Connelly, Michael – Poet, Der

_Überraschend: der Fuchs im Hühnerstall_

Die Nachricht vom Tod seines Zwillingsbruders bringt den Gerichtsreporter Jack McEvoy völlig aus dem Gleichgewicht. Die Denver-Polizei geht von Selbstmord aus, doch Jack zweifelt an dieser Theorie und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an, die den Fall in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen: Sein Bruder ist nur einer von zahlreichen ungelösten Todesfällen unter Mordkommissionspolizisten, die rätselhafte Abschiedsbotschaften hinterließen – Verse aus Gedichten von Edgar Allan Poe. Wer ist der „Poet“, der Serienkiller, der es auf Polizisten abgesehen hat?

_Der Autor_

Michael Connelly war selbst wie McEvoy jahrelang Polizei- und Gerichtsreporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

Zuletzt erschienen die Romane „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime) , „Letzte Warnung“ (Lost light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows). Connelly lebt in Florida. Weitere wichtige Romane sind „Schwarze Engel“ (1998); „Der Poet“ (1996) und „Schwarzes Echo“ (1991). Mehr Infos: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Jack McEvoy lebt 1995 in der Nähe von Denver, Colorado, und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Morden. Das heißt, mit dem Berichten über Morde, und zwar für seine Zeitung „Rocky Mountain News“. Der neueste Mord betrifft die 19-jährige Studentin Theresa Lofton, die man nackt und zweigeteilt im Gebüsch gefunden hatte. Jacks Zwillingsbruder Sean, ein Polizist, untersuchte den grausigen Fall eine ganze Weile, kam aber offenbar nicht weiter. Bis jetzt. Er ist tot.

Die Nachricht von Seans Tod trifft Jack ebenso schwer wie Seans Witwe Riley. Nach Angaben der Polizei hat Sean in seinem Wagen, den er in einen Naturpark gefahren hatte, Selbstmord begangen, indem er sich in den Mund schoss. Als letzte Botschaft schrieb er auf die beschlagene Windschutzscheibe die rätselhafte Zeile „Jenseits von Raum – jenseits von Zeit“. Diese Worte geben Jack ebenso Rätsel auf wie den Polizistenkollegen, die Sean zu Grabe tragen.

Rätselhaft sind auch die Umstände von Seans Todestag. Er wollte in einem Hotelrestaurant einen Informanten im Mordfall Lofton treffen, einen Mann namens „Rusher“, doch er kam nie dort an. Auch Theresa Lofton kam nie bei der Autowerkstatt an, wo sie ihren VW Käfer abholen wollte. Jack befragt den Parkwächter, der Sean gefunden hat und bemerkt eine Lücke im zeitlichen Ablauf, die seine Zweifel an der Selbstmordtheorie bestärken. Jemand hätte ohne weiteres Sean töten, die Botschaft anbringen und warten können, bis der Parkwächter gekommen und wieder weggegangen war, um dann in aller Seelenruhe Seans Wagen zu verlassen und zu verschwinden. Die Polizeikollegen sind von den Socken, als Jack noch weitere Argumente anführt. Sie nehmen die Ermittlungen wieder auf.

|Denver, Chicago, Washington|

Jetzt hat Jack eine tolle Story, um den Mord an seinem Bruder aufzuklären – und vielleicht sogar den an Theresa Lofton. Bei seinen Datenbankrecherchen stößt er auf einen ganz ähnlichen Fall – in Chicago. Er fliegt hin und ermittelt. Dort hat sich ein Angehöriger der Mordkommission angeblich wegen seiner Depressionen wegen des Mordes an einem kleinen Jungen erschossen. Die Abschiedsbotschaft ist ein Zitat von Edgar Allan Poe. Jetzt kapiert Jack auch Seans Abschiedsbotschaft – ebenfalls ein Poe-Zitat. Die beiden Todesfälle gehören zusammen. Also ist auch der Polizist in Chicago ein Mordopfer.

Weil aber zusammenhängende Verbrechen in unterschiedlichen Staaten automatisch eine Sache der Bundespolizei werden, muss sich Jack beeilen, um noch vor dem FBI die entsprechenden Aktenprotokolle ausfindig zu machen und für seine Recherche zu nutzen. Hat das FBI erst einmal seine Hand drauf, kann er den Artikel – vielleicht sogar eine Serie! – komplett vergessen.

In Washington, D.C., hat er wahnsinniges Glück: Der Mitarbeiter bei der Stiftung, die solche Verbrechen im Rahmen eines wissenschaftlichen Programms untersucht, ist ein ehemaliger Kollege von der „Los Angeles Times“. So findet Jack auf nicht ganz offiziellem Weg heraus, dass es sechs weitere ähnlich gelagerte Polizistenmorde in den letzten fünf Jahren gegeben hat: ein Serienkiller, der eine blutige Spur hinter sich lässt. Und immer findet sich ein korrespondierender Mordfall, der angeblich den vermeintlichen Selbstmördern zugesetzt hat. Das Muster ist überdeutlich. Jack hat seine Story und informiert seinen Chef in Denver.

Da schlägt das FBI zu. Rachel Walling von der Verhaltensforschungsabteilung des FBI, eine Profilerin, will Jack verhaften und seine Unterlagen kassieren. Um dann selbst die Lorbeeren einzuheimsen, ist Jack klar. Aber er durchschaut ihren fadenscheinigen Vorwand und lässt sie auflaufen. Schließlich hat er sich nichts Unrechtes vorzuwerfen. Wallings Vorgesetzter Robert „Bob“ Backus muss sich auf Jacks Bedingungen einlassen: Jack darf so lange an den FBI-Ermittlungen als Beobachter teilnehmen, wie die Story noch geheim und verwertbar ist. Sollte aber eine Zeitung darüber berichten, kann auch Jack nicht mehr mit seiner Story hinterm Berg halten. Auf diese Weise vermeidet das FBI, den Mörder vorzeitig zu warnen, und kann ihn ungehindert jagen.

Die Spur des Mörders, der wegen seiner Poe-Zitate vom FBI „der Poet“ genannt wird, führt nach Westen, Richtung Los Angeles.

Unterdessen ist der pädophile Fotograf und Mörder William Gladden, Anfang 30, wieder einmal dem Gefängnis entgangen. Die Bullen hatten ihn schon in Santa Monica verhaftet, aber nichts aus ihm herausbekommen. Sie mussten ihn gegen 50.000 Dollar Kaution wieder auf freien Fuß setzen. Nun kann Gladden seinem Pädophilen-Netzwerk weiterhin Fotos liefern – sobald er eine neue Kamera hat, denn die alte haben die Bullen einbehalten. Sie wissen, dass er hinter nackten Kindern her ist. Aber sie kennen nicht einmal seinen wahren Namen. Noch nicht.

Und sie ahnen nicht, wozu er noch alles fähig ist …

_Mein Eindruck_

Der Roman beginnt recht spannend mit Jack McEvoys kognitivem Durchbruch hinsichtlich der Art und Weise, wie sein Zwillingsbruder starb. Weitere Erkenntnisse lassen auf eine Mordserie von landesweiten Ausmaßen schließen, die natürlich Sache der Bundespolizei ist. Was den Leser aber etwas ins Grübeln geraten lässt, ist die Tatsache, dass sich das FBI von einem dahergelaufenen Reporter in die Karten gucken lässt: Er darf die Agenten bei ihrer Arbeit begleiten. Allein dies finde ich schon recht unwahrscheinlich.

Noch einen Tick seltsamer finde ich die darauf folgende Sexaffäre Jacks mit Agentin Rachel Walling. Bis zuletzt wird nicht klar, ob sie ihn im Bett für andere Pläne benutzt und ihn hintergeht oder ob sie es ehrlich meint. Das ist zwar wichtig für die Geschichte, aber vorab kommen doch erhebliche Zweifel auf, ob sich eine echte Agentin auf eine Liaison mit einem Vertreter der „vierten Gewalt“ einlassen würde. Dass sie es laut Vorschrift nicht dürfte, wird bereits im Roman mehrmals gesagt.

Spätestens an dieser Szelle merkt der Leser, wie konstruiert die ganze Story ist. Andererseits erfordert es die innere Logik der Story, dass Jack, der Ich-Erzähler, Zugang zum inneren Zirkel der Poeten-Ermittlungstruppe erhält, um auf die vielen Ungereimtheiten bei dieser Ermittlung zu stoßen. Wer ist der Informant, der seinem Konkurrenten Warren den Tipp über die Poeten-Ermittlung gegeben hat? Jack verdächtigt zunächst seinen Intimfeind, Rachels Ex-Mann Gordon Thorson, aber der streitet das vehement ab. Dennoch muss es ein Insider gewesen sein: ein „Fuchs im Hühnerstall“, wie Jack es so anschaulich ausdrückt.

Sein Verdacht fällt auf sodann auf Rachel. Ist sie wirklich so ein eiskaltes Biest, um so etwas tun zu können? Kann sich Jack so in ihr getäuscht haben? Oder gibt es noch einen weiteren Verdächtigen? Die Frage bleibt offen, bis Jack sich an den Falschen wendet, um das Rätsel aufzuklären. Dann fallen ihm die Schuppen von den Augen. Er weiß, dass ihn sein Wissen in Lebensgefahr bringt. Er ist einfach zu gut als Journalist. Vielleicht hätte er Polizist werden sollen, wie sein Bruder.

Das Finale folgt allen Regeln der Kunst. Der Schauplatz liegt an einem erhöhten Punkt, und unter ihm gähnt ein Abgrund, der nur darauf wartet, das bedauerliche Opfer des Showdowns zu verschlingen. Allerdings ist der Schauplatz kein berühmter – das hätte noch zur Vollkommenheit gefehlt – , sondern ein sehr symbolträchtiges Glashaus, das von einem Erdbeben beschädigt wurde und nun jeden Augenblick zusammenzubrechen und in den Abgrund zu fallen droht: eine veritable Todesfalle. Dass der Autor seinen Schurken entkommen lässt, kann ich mir nicht erklären. Jedenfalls kam es Jahre später zu einer Fortsetzung: „Die Rückkehr des Poeten“.

|Neue Killerspezies|

Serienkiller – sie waren die große Mode und morbide Faszination der neunziger Jahre. Ihr bekanntester fiktiver Exponent war Dr. Hannibal Lecter, bekannt aus „Roter Drache“ und „Das Schweigen der Lämmer“ sowie „Hannibal“. Je bizarrer und inhumaner seine Verbrechen, desto angenehmer der wohlige Schauder des Grusels seitens des Zuschauers oder Lesers. Doch wie wurde aus dem Psychotherapeuten Dr. Lecter eine Kannibale? Bei seinem Erfinder Thomas Harris erfahren wir es nicht.

|VORSICHT SPOILER|

Und auch nicht bei Michael Connelly. Sicher, William Gladden ist ein Killer von horribler Gefühllosigkeit. Aber er ist nicht der „Poet“. Wie erfahren also ironischerweise, wie es zur Entstehung von „William Gladden, Killer“ gekommen ist, aber kaum etwas – lediglich nachgetragene Vermutungen und Gerüchte – über den Titelhelden. Das folgt erst in der Fortsetzung „Die Rückkehr des Poeten“.

Doch es gibt einige Dinge, die Gladden und den Poeten verbinden. Eine davon ist die Vorliebe für Edgar Allan Poe, die dem Poeten seinen Spitznamen eingebracht hat. Seitens des echten Poeten kann dies zwar lediglich Tarnung sein, um Gladden als eigentlichen Täter zu diffamieren, aber die Tarnung ist sehr echt – und sie wird auch noch in der Fortsetzung eingesetzt, als Gladden längst den Löffel abgegeben hat.

Der Poet nennt, Poe zitierend, die irdische Existenz eine „Welt voll Pein“, die von einem „Eidolon“ – einem Phantom – namens NACHT beherrscht werde. Perverserweise nennt er sich selbst „Eidolon“, wenn er sich in das PTL-Netzwerk einloggt und dort seine Ansichten an Pädosexuelle verbreitet. Gladden verkauft den Teilnehmern am PTL-Netzwerk seine pädophilen Kinderfotos – gegen beachtliche Summen, versteht sich. Man fragt sich, ob nicht diese Selbststilisierung zur Selbstrechtfertigung für diese Minderheit Pädophiler gehört, um sich besser zu fühlen.

Im Gegensatz zum Poeten wird also Gladden geradezu verständlich, auch wenn sich unser Verständnis, das von FBI-Einschätzungen genährt wird, nie zum Absegnen seines Tuns versteigt. Er mag ein Killer sein, aber er ist weder hinter Kindern noch Polizisten her. (Seine Tatwaffe ist eher die Digitalkamera, wie sie damals, 1995, schon auf den Markt kam. Die Datenübertragung über Laptop und Modem ins PTL-Netzwerk ist dementsprechend einfach. Die gewöhnlichen Polizisten haben keine Ahnung, womit sie es zu tun haben – da muss erst das FBI kommen, das selbstverständlich technisch auf dem neuesten Kenntnisstand ist.)

Auch Gladden ist nämlich ein Opfer. Wie eine ganze Reihe anderer Jungs wurde er jahrelang von einem „Best Pal“ missbraucht, einem Erwachsenen, der innerhalb eines kommunalen Programms obdachlosen Waisen ein Zuhause bieten soll, aber diese Tarnung nur zur persönlichen Befriedigung sexueller Bedürfnisse ausnutzt. Die erlittene Gewalt scheint Gladden nicht an weiteren Kindern auszulassen, wohl aber tut es der Poet. Seine kindlichen oder schwachen Opfer, so seine perfide Taktik, locken Polizisten wie Sean McEvoy an, die seine eigentlichen Ziele sind. Wahrscheinlich sucht er sich Cops aus, weil sein eigener Vater einer war, und zwar einer der strengsten. In den Polizeiopfern bestraft der Poet also nachträglich seinen eigenen Vater. Man kann diesem Szenario, das der Autor schrittweise enthüllt, folgen oder auch nicht, aber mir leuchtet es ein. Aber ich bin ja auch kein Psychologe.

|SPOILER ENDE|

_Die Übersetzung_

Obwohl die Übersetzung an sich vorzüglich ist, gibt es doch eine Reihe von Flüchtigkeitsfehlern, die, typisch für |Heyne|, vom Korrektor übersehen wurden. So ist beispielsweise auf Seite 336 die Rede von einem Cop namens Matuzak, der aber plötzlich zu „Muzak“ mutiert. Das ist reichlich verwirrend, und zwar nicht nur wegen des unvermutet auftauchenden neuen Namens. „Muzak“ bezeichnet auch noch jene Art von Musik, die in Supermärkten und Kaufhäusern zur emotionalen Beruhigung und Steuerung der Kundschaft eingesetzt wird: Kaufhaus-Gedudel. Diese Bedeutung lag wohl kaum in der Absicht der Übersetzerin Wiemken.

Auf Seite 386 erfahren wir am Anfang von Kapitel 36, dass Jack vom FBI im Wilcox-Hotel, einer schäbigen Absteige am Sunset Boulevard, untergebracht wird. Auf Seite 399 jedoch verwandelt sich das Wilcox- in das Wilton-Hotel, ohne ersichtlichen Grund. Es handelt sich wieder um einen der typischen Flüchtigkeitsfehler, siehe oben. Von der Erwähnung der übrigen Schlampereien will ich mal absehen. Man wird sie ohnehin nie abstellen können.

_Unterm Strich_

Die Konstruktion des Romans ist großartig: Der Autor, vertreten durch seine Hauptfiguren, führt den Leser ebenso in die Irre wie seinen Protagonisten Jack McEvoy. Erst als die vielen Ungereimtheiten geklärt werden müssen, taucht eine ganz andere Perspektive, eine neue Erklärungsmöglichkeit auf: eine sehr unschöne obendrein. Und die erweist sich als ebenso falsch …

Als der Roman vor zehn Jahren erschien, war er ein echter Durchbruch, ein Knaller. Inzwischen haben vor allem weibliche Krimiautoren wie Cornwell, Slaughter, Reichs und Hoffman das Genre derartig um ein Kuriositätenkabinett menschlicher Verirrungen erweitert, dass uns die im „Poeten“ dargebotenen Verbrechen kaum noch ein müdes Heben der Augenbrauen entlocken können.

Dennoch bietet das Buch dem Kenner eine befriedigende Lektüre: Es ist gut recherchiert, sehr kenntnisreich – man merkt, dass der Autor über seine eigene Reporterbranche schreibt, und zwar keineswegs unkritisch. Dass diesmal das FBI ganz schlecht wegkommt, ist der feine Trick des Ganzen: der „Fuchs im Hühnerstall“ stellt den Aufbau und das Selbstverständnis der Bundespolizei in Frage.

Die Hoffnung des Autors dürfte wohl in einer Besserung der Zustände beim FBI gelegen haben. Doch wie Connellys Oberzyniker Harry Bosch in der Fortsetzung „Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows) konstatiert, sind die Zustände beim FBI eher noch schlimmer geworden: eine maximale Borniertheit in der Klasse der „Morphs“ (Überfliegertypen auf Managerebene) und eine zunehmende Ausgebranntheit unter den „Empathen“ (gefühlsmäßig Betroffenen) in der FBI-Truppe. Klar, wem Boschs Sympathie gehört. Aber auf welcher Seite steht die undurchsichtige Rachel Walling diesmal?

Keine Frage, dass man „Der Poet“ unbedingt VOR der Fortsetzung lesen sollte. In „The narrows“ wird sehr viel über den Vorgängerband rekapituliert und verraten. Das beeinträchtigt die Spannung – und die Überraschungen – erheblich, wenn man danach „Der Poet“ liest.

|Originaltitel: The poet, 1996
556 Seiten
Aus dem US-Englischen von Christel Wiemken|

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