Byrne, Alan – Abenteuer von Phil Lynott & Thin Lizzy, Die

Der unmissverständliche Titel dieses Buches macht schon vor Beginn des Lesevergnügens klar, das sich der Autor hier nicht nur mit der Geschichte der Band THIN LIZZY auseinandergesetzt hat, sondern sich darüber hinaus auch eingehend mit jenem Charakter befasst, der diese Formation quasi personifizierte: Phillip Parris Lynott.

In insgesamt 15 Kapiteln, die den Werdegang von Lynott und seiner Band chronologisch abhandeln, lässt Autor Alan Byrne die Geschichte jenes Mannes noch einmal Revue passieren, der zeit seines Lebens immerzu mit genialen Kompositionen aufhorchen hat lassen, jedoch nahezu zeitgleich auch von seinen persönlichen Problemen gestoppt wurde. Recherchiert und aufgearbeitet wurde die Geschichte des Künstlers Lynott, begonnen bei seiner Herkunft und weit über seinen Tod am 4. Jänner 1986 hinaus. Zudem wurde auch mit Bildmaterial nicht gespart, so dass neben unzähligen gelungenen Live-Shots auch einige Impressionen aus dem Privatleben des Phillip Lynott in diesem Buch zu bestaunen sind.

_Inhalt_

Zunächst muss festgehalten werden, dass es sich wohl um das erste deutschsprachige Buch handelt, in dem die Historie dieses Mannes und seiner Bands abgehandelt wird, doch das Original von Alan Byrne wurde bereits im Jahre 2004 unter dem Titel „Thin Lizzy“ veröffentlicht. Die Übersetzung von Ulf Imwiehe lässt keine Fragen offen und scheint sich sehr nahe an das Original zu halten. Zusätzlich hat Alan Byrne eine einführende und offenbar aktualisierte Danksagung dem Inhalt vorangestellt, aus der hervorgeht, dass der Autor satte fünf Jahre an diesem Buch gearbeitet hat. Respekt und zugleich Gratulation zu einer sehr umfangreichen, aber dennoch keineswegs verwirrenden Umsetzung dieser Fülle an Details.

Der Autor beleuchtet zunächst die Kindheit des Künstlers Lynott, der ab dem Zeitpunkt seiner Geburt damit zu kämpfen hatte, ein dunkelhäutiges Kind, das noch dazu ohne Vater aufwachsen musste, im Dublin der 50er Jahre gewesen zu sein.
Bedeutend war die Mutter des Künstlers Philomena Lynott. Da sie dem Kindsvater Cecil Parris, einem Brasilianer afrikanischer Herkunft, einen Heiratsantrag ausschlug, war das Schicksal für Philomena und Phil wohl einigermaßen besiegelt. Der Vater diente in der Army, während Philomena es vorzog, den Sohn alleine großzuziehen. Schon vor der Geburt des Kindes war sie mit unzähligen rassistischen Vorurteilen konfrontiert, schließlich war diese Tatsache im erzkatholischen Irland zu jener Zeit nicht unbedingt das, was man sich unter „Moral“ vorstellte.

Ab dem Zeitpunkt von Philips Geburt am 20. August 1949, als Philomena nach England übersiedelt war, um ihrem Job nachzugehen, prägte sein Umfeld die spätere Karriere. Aufgewachsen war Philip bei den Großeltern mütterlicherseits in Irland, da das Geld trotz eines ständigen Jobs der Mutter für die beiden einfach nicht reichte. Philip musste ebenfalls seit frühester Kindheit unzählige rassistische Anspielungen über sich ergehen lassen. Dadurch von der Realität offenbar schwer enttäuscht, flüchte sich der Knabe fortan in seine eigene Welt. Durch einen Onkel kam Phil in frühester Jugend nicht nur mit dessen Schallplattensammlung in Kontakt, sondern wurde von diesem auch dazu animiert, selbst Musiker zu werden.

Nachdem man ausreichend über die Jugend des Protagonisten des Buches in Kenntnis gesetzt werden konnte, widmet sich der Autor ebenso detailverliebt der Abhandlung der musikalischen Geschichte von Phil Lynott. Über besagten Onkel fand Phil auch Anschluss an seine erste Band, eine kompositorisch kaum bedeutende Covertruppe namens BLACK EAGLES. Trotzdem darf diese Formation musikhistorisch als wichtig betrachtet werden, schließlich kreuzten sich dort die Wege von Phil und seinem späteren Langzeitgefährten, dem Schlagzeuger Brian Downey. Mit den BLACK EAGLES begann die musikalische Laufbahn des damals noch blutjungen Philip Lynott, die trotz ihrer Kürze unzählige auditive Diamanten ans Tageslicht befördern sollte. Die Namen SKID ROW und ORPHANAGE werden dem Liebhaber harter Rockmusiker mit Sicherheit bekannt sein, doch aufgemerkt, diese Bandnamen existierten bereits vor langer Zeit und sind in erster Linie in unmittelbarem Zusammenhang mit Phil Lynott zu bringen, erst wesentlich später wurden diese Bandnamen neuerlich entdeckt und abermals verwendet.

Als sich die damalige Ansammlung junger, hungriger Musiker dazu entschied, den Namen THIN LIZZY (der aus einem Comic namens „The Dandy“ stammt, in dem ein weiblicher Roboter mit Namen TIN LIZZIE vorkommt, und zugleich auch einen Tribut an das erste Auto darstellte, das Ford jemals gebaut hat, die so genannte TIN LIZZY, das jedoch in der Heimat der Band aufgrund der irischen Aussprache ohnehin zu „thin“ statt „tin“ wurde) für ihre Band auszuwählen, war der Band mit Sicherheit nicht bewusst, dass sie im Laufe der lediglich knapp mehr als zehnjährigen Existenz dieser Formation Musikgeschichte schreiben sollten.

Die selbstbetitelte, auf dem legendären Label Decca veröffentlichte LP im Jahre 1971 gab den Startschuss; eine mittlerweile wohl nur nach einem Lottogewinn oder mittels kurzfristigem Kleinkredit zu erwerbende EP mit dem Titel „New Day“, die im selben Jahr veröffentlicht wurde, sollte folgen und durch kreative Vielfalt im Laufe der Jahre zu einer Unzahl an hochklassigen Veröffentlichungen führen, deren Einfluss auch heutzutage nicht aus der hartrockenden Musikgemeinde wegzudenken ist.

Während andere Formationen im Laufe ihrer Zeit das Auskommen damit fanden, ihren eigenen Stil zu kreieren und diesen im besten Fall im Laufe der Zeit zu optimieren, war bei THIN LIZZY kein Album dem anderen gleich. Natürlich gab es über die Jahre hinweg Kompositionen, deren Entstehung durch Einflüsse aus dem eigenen Repertoire bedingt war, aber in der Summe lassen sich Veröffentlichungen von THIN LIZZY nur sehr schwer miteinander vergleichen. Daran war aber nicht nur der offensichtlich sehr unterschiedliche emotionale Zustand des Hauptkomponisten Lynott die Schuld, sondern wohl auch die Tatsache, dass bei THIN LIZZY über die gesamte Existenz viele unterschiedliche Musiker tätig waren und durch ihren Stil jenen der Band entscheidend mitprägten. Eine Liste der ehemaligen THIN LIZZY-Musiker liest sich wie eine Art „Who is who“ im Musikgeschäft, oder sollte es tatsächlich Liebhaber des harten Rocks geben, der mit Namen wie Brian Robertson, Gary Moore oder John Sykes, um nur einige der Gitarristen zu nennen, die im Laufe der Zeit Seite an Seite mit Phil für ausverkaufte und umjubelte Konzerte weltweit sorgten, nichts anzufangen wissen?

Abgesehen von den aufgrund ihrer stilistischen Mannigfaltigkeit in der Presse immer wieder unterschiedlich aufgenommen Scheibletten, die Alan Byrne detailliert und mit zahlreichen Kommentaren zu Charteinstiegen und Hintergründen in diesem Buch dokumentiert hat, waren es die Konzertreisen, die den Erfolg von THIN LIZZY ausmachten, und dazu dürfen natürlich auch Hintergrundstorys dieser unzähligen Tourneen nicht fehlen. Phil und Co. waren demnach nicht immer eine beliebte Band, mit der man auf Tour gehen „durfte“, mitunter war deren Gehabe hinter der Bühne so ganz und gar nicht mit dem der anderen Band zu vereinbaren. Das Paradebeispiel dafür waren wohl die Mormonen von BACHMAN TURNER OVERDRIVE, die mit THIN LIZZY absolut nicht harmonierten – weshalb, kann man sich wohl lebhaft vorstellen. Trotz hochwertiger Alben konnte man aber an erhoffte und teilweise auch erwartete Charterfolge nicht wirklich herankommen. Im Gegenteil, im Laufe der Zeit wurden die Verkaufszahlen immer geringer und Phil verfiel bedingt durch seine Alkohol- und Drogensucht körperlich immer mehr. Zudem war die in der Anfangszeit als Stabilitätsfaktor zu betrachtende Familienharmonie (Phil war verheiratet und hatte zwei Töchter) nicht zuletzt durch sein nicht gerade zurückhaltendes Leben schwer ins Wanken geraten.

Bedingt durch den Markt und auch die Tatsache, dass sich einige seiner wichtigsten Kollegen mehr ins Privatleben zurückzogen, startete Phil mit der Intention, unter dem Namen GRAND SLAM einen Neubeginn zu starten, da THIN LIZZY nach der Veröffentlichung des Doppelalbums „Life“ mehr oder weniger Geschichte waren. GRAND SLAM starteten perfekt in die neue Karriere und konnten trotz der Tatsache, noch kein Veröffentlichung vorweisen zu können, auf ausgedehnte Tournee gehen. Diese Band hatte aber auch ein sehr interessantes Live-Programm zu bieten, bestehend aus Lynott-Kompositionen, die von seinen Solo-Alben stammten, einigen THIN LIZZY-Nummern und zusätzlichen Coverversionen. Doch leider blieb GRAND SLAM nicht nur der Durchbruch, sondern zeit ihres Bestehens sogar eine Veröffentlichung, verwehrt. Zum einen, weil das Business sich schwer tat, die Band von THIN LIZZY zu differenzieren, zum anderen, weil Phil selbst im Jahre 1984 körperlich und wohl auch seelisch am Ende zu sein schien. Die Trennung von seiner Frau, einhergehend mit der Tatsache, dass er dadurch seine beiden Töchter nach richterlichem Beschluss nicht so häufig sehen dürfte, wie er es wollte, taten ihr Übriges zum ohnehin von Alkohol und Drogen bedingten schwachen Zustand des Künstlers. Nichtsdestotrotz versuchte Lynott noch einmal durchzustarten und das noch nicht einmal mit geringem Erfolg, um sich abermals in der Musikgeschichte zu verewigen. Zusammen mit Gary Moore glänzte Lynott auf ‚Out In The Fields‘, jener Nummer, von der wohl Moore auf Lebenszeit seine höchsten Chartplatzierungen innehaben wird. Plötzlich war der Name Phil Lynott wieder in aller Munde, sein Antlitz war sogar in unzähligen Fernsehstationen zu sehen, schließlich galt es, die Single in einigen Fernesehshows auch durch Auftritte amtlich zu promoten. Doch das abermals entfachte Feuer sollte leider nicht lange brennen, denn trotz aller Bemühungen von Phil, seine eigene und auch die Karriere von GRAND SLAM nochmals voranzutreiben, hatte sich sein Gesundheitszustand weiterhin verschlechtert. Als letztes Werk kam es zu einer Kollaboration mit Paul Hardcastle für einen Song mit dem Titel ‚Nineteen‘, der Hardcastle einen Hit bescherte. Doch zu mehr als einem letzten Aufblitzen der künstlerischen Genialität Lynotts sollte es nicht mehr kommen.

An Weihnachten des Jahres 1985 fiel Phil in ein Koma, aus dem er nicht wieder erwachen sollte. Am 4. Jänner 1986 verstarb Phil schließlich an den Folgen, in den letzten Tagen zu keiner Sekunde von seiner Mutter allein gelassen. Die Tragödie rund um den in den Monaten zuvor wohl absehbaren Tod dieses Künstlers sollte aber keineswegs das Ende des Mythos rund um die Person Phil Lynott bedeuten. Im letzten Kapitel widmet sich der Autor den Aktivitäten seiner ehemaligen Mitstreiter und jenen Veröffentlichungen, die posthum ans Tageslicht gelangten.

Da Phil seine Heimatstadt Dublin immer würdigte und seine Herkunft niemals verleugnete, hatte ihm diese auch posthum eine Ehre erwiesen, die wohl kaum einem Künstler zuteil wird. Am 19. August 2005 wurde in der Grafton Street ein Denkmal von Phil errichtet, das uns auf ewige Zeiten an diesen genialen Musiker erinnern soll. Eine gebührende Ehrerbietung, wie ich meine, aber seine Songs werden auch ohne diese für immer weiterleben.

_Fazit_

Die insgesamt 256 Seiten lesen sich, wie für Veröffentlichungen aus dem |Iron Pages|-Verlag geradezu Usus, leicht verständlich und sind sehr anschaulich gestaltet. Das eingestreute Bildmaterial harmoniert perfekt mit den Worten und lockert das Lesevergnügen auf. Die Geschichten und zahlreichen Interviews bringen Tatsachen auf den Tisch, die auch weit über das eigentliche Thema hinausgehen und somit weitere musikhistorisch interessante Daten liefern. Es wundert mich nun ehrlich gesagt nicht mehr, weshalb beispielsweise Brian Robertson nicht unbedingt lange bei MOTÖRHEAD aktiv war. Führt man sich nämlich vor Augen, dass dieser Gitarrist schon bei THIN LIZZY in der damaligen Besetzung als der eher feinfühligere, sensiblere Musiker galt, wundert es wohl kaum noch, dass er neben Lemmy nicht wirklich glücklich werden konnte. Aber das ist nur eines der vielen Details am Rande, die es im Laufe des Lesevergnügens – ein solches ist dieses Buch mit Sicherheit geworden – zu entdecken gibt.

Eine allumfassende Diskographie wäre zwar noch eine abrundende Angelegenheit gewesen, aber diese gibt es mittlerweile ohnehin unzählige Male im Netz zu finden.

Empfehlenswert ist der Schmöker aber nicht nur für eingeschworene Fans der Band, sondern für jenen Musikfanatiker, dem der Name THIN LIZZY bisher nur aus anderen Biographien und / oder Informationen bekannt ist.

|Originaltitel: THIN LIZZY, 2004
Aus dem Englischen übersetzt von Ulf Imwiehe
256 Seiten|

http://www.ironpages.de

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