Camilleri, Andrea – Flügel der Sphinx, Die. Commissario Montalbano sehnt sich nach der Leichtigkeit des Seins

_Inhalt_

Wie so häufig beginnt der Tag für Salvo Montalbano mit einem frühen Telefonanruf: Die unbekleidete Leiche einer schönen jungen Frau wurde gefunden. Ihr Gesicht ist durch einen Schuss unkenntlich, doch auf ihrem Schulterblatt findet sich die Tätowierung eines Schmetterlings. Montalbano geht der Fall nahe: Seit einigen Jahren kann er junge Mordopfer fast nicht mehr ertragen. Und dieses Mädchen wurde erschossen und auf eine wilde Müllkippe in einem ausgetrockneten Flussbett geworfen.

Wütend und voller Elan macht der Commissario sich an die Ermittlungen, und nicht zum ersten Male ist es seine liebe alte Freundin Ingrid, die ihm einen entscheidenden Hinweis liefert. Montalbano freut sich bereits über die heiße Spur, doch bekommt er einen weiteren Tipp von einem selbst ernannten Gentleman alter Schule, dessen Erziehung etwas eigenwillig gewesen sein mag: Das Tattoo erweist sich als hilfreich, aber nicht als einzigartig.

Wer sind diese jungen Frauen, die die Schmetterlinge verbinden? Montalbano stößt im Zuge seiner Ermittlungen auf eine altruistische Gesellschaft namens „Der gute Wille“, die die Mädchen vor der Prostitution bewahren und ihnen ein solides, anständiges Leben ermöglichen möchte.

Dem zynischen Commissario kommen ein paar Dinge an dieser Geschichte bedenklich vor, und er weiß, dass er sich auf seinen Instinkt im Allgemeinen verlassen kann. Worauf er sich leider auch verlassen kann, ist die Tatsache, dass ihm in politisch brisanten Fällen von höherer Position aus Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Diesmal bricht er sich im übertragenen Sinne fast die Beine. Je mehr man ihn jedoch an der kurzen Leine hält, desto sicherer weiß er, dass er auf der richtigen Spur ist.

Und doch – auch, wenn es hier nach unlauteren Machenschaften stinkt, gibt es doch ein paar irritierende Indizien, und der Commissario streckt seine Fühler auch in eine andere Richtung aus …

_Kritik_

Das Wiedersehen mit Salvo Montalbano ist so schön wie immer. Wer das Vergnügen noch nicht hatte, dem sei es wärmstens ans Herz gelegt. Seit seinem ersten Erscheinen hat der Commissario schon so einiges durchmachen müssen, und seiner Entwicklung zu folgen, war ebenso spannend wie die Fälle, die er zu lösen hat.

Auch die übrigen bekannten Gesichter sind wieder dabei: Fazio mit dem „Einwohnermeldeamtfimmel“, der ehemalige Frauenheld Augello, nun aufopfernder, wenngleich ab und an entnervter Familienvater, Catarella mit dem kindlichen Gemüt und den überragenden Computerfähigkeiten. Dann Adelina, die zuverlässige Haushaltshilfe mit den außergewöhnlichen Kochkünsten und der notorisch kriminellen Familie, und natürlich Livia, Salvos Langzeitfernbeziehung – aber oh, es gibt Streit. Schlimmen Streit, der das Gefüge der langjährigen Beziehung ins Wanken bringt. Und es gibt Klärungsbedarf …

Glücklicherweise kommt auch die Beschreibung des großartigen sizilianischen Essens wieder einmal nicht zu kurz. Und die Mischung aus den ausgefeilten Charakteren, den verzwickten Fällen, dem umwerfenden Humor und dem unnachahmlichen Stil macht diesen Roman nicht eben überraschend, aber zuverlässig zu einem Geschenk.

Ohne zu viel zu verraten, möchte ich doch darauf hinweisen, dass, wer in dem Montalbano-Roman „Der Dieb der süßen Dinge“ die Szene mit dem groß angelegten Bluff Colonello Pera gegenüber genossen hat, auch in diesem Band nicht zu kurz kommen wird.

_Fazit_

Andrea Camilleri ist einer der ganz Großen, weise und humorvoll und ausgesprochen scharfsinnig. Es ist nicht verwunderlich, dass Salvo Montalbano eine große Fangemeinde besitzt. Nicht wenige Fans sind süchtig nach seinen Abenteuern, und für sie ist natürlich die Lektüre dieses Krimis ein Muss. Allen anderen sei dies ebenfalls dringend empfohlen.

Camilleri weiß übrigens nicht nur Kriminalromane zu schreiben: Wer also Krimis nicht mag, aber trotzdem in den Genuss des außergewöhnlichen Talents dieses Mannes kommen möchte, könnte anfangen mit der Lektüre von „Der zweite Kuss des Judas“. Sie werden sich scheckig lachen. Versprochen.

|Originaltitel: Le Ali della Sfinge
übersetzt von Moshe Kahn
ISBN: 978-3-7857-2378-4 (3-7857-2378-4)
Hardcover/Leinen mit Schutzumschlag
271 Seiten
Preis: 19,99 EUR (D), 20,60 EUR (A), 34,50 SFR (UVP)
Ersterscheinungsdatum: 09.10.2009|
http://www.edition-luebbe.de
http://www.andreacamilleri.net
http://www.andreacamilleri.de.tt
http://www.vigata.org

Schreibe einen Kommentar