Camilleri, Andrea – Von der Hand des Künstlers

_Montalbano traut dem Anschein nicht_

Der exzentrische Büchersammler und Goldschmied Alberto Larussa wird tot in seinem Atelier aufgefunden – in seinem Rollstuhl, der als elektrischer Stuhl umgebaut wurde. Die Polizei ist überzeugt: Es war Selbstmord. Der Fall scheint klar, doch Montalbano ist misstrauisch. Schließlich erbt der jüngere Bruder nun das beträchtliche Vermögen Larussos …

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Der Sprecher_

Gerd Wameling, geboren 1948 in Paderborn, ging 1974 an die Schaubühne in Berlin, deren Ensemble er fast 20 Jahre lang angehörte. Seit 1992 ist er freier Schauspieler und Sprecher und spielte in diversen TV-Filmen und –Serien mit sowie u. a. in Wim Wenders’ Kinofilm „In weiter Ferne so nah“. Wameling ist nach Verlagsangaben einer der bekanntesten deutschen Rundfunk- und Hörbuch-Sprecher.

_Handlung_

Morgens um sechs Uhr reißt Montalbano ein Anruf aus dem Schlummer. Es ist sein Freund Zito, der Journalist vom Fernsehsender. Zito fragt ihn, was er über Jan Potocki, den Autor der „Handschrift von Saragossa“ weiß. Wieso? Weil der schwerreiche Alberto Larussa tot aufgefunden worden ist, neben ihm jenes Buch. Larussa betrachtete wohl Potocki als Zwillingsseele, meint Montalbano. Potocki erschoss sich mit einer Kugel, die er drei Jahre lang zurechtgefeilt hatte – Larussa brachte sich mit einem selbstgebauten elektrischen Stuhl um, den er aus seinem Rollstuhl gebaut hatte.

Ist das wirklich so? Larussa war seit einem Reitunfall vor 31 Jahren gelähmt, wie jeder weiß, und arbeitete seitdem als Goldschmied. Montalbanos Freundin Livia hat selbst eine Reihe seiner Schmuckstücke, die er immer nur verschenkte, nie verkaufte – das hatte er nicht nötig. Und er hatte eine riesige Bibliothek. Und einen jüngeren Bruder, Professore Giacomo Larussa in Palermo, der nun diesen Reichtum erben würde. Und wem nützt der Selbstmord? Ihm.

Aber was, wenn es keiner war, fragt Montalbano seinen Freund. Das denkt offenbar auch Tenente Olchese von den Carabinieri, und diverse Belastungszeugen stützen die Vermutung, dass Giacomo seinen Bruder, mit dem er lange keinen Kontakt mehr gehabt hatte, umbrachte und es wie einen Selbstmord aussehen ließ. 20 Tage nach Albertos Tod lässt Olchese Giacomo festnehmen. Die Medien verurteilen ihn auch ohne Gerichtsverhandlung. Er ist schon so gut wie zu lebenslänglich verurteilt.

Montalbano hat nur ein Problem damit: Wieso sollte Giacomo ein Testament fälschen und in Albertos Sekretär verstecken, wenn ihm dessen Erbe ja sowieso zufallen würde? Das hatte schon ihrer beider Vater Angelo so festgelegt. Das passt irgendwie nicht ins Bild, ist irgendwie zu viel des Guten. Da kommt Montalbano die Erleuchtung – und ein furchtbarer Verdacht.

_Mein Eindruck_

Die Story ist ein weiterer Beweis dafür, dass Montalbano als Commissario eben so gut ist, weil er der offensichtlichen, bequem und auf dem Silbertablett präsentierten Lösung nicht traut. Und dass er sich auf seine Freunde stützen kann, wenn die ermittelnden Behörden nicht erkennen sollen, dass er ja parallel zu ihnen ermittelt, obwohl er überhaupt nicht zuständig ist. Aber wozu hat man denn sonst Freunde, wenn nicht, um Hilfe zu leisten? Deshalb macht es auch nichts, wenn er Livia morgens um drei Uhr anruft.

Ein weiterer Charakterzug Montalbanos zeigt sich: Er traut den Reichen alles, absolut alles zu. Den Armen aber auch. Aber Letzteren verzeiht er, was sie anstellen, den Reichen jedoch niemals. Denn diese haben die Wahl des freien Willens, ob sie ein Verbrechen begehen oder nicht, doch die Armen stecken meist so tief in einer Notlage, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt. Als Täter sind sie meist Opfer.

_Der Sprecher_

Gerd Wameling ist ein ähnliches Stimmwunder wie Rufus Beck und Philipp Schepmann, aber seine Interpretation von Frauenstimmen ist doch etwas gewöhnungsbedürftig. Sie klingen – wie diesmal auch Lidia und eine Telefonistin – meist so affektiert, wie Charleys Tante sie sprechen würde, also ein wenig unecht. Dafür hat er aber eine breite Palette von Männerstimmen im Repertoire. Allerdings ist der Text zu kurz, um diese Flexibilität auszuspielen, aber Andeutungen sind durchaus vorhanden, so etwa in den Stimmen von einfachen Leuten.

Nur am Anfang und am Schluss gibt es etwas Musik. Als Hintergrund würde sie auch zu sehr von den spannenden Story ablenken. Das ist also okay so.

_Unterm Strich_

|Lübbe Audio| hat unter dem neueren Label |Bastei Lübbe Stars| eine Serie mit Billig-Hörbüchern zu Tiefstpreisen gestartet. Konkurrenz dazu gibt es aber schon, so etwa Audiobooks zum Herunterladen, und auch abgepackte Hörbücher. Da die Konkurrenz im Audio-Markt wächst, müssen die Preise nach unten angepasst werden. In diesem Frühjahr (2006) fallen sie – endlich! – auf breiter Front. Gute Nachrichten für den Verbraucher.

Das Hörbuch bietet die gewohnte Camilleri-Montalbano-Kombination in Reinkultur und in der gewohnten literarischen Qualität. Die Story war bislang nur in dem Erzählband „Das Paradies der kleinen Sünder“ zu finden. Es handelt sich also nicht um einen Romanauszug, sondern um einen eigenständigen Text. Ich habe mich deshalb sehr gut unterhalten gefühlt und konnte – als Camilleri-Fan – die Story von A bis Z genießen.

Die wandlungsfähige Stimme des Schauspielers Gerd Wameling macht die Lesung – ohne Musik und Geräusche – recht abwechslungsreich. Auch das Tempo versteht er einfühlsam zu regulieren, so dass auch der Hörer mitbekommt, wann eine Rückblende beginnt.

|Originaltitel: Un mese con Montalbano, 1998
Aus dem Italienischen übersetzt von Christiane von Bechtolsheim
50 Minuten auf 1 CD|

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