, um daraus die Lösung zu destillieren. Stattdessen geht Bugge davon aus, dass |“materielle Indizien … von geringem oder gar keinem Interesse [sind]“|.

Er wird damit oft Recht behalten in diesem ungewöhnlichen Kriminalroman. Viele offensichtliche Spuren, auf die Inspektor Hammer sogleich anbeißt, entpuppen sich als falsch oder gefälscht. Nur Bugge erkennt die psychologischen Hintergründe der Untat. Allerdings kommt ihm sein Wesen dabei mehrfach in die Quere. Auch hier ist Bugge ganz Holmes: ein sehr von sich eingenommener Mann, der davon überzeugt ist, die Welt besser als seine Mitmenschen zu verstehen. Das lässt er diese ständig deutlich spüren, und so ist es oft schwer für ihn, die nötige Unterstützung zu erfahren; freilich legt er es auch nicht darauf an und stößt sogar seinen alten Freunde Borge dauernd vor den Kopf.

|Psychologie (very) light|

Da ist es wenig hilfreich, dass Bugge Vertreter einer Wissenschaft ist, die zum Zeitpunkt des „Nachtmenschen“ vergleichsweise jung und längst nicht etabliert war. Die Psychoanalyse erschien vielen Skeptikern als fauler Zauber und Geschwätz. Strolch war Strolch, und der Versuch, seelische Störungen für kriminelles Tun geltend zu machen, nur eine durchsichtige Ausrede. Bugge akzeptiert diese Haltung nicht, aber er ist auch nicht der Mann, der seine Gegner überzeugen möchte. Stattdessen sucht und liebt er die Konfrontation, sonnt sich gern in seinen Erfolgen und straft die eigene Gleichgültigkeit dadurch Lügen.

Bernhard Borge fehlt anders als dem ‚realen‘ Watson die medizinische Ausbildung. Als Schriftsteller kennt er sich theoretisch in der Kriminalistik aus. Tatsächlich schreibt er Romane à la Agatha Christie oder John Dickson Carr: sorgfältig konstruierte Thriller, in denen die Figuren Rollen spielen, die dem Publikum längst bekannt sind. Die Bewohner von „Seeblick“ scheinen auch zu ihnen zu gehören. Doch in der Realität ist der Mörder eben nicht immer der Butler, trifft es nicht ausschließlich den alten Erbonkel. Diese Lektion muss Borge nicht nur dieses Mal lernen: Wir treffen ihn, Bugge und Sonja in „Tod im Blausee“, einem noch vertrackteren Mordrätsel, wieder.

_Autor_

Bernhard Borge – Schriftsteller, Abenteurer, Geisterjäger: Einen skandinavischen Tintin (ohne Struppi) für leidlich Erwachsene könnte man ihn nennen. Dabei hat es ihn gar nicht gegeben. Bernhard Borge war ein Pseudonym; nur eines von vielen, derer sich André Bjerke (1918-1985) bediente. Der Mann war ein Multitalent des Unterhaltungsromans.

Kein Wunder, dass man diesen Mann in seinem Heimatland auch knapp zwei Jahrzehnte nach seinem Tod nicht vergessen hat. Hier werden seine Werke noch heute immer wieder aufgelegt, in Hörspiele verwandelt, verfilmt.

|Taschenbuch: 156 Seiten
Originaltitel: Nattmennesket (Oslo : H. Aschehoug & Co./W. Nygaard 1941)
Übersetzung: Karl Christiansen|
http://www.ullsteinbuchverlage.de

(Michael Drewniok)

Schreibe einen Kommentar