John Burnside – In hellen Sommernächten

Das geschieht:

Kvaløya ist eine kleine Insel unweit der nordnorwegischen Küste. In dieser Region am nördlichen Polarkreis sind die Winter hart und dunkel. Im Sommer geht die Sonne dagegen wochenlang überhaupt nicht unter. Sie taucht das Land auch in den ‚Nächten‘ in ein unwirkliches, helles Licht, das vor allem dem für Irritationen empfindlichen Menschenhirn Streiche spielt.

Vor 15 Jahren hat sich die Malerin Angelika Rossdahl auf Kvaløya angesiedelt. Hier führt sie ein arbeitsreiches, zurückgezogenes Leben. Gesellschaft leistet ihr Liv, ihre Tochter, die den Vater niemals kennengelernt hat. In diesem Sommer des Jahres 2001 ist Liv 18 Jahre alt und eher noch einsiedlerischer als die Mutter. Kontakt hält sie nur zum alten Kyrre Opdahl, einem Einheimischen, der noch fest an die Realität einer Welt glaubt, die in der aufgeklärten Gegenwart längst unter dem Titel „Mythologie“ ad acta gelegt wurde.

Liv vertreibt sich die Zeit mit Streifzügen über die Insel. Dabei beobachtet sie die wenigen Einwohner und Feriengäste, die wegen der Mitternachtssonne nach Kvaløya kommen. So stark ist Liv auf sich konzentriert, dass sie von einer grotesken Tragödie eher beiläufig Notiz nimmt: Im Abstand nur einer Woche wurden die Leichen der Brüder Mats und Harald Sigfridsson aus dem Malangenfjord gezogen. Offenbar haben sie beide ein Boot gestohlen, sind aufs Meer hinausgefahren und über Bord gesprungen.

Opdahl meint eine „Huldra“ am Werk zu sehen – eine bösartige Nymphe, die Männer absichtlich in den Tod lockt. Sie scheint in die junge Maia gefahren zu sein, die mit beiden Sigfridssons verbandelt war und nun mit dem Sommerurlauber Martin Crosbie zusammen ist. Als Liv auf das seltsame Paar aufmerksam wird, fallen ihr schnell Seltsamkeiten ins Auge. Dann bemerkt Maia die neugierige Beobachterin …

Die Welt schlägt Falten

Was wäre, wenn ‚unsere‘ Realität nicht die einzige Existenzebene darstellte? In diversen Naturwissenschaften werden entsprechende Denkmodelle durchaus ernstgenommen. Für unsere Vorfahren stand es ohnehin außer Frage: Neben der bekannten Alltagswelt gibt es Regionen, in denen seltsame Wesen hausen, deren Lebensbereiche sich mit jener Welt überschneiden, die von den Menschen bewohnt wird. Damals ‚wusste‘ man, dass man vor allem in der Nacht bestimmte Waldstücke, Berggipfel oder Quellen besser mied, weil sich dort Kreaturen tummelten, die durchaus selbstbewusst auf ihre Privatsphäre achteten und allzu neugierigen Menschen das Gruseln lehren konnten.

Die Ära der Aufklärung trieb die Trolle, Kobolde, Feen und wie sie alle hießen in eine Nische zurück, die mit dem Stempel „Mythologie“ markiert wurde. Im nächtlichen Wald stolpert der Wanderer heute höchstens noch über ein erbostes Wildschwein (oder einen heimlich entsorgten Kühlschrank). Interessant bleibt nichtsdestotrotz die Frage, ob die genannten Wesen ihre Umsiedlung faktisch zur Kenntnis genommen haben. Für Künstler, Schriftsteller und sogar Drehbuchautoren ist diese Frage rhetorisch: Die Kreaturen sind vielleicht vorsichtiger geworden, aber verschwunden sind sie nicht. Noch immer halten sie an liebgewonnenen Aufenthaltsorten und unschönen Angewohnheiten fest. Der von ihnen verbreitete Schrecken ist sogar größer geworden, weil ‚man‘ nicht mehr an sie glaubt und sich vor ihnen sicher wähnt.

Unzählige Geschichten und Filme ranken sich um entsprechende Begegnungen. Vor allem die triviale Unterhaltung liebt die daraus resultierenden Verwicklungen, die oft unterhaltsam gewalttätig ausfallen. John Burnside ist allerdings ein lupenreiner Literat. Seine Bücher werden von ernsthaften Kritikern besprochen, die ihre fachkundigen Erläuterungen in den Feuilletons der bildungsbürgerlichen Presse ausbreiten. Keinesfalls ist Burnside ein simpler Geschichtenerzähler, weshalb er die Phantastik als Steinbruch betrachtet, aus dem er sich nimmt, womit er seine kunstvoll verrätselten Ausführungen über Gott, die Welt und den Menschen zu würzen gedenkt.

Eine Geschichte zweier Stätten

Wichtig ist es für den Schriftsteller, der in trivialen Gefilden wildert, stets durchscheinen zu lassen, dass die beschriebenen Merkwürdigkeiten sich notfalls als Folgen geistiger Störung oder schlichte Sinnestäuschung ‚erklären‘ lassen. Echter Spuk wird ungern gesehen, da er im Ruch profaner Bauchfreude steht. Auch Burnside arbeitet sich an entsprechenden Szenen auf.

Bei nüchterner Betrachtung ist „In hellen Sommernächten“ die Geschichte zweier außergewöhnlicher Frauen, in die der Verfasser phantastische Elemente einbringt, um die beim Leser geweckten Irritationen auf die Spitze zu treiben. Zumindest die Freunde der ‚reinen‘ Phantastik stellen sich womöglich die blasphemische Frage, ob dies der Maximierung des potenziellen Leserpublikums oder der heimlichen Liebe John Burnsides zum Genre geschuldet ist.

Auf keinen Fall geht es eine harmonische Beziehung ein. Über das zweite Buchdrittel hinaus erzählt Burnside von Liv und Angelika, die in ihrer selbstgewählten Einsamkeit ein in Ritualen erstarrtes Leben führen. Dass es mit diesen jede auf ihre Weise neurotischen, in einer unguten Beziehung gefangenen Frauen eine besondere Bewandtnis hat und sie deshalb empfänglich für die ‚andere Zone‘ sind, hat der Leser eigentlich rasch begriffen. Burnside fügt indes Szene an Szene, ohne seine Geschichte voranzutreiben. Höhepunkt ist ein Handlungsintermezzo, das in England spielt und problemlos übersprungen werden kann, weil es zwar wunderbar geschrieben ist aber doch nur variiert, was wir längst wissen.

Es braucht keine 300 Seiten, um Liv als beobachtendes „Auge“ und Angelika als dokumentierende „Hand“ zu identifizieren. Genau darauf lässt es Burnside jedoch hinauslaufen: Liv erkennt die Huldra hinter Maias Maske, während Angelika es dabei bewenden lässt, diese zu malen. (Oder ist die überfürsorgliche Angelika die Huldra? Oder Liv, die auf der wackligen Schwelle zwischen Mädchen und Frau schlicht eifersüchtig auf die lebensoffene Maia ist?) Erst die letzten 50 Seiten bringen endlich Bewegung in die Handlung: Liv gerät je nach Interpretation in eine ernste psychische Krise oder in eine Bruchzone zwischen den Welten. Was sie dabei erlebt oder zu erleben glaubt, zeichnet sie für den Rest ihres Lebens, wie ein zehn Jahre später spielender Epilog deutlich macht.

Hell aber unklar bis verschwommen

‚Literarisch‘ ist unbestreitbar Burnsides Wortgewalt, die glücklicherweise einen entsprechend begabten Übersetzer gefunden hat. (Viel schöner oder zumindest pompöser raunt Hans-Jost Weyandt im „Spiegel Online Kultur“ vom 26. März 2012 von |“einer Erzählerstimme, die Halt sucht im bedächtig prüfenden Gebrauch der Wörter“|.) Was er ausdrücken möchte, teilt sich am besten in den Beschreibungen der Insel Kvaløya mit, die zuvor den Filter von Livs betont rationaler, aber keineswegs zuverlässiger Wahrnehmung durchlaufen. Kvaløya ist quasi von Natur aus ein Ort zwischen den Welten. Paradoxerweise verstärkt die Mitternachtssonne, die drei Monate nicht unter den Horizont sinkt, diesen Status. Der menschliche Geist ist ständige Helligkeit nicht gewöhnt. Er ist irritiert und setzt aus. Das Licht lässt die Umwelt nicht hervortreten, sondern blendet, bis rätselhaft wird, was alltäglich ist, und jede Sicherheit sich mit den Konturen auflöst.

In einer solchen Umgebung fällt es leicht, an die Gegenwart einer fremden Dimension zu glauben. Deshalb ärgert es, dass Burnside so zimpert, bis er sich schließlich doch durchringt, das Fremde als Fakt offenbar werden zu lassen. Die Mehrheit der Kritiker beharrt auf einer Lesart, die Liv als gestörte, womöglich schizophrene Frau deutet, die nicht nur sich, sondern auch uns, ihre Leser, täuscht, und womöglich tiefer in die tödlichen Umtriebe auf Kvaløya verwickelt ist, als sie uns wissen lassen möchte oder als ihr selbst bewusst ist. Dieser Rezensent sieht dies anders und findet, dass Burnside sich klar für die Ausweitung der Realität entscheidet. (Aber hier macht sich möglicherweise ein lebenslanges Zuviel an definitiv nicht-literarischer Phantastik intellektaufweichend bemerkbar …)

Wie man zwischen den Sphären changiert, zeigen souveräner und gelungener John Ajvide Lindqvist (vor allem in „Människohamn“, dt. „Menschenhafen“) oder Johan Theorin in seiner „Öland“-Serie. „In hellen Sommernächten“ bietet vor allem Subtext und Atmosphäre – so viel Atmosphäre, bis nur der hochnordische Schauplatz verhindert, dass der Leser merkt, wie viel heiße Luft ihm der Autor dabei manchmal ins Gesicht bläst.

Autor

Am 19. März 1955 in der schottischen Kleinstadt Dunfermline geboren, studierte John Burnside Englisch und Europäische Sprachen in Cambridge. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst als Programmierer, bevor er sich 1996 als freier Schriftsteller niederließ.

Das Risiko schien gering, denn zu diesem Zeitpunkt gehörte Burnside bereits zu den Großen der zeitgenössischen Literatur. Zudem hat er einen Lehrstuhl für Kreatives Schreiben, Literatur und Ökologie an der schottischen St. Andrews University inne.

Burnside betrat die Literaturszene als Poet. „The Broon Hoop“ lautete der Titel einer 1988 veröffentlichten Sammlung von Gedichten, für die der Autor mit einem „Scottish Arts Council Book Award“ ausgezeichnet wurde. Burnside ließ dieser Sammlung mehr als ein Dutzend weiterer, wiederum oft oder sogar mehrfach preisgekrönter Kollektionen folgen.

Ein erster Roman („The Dumb House“) erschien 1997, weitere Werke und Kurzgeschichten folgten. Auch hier wurde Burnside reichlich mit Literaturpreisen – darunter 2011 mit dem deutschen „Petrarca“ – bedacht. Darüber hinaus schreibt er eine Kolumne für die Zeitung „The Guardian“.

Gebunden: 381 Seiten
Originaltitel: Summer of Drowning (London: Jonathan Cape 2011)
Übersetzung: Bernhard Robben
ISBN-13: 978-3-8135-0460-6
E-Book: 539 KB
ISBN-13: 978-3-641-07244-5
www.randomhouse.de/knaus

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