Brunner, John – galaktische Verbraucherservice, Der: Zeitmaschinen für jedermann

_Stiftung Warentest goes Galaxy!_

Endlich hat sich mal jemand die Mühe gemacht, preiswerte Zeitmaschinen und doppelröhrige Wunscherfüllungsmaschinen auf Herz und Nieren zu prüfen! Die Berichte des Galaktischen Verbraucherservice sind Gold wert und jeder Endbenutzer, der sie als Heimgerät zu verwenden gedenkt, sollte die entsprechenden Berichte in „Der gute Kauf“ gelesen haben – möglichst VORHER. Sieben weitere Erzählungen ergänzen diese wertvollen Berichte.

_Die Erzählungen_

_1) Der galaktische Verbraucherservice 1. Bericht: Preiswerte Zeitmaschinen (1965)_

In einem Vergleichstest, der der „Stiftung Warentest“ alle Ehre machen würde, untersucht die Zeitschrift „Der gute Kauf“, 2329 veröffentlicht von der Galaktischen Föderation der Verbraucher-Gemeinschaften, sechs verschiedene Zeitmaschinen auf ihr Preis-/Leistungsverhältnis. Die üblichen Testkategorien wie Leistung, Verarbeitung, Betriebssicherheit, Garantien und vor allem Preis werden auf ihre Güte abgeklopft. Dabei tritt Erstaunliches zutage.

Erste Zeitmaschinen gab es schon 2107 auf Logaia, doch erst nach einem Jahrhundert des Einsatzverbots gelang es Dr. Ajax Yak von der Universität Spica um 2230, ihr Prinzip so zu vereinfachen, dass sie zu erschwinglichen Preisen für Endverbraucher hergestellt werden konnten. Auf den meisten Welten wird dafür ein Führerschein verlangt. Aber nur auf wenigen Welten wie Terra, Konfuzius und Osiris gibt es auch Mindestanforderungen an Leistung und Qualität. Deren Normen wurden dem Test zugrunde gelegt.

Die Testgeräte liegen im Preis alle unter 10.000 Krediteinheiten. Sie liegen in drei Kategorien, je nachdem ob sie beim Einzelhandel zum regulären Preis und/oder beim Discounter gekauft wurden. Die Modelle heißen, vom Topmodell abwärts:

Welt-Wanderer
Chronokinetor
Super-Wandler
Tempora Mutantur
Jederzeit-Hüpfer
Ewigkeits-Twister (importiert)

Um es kurz zu machen: Der „Welt-Wanderer“ erwies sich als empfehlenswertes Heimgerät, doch vor dem Kauf des Ewigkeits-Twisters warnen die Autoren des Tests eindringlich. Nicht nur die Klausel, dass laut „Garantie“ jeder Käufer sein Eigentum gepfändet bekommt, sollte er Mängel am Gerät reklamieren, machte sie stutzig. Auch die Entdeckung, dass die Kabelisolierung aus TIERLEDER bestand, ließ bei ihnen das rote Lämpchen grell aufleuchten. Und als sie ein wenig nach der Herkunft dieses Imports forschten, stießen sie auf jenes verhängnisvolle Jahr 2107, als auf Logaia die ersten Experimente gemacht wurden …

Drum lese, wer sich für das Zeitreisen interessiert, erst einmal „Der gute Kauf“, bevor man sich unrettbar im Kochtopf eines Barbaren wiederfindet!

|Mein Eindruck|

Ganz wundervoll, wie der versierte Autor Brunner hier das Prinzip der „Stiftung Warentest“ auf ein in der SF gängiges Requisit anwendet, auf die Zeitmaschine. Seit H. G. Wells sie so erfolgreich im Jahr 1895 erfand, taucht sie immer wieder in klassischen Geschichten auf, sei es bei Asimov oder Heinlein. Noch heute sind diese Apparate von großer Faszination, so etwa in „Zurück in die Zukunft“. Doch keiner der geistigen Schöpfer verschwendet auch nur fünf Minuten darauf, uns zu erklären, wie diese Maschine funktioniert, geschweige, ob sie ein qualitätsvolles Gerät der Topkategorie ist oder ein Billigimport von Irgendwo.

Brunner beschreibt wenigstens einige Bestandteile der Maschine, so etwa die Energieversorgung – Atomfusion oder –spaltung – sowie den Feldgenerator. Er erwähnt ein geheimnisvolles „Versteinerungsfeld“, das – irgendwie selbstverständlich – den gesamten Körper des Zeitreisenden umfangen müsse, um ihn komplett und nicht etwa in Einzelteilen von Zeitpunkt A nach Zeitpunkt B zu transportieren. Nicht alle Geräte erfüllen im Test diese Voraussetzung, mit fatalen Folgen für die Prüfer!

Auch die Reichweite ist natürlich ein Kriterium für die Leistungsfähigkeit. Hier unterscheidet sich die tatsächliche Leistung in Erdnormjahren (ENJ) von der im Datenblatt genannten mitunter beträchtlich. Immerhin bringt es der „Welt-Wanderer“ auf fast ein Dutzend Jahrtausende, wohingegen der „Ewigkeits-Twister“ nicht einmal den Mindestwert von 4,7 ENJ erreichte.

Höchst interessant ist das Konzept VERBOTENER Zeitzonen, die niemand besuchen darf. Ähnlich wie das Tempolimit im Straßenverkehr, das bei Strafe nicht überschritten werden darf, gibt es auch im Zeitreiseverkehr Verbote. Sie sind meist religiös begründet, denn eine Zuwiderhandlung könnte einen galaktischen Krieg auslösen. Zu solchen Zeitzonen gehören: Jesu Kreuzigung und Auferstehung, Buddhas Meditation unterm Bo-Baum, die Hedschra Mohammeds in Jahr 622 n. Chr. und zwei andere Zeitzonen neueren Datums.

Diese Daten sind in Listen eingetragen, die die Maschine automatisch beachten muss, damit es zu keinem Verstoß kommt. Leider waren manche Geräte nicht in der Lage, sie alle ausnahmslos zu beachten, und so kam es, dass einer der Prüfer nach dem Besuch von „Bertie Tuddles Streben“ einen hysterischen Lachanfall erlitt, der ihn arbeitsunfähig machte. Die Autoren des Tests geben deshalb strenge Empfehlungen, auch was die Retemporisierungs-Police für die Rückkehr-Versicherung betrifft.

Wie man sieht, verfügt der Autor über eine gehörige Portion Humor und Ironie. Er macht seinen Job ausgezeichnet und sehr glaubhaft. Dass er überhaupt keine Geschichte erzählt, verzeiht man ihm gerne, denn die „Helden“ dieser Story sind neben den namenlosen Prüfern vor allem die Geräte selbst. Die Textsorte „Prüfbericht“ wurde während der SF-Epoche der New Wave mehrfach von den besten Autoren des Feldes gewählt, doch unter ihnen ragen Brunners Beiträge heraus.

_2) Reden ist Silber (Speech is silver, 1965)_

Jeremy Hankin hat auf Betreiben seiner ehrgeizigen Frau Mary der Schlaffest GmbH seine Stimme verkauft. Die Schlaffest GmbH stellt einen neuartigen Therapieservice bereit, bei dem den Klienten unterschwellige Botschaften ins Ohr geflüstert werden, während diese fest schlafen. Wie Mr. Welland Jeremy erklärt, habe sich bei Tests herausgestellt, dass nicht die Botschaft das wesentliche therapierende und beruhigende Element sei, sondern die Darbietung durch eine menschliche Stimme. Und Jeremy besitze die ideale Stimme – sonor, glaubhaft, tolerant, verständnisvoll, aber mit männlicher Autorität versehen.

Obwohl es Jeremy zuwider ist, sich in die Publicity der Firma einspannen zu lassen, lässt er sich dazu breitschlagen, vor allem aus Angst, Mary sonst zu verlieren. Als ihm Welland Mary ausspannt, verliert seine Tätigkeit jeden Sinn, und er steigt aus. Doch die Schlaffest GmbH ist gewieft. Als sie Anstalten macht, einen jungen Schauspieler als Hankin-Double mit Hankin-Stimme auftreten zu lassen, greift Jeremy zur Selbsthilfe: Er bearbeitet die unterschwelligen Botschaften so, dass ihre Ergebnisse die Schlaffest GmbH in den Ruin treiben werden.

|Mein Eindruck|

Die Story ist ein richtiger „Runterzieher“, denn sie zeigt das Ausbeutersystem, das dem Kapitalismus innewohnt, in seinen menschenverachtenden Auswirkungen. Jeremy, erst seiner Frau beraubt, dann seiner Stimme enteignet, verstummt. Erst als er den letzten Schritt zur Zerstörung des Systems tut, gewinnt er seine Menschenwürde zurück – und sein Selbstbewusstsein.

_3) Zwei Monde (The warp and the woof-woof, 1966)_

Tom Halliday tut seiner Frau Susan einen kleinen Gefallen und nimmt sie und seinen Hund Jeff mit auf einen Kurztrip zum Mars. Als Tom und Susan nach Hause zurückkehren, ist Jeff verschwunden …

Die Marsbewohner planen schon seit hunderten von Generationen die Invasion der Erde, doch die Gravitation, der Sonnenwind und Brudermord machen ihnen stets einen dicken Strich durch die Rechnung. Diesmal eleiminiert Marskaiser Jr-Truk den Leiter der Invasionsabteilung und ersetzt ihn. Der vormalige Stellvertreter zeigt Jr-Truk nervös einen Neuankömmling auf der Marsoberfläche: Es ist ein UNGEHEUER!

Zunächst fragt sich Jeff, ob es hier wie zu Hause Kaninchen und Mäuse gibt, die er jagen könnte. Er jagt leidenschaftlich gern. Dass er sein Herrchen und Frauchen nicht finden kann, rückt in den Hintergrund seines Bewusstseins, als er eine kleine Maus erspäht, die vor ihm zu fliehen versucht. Hm, nicht schnell gut und – mmh, sie schmeckt ein wenig wie Käse. Wie wär’s mit einem Nachschlag?

Wenige Stunden später bläht sich Jeffs Bauch beträchtlich. Im Vollgefühl seiner Sättigung heult er die zwei Monde an und wartet auf sein Herrchen.

|Mein Eindruck|

Mit viel Ironie und wenigen Pinselstrichen zeichnet der Autor das Bild einer Marsinvasion der tierischen Art. Er hat sich vorgestellt, dass die Marsianer nicht notwendigerweise so groß sind wie Humanoide, sondern etwa so groß wie Mäuse, mit 16 Augen und Scheinfüßchen. Sie mögen ein Imperium aus Höhlen haben, aber gegen die tierische Invasion von der Erde haben sie nicht den Hauch einer Chance. Hier kommt Brunner praktisch auf den Hund.

_4) Frühlingserwachen (The product of the masses, 1968)_

Auf der erdähnlichen Welt Chryseis erforschen Biologen die Verhaltensweise der größten Tierart Macrodiscos. Um solch ein Wesen praktisch selbst zu steuern, brauchen sie aber ein Steuerungsmodul und fordern es von der Raumpatrouille an. Kapitän Jeff Hook ist gerade in der Nähe und dockt an der orbitalen Forschungsstation an. Die Chefbiologin Dr. Leila Kunje erweist sich leider als ein Eisschrank, der immer Recht haben will. Sie verbietet ihrem Forscherteam jede Art von dem, was sie verächtlich „Fraternisierung“ nennt, als wären die Raumpiloten Feinde.

Weil Hook diese Art von Persönlichkeit krankhaft findet, greift er ein. Nach einer Unterredung mit seiner Pilotin und den Forscherkollegen Kunjes entwirft er einen Plan, wie sie Kunje eines Besseren belehren können, ohne sie psychisch zu zerbrechen.

Dr. Kunje ist es gelungen, einen optimalen weiblichen Macrodiscos herzustellen, transportiert das Wesen auf die Oberfläche und schließt das Steuerungsmodul an, in dem die Forscher sowie Hook und die Pilotin direkt die Steuerung darüber übernehmen können, wohin das Riesentier trabt. Schon bald tauchen Männchen auf, die sich aggressiv zu verhalten scheinen. Doch die Flucht des Weibchens endet an einem undurchdringlichen Wald. Dr. Kunje ist ratlos, was sie tun soll. Ihr Leben hat sie nicht darauf vorbereitet, diese Situation zu erkennen, geschweige denn zu bewältigen.

Jeff erklärt ihr, was los ist und warum Kunje dennoch Recht hat: Es ist die Paarungszeit, und die Männchen wollten einfach bloß Liebe machen, nichts weiter. Dr. Kunje, 35 Jahre alt und noch nie verliebt gewesen, bricht in Tränen aus.

|Mein Eindruck|

Die Story wirkt zunächst ein wenig frivol, erweist sich aber dann als psychologisch fundiert. Selbst denn, wenn die Erkenntnis, zu der die frigide Dr. Kunje geführt wird, im Grunde ziemlich banal ist: Sie kann nicht mit etwas umgehen, was sie nicht kennt – nämlich Liebe und Sex. Im Ausgleich zu dem, was ihr als Person fehlt, ist sie eben eine hervorragende Wissenschaftlicherin. Deshalb wird sie auch respektvoll behandelt, als Jeff & Co. ihre eine Lektion erteilen.

Die Aussage der Story ist eine versteckte Kritik an allen amerikanischen Geschichten über abgebrühte (lies: frigide) Wissenschaftler, die fremde Welten unter die Lupe nehmen, ohne ihre eigene Persönlichkeit in die Gleichung einzubringen. Hätte die Autorin Alice Sheldon alias James Tiptree jr., die um 1968 enormen Erfolg hatte, diese Story zu erzählen gehabt, so wäre etwas viel Bizarreres dabei herausgekommen. Aber Brunner hat das Thema unter Kontrolle und verwirrt den Leser nicht.

_5) Der galaktische Verbraucherservice 2. Bericht: Automatische Doppelröhren-Wunschmaschinen (1966)_

Die Notwendigkeit von Wunschmaschinen ist offensichtlich und braucht nicht weiter begründet zu werden – viele Leute sind mit ihrem Dasein unzufrieden. Allerdings ist es in ihrem Gebrauch schon zu etlichen Missgeschicken gekommen, weil es manchen Nutzern nicht gelang, ihr Bewusstsein nicht von ihrem Unterbewusstsein abzukoppeln, wenn sie sich auf einen Wunsch konzentrieren. So kam es beispielsweise zur Entstehung von 95 Babys einer Mutter, die eigentlich abtreiben wollte. Merke: Diese Maschinen sind MASCHINEN und keine Zauberstäbe!

Warum zwei Röhren, wird sich mancher Nutzer fragen. Die Veranschalichungs- oder Realisierungsröhre erzeugt ein materielles Produkt auf einen geistigen Befehl, so weit, so schön. Doch wie aus obigem Beispiel hervorgeht, ist eine Moderatorröhre erforderlich, um Gedankenbefehle zu filtern, deren Umsetzung verboten, unrealisierbar oder sittlich unangebracht ist. Eine der wackeren Prüferinnen des Galaktischen Verbraucherservices landete wegen Exhibitionismus im Knast, weil sie per Wunschmaschine erzeugte Kleidung trug, die nach einer Stunde durchsichtig wurde …

Geprüft wurden sieben Geräte für den Heimgebrauch, die alle so um die 25.000 Krediteinheiten kosten:

1) Füllhorn
2) Midas
3) Krösus (baugleich mit Midas, wie sich herausstellte, aber 200 KE billiger)
4) Unerschöpflich
5) Trillionär
6) Hexenmeister
7) Flaschengeist (Djinn; funktioniert nur in einer streng moslemischen Umgebung)

„Unerschöpflich“ fiel gleich auf, weil es sich um einen riesigen Kasten handelte, dessen Kontrollen auf zwei gegenüberliegenden Seiten angebracht sind, so dass der Bediener Arme von 3,2 Meter Länge braucht. Die Bedienungsanleitung – auf 16 von 100 Seiten – war in einem unverständlichen Kauderwelsch geschrieben, und die Garantie lautet wie folgt: „Wir lehnen Verantwortung jeder Art, Form, Größe und Farbe ab.“ Hmmm …

„Unerschöpflich“ erwies sich insofern als einzigartig, als der Apparat mit zwölf Kilo Technetium als Energiequelle beschickt werden musste – ein zusätzlicher Kostenaufwand von rund 17.000 KE. Das Gerät erzeugte Speisen – einer von drei Tests -, die mit Arsen und Brom versetzt waren und eine purpurrote Farbe aufwiesen – interessant. Die Klimaanlage erzeugte Chlorgas, das sofort abgesaugt werden musste, um das Leben des Prüfers zu retten.

Es kam zu zahlreichen Missgeschicken, unangenehmen Vorfällen, sogar Verbrechen wie Falschmünzerei oder Porno-Vertrieb, deretwegen sich der Galaktische Verbraucherservice einer Reihe von Gerichtsverfahren gegenübersieht. Der Superdistriktsanwalt teilte mit, dass „Unerschöpflich“ aus dem Sektor Andromeda stammt und womöglich einen ersten wirtschaftlichen Unterwanderungsversuch der Andromedaner von M31 darstellt. Kaufen Sie dieses Gerät UNTER KEINEN UMSTÄNDEN! Jeder, der es Ihnen andrehen will, ist wahrscheinlich ein andromedanischer Spion und sollte umgehend gemeldet werden!

|Mein Eindruck|

Wie schon bei den „preiswerten“ Zeitmaschinen hat sich Brunner für seine galaktische „Stiftung Warentest“ an Wunschmaschinen ein paar hübsche Ideen ausgedacht, komplett von der pannenreichen Erfindung des Geräts bis zur Entdeckung eines Invasionsversuchs. Man kann eben nie vorsichtig genug sein, wenn es um Wünsche und Maschinen geht!

Jedenfalls ist die scheinbar so trocken wirkende Materie voller menschlicher Schicksale – man kann sich lebhaft die wackeren Prüfer vorstellen, wie sie eine horrible Entdeckung nach der anderen machen, wenn sie nicht gleich mit Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus oder als Verbrecher im Knast landen. Man könnte ganze Romane daraus entspinnen.

_6) Bis der Tod euch scheidet (Death do us part, 1955)_

Arthur Jordan, ein Londoner Anwalt, stöhnt wie alle anderen unter der Hitzwelle, die England im Griff hält. Als er sich abends einen Whisky mixt, erscheint ein Gespenst. Nachdem er sein Nervenkostüm wieder repariert hat, hört Arthur dem Gentleman zu, der aus dem 18. Jahrhundert stammt und sich James Shaw of Clayhurst nennt. Dir Dürre hat es ihm erlaubt, die bislang hinderlichen Wasserläufe zu überwinden (Geister dürfen bekanntlich keine Wasserläufe überspringen) und zu Arthurs Domizil vorzudringen.

Sir James wünscht, von seiner ebenfalls verstorbenen Frau Kitty, einer zänkischen Nörglerin, geschieden zu werden. Ein kniffliges Problem, aber nicht unlösbar, wie sich erweist. Und eine neue Unterkunft besorgt er Sir James auch noch, als Arthur einen Mandanten näher kennenlernt, der aus den ehemaligen Kolonien jenseits des Atlantiks zurückgekehrt ist. Diesem Manne kann geholfen werden.

|Mein Eindruck|

Im zarten Alter von 21 oder 22 Jahren veröffentlichte Brunner diese nette Story, die durchaus Charme und Pfiff hat. Britische Ironie erlaubt ein paar Seitenhiebe auf die „Kolonien“ in Amerika, auf die unanständigen Sitten des 19. Jahrhunderts und die angenehmen Seiten „schlechten Wetters“, das hier in einer Dürre besteht.

_7) Seltsame Zoo-Tiere (Coincidence Day, 1965)_

Nigel Stonerley ist Verwalter des Nordamerikanischen (Südwesten) Extraterrestrischen Zoos NASEEZ) und Midge, seine Ehefrau, die PR-Chefin. Beiden steht ein langer und wunderlicher Tag bevor: der Zufall-Tag (Coincidence Day) nämlich. Es ist der seltene Tag, an dem 40 der 50 Außerirdischen für wenigstens fünf Stunden ein Höchstmaß an Aktivität zeigen. Klar, dass die Besucher nur so herbeiströmen. Hauptattraktion ist der intelligente Chuckaluck von Agassiz IV.

Kurz nach Öffnung des Zoos tritt jedoch die Sitten- und Moralwächterin Madam (ihr wirklicher Vorname) Senior-Jones (jawoll, das sind ihre echten Nachnamen) mitsamt Anhängerinnen auf und beklagt lautstark, dass die armen Wesen da so eingesperrt seien, wo ihnen doch jedes Recht auf Freiheit und Freizügigkeit zustünde. Sie belästigt sogar einen Raumfahrer, der mit Chuckaluck kommuniziert, einen gewissen Laban Howe: „Schande!“ Ob er sich nicht schäme, an diesem Spektakel teilzunehmen!? Howe hat überhaupt nichts dagegen. Da ruft Madam die Polizei.

Vor Gericht wird das unrühmliche Schauspiel mit Nigel als Angeklagtem fortgeführt. Zum Glück rettet der Auftritt des Kongressabgeordneten Sissoko den Tag für Nigel und Midge. Nach einem Wort mit Richter Corcoran wird das Schauspiel, an dem zahlreiche Medien Blut geleckt haben, abgesagt. Madam fällt in Ohnmacht.

Denn in Wahrheit verhält es sich genau andersherum: Der Zoo ist eine Kooperative der Außerirdischen und die Besucher sind ihre Studienobjekte. Aber die kostenlose PR war gut!

|Mein Eindruck|

Wieder mal nimmt Brunner eine klischeehafte Ausgangssituation und enthüllt erst am Schluss ihre wahre, nämlich den Erwartungen des Lesers völlig widersprechende Bedeutung. Auf die Idee, dass Aliens sich selbst eine Forschungsstation einrichten, diese als Zoo deklarieren und dann die Besucher als Forschungsobjekte begaffen, würde man auch nicht ohne weiteres kommen. Ansonsten ist die Story von viktorianischen Klischees geprägt: Wo gibt’s denn heute noch solche altjüngferlichen Sittenwächterinnen?

_8) Sprung in die Zukunft (Whirligig, 1967)_

Tommy Caxton und seine Solid Six ist eine Jazzkapelle, die neulich ein sehr merkwürdiges Erlebnis hatte. Nun liegt Tommy dem Aufnahmeleiter seiner Plattenfirma in den Ohren, er müsse unbedingt und schnellstmöglich das Stück „Gumshoe Stumble“ aufnehmen. Und zwar deshalb, weil es eine 500 Jahre alte 78er Platte gibt, auf der Tommy Caxton und seine Solid Six dieses Stück spielen – 500 Jahre in der Zukunft! Dorthin wurde die Combo nämlich neulich entführt, um auf der Geburtstagsparty von Miss Galena Smith aufzuspielen, und diesen Abend wird Tommy nie vergessen …

|Mein Eindruck|

Der gesamte Text ist ein einziger Monolog am Telefon, aber so lebhaft und in so astreinem Jargon formuliert, dass man ihm einfach folgen muss. Diese Authentizität lässt auf eine gewisse Vertrautheit des Autors mit der Musikszene schließen. Das habe ich auch in seinem Roman [„Doppelgänger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5940 von anno 1969 bestätigt gefunden. Außerdem kennt sich Brunner mit Jazz offenbar ausgezeichnet aus. Einem Leser, der keinen Jazz mag, dürfte die Geschichte allerdings weniger sagen.

_9) Der galaktische Verbraucherservice 3. Bericht: Überblick über die Leserschaft (1967)_

Die Zeitschrift „Der gute Kauf“ wollte im Jahr 2322 wissen, wer ihre Leser sind und was sie wollen, schickte also in die Galaxis ihren Fragebogen aus. Endlich, acht Jahre später, veröffentlicht sie die Ergebnisse. Denn es kamen etwa 2,6 Milliarden Rückantworten, und die überforderten die einsame alte Sekretärin in Buenos Aires. Auch gab es jede Menge Zustellprobleme, die wahrscheinlich demnächst zur Insolvenz des Verbraucherservices führen werden. Denn ein Leser schickte sich gleich selbst, weil er alles andere für unhöfliche gehalten hätte, doch weil er weder Einreiseerlaubnis noch ärztliches Attest vorweisen konnte, wird er in Quarantäne gehalten, in einem 40 Meter langen Warenhaus und auf Kosten der Föderation der Verbrauchergemeinschaften, versteht sich.

Wie auch immer, es gab auch Zuschriften, in denen sich Leser bestimmte Beiträge wünschten, so etwa über den Markt für planetenzerstörende Bomben (seltsamerweise aller von einer bestimmten Partei), Voyeuranzüge, die unsichtbar machen (der Leser wurde überfahren), und das Testen der 37 Freier, die eine junge Dame auf Hippodamia heiraten wollten. Die Lady wurde aus dem Leserverzeichnis gestrichen.

Die Frage, wer der durchschnittliche Leser sei, beantwortete der eingesetzte Computer auf verblüffende Weise: Es handelt sich zu über 40 Prozent um Superreiche auf Luxuswelten wie Eldorado. Dazu ging ein ergreifender Brief mit Diamanten-Schrift ein, ein zu Herzen gehender Hilferuf: „Wenn wir unser Vermögen nicht bis zum Mittsommertag ausgegeben haben, wird es vom Staat für allgemeine Zwecke eingezogen! Helft uns, es vorher auszugeben!“ Getty C. Midas dem XXXIII. kann geholfen werden. Es wird demnächst mehrere Luxusausgaben der Zeitschrift geben.

|Mein Eindruck|

Auch dieser Text erinnert in seiner Art und mit den angesprochenen Problemen an die galaktischen Satiren Stanislaw Lems aus den [„Sterntagebüchern“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=669 Immer wieder ertappte ich mich bei einem Schmunzeln. Am witzigsten ist wohl der Zusammenhang zwischen Reichtum und Sozialismus, den Getty C. Midas XXXIII. beklagt. Klingt nach England unter der Labour-Regierung, als der Steuersatz astronomische Höhen erreichte, von denen selbst die Beatles ein Lied zu singen wussten: „Taxman“!

_10) Zeit zum Töten (Nobody axed you, 1965)_

Die ganze Welt ächzt unter der Überbevölkerung, aber es lässt sich etwas dagegen unternehmen: töten. Gene Gardner ist der Regisseur und Mitschauspieler einer TV-Produktionsfirma für eine Show, in der immer neue Morde ausgetüftelt und gezeigt werden. Hauptsache, die Zuschauer lassen sich davon „inspirieren“ und bringen ihre Mitmenschen um, die ihnen zu dicht auf die Pelle rücken. Den Erfolg ihrer Show können Gardner und sein Boss Crane am BAT-Index wöchentlich ablesen. BAT bedeutet „bei Ankunft (im Krankenhaus) tot“ (englisch: DOA). Und in letzter Zeit ist der BAT-Index von rund 700 auf über 800 gestiegen. Ein schöner Erfolg. Aber für Crane nicht genug. Es gibt harte Konkurrenz.

In einer solchen Welt ist wertvoll, wenn jemand frigide und somit unfruchtbar ist. Daher rastet Gene völlig aus, als ihm seine Frau und Hauptdarstellerin Denise Delarose freudig mitteilt, dass sie schwanger sei. Na, das ist ein Schlag ins Kontor: Seine Glaubwürdigkeit als Propagandist des Tötens ginge ja völlig flöten, wenn das rauskäme! Klar, dass er will, dass sie den Fötus abtreiben lässt. Doch Denise reagiert lediglich mit Schweigen.

Nachdem der Produktionsbeirat mit Vertretern der Industrie, Regierung, Medien und Kirchenzensur Genes neuestes Konzept abgesegnet hat, macht er sich an die Produktion der neueste Show. Tatwerkzeug ist diesmal ein Gewehr mit 40 Schuss im Magazin. Denise scheint etwas im Schilde zu führen, das mit ihrer Doppelgängerpuppe zu tun hat, aber auch mit der Frau des Requisiteurs Al.

Als Gene im entscheidenden Moment mit seinem Gewehr auf Denise schießen soll, ist ihm jedenfalls nach all den Ablenkungen nicht hundertprozentig klar, ob diejenige, auf die er jetzt zielt, die echte Denise ist oder ihre leblose Puppe. Doch die Show muss weitergehen.

Gene drückt ab. Verdammt, die falsche! Aber wo er gerade so schön am Schießen ist …

|Mein Eindruck|

Es ist wahrlich keine schöne Welt, dieses übervölkerte London. Auf allen Gehsteigen und Straßen drängeln sich Menschen und Fahrzeuge. Kaum hat Gene einen Sitz in seinem Auto frei, lästern schon die Passanten, die diesen Frevel sehen. Aber die Cops kennen Genes Show zur Genüge und stehen ihm zur Seite. Seelenruhig wird der Nörgler abgeknallt. Einer mehr oder weniger, was macht das schon aus? Kein Wunder, wenn frigide Frauen sich sogar als solche mit einem Emblem kennzeichnen: Sie stehen hoch im Kurs. Im Gegensatz zu Schwangeren wie Denise, die sich auch noch über ihr Baby freuen.

Die Ironie an dieser extrapolierten Zukunftsvision, die auf den Vorhersagen des Club of Rome 1968 beruht, ist in mehrfacher Hinsicht bitter, auch wenn sie in sich selbst schlüssig ist. Die Tat, zu der Denise dann Zuflucht nimmt, stellt nicht nur Gene infrage, sondern das ganze System, dem er dient: Es ist die ultimative Negation des Lebens. Gene reagiert wie von Denise geplant. Sie stirbt zwar, doch der Schmerz und die Wut über ihren Tod, den er verursacht, richtet sich in Gene gegen diejenigen, die das Töten als kommerzielle Vernastaltung betreiben. Es ist eine psychische Implosion, die sich in der totalen Zerstörung des Lebens um ihn herum entladen muss.

Ein Rätsel gibt mir jedoch der Originaltitel auf: „Nobody axed you“ bedeutet eigentlich: „Keiner hat dich gefeuert“, in einer bei Afrikanern verbreiteten Dialektbedeutung aber auch: „Keiner hat dich gefragt“ (das x entspricht sk in „asked“). Dem Autor kam es offenbar auf die Assoziation mit „axe“, also „Beil“ an, ein Tötungswerkzeug, das in der Geschichte tatsächlich vorkommt.

_Die Übersetzung_

Bei Übersetzungen von Tony Westermayr ist stets größte Vorsicht angebracht. Schon auf Seite 21 geht’s los mit den Fehlern. Da steht der Satz: „in einem alten Gebäude, das in … Gegenstand …“. Gemeint ist natürlich ein „Gebäude, das in einer … Gegend stand“. Nur dass jemand das D und das Leerzeichen kürzte, um mehr Zeichen in die Zeile zu quetschen.

Auf Seite 74 scheint ein wichtiges Wörtchen zu fehlen. Es geht um die Garantiebestimmungen der Wusnchmaschine „Füllhorn“: „Die Hersteller sind [nicht?!] haftbar für a) die Erzeugnisse einer krankhaften Phantasie“ usw. Das klingt stark nach Haftungsausschlus. Folglich muss das Wörtchen „nicht“ eingefügt werden, damit der Satz einen Sinn ergibt. Allerdings kann es sich auch um einen vom Autor beabsichtigten Fehler handeln. Denn die Warentester empfehlen die Entfernung dieser seltsamen Klausel aus dem Garantievertrag. Das kann man gut nachvollziehen.

_Unterm Strich_

Die meisten Storys in dieser frühen Sammlung Brunners sind einfach nur durchschnittlich und manchmal nicht mal zum Lachen, sondern zum Fürchten. Herausragend fand ich hingegen die drei Berichte des Galaktischen Verbraucherservices. Hier kann es Brunner durchaus mit Stanislaw Lems Satiren in den „Sterntagebüchern“ aufnehmen.

Er benutzt die prosafremde Textsorte des Testberichts, um einige witzige Aussagen über so traditionsreiche SF-Klischees wie Zeitmaschinen und Wunscherfüllungsmaschinen zu machen. Im dritten Bericht zieht er dann die Leser der Zeitschrift „Der gute Kauf“ selbst durch den Kakao und macht auf einige bizarre Folgen gewisser Steuergesetzgebungen aufmerksam, die im damaligen England wahrscheinlich gar nicht so unbekannt waren.

|Originaltitel: Time Jump, 1973
Aus dem Englischen von Tony Westermayr
160 Seiten
ISBN-13: 978-3442232352|

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