Bussy, Pascal – Kraftwerk – Mensch, Maschine und Musik

KRAFTWERK. Alleine dieser Name löst bei vielen Musikliebhabern noch immer eine Gänsehaut aus. Die aus Düsseldorf stammende Gruppe gehört nach wie vor zu den mysteriösesten und faszinierendsten Erscheinungen in der gesamten Musikwelt, und diesen Status haben die Elektronik-Pioniere auch in den letzten 30 Jahren nie einbüßen müssen. Doch die beiden Köpfe Ralf Hütter und Florian Schneider waren auch stets bemüht, das Mysterium aufrecht zu erhalten und den Ruf der anonymen, undurchschaubaren Band ins neue Jahrtausend zu retten. Kein Wunder also, dass die beiden nicht allzu sehr davon begeistert waren, als Pascal Bussy ihnen bereits 1993 das Manuskript zu dieser Biographie vorlegte. Um die Authentizizät zu bewahren, wollte der Autor der Band die Chance geben, eventuelle Fehler auszubessern bzw. ungeklärte Fakten zu korrigieren. Diese Gelegenheit nahmen KRAFTWERK jedoch nicht in Anspruch, so dass das Buch kurze Zeit später auf den Markt gelangte. Erst jetzt meldete sich Schneider mit dem lapidaren Kommentar „Das Buch ist scheiße“ zu Wort und führte eine hitzige Diskussion mit dem Herausgeber. Der größte Kritikpunkt: Die meisten Sachen seien frei erfunden. Nun, bei einer Band, deren Geschichte zu einem ziemlich großen Prozentsatz aus Gerüchten und Vermutungen besteht, war so etwas vorauszusehen. Dementsprechend zwiegespalten waren die Reaktionen auf die ursprüngliche Fassung. Die eine Hälfte war sehr begeistert von Bussys Werk, die andere Hälfte, so vermutet Bussy, war nur deswegen so kritisch, weil man die Musiker nicht verstoßen wollte.

Wie auch immer, seitdem ist sehr viel Wasser die Seine heruntergeflossen, und zwölf Jahre später präsentiert der Autor eine neue und vor allem aktualisierte Fassung. Wobei ‚aktualisiert‘ ein relativer Wert ist, denn auch weiterhin haben sich Schneider und Hütter geweigert, viel mehr Fakten herauszurücken. Immer noch basieren viele Informationan auf reiner Spekulation, was Bussy auch anfangs sehr ehrlich erklärt. Doch seiner Ansicht nach haben die Fans eine Biographie und damit auch die Wahrheit über die Band verdient, und mit dieser Intention hat er das 1993 erstveröffentlichte Buch nun ein weiteres Mal aufgelegt.

Bussys ausgiebiges Wissen über KRAFTWERK basiert in erster Linie auf unzähligen selbst geführten Interviews mit den Mitgliedern der Band, die allesamt vor dem Erscheinungstermin der Ursprungsversion getätigt wurden. Außerdem entnimmt der Autor auch noch viele Informationan aus Interviews von Kollegen. Der Löwenanteil der Recherche geht auf den Anfang der Neunziger zurück, wo Bussy im dauerhaften Kontakt zur Band stand.

In mehreren Kapitel wird in „Kraftwerk – Mensch, Maschine und Musik“ die komplette Geschichte der Band erzählt, und natürlich lässt Bussy es sich in diesen einzelnen Abschnitten nicht nehmen, immer wieder den Versuch eines Blickes hinter die direkten Kulissen des Mysteriums zu wagen. Für den Leser bleibt lediglich das Problem bestehen, dass man stellenweise immer noch nicht genau weiß, ob sich dies oder jenes genau so wie hier berichtet abgespielt hat. Selbst wenn die meisten Quellen als sicher gelten – Schneider und Hütter werden schon ihre Gründe haben, warum ihnen die Ausführungen des Autoren größtenteils widersagen.

Vielleicht sollte man diesen Gedanken aber mal in den Hintergrund drängen, denn schließlich ist hier ein sehr ausführliches und unheimlich interessantes Portrait einer total eigenwilligen Musikervereinigung entstanden, deren Einfluss auf die gesamte Musikwelt immens groß war bzw. immer noch ist. Bussy erläutert den Kult um die Meister der sterilen Töne und wirft einen sehr detaillierten Blick auf die visuelle Performance des Projekts. Dazu geht er immer wieder auf die Köpfe und Visionäre hinter dem Unternehmen KRAFTWERK und natürlich auf das legendäre Klingklang-Studio, das irgendwo an einem unscheinbaren Platz in Düsseldorf eingerichtet wurde, ein. Hauptsächlich versucht der Autor allerdings, die Fragen zu beantworten, die hinter der von der Band selber erbauten Mauer des Schweigens bisher verhüllt blieben. In diesem Zusammenhang finde ich die folgende Beschreibung im Hinblick auf den kompletten Rückzug aus der Öffentlichkeit auch sehr treffend: „…zurückgezogene Genies, die in der selbsterrichteten Exklusivität ihres Studios emsig vor sich dahinwerkelten …“. Könnte man die Legende KRAFTWERK und ihre Verschwiegenheit noch besser beschreiben?

Als Letztes möchte Bussy aber auch unterhalten, und das gelingt ihm wirklich vorzüglich. Der Mann wühlt sich tief durch die Materie und lässt nicht eine einzige Andeutung im Raume stehen. Fragen werden aufgeworfen, dann aber auch beantwortet; und es gibt keinen Moment im Buch, bei dem man den Eindruck bekommt, der Autor wolle den Inhalt nur herunterrasseln. Es wird sehr deutlich, dass Bussy sich diesem Stoff jahrelang gewidmet und teilweise auch für die Liebe zu dieser Band gelebt hat. Aufgrund der kritischen Betrachtung der einzelnen Bandmitglieder bewahrt er aber eine angenehm neutrale Haltung, die dem Buch schließlich die nötige Glaubwürdigkeit verleiht. Träumen darf Bussy dennoch; so zum Beispiel in den verschiedenen Zukunftsvisionen, die zwischendurch eingeworfen werden. So beschreibt Bussy beispielsweise ein Szenario, bei dem die Band auf der ganzen Welt parallel Konzerte gibt, die allesamt von einem Ort gesteuert werden. Durch solche netten Ergänzungen bekommt die Darstellung der kalt wirkenden Band letztendlich noch ein Fünkchen Leben eingehaucht, und die Intention der nahezu perfekt erscheinenden Biographie rückt auch ein wenig näher ins Visier.

KRAFTWERK haben mit ihrer Musik Pionierarbeit geleistet, und das gilt für so viele verschiedene Genres. Daher ist dieses Buch auch für jeden einzelnen Musikfreund interessant, denn egal wie die individuellen Vorlieben geartet sind, ein bisschen KRAFTWERK steckt immer drin. Aber es ist nun mal so, dass die Geschichte dieser Band eine ganze Menge zu bieten hat, das zu lesen sich lohnt, und weil Bussy dies alles wunderbar in seinem Buch eingefangen hat, kann man „Kraftwerk – Mensch, Maschine und Musik“ als semi-offizielle Biographie akzeptieren und das Buch nur wärmstens empfehlen.

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