Broderick, Damien – träumenden Drachen, Die

_Australien lockt mit der Regenbogenschlange_

Dr. Alf Dean, ein Anthropologe und Aborigine, forscht im Norden Australiens nach den Wurzeln seines Volkes. Bei der Untersuchung einer geheimnisvolle Höhle stoßen er und sein kleiner Neffe Maus auf eine leuchtende Kugel mit verblüffenden Eigenschaften. Es handelt sich um einen Materietransmitter, und als Alf unvorsichtigerweise durch sein Tor tritt, wird er nicht nur schwer verletzt, sondern landet auch in einer anderen Zeit und Gegend. Die Militärforscher, denen er begegnet, sind ziemlich erstaunt – allerdings auf unangenehme Weise.

_Der Autor_

Damien (Francis) Broderick, 1944 geboren, ist ein australischer Autor, Herausgeber und Kritiker, der über einen Doktorhut in der Semiotik der Dichtung, Naturwissenschaft und Science-Fiction verfügt, mit einem Schwerpunkt auf dem Werk des amerikanischen Autors Samuel R. Delany. Er hat drei Anthologien mit australischer SF herausgegeben: „The Zeitgeist Machine“ (1976), „Strange Attractors“ (1985) und „Matilda at the Speed of Light“ (1988).

Seine erste SF-Erzählung erschien bereits 1964, der erste Roman „Sorcerer’s World“ schon 1970. Nach „Die träumenden Drachen“ (1980) folgte „The Judas Mandala“ (1982, revidiert 1990). „Transmitters“ (1984) ist keine SF, sondern Mainstream, aber über SF-Fans. Und „Striped Holes“ (1988) liest sich wie die komische Version von „Träumende Drachen“, wenn Vonnegut oder Sheckley sie geschrieben hätten.

Der Autor erhielt für diesen schönen Roman einen der zwei SF-Literaturpreise Australiens, den DITMAR, verliehen. Außerdem zeichneten die Leser der amerikanischen SF-Fachzeitschrift LOCUS (www.locus-magazine.com) ihn als „Besten Nachwuchsautor des Jahres“ aus, was angesichts von Brodericks damals 16-jähriger Schriftstellerkarriere etwas ulkig wirkt.

_Handlung_

Dr. Alf Dean Djanyagirnji, seines Zeichens Anthropologe und Abkömmling australischer Ureinwohner, rattert im Jeep mit seinem Neffen Maus durch den australischen Busch. Er will etwas über den Mythos der Regenbogenschlange Wanimbi herausfinden, den seine Vorfahren erzählten. Seine Vermutung geht dahin, dass es sich bei diesem Wesen vielleicht um Dinosaurier oder große Echsen handelte.

Etwa 600 Kilometer nördlich von Ayers Rock bzw. „Uluru“, wie die Aborigines den heiligen Felsen nennen, stößt Alf nicht nur auf die üblichen Felszeichnungen, sondern sogar auf eine Höhle. Die war bislang von zwei Felsplatten verschlossen, die nun aber verschoben sind. Bewaffnet mit Taschenlampen, dringen Maus und Alf in die Tunnel ein. Noch mehr Felszeichnungen offenbaren sich, aber Maus läuft schon weiter – und ruft vom Ende eines der Tunnel, er habe etwas gefunden.

In der Tat ist die bläulich leuchtende Kugel, die da in der Erde steckt, sehr merkwürdig und passt überhaupt nicht zu den Bewohnern der Höhle. Eigentlich passt das nicht einmal nach Australien. Dass der Höhlenzugang bislang so sorgfältig verschlossen war, hätte Alf eigentlich zu denken geben sollen, doch entweder aus Neugier oder Erschöpfung denkt er nicht nach, sondern geht direkt auf die Kugel zu. Sie tut etwas mit ihm, das sehr schmerzhaft ist. Alf bricht zusammen und hat eine außerkörperliche Erfahrung (AKE), d.h. sein „Geist“ schwebt über seinem Körper.

Sein erschrockener Neffe folgt ihm, um ihm zu helfen – und landet in einer weiteren Höhle. Dort befinden sich jedoch weiße Männer, die ziemlich erstaunt über den unerwarteten Besuch sind. Was Ald und Maus zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Die zweite Höhle, „das Gewölbe“, befindet sich 3000 Meter unter dem Ayers Rock, 600 km entfernt. Die Kugel ist ein Materietransmitter, der Objekte von A nach B schickt. Aber wer hat ihn gebaut?

Das „Gewölbe“ ist im Jahr 1980 Forschungsgegenstand von amerikanischen und sowjetischen Wissenschaftlern, die vom Militär finanziert werden. Sie helfen dem Australier, der ein Emphysem erlitten hat, wieder auf die Beine, indem sie ihm erstklassige medizinische Hilfe angedeihen lassen. Sonst hätte er nicht überlebt. Was die Forscher maßlos erstaunt, ist die Tatsache, dass Alf und Maus es überhaupt geschafft haben, an der Kugel vorbeizukommen, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Denn dies ist bereits über einem Dutzend Arbeitern und Versuchspersonen widerfahren. Offenbar unterdrückt die Kugel den Einsatz von Elektromagnetismus ebenso wie die Passage von Menschen. Das macht Alf und Maus zu hochinteressanten Forschungsobjekten. Denn so ein Materietransmitter wäre für jede Armee der Welt eine supertolle Sache …

Nachdem sich Dr. Djanyagirnji als Wissenschaftler zu erkennen gegeben und durchgesetzt hat, fordert er einen Wissenschaftler namens Williams delFord an, der in Kalifornien an dem Phänomen der AKE forscht. Bill delFord ist ein Kauz, aber sehr intelligent, und er kennt sich mit den beteiligten Militärs aus. Vor einer ersten Konferenz mit Alf informiert ihn ein Soldat darüber, dass auf der Rückseite des Mondes ein zerstörtes außerirdisches Artefakt gefunden wurde, das 25 Millionen Jahre alt ist. Stand es in Verbindung mit dem Artefakt unter Ayers Rock? Und wozu? Und warum und von wem wurde das Mondartefakt durch Atomwaffen zerstört?

Als Bill delFord und Alf Dean endlich bei der ersten Konferenz zusammentreffen, werden sie Freunde. Aber es wird auch deutlich, dass sie sich intensiv mit Alfs Neffen Maus alias Hieronymus Dean beschäftigen müssen. Der 14-jährige Junge spricht seit jenem Zwischenfall wie ein Wasserfall – und zitiert hochwissenschaftliche Abhandlungen, die er noch nie gesehen hat. Hat er geistigen Zugang zu dem, was sich in dem Artefakt der Aliens befindet?

_Mein Eindruck_

Obwohl die fünf Teile des Buches sauber voneinander abgegrenzt sind und der vierte Teil wie ein Fremdkörper wirkt, bin ich doch überzeugt, dass der Roman sehr geschickt aufgebaut ist und das Ziel des Autors auf wirkungsvolle Weise erreicht. Das Ziel besteht darin, eine alternative Geschichte der irdischen Evolution zu entwerfen und auf diese Weise den Mythos der Regenbogenschlange, den die Ureinwohner pflegen, zu begründen. Einem Leser außerhalb Australiens dürfte dieser Mythos allerdings ziemlich schnuppe sein, wenn er nicht gerade ein großer Fan der Eingeborenenkunst ist. Und dieses Grundthema macht den Roman vordergründig zu einem sehr australischen Buch.

Aber da ist ja noch das seltsame Zeug, das der geistig zurückgebliebene und über Nacht superintelligent gewordene Junge Maus von sich gibt. (Dies ist ein weiterer Texteinschub.) Er zitiert seitenlang aus dem geheimen Tagebuch eines sowjetischen Wissenschaftlers namens Kukuschkin. Dieser wacht eines Tages in einem Krankenbett auf und kommt zu der Überzeugung, dass ihm seine Kollegen, allesamt Biochemiker, einen biologischen Kampfstoff gespritzt haben, der bei ihm zu geistigem Verfall führt. An seinem Tagebuch lässt sich der Verfall an der Abnahme seiner sprachlichen Fähigkeiten direkt ablesen (genau wie bei Daniel Keyes’ Roman „Charly“). Erst als man ihm das Antigen verabreicht, genest er wieder.

Als die amerikanischen Militärs durch Maus erfahren, dass die Sowjets einen solchen Kampfstoff entwickelt haben, lösen sie Alarm für ihre Streitkräfte aus und drohen den Russen damit, ihre atomaren Interkontinentalraketen abzufeuern. Die Welt steht am Rande des nuklearen Holocausts. Und dies allein durch die Botschaft eines Vierzehnjährigen irgendwo im australischen Busch!

|Das „Gluonenfeld“|

Es ist also offensichtlich, dass die zuvor so harmlos erscheinende Konversation mit Aliens keineswegs harmlos bleiben muss, sondern direkte Auswirkungen auf die globale Sicherheitslage zeitigt. Ein zweiter Grund für die Aufregung der Militärs besteht darin, dass sie selbst an dem ultimativen Abwehrschild für solche Raketen arbeiten. Es handelt sich um das so genannte Gluonenfeld – der Begriff wird vom Autor erstaunlich genau definiert und erklärt.

Bill delFord experimentiert jedoch ebenfalls damit und demonstriert dem Astronauten Hugh Lapp, was es damit auf sich hat. Das Gluonenfeld erzeugt einen seltsamen Geisteszustand, den Bill als Außerkörperliche Erfahrung (AKE) definiert. Dummerweise erzeugt auch der innere Zirkel des „Gewölbes“, den die beiden Forscher im Finale betreten können, ein Gluonenfeld. Diese Technik steht den Aliens seit tausenden von Jahren zur Verfügung. Und sie dient ihnen dazu, die hundert Milliarden Seelen ihrer Ahnen mitzuführen und neue zu speichern. Auf diese Weise können sie über den „Seelenkern“ stets auf ihr Rassengedächtnis zugreifen und Rat holen. Geschützt und verwaltet wird dieser Kern von einem Computer. Dieser erzeugt mit Hilfe des Gluonenfelds verschiedene Illusionen wie etwa einen Zentauren: Bill erkennt, dass man sich dem Reich der Metaphysik nur durch den Garten der Symbole nähern kann.

|Die Drachen|

Bevor den beiden menschlichen Forschern aus dem Munde des Jungen erstaunliche Erkenntnisse über die Evolution des Bewusstseins zuteil werden, erfolgt ein langer Einschub. Der ganze vierte Teil – etwa 35 Seiten – spielt unter den Aliens. Diese sehen in der Tat aus wie gefiederte Schlangen oder Drachen. Es sind die Drachen des Buchtitels. Doch die Drachen sind schwer in der Bredouille, werden sie doch ständig angegriffen, und zwar von dem, was früher die Sklavenrasse ihrer eigenen Welt war. Sie mussten von ihrer Welt fliehen, weil ihre Sonne zur Supernova wurde und explodierte. Ihr durch die harte Strahlung beschädigtes Schiff verfehlte das eigentliche Ziel und strandete vor 20 Millionen Jahren auf der Erde, in dem kontinentalen Bruchstück, das man heute als Australien bezeichnet, aber früher mit der Antarktis verbunden war. (Und wer weiß, was noch alles unter dem ewigen Eis verborgen liegt.) Natürlich ist Ayers Rock kein Raumschiff – das „Gewölbe“ liegt mehrere Kilometer tief darunter verborgen.

|Das Geheimnis|

Die beiden Forscher erkennen nun, was es mit den Drachen auf sich hat: Sie sind die Regenbogenschlange Alf Deans. Und ihre stets abrufbaren Erinnerungen befinden sich in dem strahlenden Artefakt, das Alf gefunden hat. Dies ist der „Seelenkern“. Entgegen der Tatsache, dass dieses Ding schon 37 Männer getötet hat, müssen sie es nun als eine Hoffnung für die Evolution des menschlichen Bewusstseins bewundern. Was sie vernichten wollten, wendet seinerseits die Selbstvernichtung des Menschen ab – mit neuen Erkenntnissen, die es über die Vermittlung von Maus mitteilen kann. Der Zentaur, eine Projektion des Seelenkerns, verkörpert Chiron, den Lehrer des ersten Mediziners und Heilkundigen Äskulap und Ausbilder vieler Helden, darunter Achilles, Jason und Theseus. (Chiron als „Gott der heilenden Hand“.)

|Die Reaktion|

Dass die Chance, die der „Seelenkern“ bietet, von den Menschen so verkannt wird, liegt nicht zuletzt an ihrer Reaktion auf alles, was Glauben erfordert. Die Reaktion des amerikanischen Generals Sawyer macht dies nur zu deutlich. Er betrachtet Maus, den wohlwollenden Verkünder der Wahrheit im Finale, als einen Satan, der ihn und seinesgleichen nur in Versuchung führen will. Sawyer klammert sich an den Buchstaben der alten Familienbibel, der zufolge die Menschheit ja nicht älter als 4004 Jahre alt ist. Für ihn wurden die Drachen und ähnliches Gesocks alle in der Offenbarung des Johannes, der „Apokalypse“, angekündigt. Und das Totenritual der Aliens, das ihn an Kannibalismus erinnert, gibt ihm den Rest: Sawyer erleidet einen Nervenzusammenbruch. Man kann annehmen, dass es für den Rest der Menschheit, insbesondere für Militärs, schwierig werden dürfte, die Offenbarung des Geheimnisses als Chance und nicht als Bedrohung aufzufassen: wie kleine Kinder, die sich vor dem Dunklen und Unbekannten fürchten.

_Unterm Strich_

„Die träumenden Drachen“ ist keine einfache Lektüre, sondern ein SF-Roman, der den wissenschaftlich gebildeten Leser fordert. Biochemie, Kernphysik, Parapsychologie, Evolutionstheorie – alle diese Forschungsgebiete werden detailliert zitiert und spielen eine Rolle. Doch keine Angst: Die lebendig und (meist) sympathisch gezeichneten Figuren haben nachvollziehbare Verhaltensweisen und Gedankengänge. Sie „übersetzen“ die Theorien aus den genannten Gebieten in verständliche Aussagen und Überlegungen.

Es wird stets ergebnis- und zielorientiert argumentiert und gehandelt. Leerlauf und Nabelschau gibt es so gut wie nicht. Das macht den Roman kurzweilig und zu einer faszinierenden geistigen Exkursion. Das Finale rechtfertigt die Mühe beim Lesen durch seine transzendierenden Erkenntnisse. Es ist eine Botschaft der Hoffnung, mit dem Versprechen eines zweiten Frühlings. Epilog, Danksagung, Glossar und ähnliches Brimborium gibt es nicht.

Der englische Kritiker David Pringle rechnet „Die träumenden Drachen“ zu den hundert besten englischsprachigen SF-Romanen, die zwischen 1949 und 1984 erschienen. Für ihn ist Brodericks Buch zwar von einer „fieberhaft übersteigerten Spekulation“ und ein wenig ungefüge in seinem Aufbau, jedoch sehr unterhaltsam. Der Junge Maus erinnert ihn an den autistischen Jungen in Philip K. Dicks Roman „Marsianischer Zeitsturz“ (Martian Time-Slip, 1964), aber auch an den Film „Quatermass and the Pit“, einen britischen SF-Thriller aus den späten fünfziger Jahren. Auch ich dachte an diverse Vorbilder, aber da der Schauplatz in Australien liegt und dessen Kultur eine zentrale Rolle einnimmt, hat der Roman so viel Eigenständigkeit, dass er die Vorbilder vergessen lässt.

|Zur Übersetzung|

Harro Christensen hatte offenbar seine liebe Not mit dem Wissenschaftsjargon, dessen sich der Autor stellenweise befleißigt. Aber auch ganz gewöhnliche Begriffe wie Scientology von L. Ron Hubbard sind ihm nicht geläufig. „Scientology“ wird ungelenk und unangemessen ins Deutsche übersetzt, was dem Leser, der darauf nicht gefasst ist, zwar nicht auffällt, ihm aber auch nicht die Referenz auf Hubbard aufzeigt. Nicht jeder würde sich unter „Wissenschaftslehre“ die Scientology-Sekte vorstellen.

|Originaltitel: Dreaming Dragons, 1980
720 Seiten
Aus dem US-Englischen von Harro Christensen|

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