Crowley, John – Great Work of Time

_Finger weg von Zeitkorrekturen!_

Alles beginnt damit, dass der mittellose Mathematiker Caspar Last ins Jahr 1856 reist, um dort einen ganz bestimmten Brief an sich selbst abzuschicken. Doch diese winzige Tat ändert den Geschichtsverlauf, den wir kennen. Im Jahr 1956 reist der Polizist Denys Winterset durch ein Afrika, das fast komplett dem British Empire angehört und in dem Luftschiffe die luxuriöseste Fortbewegungsweise gewähren. Doch weitere hundert Jahre später herrscht die Otherhood über ein weltumspannendes Imperium voller Magi, Engeln und Hominiden …

„Great Work of Time“ erhielt 1990 den „World Fantasy Award for Best Novella“.

_Der Autor_

John Crowley, geboren 1942, lebt in den Hügeln des Flusses Connecticut in Massachusetts mit seiner Frau und seinen Zwillingstöchtern. Der ehemalige Dokumentarfilmer ist der Autor der drei Zukunftsromane „In der Tiefe“ (1975), „Geschöpfe“ (1976) und „Maschinensommer“ (1976) (alle drei im gleichnamigen Sammelband bei Heyne) sowie des Fantasyromans „Little, Big“ (Das Parlament der Feen; dt. bei Heyne), der mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurde.

Außerdem verfasste er die phantastischen Romane „Aegypten“ (dt. bei S. Fischer, 1994; siehe meinen Bericht), „Daemonomania“ und „Love & Sleep“. Zusammen stellt diese Trilogie den Versuch dar, die Weltgeschichte und die Geschichtsschreibung mit Hilfe der Imagination umzudeuten. 2002 erschien der Mainstream-Roman „The Translator“. Crowley ist Preisträger des „American Academy and Institute of Arts and Letters Awards for Literature”.

_Handlung_

|Teil 1|

Caspar Last ist ein mittelloses Mathematikgenie, das anno 1983 noch bei Muttern wohnt. Nun hat er sich entschlossen, es wenigstens zu einem bescheidenen Vermögen zu bringen: 1 Million sollte dabei schon herausspringen, was er vorhat. Er verfügt zwar nicht über eine „Zeitmaschine“ im herkömmlichen Sinn, aber über eine Methode, um ins Jahr 1856 zu gelangen.

Lange hat er sich den Kopf darüber zerbrochen, wie er ein wertvolles, aber kleines Objekt aus der Vergangenheit in seine Zeit, das 20. Jahrhundert, mitnehmen kann, ohne dass man argwöhnisch wird und ihn womöglich wegen Raubes verhaftet. Die geniale Lösung besteht darin, in British Guyana, also in Südamerika, einen Brief an sich selbst zu schicken. Der einzige Einsatz: eine seltene Kupfermünze von niedrigstem Nennwert. Sobald sein Brief im Hotel angekommen ist, verfügt sein Brief über ein unschätzbar wertvolles Merkmal auf dem Umschlag: die Briefmarke. Es gibt nur ein einziges anderes Exemplar – in seiner eigenen Zeit.

|Teil 2|

Der südafrikanische Polizist Denys Winterset, der dem British Empire dient, reist von Kapstadt nach Kairo, natürlich bequem in der britischen Eisenbahn mit britischem Komfort. Ein Paar Amerikaner haben sich hierher gewagt, um die Victoria-Fälle zu bestaunen. Nunja, Amis eben. In Khartum logiert er in britischem Luxus und lernt an der Hotelbar Sir Geoffrey Davenant kennen. Dieser scheint viel herumgekommen zu sein, doch in welchem Auftrag und zu welchem Zweck, bleibt unklar, selbst während des köstlichen Abendessens, das er Denys spendiert.

Sir Geoffrey gibt ihm eine metallene Plakette, mit der einen exklusiven Londoner Klub betreten könne. Es handle sich bei diesem Klub um die Fassade einer weltumspannenden Geheimgesellschaft, die mit dem Riesenvermögen des leider allzu früh verstorbenen Eroberers Cecil Rhodes den Verlauf der Geschichte dahingehend lenkt, dass das British Empire für immer und ewig erhalten bleibt, ebenso wie der Weltfrieden.

Denys ist baff. Ist der Kerl etwa verrückt? Haben diese Leute womöglich dafür gesorgt, dass Kaiserin Elizabeth II den Thron bestiegt? Leise Zweifel wagt er gegenüber seinem Gönner doch zu äußern, doch Sir Geoffrey wischt sie beiseite, bevor er geht. Denys fragt sich, warum Davenport ausgerechnet ihn eingeladen hat.

|Teil 3|

Der Präsident auf Zeit schlendert im 21. Jahrhundert von den Glaskuppeln des prächtigen Londoner Bahnhofs an Hominiden vorüber, die Züge entladen, weiter in den nahegelegenen Park. Buntes Herbstlaub bedeckt die verlassenen Gehwege, doch ein junger Passant wirft dem Präsidenten einen wissenden Blick zu. Kennt er mich?, fragt sich der Präsident. Der junge Mann oder das junge Mädchen – er ist sich nicht sicher – will nicht angesprochen werden und verschwindet in einem Augenblinzeln.

In seinem Klub schlägt er Nachschlagewerke auf: Hominidae, Draconiidae und, ja, auch Sylphidae. Feen? „Engel“, sagt er eine Stimme hinter ihm. Es ist der Magus. Und der sollte sich ja mit solchen Wesen auskennen. Aber Engel? Wie auch immer: Der Magus bittet den Präsidenten auf Zeit um einen genauen Bericht, wie es zu dieser Welt hier kommen konnte.

Der Präsident auf Zeit besuchte eines Tages im Jahre 1983 Caspar Last in dessen mütterlichem Heim und verlangte die Herausgabe der Methode der Zeitreise. Zunächst tat Caspar ahnungslos, wehrte ab, aber eine Tatsache war immerhin unwiderleglich: dass der Präsident davon wusste und bei ihm war. Ergo hatte Caspar die Methode bereits herausgerückt, denn der Präsident stammte, seiner Kleidung nach zu urteilen, nicht aus dem 20. Jahrhundert. Durch eine List konnte er Caspar sogar die – tatsächlich seltene – Briefmarke abluchsen.

Seitdem hat die Otherhood-Gesellschaft einiges bewirkt. Ja, meint der Magus, und es ist alles falsch. Der Präsident möge bitte diese Welt löschen.

|Teil 4|

Denys Winterset betritt im Jahr 1956 den Club der Otherhood, und es sieht so aus, wie er es sich vorgestellt hat. Er ist schon gespannt, was er hier soll. Heute tagt das Exekutivkomitee, weil es ein Problem gibt. Das Jahr 1914 steht auf der Tagesordnung, und die Herrschaften unter dem Vorsitz von Mrs. Huntington suchen Wege, um das Massenmorden, von dem sie – aber nicht Winterset – wissen, zu verhindern.

Doch je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto vergeblich erscheinen alle Unterfangen zu Eingriffen in die Geschichte. Doch man ist sich einig, dass es für Denys Winterset eine wichtige Aufgabe gibt, die unaufschiebbar ist. Damit Cecil Rhodes überhaupt sein Vermögen der „Society for Oriental Aid“, dem Deckmantel der Otherhood, laut Testament letzter Hand vermacht, muss er einen frühen Tod sterben. Diesen muss ein junger Mann mit einem Webley-Revolver herbeiführen – kein anderer als Denys Winterset selbst …

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Das weiß kein anderer besser als der Präsident auf Zeit …

_Mein Eindruck_

Ob es Denys Winterset gelingt, seinen Auftragsmord auszuführen, soll hier nicht verraten werden. Und ob der Präsident auf Zeit wirklich den Wunsch des Magus erfüllt, soll hier ebenfalls verschwiegen werden. Denn nicht um Ergebnisse geht es in diesem wunderbaren Buch, sondern um die Frage: Soll man überhaupt den Wunsch haben, die Geschichte zu ändern, wenn man es könnte?

Zunächst sieht alles so aus, als ob die Therhood einen guten Job machen würde: Im Jahr 1956 herrscht die Pax Britannica allüberall. Die Technik ist top, es herrscht Frieden, und die herrschende Klasse lebt in Luxus. Die Unterdrückten spielen keine Rolle, und sie gestalten keine Geschichte. Es gibt die da oben, und die unten zählen nicht.

Im 21. Jahrhundert sieht es allerdings schon ganz anders aus: Fremde Rassen wie Hominiden haben sich entwickeln, und statt Ausländern treiben sich Engel, Reptilmenschen usw. herum. Selbst dem Präsidenten auf Zeit fällt auf, dass jeden Tag eine Veränderung eintritt. Heute brennt Gaslicht, wo gestern noch effiziente Elektrizität die Straßen erleuchtete. Jemand muss die Regeln der Otherhood gebrochen haben, denkt der Präsident auf Zeit. Daher diese Unordnung. Woher rührt sie?

|Orthogonale Zeit|

In diesem Buch finden wir keine Zeitmaschine und keine Morlocks oder Eloi, aber dafür eine Zeittheorie, wie ich sie noch nie vorgefunden habe: orthogonale Zeit. Die Theorie besagt, dass es so etwas wie vorne und hinten, oben und unten in der Zeit nicht geben könne. Kein Wunder, denn jede Handlung von Individuen verändert den wahrgenommenen Zeitverlauf in alle möglichen Seitenarme – die orthogonalen Abzweigungen.

Diese Abzweigungen sind naturgemäß schwer zu berechnen. Das ist das zentrale Problem, der sich die Otherhood gegenübersieht. Jede Maßnahme zeitigt Nebenwirkungen (für die weder Arzt noch Apotheker gibt). Im 21. Jahrhundert haben sich die Nebenwirkungen derartig akkumuliert, dass täglicher Wandel die Regel ist. So etwas wie eine Greenwich-Zentralzeit (Greenwich Mean Time auf dem Londoner Null-Meridian) wie heute gibt es nicht mehr.

|Ethik|

Sobald sich jedoch die Individuen dessen bewusst werden, dass ihre Handlung, wie etwa ein Mord, ungeheuere Konsequenzen haben kann, so erhebt sich die Frage ihrer ethischen Grundsätze. Wenn man an einen Gott glaubt, der die Welt lenkt, darf man seine Schöpfung zerstören? Wenn ein anderes menschliches Wesen das gleiche Recht auf Leben hat wie man selbst, darf man es dann töten, selbst wenn der Mord einem höheren Ziel dient und einer größeren Anzahl Menschen zugutekäme? Dies sind die stets gleichen Fragen, die wir uns auch heute noch stellen.

Und so kommt es in der Erzählung zu dem kuriosen Kreislauf aus Erschaffen von Ereignissen und dem Auslöschen von Ereignissen, vom Machen und Ent-Machen von Zeit. Wer nun verwirrt darüber ist, dass es zwei Hauptfiguren, nämlich Denys Winterset und den namenlosen Präsidenten auf Zeit gibt, der muss nur wissen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. Kein Wunder, dass ein Engel darüber lachen muss.

_Unterm Strich_

John Crowley wird mir zunehmend als der beste phantastische Autor der letzten vier Jahrzehnte bewusst. Ich habe seinen Roman „Aegypt“ (dt. bei S. Fischer) gelesen, ebenso „Die Tiefe“ (1975) und „Maschinensommer“. „Little Big, or The Parliament of Fairies“ (alle dt. bei Heyne) wurde mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet und ich will es noch lesen. Längst nicht alle Bücher von ihm wurden ins Deutsche übersetzt.

Auch „Great Work of Time“, dessen Titel auf ein Gedicht von Andrew Marvell zurückgeht, belegt eindrucksvoll, warum es sich lohnt, Crowley zu lesen. Er verbindet poetische Phantastik mit grundlegenden Fragen der Geschichte, Politik und Philosophie, um dem Leser einen neuen Ansatz- und Zugangspunkt zu verschaffen. Damit erfindet er stets eine neue Geschichte. Und jede Geschichte weiß den Leser zu überraschen, so auch diese.

|Taschenbuch: 137 Seiten
ISBN-13: 978-0553293197|
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