Connelly, Michael – Lincoln Lawyer, The

_Spannend & ironisch: der Gerichtssaal als Katastrophengebiet_

Strafverteidiger Michael Haller tätigt seine Geschäfte meist aus einem Auto heraus. Er braucht keine teure Kanzlei. Diesmal übernimmt er die Verteidigung von Louis Ross Roulet, einem Immobilienmakler in Beverly Hills. Er denkt, dabei kann nichts schief gehen und eine Menge verdient werden.

Doch weder der Klient erweist sich als das Unschuldslamm, das er zunächst spielt, noch sein Opfer Regina Campo, die offenbar eine Prostituierte ist. Je mehr sich Haller mit der Vergangenheit seines Klienten beschäftigt, den er auf Kaution herausholt, desto mehr Angst bekommt er vor ihm. Wenn Haller nicht aufpasst, wird nicht Roulet eingesperrt, sondern er selbst.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschienen „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime) , „Letzte Warnung“ (Lost light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows).

Weitere wichtige Romane:

Schwarze Engel (1998); Der Poet (1996); Schwarzes Echo (1991), The Closers (2004).

_Handlung_

Mickey Haller ist ein so genannter Lincoln Lawyer: Er tätigt seine Geschäfte meist aus einem Lincoln Town Car heraus, den er von Gerichtsgebäude zu Gerichtsgebäude, von Gefängnis zu Gefängnis chauffieren lässt. Nach zwei Ehen und zwölf Jahren im Job zählt er nicht mehr zu den Jüngsten. Ich schätze ihn auf zwischen 40 und 50 Jahren. Aber er macht gute Geschäfte, denn seine Klienten, meistens Drogensüchtige und Banden, werden immer wieder rückfällig. Nebenher kümmert er sich wie sein Vater, der ein berühmter Verteidiger in L.A. war, kostenlos um eine drogensüchtige Prostituierte, Gloria. Anlaufstelle für alle Kundenanfragen ist seine Ex Lorna. Mickeys Werbung ist in allen Telefonbüchern und Bussen zu finden.

Aber Mickey hat ein teures Haus in Laurel Canyon gekauft, dessen Hypothek Unsummen verschlingt. Deshalb ist er wie alle Anwälte auf ein „franchise“ aus, das ihn langfristig ernährt, fett und wohlhabend macht. Ein „franchise“ ist ein Fall, der sich hinzieht, durch mehrere Instanzen geht, bis endlich ein optimales Urteil ergeht. Kein Urteil ist für Mickey endgültig, denn für ihn gibt es weder schwarz noch weiß, sondern nur grau: Justiz ist das Land ohne Wahrheit. Hier gibt es lediglich Deals.

Die Justiz in L.A. ist ein System, eine Maschine, in der viele Rädchen ineinander greifen und jeder seinen Beitrag leisten muss, um drin bleiben zu können und von der Maschine genährt zu werden. Das bedeutet auch, mit seiner anderen Ex, einer Staatsanwältin, zu tun zu haben und mit ihr, soweit möglich, zu kooperieren. Ein Drink ab und zu verbessert die Kommunikation. Das wird sich in Mickeys neuem Fall als sehr hilfreich erweisen.

Valenzuela ist ein Kautionsmakler, der Leute auf Kaution, die er ihnen gegen fette Prozente leiht, aus der U-Haft holt. Er gibt Mickey einen heißen Tipp, der sich als das begehrte „franchise“ erweisen könnte. Louis Ross Roulet, ein Immobilienmakler in Beverly Hills, hat sicher eine Menge Geld, das in der Firma seiner Mutter Mary Alice Windsor steckt. Und er sieht aus wie ein Unschuldslamm. Wäre das nicht ein gefundenes Fressen für Mickey?

Mickey tut die richtigen Schritte und bietet sich Roulet als Strafverteidiger an. Zwar bekommt er Opposition in Gestalt des Familienanwalts der Roulets, aber der Angeklagte selbst sagt ja. Er ist angeklagt, die Prostituierte Regina Campo sexuell attackiert, im Gesicht verunstaltet und mit einem Messer bedroht zu haben. Roulet jedoch kann sich nur daran erinnern, dass er als Freier Campos Wohnung betrat, von hinten niedergeschlagen wurde und erst wieder aufwachte, als zwei Männer ihn niederhielten und die Polizei eintraf. Campo erstattete natürlich Anzeige. Roulet beharrt auf seiner Unschuld.

In einer ersten Anhörung gelingt es Mickey, seinen Mandanten gegen eine Million Dollar Kaution aus dem Knast zu holen. Nun scheint sich der Mann aber zu verändern. Aus dem ahnungslosen Unschuldslamm wird ein gewiefter Geschäftsmann. Auch seine Mutter ist eine knallharte Frau, die voll und ganz hinter ihrem einzigen Sohn und Erben steht. Mickey fällt aus allen Wolken, als sein privater Ermittler Raul Levin darauf stößt, dass ihnen die Polizei einen gefälschten Bericht untergejubelt hat: aus einem 08/15-Messer ist plötzlich eine extrem scharfe und einzigartige Tatwaffe geworden. Und was noch schlimmer ist: Sowohl Roulets Initialen als auch sein Blut befinden sich darauf.

Am liebsten würde Mickey diesen Fall wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, doch Roulet weiß dies geschickt zu verhindern. Er macht einen Überraschungsbesuch in Mickeys exklusivem Laurel-Canyon-Haus und droht ihm, seiner Familie etwas anzutun: Er hat offenbar nicht nur einen Zweitschlüssel als Makler erhalten, sondern auch die Fotos von Mickeys Ex-Frau und Tochter gesehen. Nachdem er gegangen ist, entdeckt Mickey, dass seine private Pistole, ein einzigartiges Erbstück, verschwunden ist. Damit wurde sein Ermittler Levin erschossen.

Sollte diese Tatwaffe in die Hände der Polizei gelangen, würde dies das Ende von Mickeys Karriere als Verteidiger bedeuten, vielleicht sogar die Gaskammer. Doch wie konnte es Roulet gelingen, Levin zu töten, wenn er doch eine Manschette zu seiner Überwachung tragen muss? Um dieses Rätsel zu lösen und einen Wolf wie Roulet zu fangen, muss er ihm eine Falle stellen, die er nicht sehen kann. Roulet werde seinen Freispruch bekommen, verspricht Mickey daher. Doch er sagt nicht, was danach passieren wird.

_Mein Eindruck_

Mit diesem Thriller begibt sich Connelly auf für ihn neues Terrain: das Justizsystem in Los Angeles. Diesen Bereich hat er zwar in „Schwarze Engel“ schon einmal gestreift, doch die Hauptfiguren waren Polizeiermittler. Diesmal ist die Hauptfigur, der Ich-Erzähler, ein freier Strafverteidiger. Mickey Haller ist smart, aber nicht zu smart: Er wird übers Ohr gehauen und nach Strich und Faden von einem Serienmörder ausgebeutet. Mit wachsender Begeisterung bin ich Mickeys kenntnisreicher und knapp formulierter Erzählung gefolgt und habe mit Spannung den actionreichen Höhepunkt gelesen. In drei Tagen war der Roman ausgelesen.

|Der gute Anwalt|

Mickey ist kein krasser Materialist ohne Ideale. Das könnte er sich als Verteidiger gar nicht leisten. Sein unbezahltes Engagement für die Nutte Gloria belegt seinen Einsatz für andere. Dass er nicht leer ausgeht, dafür sorgt er mit zahlreichen Tricks, die den Leser immer wieder überraschen. Aber was als Fundament für jeden Strafverteidiger dienen muss, ist die Unterscheidung von Schuld und Unschuld. Für Mickey gibt es keinen schrecklicheren Menschen als einen Unschuldigen. Denn selbst wenn man ihm hilft, ein milderes Urteil zu bekommen, so ist der Unschuldige immer noch zu Unrecht bestraft worden. Das, was für Mickey normal ist, nämlich im System Deals auszuhandeln, ist für einen wahrhaft Unschuldigen notwendigerweise immer Unrecht.

|Verkehrte Welt: Schuld vs. Unschuld|

Der Fall Roulet entwickelt sich für Mickeys Gewissen zum blanken Horror. Das, was sein Ermittler Raul Levin über Roulet herausfindet, überschneidet sich direkt mit dem Fall von Jesus Menendez. Den Fall dieses mexikanischen Einwanderers, dem wegen Mordes an einer Prostituierten namens Martha Renteria die Todesstrafe drohte, hatte Mickey nur so im Vorübergehen übernommen. Er machte den Fehler, nicht die Unschuld seines Mandanten zu überprüfen, sondern bemühte sich nur, ihn vor der Giftspritze zu bewahren. Das gelang ihm.

Die Indizien gegen Louis Ross Roulet legen nahe, dass Jesus unschuldig nach San Quentin gebracht wurde. Mickey stellt es mit Entsetzen fest. Doch es kommt noch härter. Die Ähnlichkeit zwischen Martha Renteria und Regina Campo, die Mickey aufgefallen ist, legt für ihn nahe, dass der Mörder diesen Frauentyp bevorzugt. War Roulet auch der Mörder von Martha Renteria? Womöglich hat er sogar noch andere Frauen auf dem Gewissen. Von einem Unschuldslamm kann keine Rede mehr sein. Jetzt bekommt Mickey richtig Bauchschmerzen.

Er muss das zweimalige Unrecht, das er als Anwalt begangen hat, wiedergutmachen. Jesus Menendez muss freikommen und Roulet für immer hinter Gitter wandern. Wie er das anstellt, während gleichzeitig die Polizei ihn für den Mörder seines eigenen Ermittlers hält und Roulet ihn erpresst, ist ein Geniestreich von Mickeys Schöpfer. Mit etwas Hilfe von seinen Freunden, einigen Tricks und viel Glück gelingt es Mickey. Doch damit ist der Albtraum nicht zu Ende: Die Polizei lässt Roulet wieder frei. Er wird sich an dem, der ihn hintergangen hat, blutig rächen wollen …

|Detailreichtum|

Was mir, abgesehen von dem spannenden Aufbau der Handlung, sehr gut gefallen hat, ist der kenntnisreiche Detailreichtum. Man merkt deutlich in allem, was Mickey tut, dass der Autor detaillierte Kenntnisse von allen Vorgehensweisen, Vorschriften, aber auch Tricks innerhalb des Gewerbes eines Strafverteidigers hat beziehungsweise geliefert bekam, bevor er zu schreiben anfing. Diese Quellen sind eindrucksvoll unter den Danksagungen berücksichtigt.

|Humor|

Sehr subtil und etwas schräg ist der Humor, der sich nur stellenweise und vielleicht nur für den aufgeschlossenen Leser zeigt. Mickey hat die Ehre, mehrfach Mitglieder einer Motorradgang namens Road Saints zu verteidigen. Ähnlich wie die Hell’s Angels ist die Gang im Geschäft mit Drogen, Prostitution und Glücksspiel tätig. Das Geschäftsgebaren dieser Mitglieder und besonders ihres Chefs ist, um es vorsichtig auszudrücken, unkonventionell. Manchmal sieht es wie ein Überfall aus. Mickey schaukelt die Sache aber schon. Einen Marihuana-Produzenten hat er wegen Verletzung seiner Privatsphäre rausgehauen.

Kur vor dem Finale hegt Mickey einen üblen Verdacht gegen Kautionsmakler Valenzuela: Wie konnte Ross Levin töten, wenn er doch per Fußfessel überwacht wurde? Ist Foul Play im Spiel? Valenzuela wird wegen dieser Unterstellung wirklich wild, und in der folgenden Rangelei geht sein nagelneuer Plasmafernseher zu Bruch. Dabei macht er eine recht beklagenswerte Figur, die dem Leser sicher ein Schmunzeln entlocken dürfte.

_Unterm Strich_

Blut und Hirn kann jeder Nichtskönner auf seinen Buchseiten verspritzen, und die Filmentsprechungen ließen sich in einem Katalog auflisten. Deshalb bin ich Connelly auch gar nicht böse, wenn er vollständig auf Splattereffekte verzichtet. Es gibt wie in den Fällen von Harry Bosch die eine oder andere Schießerei – in LA scheint jeder eine Knarre zu brauchen – und Mickey wird selbst zum Opfer.

Der Thriller lässt sich zwar ruhiger an als die Harry-Bosch-Krimis, doch dafür schürft Connelly etwas tiefer und entwirft ein komplexeres Bild der Gesellschaft. Das war mir schon bei „The Closers“ aufgefallen: In den neueren Romanen spielt nicht mehr nur eine Gesellschaftsgruppe eine wichtige Rolle, sondern mindestens zwei oder drei: die Superreichen (Roulet & Co.), die Mittelklasse (Richter, Anwälte) und die armen Schweine (Mexikaner, Prostituierte) und Kriminellen (dito, plus die Biker).

Das Ergebnis ist ein realistischeres Bild von Los Angeles und das Gefühl, dass alle miteinander irgendwie zu tun haben, selbst wenn sie das nicht glauben wollen. Diese Darstellung der Vernetzung und Kontingenz fördert Connellys immer wieder formuliertes Credo, dass es das Mitgefühl ist, das uns menschlich macht. Und wer den Tod austeilt, verdient den Tod. Die Botschaft wird diesmal – anders als in „Lost Light“ oder „City of Bones“ – nur wohlverpackt ausgeliefert, aber wer zwischen den Zeilen liest, wird sie dennoch finden.

Am Schluss dreht Connelly alle Handlungsstränge zu einem Finale hin, das zwar hoch dramatisch wirkt, sich dann aber doch nur als halb so wild herausstellt. In dem Moment habe ich mich ein wenig verschaukelt gefühlt. Dafür habe ich aber den Prozess, der zu Roulets Freispruch führt, umso mehr genossen: Mickey spielt wie ein Pokerprofi seine Karten aus, bis ihm der Staatsanwalt aus der Hand frisst – unglaublich gut. Die Richterin ist froh, das Katastrophengebiet in ihrem Gerichtssaal verlassen zu können. Solche Passagen machen wirklich Laune.

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