Bottero, Pierre – achte Tor, Das (Der Andere, Band 1)

In Frankreich ist Pierre Bottero ein etablierter Autor, in Deutschland dagegen kennt man ihn kaum. Das soll sich nun ändern. Mit „Das achte Tor“ erscheint bei |Ullstein| der erste Band von Botteros Trilogie, die in Frankreich „L’Autre“ betitelt ist.

Als ein ambitionierter Wissenschaftler im brasilianischen Dschungel nach einem Maya-Tempel sucht, entdeckt er ein unbekanntes Bauwerk, in dessen Inneren ein schwarzer Würfel schwebt. Was er nicht weiß: In diesem Würfel lebt eine Macht, die Der Andere genannt wird. Vor langer Zeit wurde sie in dieses Gefängnis verbannt und nur sieben bestimmte Familien, von denen jede einzelne eine bestimmte Fähigkeit besitzt, wissen von der Existenz des Anderen und können gegen ihn ankommen.

Nathan gehört zu zwei dieser Familien, weiß aber nichts davon. Er ahnt, dass etwas mit ihm nicht stimmen kann, denn er lernt jede beliebige Sportart innerhalb kürzester Zeit und vollbringt dabei ungewöhnliche Leistungen. Jedes Mal, wenn ihm dies gelingt, ziehen seine Eltern sofort um, so dass der Sechzehnjährige mittlerweile sehr weit herumgekommen ist.

Als eines Tages seine Eltern bei einer Bombenexplosion sterben, erhält er von seinem Vater auf seinem Handy eine aufgenommene Nachricht, dass er von Montréal nach Marseilles fliehen und dort nach seiner Familie suchen soll. Dabei begegnet er der gleichaltrigen Shaé, in der ungeahnte Kräfte wohnen. Gemeinsam entkommen sie den bedrohlichen Helluren und lernen schließlich die restlichen Mitglieder von Nathans Familie, den Kogisten, kennen. Ihr Markenzeichen ist ihre schnelle Auffassungsgabe, und die kann Nathan auch gut gebrauchen, denn plötzlich wendet man sich gegen ihn und Shaé. Sie müssen es nun nicht nur mit den Helluren, sondern auch mit Nathans Familie aufnehmen. Und mit einer dritten Macht, die für das ganze Chaos verantwortlich zu sein scheint und es auf die beiden abgesehen hat…

Pierre Botteros Fantasygeschichte zeichnet sich hauptsächlich durch seine Nüchternheit aus. Es ist angenehm frei von magischen und fantastischen Elementen. Selbst die besonderen Kräfte, die man den einzelnen Familien zuschreibt, sind zumeist nur eine ins Extrem getriebene Steigerung von normalen Fähigkeiten. Natürlich sind Dinge wie Der Andere nicht von dieser Welt, aber mit der magischen Fantasy à la Harry Potter hat Botteros Buch wenig zu tun. Die Geschichte ist dadurch angenehm locker und bricht nicht unter der Last von unwirklichen Ideen zusammen. Stattdessen baut der Autor trotz einer recht langen Vorgeschichte am Ende ein beträchtliches Maß an Spannung mit wenigen, aber effizienten Mitteln auf. Dazu gehört eine überschaubare Anzahl von Hauptfiguren, ein paar ungelöste Geheimnisse und ein Verwirrspiel darüber, wer nun gut und wer böse ist.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Nathan und Shaé, die sehr lebensnah gezeichnet und starke junge Charaktere sind. Ihnen liegt eine eher düstere Grundstimmung zugrunde, die gut zu der nicht unbedingt fröhlichen Geschichte passt. Beide haben bislang Probleme damit gehabt, Anschluss zu finden und echte Freundschaften zu führen. Sie fühlen sich einsam und merken, dass sie anders sind. Dadurch entstehen sehr tiefsinnige, nachdenkliche Figuren, die der Geschichte sehr viel Leben einhauchen und sie auf weiten Strecken bestimmen.

Der Schreibstil ist nüchtern und schnörkellos. Trotzdem schlägt er den Leser mit sicheren Formulierungen und einer düsteren, fesselnden Atmosphäre in den Bann. Der Autor versteht es, anspruchsvoll zu formulieren und mit wenigen Worten eine Stimmung, einen Sachverhalt oder ein Gefühl auszudrücken. Dadurch gibt es keine Längen, und trotz einer recht weitschweifigen Vorgeschichte wird aus „Das achte Tor“ doch noch eine runde Sache.

„Das achte Tor“ vereint Gegensätze: Auf der einen Seite herrscht eine düstere, beinahe schon verzweifelte Grundstimmung vor, auf der anderen sind aber Handlung und Schreibstil unbeschwert und frei von unnötigem Ballast. Mithilfe dieses Gerüsts erschafft der Autor eine spannende, atmosphärische Geschichte, die nicht langweilig wird und Lust auf die Folgebände macht.

|Originaltitel: L’Autre – Le souffle de la hyene
Aus dem Französischen von Wolfgang Renz
336 Seiten, kartoniert|
http://www.ullstein-taschenbuch.de

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