Connelly, Michael – Schwarzes Eis

_Mit dem Steppenwolf zum Stierkampf_

Eigentlich sollte LAPD-Drogenfahnder Cal Moore den neuesten Drogenmord untersuchen. Doch er muss seine Pläne geändert haben, denn man findet ihn eine Woche später in einer Absteige in LA: mit weggeschossenem Kopf. Auch die Abschiedsnotiz in seiner Hosentasche deutet an, dass es sich um einen Freitod handelt.

Doch der geschasste LAPD-Polizeiinspektor Harry Bosch findet bei den Ermittlungen an zwei anderen Morden, dass es sich bei Moores Tod nicht um Selbstmord handelt. Wegen seiner Verbindungen zur mexikanischen Drogenmafia könnte Moore zwischen die Fronten geraten sein – oder lief sogar über. Aber warum will dann die eigentlich damit befasste LAPD-Abteilung die ganze Sache unter den Teppich kehren? Wenn Bosch nicht aufpasst, gerät er selbst zwischen die Fronten und endet wie Moore …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschienen „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the Dime) , „Letzte Warnung“ (Lost Light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The Narrows).

Weitere wichtige Romane: Schwarze Engel (1998); Der Poet (1996); Schwarzes Echo (1991).

_Handlung_

Polizeiinspektor Harry Bosch ist zu Hause und hört den Polizeifunk ab. Eigentlich hat er ja gerade Schicht an diesem ersten Weihnachstag, aber dennoch ruft ihn niemand zu dem neuesten Tatort hinzu. Skandal! Er muss selbst bei seiner Dienststelle in Hollywood anrufen, um herauszufinden, was los ist: Sein Bekannter, der Drogenfahnder Cal Moore, ist in einer Absteige am Sunset Boulevard erschossen aufgefunden worden. Seltsam, dass sowohl die Mordkommission als auch die Dienstaufsicht unter Boschs Erzfeind Irvin Irving den Fall an sich gezogen haben. Boschs Anwesenheit ist offenbar unerwünscht.

Das schreckt den Vietnam-Veteranen jedoch nicht ab und er verschafft sich Zutritt zum Tatort. Moore scheint sich mit einer Schrotflinte den Kopf weggepustet zu haben. Jeder tippt auf Selbstmord, denn Moore hatte ein bekanntes Alkoholproblem. Bosch lernte Moore aber anders kennen: Er half ihm bei seinen Ermittlungen im Mordfall Jimmy Kapps, einem Drogenkurier aus Hawaii. Die neueste Droge ist „Schwarzes Eis“, eine Mischung aus Heroin, Kokain und PCP, schlimmer als „Angel Dust“. Es stellt sich heraus, dass ein Dealer namens Marvin Dance, den Moore, verknackt hatte, der aber sofort wieder freigekommen war, es Kapps zurückzahlte, dass der ihn verpfiffen hatte.

Dance arbeitet für die Mexikaner unter Humberto Zorillo, einem Drogenbaron in Mexicali. Ist es Zufall, dass auch Moore aus diesem Städtchen hinter Grenze stammt? Als Bosch die acht Fälle des krank geschriebenen Kollegen Louis Porter übernimmt, stellt sich eine weitere Verbindung heraus. Der unbekannte Ermordete „Juan Doe #67“ stammte ebenfalls aus Mexicali. Und Moore war derjenige, der ihn hinter einem Restaurant fand und meldete. Allmählich beginnt Bosch nicht mehr an so viele Zufälle zu glauben. Welches gefährliche Spiel spielte Moore?

Teresa Corazon ist die Stellvertretende Chefgerichtsmedizinerin des L.A. Countys. Zum Glück ist sie auch Boschs Geliebte. Sie erzählt ihm unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, was sie an Moores Leiche stört. Ihre Befunde aus der Autopsie legen nahe, dass es Mord, nicht Selbstmord war. Bosch gibt diese Neuigkeit an einen Unbekannten weiter und verliert dafür Teresa, die sich verraten fühlt. Dass mit Moores Tod etwas vertuscht werden soll, legt auch die Tatsache nahe, dass kein einziger Fingerabdruck anderer Personen am Tatort gefunden wurde – ein einmaliger Fall bei einer solchen Absteige, in der Tat.

Nun muss Bosch noch herausfinden, warum die Dienstaufsicht unter Irving so erpicht darauf ist, dass Moore Selbstmord begangen hat. Denn mit dieser Theorie würde das Police Department zwar schlecht dastehen, aber noch wesentlich besser, als wenn es sich um Mord handelt – wie jetzt von Teresa und Irving offiziell erklärt werden muss.

Um der Sache endgültig auf den Grund zu gehen, bleibt Bosch nur eines zu tun: nach Mexicali zu fahren. Dorthin, wo das Schwarze Eis produziert wird und Drogenboss Zorrillo als „Pate“ alle Fäden in der Hand hat – ein Himmelfahrtskommando?

_Mein Eindruck_

Der Thriller ragt durch nichts aus der Menge guter Thriller aus Connellys Schreibfabrik heraus, außer durch das Merkmal, dass er eben ausgezeichnet geschrieben ist. Man könnte nicht sagen, dass hier das LAPD durch den Kakao gezogen wird – noch nicht – oder sogar der Stellvertretende Gerichtsmediziner. Was der Autor aber immer wieder beleuchtet, ist der zermürbende Druck, unter dem die Polizisten, die sich in L.A. im Einsatz befinden, stehen. Dieser Druck kommt sowohl von den Verbrechern als auch von ihrer eigenen Truppe, namentlich der Dienstaufsicht.

|Der Steppenwolf|

Der Vietnam-Veteran Harry Bosch ist jedoch ein derart harter Brocken, dass er dem Druck standhält und direkte Order missachtet (oder „verpennt“). Dafür hat er schon einmal eins auf die Mütze bekommen und ist nunmehr das schwarze Schaf der Truppe. Niemand will so sein oder werden wie er, aber ohne ihn kommt weder die Wahrheit ans Licht noch wird der Schuldige – der aus den Reihen der Polizei selbst gekommen ist – gefasst. Bosch ist der Steppenwolf, der einsam jagende Außenseiter.

Dieser Vergleich steht im Buch selbst. Und zwar wird direkt auf das gleichnamige Buch von Hermann Hesse verwiesen. Das tut nicht irgendwer, sondern Harrys eigener unehelicher Vater auf seinem Sterbebett. Harrys Vater ist der berühmte LA-Anwalt Mickey Haller, folglich müsste Harry (Hieronymus) eigentlich von Rechts wegen Harry Haller heißen, also genau wie die Hauptfigur des Hesse-Romans. Dieser Hinweis ist nicht nur wegen des Bildes des Steppenwolfs wichtig. Über seinen Vater wird Harry auch zum Halbbruder von Mickey Haller, dem „Lincoln Lawyer“ (2005), sowie von zwei Halbschwestern, über die Connelly meines Wissens noch nicht geschrieben hat.

|Corrida: Stierkampf|

Cal Moores Spur führt, wie gesagt nach Mexiko. Dort ist Harry herzlich wenig willkommen und bekommt auch umgehend eine Kugel in sein Zimmer gefeuert. Hier wird offenbar mit harten Bandagen gekämpft und nicht lange gefackelt. Und wer weiß, wer noch auf der Lohnliste von Zorrillo steht. Die Ortspolizei garantiert, aber auch ein paar „Federales“? Der Mann von der US-Drogenfahnung DEA, Ramos, baut auf die mexikanische Bundespolizei. Das hindert Bosch jedoch nicht, seine eigenen, nicht ganz so legalen Methoden einzusetzen, um sich den Rücken frei zu halten. Bei einem Mann der Ortspolizei scheint er einen Stein im Brett zu haben, und das rettet ihm wohl das Leben. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben.

Der Höhepunkt der ganzen Mexicali-Mission besteht in einem konzertierten Hubschrauber-Sturmangriff der DEA und der „Federales“. Bosch hat von vornherein kein gutes Gefühl dabei, und er soll Recht behalten. Nicht nur führt dieser Frontalangriff zu einem Blutbad, sondern auch noch dazu, dass wichtige Spuren verwischt werden. Zorrillo entkommt oder zumindest jemand, den man für den Obermacker hält, und zwar in einem tragikomischen Stierkampf, der des Nachts im Bullengehege stattfindet. Zorrillo (der kleine Zorro) ist Züchter jener Stiere, die später in der Arena von Mexicali zur Unterhaltung der Zuschauer abgeschlachtet werden – stilgerecht, versteht sich. Da aber Ramos kein Stierkämpfer ist, wird er leichte Beute für den Preisbullen von Zorrillo.

Eigentlich sollte alles vorüber sein, doch Bosch wäre kein Steppenwolf, wenn er jetzt aufgeben würde. Er muss dranbleiben, und das führt denn auch zu einer handfesten Überraschung, mit der bestimmt kein Leser gerechnet hat.

_Unterm Strich_

Selten hat mich in letzter Zeit ein Thriller derartig gefesselt wie „The Black Ice“ (auch dieser Titel ist mehrdeutig, meint er doch nicht nur die Droge, sondern auch das, was man hierzulande als „Blitzeis“ bezeichnet: Du siehst es nicht, aber es kann dich trotzdem töten).

Alle Zutaten eines typischen knallharten Harry-Bosch-Thrillers sind vorhanden: der knallharte Außenseiter-Cop, die korrupte Polizeitruppe, das verhängnisvolle Spiel von Verstrickung und Vergeltung, der Showdown und schließlich die Pointe. Bosch lässt jedoch hinter all der Action immer wieder seine Rechtschaffenheit durchschimmern, nur wird sie von den wenigsten Leuten erkannt, geschweige denn respektiert. Diese Stellen sind, weil sie so selten sind, umso wertvoller und schöner.

Wer lohnende Thrillerlektüre sucht, findet hier auf jeden Fall lohnende Beute. Volle Punktzahl.

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