Ciencin, Scott (Autor) / Templsmith, Ben & Salman, Aadi (Zeichner) – Silent Hill 2: Innerlich sterben

_Story_

Troy Abanathy ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Psychiater auf der ganzen Welt. Er ist überzeugt davon, dass es tatsächlich Dämonen und Geister gibt – jedoch nur im Inneren eines jeden Menschen. Derzeit ist Dr. Abanathy mit der jungen Lynn DeAngelis beschäftigt, die sich nach einem Vorfall in der seltsamen Stadt Silent Hill immer noch in einem posttraumatischen Zustand befindet und zudem an paranoider Schizophrenie leidet. Gemeinsam mit seiner Patientin reist der Seelenarzt zurück an den Ort, an dem Lynn in diesen Zustand versetzt wurde. Er hofft, durch gezielte Ursachenforschung endlich zu ihr durchzudringen.

Doch in Silent Hill angekommen, bricht der wahre Horror über die beiden los. Troy macht Bekanntschaft mit einem kleinen Mädchen namens Christabella. Und dieses Mädchen ist grausamer als all das, was Troy im Innersten seiner Patienten je entdeckt hat …

_Meine Meinung_

Bevor ich diese Rezension verfasse, muss ich erst einmal tief durchatmen, denn noch immer packt mich das Grauen, wenn ich an diesen genialen Horror-Comic zurückdenke. Hinter der Geschichte um die unscheinbare und doch so grässliche Christabella und ihre Kontrahentin Lauryn sowie den Psychiater Troy steckt mit Scott Ciencin ein renommierter |New York Times|-Beststellerautor. Zudem basiert die Story auf dem gleichnamigen Videospiel aus der Kult-Schmiede von |Konami|. Und wo wir gerade bei den Namen sind: Verantwortlich für die abstrakten finsteren Zeichnungen ist das Top-Gespann Ben Templesmith & Aadi Salman, die mit ihren Bildern hier eine Atmosphäre kreiert haben, wie sie beklemmender und in diesem Genre eindrucksvoller kaum hätte sein können – ein echter Maßstab!

Die Geschichte beginnt sofort inmitten des schaurigen Szenarios von Silent Hill. In wenigen Strips wird hier das Schicksal von Lynn DeAngelis, einer jungen, lebensfrohen Erwachsenen wiedergegeben, um dann mit einem rasanten Schwenk in die Gegenwart zurückzukehren, wo das arme Mädchen am Rande des totalen Wahnsinn unter heftiger medikamentöser Behandlung und ohne jede Hoffnung auf ein normales Leben von einem Psychiater behandelt wird. Nachdem sie mit den krassesten sedierenden Medikamenten in einen dauerhaften Trance-Zustand versetzt wurde, soll sie durch eine gezielte Konfrontation mit dem Auslöser ihres seelischen Leidens wieder langsam zu sich kommen. Doch der Plan schlägt bereits mit dem Eintreffen in Silent Hill fehl. Abernathy wird von Visionen seiner verstorbenen Ehefrau und deren ersten, von Troy selbst ermordeten Mannes geplagt und von ihnen durch das Labyrinth-ähnliche Gemäuer der Stadt verfolgt. Gleichzeitig erwacht Lynn langsam aus ihrer Sedierung und erinnert sich auch sofort wieder an die Dämonen, die ihr hier einst den Lebenswillen genommen haben. Abernathy scheint chancenlos, doch unbewusst bleibt ihm noch eine Hoffnung.

Derweil hat nämlich in einem abgeschiedenen Raum eine Gruppe rebellierender, junger Erwachsener ein Video gefunden, in dem die Folterung Lynns dargestellt wird. Wie sich später herausstellt, hat man dieses einst aufgenommen und der zu Tode geschockten Lynn untergeschoben, damit es über sie an die Öffentlichkeit gelangt. Tatsächlich wurde es aber noch im Krankenhaus gestohlen und erst nun gesehen. Doch während die Chaoten das Video anschauen, realisieren sie, dass sich seit dem letzten Ansehen einiges verändert hat. Die Welt aus dem Video von Silent Hill scheint sich stets der Realität anzupassen. Das macht die Anführerin der Truppe, die intelligente Lauryn, neugierig. Sie motiviert ihre Freunde dazu, sie nach Silent Hill zu begleiten, um dort ein wenig Action zu erleben. Die soll die Truppe auch bekommen. Kurze Zeit später befinden sich alle in Lebensgefahr, denn ebenso wie einst Lynn und den Doktor, werden nun auch sie den grausamen Monstern der kleinen Christabella vorgesetzt. Erst ein düsteres Geheimnis gewährt ihnen die letzte Hoffnung, lebend aus Silent Hill zu entkommen.

Die Art und Weise, wie die Geschichte aufgebaut ist, darf man definitiv als phänomenal bezeichnen. Man fühlt sich permanent selber als Mittelpunkt der Handlung und fühlt mit den Charakteren, obwohl es sich ja eigentlich ’nur‘ um einen Comic handelt. Doch durch die sehr schönen, albtraumhaften Illustrationen und die raschen, genau passenden Szenenwechsel bekommt man irgendwann tatsächlich den Eindruck, man gehöre zu Lauryns merkwürdiger Truppe mit dazu. So etwas habe ich bei einem Comic bislang noch nie erlebt.

Doch auch was den Inhalt selber betrifft, ist „Silent Hill: Innerlich sterben“ ein absolut fantastisches Event, vergleichbar mit cineastischen Meisterstücken wie „The Ring“ oder „The Grudge“, allerdings mit etwas mehr Gewicht auf klassischem Horror und brutalen Effekten. Salman und Templesmith ersparen dem Leser allerdings den puren Blutrausch; unterschwellig wird zwar stets (und insgesamt irgendwie noch heftiger) angedeutet, welche Szenen sich zwischen den Monstern und den Hauptfiguren abspielen, doch durch die geschickte Verzerrung der Verletzungen wird hier einer sinnentleerten Übertreibung an den entsprechenden Stellen vorgebeugt. Dennoch sind manche Zeichnungen schockierend und sicherlich nichts für schwache Nerven. Abernathys Frau, wie sie mit blutüberströmter Krankenschwester-Montur und aufgeschnittener Kehle urplötzlich auf einem Bett sitzt oder auch die undurchdringliche, abstoßende Christabella gehen einem nachhaltig unter die Haut. So unschuldig auf der einen Seite, so erschreckend und brutal auf der anderen – das ist der Stoff, wegen dem man nachts nicht ruhig schlafen kann: super inszeniert und darüber hinaus beängstigend authentisch entworfen. Hier gebührt den Zeichnern wirklich ein dickes Lob.

Der Autor steht ihnen jedoch in nichts nach. Ciencins Story ist ein Meisterstück der modernen Comic-Literatur und nicht nur ein spitzenmäßiges Äquivalent zum bekannten Videospiel, sondern auch eine der besten Graphic-Novels, die meines Erachtens je den Markt bevölkert haben – und das sind ja nicht gerade wenige. Ich appelliere zwar an all diejenigen, die mit solch schwer verdaulicher Kost ihre Schwierigkeiten haben und mitunter schlaflose Nächte verbringen, sich den Kauf dieses graphisch verfeinerten Romans zweimal zu überlegen, komme aber nicht von meinem Fazit ab, dass man „Silent Hill: Innerlich sterben“ gelesen haben muss, um im auslaufenden Comic-Jahr mitreden zu können. Mit einem Wort: Genial!

Band 3 erscheint bereits im Januar 2007.

http://www.paninicomics.de

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