Connelly, Michael – Comeback, Das

_Krimi-Sinfonie der Überraschungen_

Harry Bosch musste anderthalb Jahre „Dienst- und Erholungspause” einlegen und im Einbruchsdezernat arbeiten. Nach dieser langen Zeit hat er endlich einen neuen Fall im Morddezernat von Hollywood. Anthony N. Aliso, ein reicher Produzent mieser Hollywoodstreifen, wird ermordet in seinem Rolls Royce aufgefunden. Er liegt im Kofferraum und hat zwei Schüsse in den Hinterkopf bekommen – die Handschrift der Mafia, die so etwas „trunk music“ nennt. Die Spur des Geldes führt zunächst nach Las Vegas, doch dann gibt es für Harry Bosch eine böse Überraschung …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschienen „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime) , „Letzte Warnung“ (Lost light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows).

Weitere wichtige Romane: Schwarze Engel (1998); Der Poet (1996); Schwarzes Echo (1991).

_Handlung_

Detective Hieronymus Bosch darf endlich wieder in sein Element zurück: der erste Fall im Morddezernat. Eineinhalb Jahre lang musste er nach dem üblen Fall mit dem psychopathischen „Poeten“ aussetzen und sich erholen. Nachdem auch ein Erdbeben sein Haus in den Abgrund gerissen hatte, musste er es neu bauen. Er ist noch beim Streichen der Wände, als ihn der Ruf der Polizeidienststelle Hollywood, der er zugewiesen ist, erreicht. Es gibt zu tun.

Auf dem Weg zum Tatort begegnet ihm ein Mann der lokalen Polizeipatrouille. Powers hat den Wagen am Tatort gefunden. Bosch macht ihn zur Sau, weil Sergeant Powers seine Fingerabdrücke am Griff des Kofferraums hinterlassen hat. Wieso hat der Mann keine Latexthandschuhe oder Ähnliches benutzt? Na ja, wie auch immer: Die Leiche im Kofferraum des weißen Rolls Royce Silver Cloud stinkt zum Himmel. Liegt wohl schon zwei Tage hier, was? Seine zwei ihm untergeordneten Kollegen Jerry Edgar und Kizmin Rider, eine kluge Anfängerin im Dezernat, haben die Tötungsmethode identifiziert: Leiche im Kofferraum (= trunk) und zwei Schüsse in den Kopf – „trunk music“ (der Originaltitel) ist die Handschrift der Mafia.

Der Tote ist der Filmproduzent Tony Aliso. Wie sich herausstellt, ist die Qualität seiner Filme aus der untersten Schublade. Wenn er also kein Geld damit machen wollte, wozu war er dann im Filmgeschäft? Die Witwe, Veronica Aliso, ist erstaunlich gefasst, ja sogar kühl, als Rider und Bosch sie erstmals interviewen. Als ob sie den Besuch der Bullen erwartet hätte. Aber sie sieht immer noch verdammt gut aus, kein Wunder, trat sie doch selbst in einem der Filme ihres Mannes auf.

Wie sich aus Riders Durchsicht der Finanzunterlagen des Verstorbenen ergibt, dient die Produktionsfirma TNA Productions als Geldwaschanlage für das organisierte Verbrechen in Las Vegas. Von dort war Aliso am Freitagabend gekommen, als ihn der Todesengel besuchte. Ein Aktenkoffer mit Geld fehlt – wo ist es abgeblieben? Weil das US-Finanzamt IRS eine Buchprüfung bei Aliso angekündigt hatte, hat vielleicht jemand in Vegas kalte Füße bekommen.

Was Bosch jetzt aber am meisten erstaunt, ist die Tatsache, dass die OCID, die Abteilung für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens in Los Angeles, abwinkt und den Fall Aliso gar nicht übernehmen will. Als dann auch noch deren Mitarbeiter Carbone auf einem Überwachungsvideo als Einbrecher in Alisos Büro identifiziert wird, erscheint Bosch der Fall immer zwielichtiger. Warum will die OCID verschleiern, dass sie Aliso abhörte? Vielleicht weil die Wanze illegal war? Der OCID-Chef warnt Bosch, die Finger von Aliso zu lassen.

Das macht Bosch natürlich erst recht neugierig. Es führt kein Weg daran vorbei: Er muss nach Vegas fliegen. Doch auch hier laufen die Dinge nicht ganz so wie erwartet. Hier herrscht mit Joey Marks alias Joseph Marconi ein mächtiger Chicago-Gangster, und sein Kontakt zu Aliso scheint Luke Goshen gewesen zu sein, der in North Las Vegas einen Stripclub betreibt. Anscheinend rekrutierte hier Aliso seine Filmstarlets. Und in eine gewisse Layla hatte er sich sogar verliebt – ob das wohl Veronica bekannt war? Höchstwahrscheinlich sogar.

Zu seiner Überraschung stößt er hier auf seine frühere Liebe Eleanor Wish; die ehemalige FBI-Agentin hat ihre fünf Jahre Knast abgesessen und verdient ihren Lebensunterhalt mit Pokerspielen. Sie und Bosch erneuern ihre Bekanntschaft auf angenehmste Weise, und sie kann ihm ein paar Dinge über die Organisation von Joey Marks verklickern. Mit Hilfe der Metropolitan Police nimmt Bosch Luke Goshen hoch, verhört ihn, findet die Mutter von Layla und bringt Goshen nach L.A.

Doch dort gibt es ein böses Erwachen für Harry. Der Fall Aliso entpuppt sich als etwas ganz Anderes, als er und seine Vorgesetzte Lt. Grace Billets dachten. Die Bundespolizei hat ihre Finger drin. Als die Dienstaufsicht IAD herausbekommt, dass Bosch sich mit einer vorbestraften Verbrecherin eingelassen hat, legt sie ihm zusätzlich die Daumenschrauben an, um ihn endlich kleinzukriegen.

Wird ein Vietnamveteran wie Harry Bosch klein beigeben? Eher friert die Hölle zu. Seine von Billets insgeheim gedeckten Ermittlungen bringen noch einige Überraschungen ans Tageslicht. Der Fall Tony Aliso ist noch längst nicht abgeschlossen.

_Mein Eindruck_

Der Autor zeigt dem Leser und seinen Kollegen mal wieder, was eine Harke ist. Nach dem recht standardmäßig begonnenen Fall Aliso führt Connelly den Leser an der Nase herum, doch da ist es für diesen schon viel zu spät: Wir wollen jetzt genau wissen, was eigentlich genau dahinter steckt. Ich verrate nicht allzu viel, wenn ich sage, dass es sich um mindestens vier Ebenen handelt, auf denen der Fall abläuft. Der aufmerksame Leser sollte sich aber schon ganz am Anfang die Leute merken, die mit dem Fall zu tun haben. Sie tauchen garantiert wieder auf.

Um den Fall Aliso abzuschließen, gibt es ein Finale, das sich gewaschen hat und diese Bezeichnung vollauf verdient. Es ist bezeichnend für Connellys Haltung als ehemaliger Gerichtsreporter, dass er auch die angeblich „Bösen“ als Opfer, Verratene und Getriebene darstellt. Der Tod von Veronica Aliso ist nicht nur zwangsläufig notwendig, sondern hat auch tragische Größe. Zu einem gewissen Teil ist es unter anderem auch Boschs Schuld, dass es dazu gekommen ist. Hätte er seine Arbeit besser gemacht, hätte Veronica vielleicht nicht sterben müssen. Doch mit solchen Mutmaßungen über Mitschuld kann sich ein Polizist nicht lange aufhalten, sonst müsste er gleich den Dienst quittieren.

Die vielen Wendungen des Falls haben Connelly den Vorwurf eingetragen, er würde den Leser mit seinen Tricks überfordern. Dieser Vorwurf kommt mir sehr borniert vor. Denn genauso wie die so genannte „Wirklichkeit“ und erst recht die „Wahrheit“ aus jedem Blickwinkel ein anderes Aussehen annimmt, so verändert sich auch der Fall Aliso, je mehr Bosch hinter die Kulissen schauen. Schließlich ändert ja auch eine Sinfonie ihr Tempo und ihre Tonart von Satz zu Satz, mal von Allegro zu Adagio und Andante, bis der Schluss dann in ein mächtiges Finale mündet.

Der Originaltitel „Trunk music“ lässt sich auch auf den unterschiedlichen Verlauf der Ermittlungen anwenden. Der erste Akt des Falles verläuft nach Schema F, doch schon in Vegas beginnen die Variationen des Grundthemas. Das Thema der wiedergefundenen Liebe zu Eleanor Wish zieht sich von da ab bis zum Schluss durch die Handlung. Und jeder Satz weist ein anderes Tempo auf. Sehr gut gefiel mir beispielsweise, wie Harry herausfindet, an welcher Stelle des bekannten Mulholland Drive der oder die Täter Alisos Rolls-Royce stoppten und was dann geschah.

Im Unterholz stöbert Harry weiter und stößt auf das Nachtlager eines Obdachlosen namens George . George trägt die Klamotten des kürzlich verblichenen Tony Aliso. Interessant! Aber wo ist das Geld abgeblieben? In der schnurrigen Unterhaltung mit George erkennt Harry die Chance, wie er herausfinden kann, wo der Zaster ist. Ein Plan – eine Falle – und er braucht natürlich Georges Domizil, um die Falle aufzustellen … Dieses Scherzo hat ironischen Witz und besten Unterhaltungswert. Da gibt es einfach nichts zu meckern.

_Unterm Strich_

Dieser Roman ist zwischen „Der Poet“ (1996), dem größten Bestseller Connellys, und dem von Clint Eastwood verfilmten Krimi „Bloodwork“ angesiedelt. Schon wenig später erschien bei |Heyne| die Übersetzung. Das Veröffentlichungsdatum Oktober 2005 bezeichnet die neueste Wiederauflage.

Innerhalb der beliebten Harry-Bosch-Reihe Michael Connellys stellt das Buch einen recht hellen Kontrast zu all den düsteren anderen Bosch-Abenteuern dar, und zwar vor allem deshalb, weil hier Bosch über weite Strecken einfach nur glücklich ist: Er darf wieder Mordfälle lösen (er weiß, dass er bei Sexualverbrechen keinen Monat lang durchhalten würde) und seine Liebe zu Eleanor Wish erneuern. Ausgesöhnt mit der Welt, ist es ihm sogar schnurzpiepegal, dass sich Tony Alisos Millionen jetzt in den Händen einer jungen Frau befinden, die ihm am Strand von Honolulu über den Weg läuft. Er lässt den lieben Gott einen guten Mann sein und feiert seine Flitterwochen. Take it easy, baby!

|Originaltitel: Trunk music, 1997
427 Seiten
Aus dem US-Englischen von Norbert Puszkar|

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