Cornwell, Bernard – Sharpes Sieg. 1803: Richard Sharpe und die Schlacht von Assaye

Vier Jahre sind vergangen, seit Richard Sharpe, seines Zeichens Sergeant der britischen Armee in Indien, in [„Sharpes Feuerprobe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5208 Tippu, den Herrscher von Seringapatam, tötete und um dessen Juwelen erleichterte. Eigentlich führt er nun ein relativ beschauliches Soldatenleben unter dem Kommando von Major Stokes und macht sich hauptsächlich Gedanken darüber, wie er die erbeuteten Juwelen wohl am besten in seine Kleidung einnähen könnte. Doch dann führt ihn das Schicksal (oder eher Stokes‘ Befehl) nach Chasalgaon, gerade als dessen Bewohner vom Verräter Dodd hingemetzelt werden. Sharpe, als einziger Überlebender, kann nur entkommen, indem er sich tot stellt.

Wieder zurück unter Stokes Kommando, sucht ihn McCandless auf, der mit der Mission betraut wurde, Dodd zu finden und festzunehmen. Da Sharpe der Einzige ist, der Dodd identifizieren kann, ist er natürlich mit von der Partie. Zusammen schließen sie sich Wellesleys Armee an, die dabei ist, Ahmadnagar einzunehmen, wo sich auch Dodds Soldaten befinden. Doch obwohl Wellesleys Angriff von Erfolg gekrönt ist, kann Dodd entkommen, und so bekommen McCandless erst bei der Schlacht von Assaye eine zweite Chance, der Verräter zu schnappen.

Währenddessen ist natürlich auch Sharpes Erzfeind, Obadiah Hakeswill, nicht untätig. Er versucht, Sharpe den Angriff auf einen Offizier anzuhängen, und als er einen Haftbefehlt gegen Sharpe erwirken kann, reitet er selbst mit ein paar Mannen los, um den verhassten Gegenspieler festzunehmen. Zunächst kann McCandless Sharpes Verhaftung verhindern. Doch Hakeswill gibt natürlich nicht schon nach dem ersten Versuch auf!

„Sharpes Sieg“ ist eine mehr als würdige Fortsetzung von Sharpes Abenteuern in Indien. Mittlerweile kann Sharpe leidlich lesen, auch wenn ihm immer noch eine grundlegende Bildung fehlt. So antwortet er beispielsweise auf McCandless‘ inbrünstig vorgetragenes „Veni, vidi, vici“ mit einem trockenen „Ich spreche kein Hindi“. Außerdem wiegt er sich durch seinen heimlichen Reichtum in relativer Sicherheit. Das geht so weit, dass er McCandless, als dessen Pferd gestohlen wird, kurzerhand ein neues kauft – eine wirklich anrührende Geste der Dankbarkeit und Freundschaft gegenüber einem Mann, der Sharpe immer mit Respekt behandelt hat und ihm das Lesen beibrachte.

Doch Sharpe langweilt sich ein bisschen. Eine richtige Schlacht hat er noch nicht mitgemacht, wenn man von ein paar Scharmützeln und kleineren Angriffen mal absieht, und Sharpe beginnt langsam, sich zu fragen, ob er tatsächlich fürs Soldatentum geschaffen ist. Wenn er dann tatsächlich dem Feind gegenübersteht, wird er dann mit eingezogenem Schwanz das Weite suchen oder wird er stattdessen als Held aus der ganzen Geschichte hervorgehen?

Tatsächlich wird er in „Sharpes Sieg“ Gelegenheit bekommen, eine Antwort auf diese Frage zu erhalten. Die Handlung um den verräterischen Dodd mündet nämlich in der Schlacht von Assaye, als Wellesleys stark unterlegene Truppen einer riesigen Streitmacht unter dem Hannoveraner Pohlmann gegenüberstehen. Durch einen Zufall findet sich Sharpe plötzlich als Wellesleys Adjudant wieder und bekommt so Gelegenheit, an der Seite des Generals die Schlacht zu erleben. Und als Wellesleys Pferd tödlich getroffen wird und der benommene Wellesley plötzlich von Feinden umringt ist, da ist es Sharpe, der das Leben des Generals rettet, indem er geradezu übermenschlich einen Angreifer nach dem anderen niederkämpft.

Die titelgebende Schlacht um Assaye ist der Höhepunkt des Romans. Genüsslich ergeht sich Cornwell hier in Beschreibungen der verschiedenen Angriffslinien, in Strategiespielchen und Schlachtordnungen. Dabei schafft er es, sowohl die unglaubliche Brutalität und Unmenschlichkeit darzustellen als auch das romantisierte Heldentum der Soldaten. In beiden Momenten bleibt er überzeugend, wirkt nie belehrend oder beschönigend. Und es macht seinen Protagonisten Sharpe umso dreidimensionaler, dass auch er schwankt zwischen totalem Entsetzen und aufgeregter Begeisterung.

Gerade diese Differenziertheit macht Cornwells Romane so lesenswert und unterhaltsam. Man lernt immer auch etwas Neues über das Soldatentum, über die britische Gesellschaft oder Vorurteile im Allgemeinen. So sind wohl gerade Vorurteile etwas, ohne das man keinen Krieg führen kann. Die Inder beispielsweise nehmen an, dass England trocken und unfruchtbar sei, und dass darin der Grund für die britische Invasion in Indien bestünde. Die Briten haben ihre eigenen Vorurteile: Die Schotten werden mehrmals als unzivilisierte Rohlingen hingestellt, doch sind letztendlich gerade sie es, die die Schlacht von Assaye für Wellesley entscheiden.

Stand und Reichtum bestimmen auch in der Armee den sozialen Status, und Sharpe fürchtet, dass er gänzlich umsonst auf einen Offiziersposten hofft – schließlich werden nur äußerst selten einfache Soldaten in diesen Rang erhoben. Die Offiziere bleiben lieber unter sich.

Und so ist auch in der Armee nicht alles Gold, was glänzt. Cornwell hält den Finger in die Wunde und lässt Sharpe trocken vom ständig besoffenen Kompaniepfarrer berichten. Von der Hurerei ganz zu schweigen …

„Sharpes Sieg“ ist unterhaltsam, kurzweilig, spannend und, ja, sogar an manchen Stellen lehrreich. Cornwell ist sich auch nicht für die ein oder andere humorige Szene zu schade, wenn Sharpe mit seiner Unbildung und seinem losen Mundwerk irgendwo aneckt. Und auch wenn Cornwell jeden seiner Nebencharaktere mit Hingabe ausarbeitet, so ist Richard Sharpe doch der unangefochtene Held der Romanserie. Man kann nicht umhin, mit ihm mitzufiebern – und glücklicherweise enttäuscht Sergeant Sharpe seine zahlreichen Fans nie!

|Originaltitel: Sharpe’s Triumph
Aus dem Englischen überssetzt von Joachim Honnef
416 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-404-15982-6|
http://www.bastei-luebbe.de

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