Coe, Jonathan – Haus des Schlafes, Das

Ein Buch über den Schlaf – für so manch einen klingt das sicherlich nach Lektüre zum Einschlafen. Doch wer glaubt, „Das Haus des Schlafes“ vom britischen Autor Jonathan Coe sei lediglich ein Mittel, welches das Herabsenken der Augenlider beschleunigt, der liegt falsch. Coes Roman ist kein Schlafmittel, ganz im Gegenteil, seine raffinierte Figurenverknüpfung und seine ausgeklügelte Erzählweise wirken hellwach …

„Das Haus des Schlafes“ ist eine vielschichtige Geschichte, die auf zwei unterschiedlichen Handlungsebenen abläuft. Beide Ebenen spielen am gleichen Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten im Abstand von ca. zwölf Jahren. Ort der Geschehnisse ist Ashdown, ein altes viktorianische Schloss an der englischen Küste. Früher war das pittoreske Gebäude ein Studentenwohnheim, wurde inzwischen aber zu einer Klinik für Patienten mit Schlafstörungen umfunktioniert.

Vier der Studenten, die damals in Ashdown wohnten, führt der Zufall wieder zusammen – am gleichen Ort und ohne dass sie es je vermutet hätten. Jeder hat ein ganz individuelles Verhältnis zum Schlaf, das die Lebenswege der Protagonisten auf jeweils ganz unterschiedliche Weise beeinflusst.

Für Sarah ist die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit ein teils sehr kniffeliges Unterfangen. Terry, ein Filmkritiker, der wie besessen seiner Kinoleidenschaft nachgeht, schläft so gut wie nie. Gregory, ein perfektionistischer Unsympath, der früher mit Sarah zusammen war, ist Direktor der Klinik. Und dann wäre da noch Robert, der schon immer in Sarah verliebt war und von dieser Liebe nie losgekommen ist.

„Das Haus des Schlafes“ ist im Prinzip eine Charakterstudie. Coe widmet sich ausgiebig seinen Protagonisten, studiert sie, entblättert ihre Persönlichkeiten und lässt sie miteinander agieren. Der Roman lebt von den Figuren, ihrem Verhältnis zueinander und der Interaktion. Konkrete Handlung gibt es dagegen eher weniger.

Für manch einen mag das nach Langeweile klingen, aber genau die tritt eigentlich nicht ein. Coes Roman gleicht mehr einem Puzzle, das sich der Leser Stück für Stück selbst zusammensetzen muss. Der Autor wirft dem Leser Bröckchen für Bröckchen einzelne Scherben der Handlung zu. Erst zum Ende hin ergibt sich daraus ein vollständiges Bild. Jedes Teil findet dann seinen Platz. Handlungsteile, die im ersten Moment rätselhaft erscheinen, ergeben plötzlich einen Sinn.

Kreuz und quer durch den Roman verlaufen die Verknüpfungen. „Das Haus des Schlafes“ ist raffiniert durchkonstruiert und die Handlungsebenen sind schlüssig miteinander verflochten. Genau dies ist eine der Komponenten, die den Reiz des Romans ausmachen. Coe inszeniert ein raffiniertes Puzzlespiel, bei dem der Leser so manches Mal gedanklich in der Handlung vor und zurück springen muss.

Was in dieser raffinierten und komplexen Konstruktion leider etwas untergeht, sind die Figuren an sich. Obwohl sie den Mittelpunkt der Handlung bilden und obwohl es im Kern genau um ihre Entwicklung geht, bleiben sie bis zum Ende hin etwas rätselhaft. Man kann ihr Verhalten teils nicht sonderlich gut nachvollziehen. Vieles bleibt fragwürdig und absonderlich.

Am ehesten nachvollziehbar ist das Seelenleben von Sarah und Terry. Besonders Sarah, die eine der wichtigsten Hauptfiguren ist, strahlt trotz ihrer Macken eine gewisse Sympathie aus. Terry ist da insgesamt schon sonderbarer und schwerer zugänglich. Insgesamt führt Coe die Handlungsebenen, die sich um diese beiden Figuren drehen, aber noch recht ordentlich zu Ende.

Verzwickter sind da schon die Macken, die der Plot mit Blick auf Robert und Gregory entwickelt. Beide machen sicherlich die drastischste Entwicklung des Romans durch, aber leider bleibt in beiden Fällen ein fader Beigeschmack zurück. Roberts Geschichte lässt viele Fragen offen und so manche Unstimmigkeit im Raum stehen. Sein Verhalten und sein Werdegang wirken einfach etwas überzogen, da es an der tieferen Nachvollziehbarkeit hapert. Ähnlich verwirrend verläuft auch das Finale, das Coe Gregory zuschreibt. Etwas überdreht und durchgeknallt endet dieser Plot und auch hier kann man die Entwicklung wieder nicht so ganz nachvollziehen.

Insgesamt bekommt der Roman gerade zum Ende hin einen etwas düsteren Anstrich, der die Konturen, der zuvor herausgearbeiteten Persönlichkeiten zu verwischen droht. Trotz der raffinierten Inszenierung bleiben so einige Unstimmigkeit in Erinnerung. Eine Figurenentwicklung, die nicht so recht nachvollzogen werden kann, trübt eben leicht mal ein wenig die Lesefreude. Gerade wenn das Hauptgewicht auf der Figurenzeichnung liegt, kann das schon mal etwas schwerwiegender ausfallen.

Dabei ist der Roman ansonsten durchaus überzeugend. Ausgeklügelt konstruiert und obendrein souverän erzählt. Coes Stil weiß zu überzeugen. Geschickt leitet er von einer Handlungsebene zur anderen über. Er schafft fließende Übergänge und verwebt beide Erzählebenen zu einem in sich stimmigen Ganzen. Sein Erzählstil fällt locker aus und steigert mit jedem Kapitel die Neugier auf das, was da noch kommen mag. Immer wieder beweist Coe einen eigenwilligen, schwarzen Humor, der den Leser bei Laune hält.

Alles in allem macht die Lektüre also durchaus Spaß. Trotz kaum vorhandener konkret nachzuerzählender Handlung kommt keine Langeweile auf. Coes Stil weiß zu gefallen, und das Puzzlespiel, zu dem er den Leser herausfordert, ist ein wahres Vergnügen. Ein Wermutstropfen ist vor allem die tiefere Skizzierung der Figuren, die ein wenig zu düster und teils zu schlecht nachvollziehbar ausfällt. Dennoch durchaus lesenswerte Lektüre für Freunde der etwas unkonventionellen Belletristik mit einem Sinn für leicht schräge Geschichten.

http://www.piper.de

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar