Box, C. J. – Stumme Zeugen

Man stelle sich vor, man wohne in der Nachbarschaft von ehemaligen Cops – würde man sich da nicht sofort sicherer fühlen? Besonders, wenn diese Cops auch noch aus L. A. sind und sich mit Verbrechen auskennen?

In Kootenai Bay, einem kleinen Ort in Idaho, ist genau dies passiert. Der eigentlich sehr rustikale Ort ist zu einem beliebten Zufluchtsort für ehemalige Cops aus L. A. geworden. Niedrige Grundstückspreise und die schöne Umwelt scheinen die Expolizisten in die Gegend zu ziehen, was den eigentlichen Dorfbewohnern nicht immer gefällt. Da sich die Neuankömmlinge aber zumeist in ihre riesigen Villen zurückziehen und am öffentlichen Leben kaum teilhaben, gewöhnt man sich aneinander.

Als eines Tages zwei Kinder nach einem Spaziergang im Wald verschwinden, erklären sich sogar ein paar der frisch Zugezogenen bereit, mit ihrem Know-how bei der Suche zu helfen. Bald haben sie einen Verdächtigen zur Hand, doch was der Leser im Gegensatz zur Bevölkerung weiß, ist, dass die Kinder nicht einfach so verschwunden sind.

Nachdem sie im Wald einen Mord beobachtet haben, mussten sie fliehen, weil die Mörder sie bemerkt hatten. Doch ausgerechnet diese Mörder sind die ehemaligen Polizisten, die dem örtlichen Sheriff bei der Suche unter die Arme greifen. Die Kinder wissen nicht, wohin sie sollen. Überall scheinen sie in Gefahr zu schweben, von den Tätern gefasst zu werden, und die zwölfjährige Annie ist sich sicher, dass die Männer sie und ihren kleinen Bruder William nicht heile zu ihrer verzweifelten Mutter zurückbringen werden. Als sie auf Jesse, einen alten Rancher, treffen, der abgelegen im Wald lebt, spüren sie, dass er ihnen vielleicht ihre Geschichte glauben würde. Doch sie haben nicht damit gerechnet, dass die Ex-Cops ihnen so schnell auf die Spur kommen …

Die Handlung von „Stumme Zeugen“ klingt nach Action und so, als ob sie der Bezeichnung „Thriller“ gerecht werden würde. C. J. Box schlägt allerdings eine andere Richtung ein. Sein Buch ist eines von denen, die Spannung auf die stille Art und Weise erzeugen. Wirkliche Action gibt es selten, dafür aber eine gute Portion Nervenkitzel und das Gefühl, dass mit einigen Leuten in der Story etwas nicht stimmt. Der Autor beginnt seine Geschichte langsam und steigert sich gegen Ende hin. Zwischendurch gibt es Phasen, in denen nicht viel passiert, aber sie stören nicht, sondern passen gut ins Gesamtgefüge. Dieses lässt sich vor allem als ’nüchtern‘ beschreiben, genau wie der Schreibstil. Box verzichtet, wie gesagt, auf reißerische Action, sondern schildert lieber exakt und objektiv, was vor sich geht. Dabei gelingt ihm das Kunststück, trotzdem Gefühle und Menschlichkeit in seine Geschichte einfließen zu lassen, was ihn abseits anderer amerikanischer Thrillerautoren platziert. Die Handlung von „Stumme Zeugen“ wirkt eben nicht wie aus einem Hollywoodhochglanzstreifen, sondern kann sich einiges an Lebendigkeit bewahren.

Die Personen dagegen wirken an manchen Stellen ein wenig hölzern. Der sachliche Tonfall macht es manchmal schwierig, sich mit ihnen zu identifizieren, obwohl sie sehr authentisch wirken. C. J. Box hat ein Händchen dafür, seine Figuren einprägsam und anschaulich zu gestalten, ohne ihnen dabei übertrieben heldenhafte Züge zu geben. Sie wirken alle sehr bodenständig und normal, auch wenn ihnen dadurch vielleicht ab und an die Originalität fehlt.

Über den Schreibstil gibt es schließlich nicht mehr viel zu sagen. Wie der Rest des Buchs ist er sehr nüchtern, objektiv, geradezu trocken. C. J. Box wählt aus einem großen Wortschatz, der aber stets innerhalb der Genregrenzen bleibt, soll heißen, ein literarisches Wunderwerk kann man bei „Stumme Zeugen“ nicht erwarten, einen schlechten Schreibstil aber auch nicht. Box schreibt gut, passend zu seiner Geschichte, aber es sind nicht seine Worte, die ihn aus der Masse der anderen Autoren hervorheben.

Dies erledigt der angenehm unspektakuläre Plot für ihn. „Stumme Zeugen“ ist kein kühler Actionthriller, sondern ein bodenständiger Roman, der durch seine Natürlichkeit glänzt. Figuren und Schreibstil passen, trotz einiger Verbesserungsmöglichkeiten, sehr gut dazu und runden das Buch ab.

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