Brussolo, Serge – Peggy Sue und der blaue Hund

_Fesselnd: Kampf gegen die Unsichtbaren_

Seit eine blaue Sonne am Himmel über Point Bluff scheint, ist alles anders. Die dümmsten Schüler triumphieren über ihre Lehrer, die Hunde spielen Schach und die Katzen lesen Gedanken. Nur die 14-jährige Peggy Sue, das Mädchen mit der Zauberbrille, ahnt die bevorstehende Katastrophe. Denn nur sie kann sie sehen, die Unsichtbaren. Kleine Wesen, die aussehen wie ein Klecks Schlagsahne, den Menschen aber Böses wollen. Als das Unheil sich ausbreitet, trifft Peggy Sue eine Entscheidung. Wird sie die Unsichtbaren besiegen können? (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Der Franzose Serge Brussolo wurde 1951 geboren. Nach dem Studium der Literatur und Psychologie begann er eine Laufbahn als professioneller Schriftsteller. Seine vielen Romane im Fantasy- und SF-Genre brachten ihm eine Reihe von Auszeichnungen ein. Laut Verlag gilt er als virtuoser Erzähler – das kann ich dank der Lektüre von „Peggy Sue“ und von „Der Schlaf des Blutes“ voll und ganz bestätigen. In Frankreich landete „Peggy Sue“ direkt nach Erscheinen auf der Bestsellerliste, wenn man der Verlagsinfo glauben darf.

_Handlung_

Peggy Sue Fairway hat ein schweres Problem mit der Wirklichkeit: Sie kann die Unsichtbaren sehen und alle anderen nicht. Und diese Fähigkeit soll ein Feengeschenk sein? Na, toll! Das ist aber nicht das Schlimmste. Die Unsichtbaren können sie dazu zwingen, Dinge zu tun, die sie gar nicht will. So schreibt sie beispielsweise an die Tafel in ihrem Klassenzimmer: „Flora Mitchell ist bis über beide Ohren in den Direktor verknallt.“ Brüllendes Gelächter. Nur Flora Mitchell lacht nicht, sondern läuft knallrot an. Und Peggy Sue hat schon wieder ein Problem.

Nachdem sie sich vom Direktor ihre Standpauke abgeholt hat, geht sie nach Hause, um wenigstens bei ihrer Familie Ruhe zu finden. Mit ihrer Mutter und der Schwester Julia lebt sie in einem Wohnwagen. Das ist das angemessene Domizil, denn wegen Peggy Sues unberechenbarem und antisozialem Verhalten – für das sie überhaupt nichts kann – wird sie ständig der Schule verwiesen, so dass sie zum nächsten Ort weiterziehen müssen. Ihre Mutter hat nicht die Qualifikation, sie selbst zu unterrichten, und dass Julia dieses Rumziehen kontraproduktiv findet, lässt sich leicht vorstellen: Die einzigen Jobs, die sie ergattern kann, sind die als Bedienung in Fastfood-Restaurants.

Aber Peggy Sue wurde, als sie sechs war und ihre erste Brille bekam, von der Fee mit einem weiteren Geschenk bedacht. Sie kann erstens mit den Unsichtbaren reden und sie zweitens mit einem scharfen Blick versengen. Diese Waffe ist leider stumpf geworden. Jedes Versengen kostet sie einen kleinen Teil ihrer Sehkraft. Deshalb trägt Peggy Sue inzwischen eine Brille mit Gläsern, die so dick sind wie Flaschenböden.

|Das kosmische Spiel|

„Warum hasst ihr die Menschen so?“, will sie von einem der Unsichtbaren wissen. Diese Wesen kommen von anderen Sternen und machen auf der Erde bloß Zwischenstation. Hier aber finden sie ihr größtes Vergnügen darin, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen, um dann mit Schadenfreuede zuzuschauen, wie sich gegenseitig wehtun. Und wenn es ihnen gelingt, Völker gegeneinander zu hetzen, wird ein Weltkrieg ausbrechen. Das wäre ihre allergrößte Freude.

Dass ihnen bei ihrem Vergnügen jemand über die Schulter sieht, empfinden sie als sehr störend. Daher unternehmen sie alles, dass Peggy Sue unterdrückt wird und keinerlei Spaß am Leben haben kann. Und ihre Familie selbstverständlich auch nicht. Julia und ihre Mutter wundern sich bloß über das verrückte Verhalten des Mädchens.

|Point Bluff |

Wieder einmal ziehen sie weg. Als sie in Point Bluff ankommen, das ringsum von schönem Wald umgeben ist, finden sie es heimelig und beschließen zu bleiben. Aber es dauert nicht lange und die Unsichtbaren haben Peggy Sue auch hier ausfindig gemacht. Seth Brunch, der Mathematiklehrer und das lokale Schachgenie, hat die junge Dame schon bald auf dem Kieker, denn er lässt sich nicht für dumm verkaufen. Aber das ist erst der Anfang. Für alle.

Als eine blaue Sonne über Point Bluff zu scheinen beginnt, verändern sich alle Wesen. Die Dummen werden schlauer, die Tiere beginnen untereinander zu sprechen und ein blauer Hund beginnt, auf telepathischem Wege mit Peggy Sue zu sprechen. Dem Mädchen wird es angst und bange. Kaum getraut sie sich, ihre Furcht ihrem Freund Greg mitzuteilen. Der findet das absurd. Aber er wird bald eines Besseren belehrt.

Die Tiere entfalten mit ihrer psychischen Kraft einen Psychoterror gegen die Menschen. Nur der blaue Hund verrät, was das zu bedeuten hat. Niemand will zunächst Peggy Sue abnehmen, dass die Tiere Forderungen stellen. Das wäre noch schöner, wenn die Menschen den Tieren gehorchen müssten. Doch wie sich zeigt, kann man weder Hilfe holen noch sich dem Psychoterror durch Flucht in die Wälder entziehen. Denn dort treiben die Unsichtbaren jeden zum Wahnsinn. Auch als Peggy Sue es versucht, wird sie von den Phantomen ausgetrickst.

Und schon bald erweist sich der mit geistigen Mitteln geführte Rachefeldzug der Tiere gegen die Menschen als alles andere als lustig. Sie müssen die Tiere als gleichberechtigte Bürger anerkennen, sonst setzt es was. Als die Menschen keine Tiere mehr essen dürfen und sowohl Obst als auch Gemüse verbraucht sind, bricht eine Hungersnot aus. Doch was sollen sie essen? Peggy Sue entdeckt entsetzt, dass die Menschen, die die Unsichtbaren nicht sehen können, ihre eigenen Kinder für knusprige Ferkel halten.

Sie weiß: Schuld daran sind bloß die verdammten Unsichtbaren. Doch wie kann man sie sie besiegen? Denn auch sie wird gejagt.

_Mein Eindruck_

Der Erzähler hält sich nicht lange mit einer Vorgeschichte auf oder erklärt, wie die Existenz von Unsichtbaren möglich sein kann. Auch erklärt er Peggy Sue nicht für verrückt, schließlich erledigen das schon die anderen Figuren für ihn. Es kann also gleich losgehen mit der Geschichte. Nun mag mancher Leser denken, es handle sich um eine Gespenstergeschichte, nur dass die Gespenster zufällig Außerirdische sind – also eine SF-Gespenstergeschichte?

Ja, und auch wieder nicht, denn sobald sprechende Tiere auftauchen wie der blaue Hund, der Peggy Sue zu seiner Dienerin macht, denkt der Leser an Tierfabeln von Äsop und anderen Autoren, ja, vielleicht sogar an die Gebrüder Grimm und ihren Gestiefelten Kater. Doch auch dieser Spaß findet spätestens dann sein Ende, als die Tiere telepathische Fähigkeiten verliehen bekommen und beginnen, sich an den Menschen, die ihre Artgenossen ja massenhaft getötet und verspeist haben, zu rächen.

|Die Revolution frisst ihre Kinder|

Das erinnert mich an die Französische Revolution. Die einfachen Bürger, Land- und Besitzlosen rächten sich für die jahrelange Ausbeutung und Unterdrückung an den Adeligen und Besitzenden, indem sie sie ab 1789 nicht nur einsperrten und enteigneten, sondern sie ab 1793 auch noch hinrichteten. Bekanntlich machten sie dabei vor dem König und seiner Königin nicht Halt.

Genau so halten es die Tiere. Die Menschen sind bereits von den Unsichtbaren in der Stadt eingesperrt. Nun gibt es allerdings zwei Fraktionen unter den Tieren: Die einen sind radikal und wollen die Menschen ausrotten, die anderen, Gemäßigteren, wollen sie nur als ihre Diener. Dieser Fraktion gehört der blaue Hund an, der als Sprecher gegenüber den Menschen fungiert. Als er traurig merkt, dass die Revolution der Tiere nicht mehr vor dem Hinrichten Halt machen wird, gibt er Peggy Sue ihre Freiheit zurück. Vielleicht kann sie ja etwas dagegen unternehmen.

|Look at Alice!|

Peggy Sue ist in mancher Hinsicht eine weiterentwickelte Alice im Wunderland. Einmal gelingt es ihr, eine Maus zu einem riesigen Raubtier zu vergrößern. Das erinnert an den Anfang von Lewis Carrolls Buch, als Alice selbst vergrößert und verkleinert wird (eine Erinnerung an das Größerwerden während des Aufwachsens). Dass mit einer Maus, die so groß und gierig wie ein Löwe ist, nicht gut Kirschen essen ist, versteht sich von selbst. Das ist nur eine der grotesken und makabren Situationen, in die Peggy Sue am laufenden Band gerät. Das gehört zu dem satirischen Ansatz, den das Buch an den Tag legt.

Das Einzige, was Peggy Sue und ihre Mitmenschen rettet, sind ihr scharfer Verstand, der am bloßen Anschein zweifelt, ihr Gewissen und ihre Beobachtungsgabe. Sie muss über sich hinauswachsen und ihre Mitmenschen vor dem sicheren Untergang bewahren. Dass sie dabei auch ihr eigenes Leben retten muss, versteht sich von selbst, aber es ist nicht alltäglich, dass eine Jugendliche sich für die Gemeinschaft einsetzt. Bekanntlich sind junge Mädchen eher mit sich und der rapiden Veränderung ihres Körpers beschäftigt. Nicht so Peggy Sue. Sie könnte statt vierzehn auch nur zwölf Jahre alt sein. (Sex mit Gespenstern – geht das? Durchaus, wie die Menge an einschlägigen Storys im Internet beweist.)

_Unterm Strich_

Der Jugendroman ist eine spannende Mischung aus allerlei Genres, wie ich oben zu zeigen versucht habe. Wer sich für „Alice im Wunderland“ begeistern konnte, dürfte auch an „Peggy Sue“ Gefallen finden. Die Szenen können jedoch schon ein wenig gewalttätig werden, aber das ist ja auch in den Grimmschen Märchen nicht anders. Und wie in „Hänsel und Gretel“ Kannibalismus angedeutet wird (Hänsel wird ja gemästet, und wofür wohl?), so auch in „Peggy Sue“, wobei es allerdings nicht bei der Andeutung bleibt.

Der Autor zeigt, wie sich in einer verkehrten Welt dennoch soziales Gewissen und Handeln als einzige Möglichkeit erweisen zu überleben. Seine Heldin mag zwar sehr kurzsichtig sein, doch mit ihren übersinnlichen Sehfähigkeiten hat sie ihren Mitmenschen dennoch erhöhte Erkenntnisfähigkeit voraus. Folglich muss sie die Mitmenschen lehren, klüger zu handeln. Wäre das nicht auch von unseren Kindern wünschenswert? Wenn wir nur auch auf sie hören würden!

|Originaltitel: Peggy Sue et les fantômes. Le jour du chien bleu, 2001
256 Seiten
Aus dem Französischen von Ingeborg Ebel|

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