Dahl, Arne – Falsche Opfer

_Abwechslungsreich: das Buch der Wandlungen_

Der brutale Mord an einem Stockholmer Restaurantbesucher, ein Zeuge, der nichts gesehen haben will, die unerklärliche Bombenexplosion in einem Hochsicherheitsgefängnis und ein tödlicher Bandenkrieg – die Stockholmer Ermittler Paul Hjelm und Kerstin Holm müssen mal wieder Überstunden leisten, um der Lage Herr zu werden.

Der Roman wurde 2005 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

_Der Autor_

Arne Dahl, geboren 1963, ist das Pseudonym des schwedischen Krimiautors Jan Arnald, der für jene schwedische Akademie arbeitet, die alljährlich die Nobelpreise vergibt. Seine Romane um Inspektor Paul Hjelm werden laut Verlag von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen. 2004 wurde er mit dem wichtigsten dänischen Krimipreis ausgezeichnet, dem „Pelle-Rosenkrantz-Preis“. Mehr Infos unter http://www.arnedahl.net.

Weitere Dahl-Krimis sind:

[„Misterioso“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2841
„Tiefer Schmerz“
[„Rosenrot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3091
[„Böses Blut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2416

_Der Sprecher_

Till Hagen ist die deutsche Stimmbandvertretung für Filmstars wie Kevin Spacey, Billy Bob Thornton und Kevin Kline. Er absolvierte die Schauspielschule in Berlin und war am Theater in Dortmund und Bielefeld engagiert. Seit 1977 ist der professionelle Rundfunksprecher beim RBB und anderen ARD-Sendeanstalten tätig. Er hat bislang alle Krimis von Arne Dahl vorgelesen.

Der Text wurde von Hannelene Limpach gekürzt. Die Aufnahmeleitung hatte Markus Hoffmann, die Technik von Lambda Audiovision in Berlin dirigierte Andreas Fuhrmann.

_Handlung_

Die Gruppe A für Spezialeinsätze ist aufgelöst worden, aber die schwedischen Polizei-Inspektoren Kerstin Holm und Paul Hjelm können wieder zusammenarbeiten. Sie freuen sich schon auf den Mittsommertag am 25. Juni, also am nächsten Tag, denn da wird überall in Schweden feuchtfröhlich gefeiert. Ihr neuester Fall sieht zunächst recht banal aus, hat es dann aber in sich. Mitten im Stockholmer Kneipenviertel Södermalm wurde tags zuvor im Fanlokal „Kvarnen“ ein Fußballfan aus Smaland mit einem Bierkrug erschlagen.

Gleich nach der Tat flüchteten ungefähr 20 Personen, darunter, wie die Inspektoren verblüfft erfahren, auch ein Kollege. Jedenfalls zeigte der Mann einen Polizeiausweis. Von ihm fehlt jede Spur, ebenso wie von Eskil Karlstedt, der gelogen hat, um seine Kumpels zu schützen. Diese Kumpels waren offenbar eine von zwei größeren Gruppen in dem Lokal. Als Paul Hjelm mal kurz unter einem der Tische sucht, stößt er auf ein unerwartetes Gerät: eine Wanze. Wer hörte hier wen ab?

Unterdessen im Hochsicherheitsgefängnis Kumla, weit außerhalb Stockholms. Ein Häftling wird entlassen und bereits von einem Fahrer erwartet. Zum Abschied zündet der Entlassene per Funk eine Bombe. Die Bombe zerfetzt einen ganz bestimmten Häftling und nur diesen: Lordan Vukotic, die rechte Hand des Drogenbarons Raiko Nedic. Offenbar wurde Vukotic vor dem Anschlag gefoltert und hat gesungen. Bei der Obduktion seiner sterblichen Überreste findet man seine Verletzungen, darunter gebrochene Rippen und ausgekugelte Arme. Ist es eine Hinrichtung der Drogenmafia oder ist Vukotic Opfer eines Bandenkriegs? Die Inspektoren Arto Söderstedt und Viggo Norlander nehmen sich des Falles an.

Unterdessen ermitteln in einer anderen Abteilung die Inspektoren Sara Svenhagen und Gunnar Nyberg gegen einen Pädophilenring, der sein Unwesen im Internet treibt. Durch einen wichtigen Fund und ein paar geniale Tricks schafft es Sara herauszufinden, dass auch der bekannte Drogenbaron Nedic Missbrauch an Kindern treibt und seine Fotos ins Netz stellte. Als sie diese Erkenntnisse jedoch dem zuständigen Chef Ragnar Helberg mitteilt, bittet dieser sie, alles ganz privat zu handhaben. Niemand außerhalb ihrer Abteilung soll davon erfahren, nicht einmal Nyberg. Das stürzt Sara in einen Gewissenskonflikt, denn sie weiß nicht, was sie von Helbergs dienstrechtswidrigem Verhalten denken soll.

Zwei Uhr nachts im Industriegebiet Sigla von Stockholm. Die zwei Gruppen, die sich im Restaurant „Kvarnar“ bespitzelten, treffen aufeinander. Gerade als die Übergabe eines Aktenkoffers mit millionenschwerem Inhalt stattfinden soll, schlägt der aus dem Gefängnis Kumla entlassene Bombenexperte zu. Das blutige Ergebnis des Überfalls wird als „Sigla-Schlacht“ in die Annalen eingehen. Doch der Anführer, der stets eine goldene Mütze oder Kappe trägt, wird selbst ausgetrickst. Auf einmal ist der Aktenkoffer verschwunden. Blutige Fußspuren führen vom Schlachtfeld fort. Eine lange Verfolgungsjagd beginnt.

_Mein Eindruck_

Der bekannte Autor greift diesmal ein ganzes Nest von aktuellen Themen auf, als da wären: rechtsgerichteter Terrorismus, Drogenhandel, Pädophilen-Netzwerke, inzestuöser Kindesmissbrauch, polizeiinterne Korruption, Hooliganismus. Hab ich was vergessen? Was mich am Schluss etwas gewundert hat, ist die elegante Art und Weise, wie es dem Autor gelingt, all diese Themen halbwegs plausibel miteinander zu verknüpfen.

Im Anfangsstadium der völlig getrennten Ermittlungen von Sara Svenhagen und der A-Gruppe scheint kaum etwas vorwärtszukommen, aber dieser Eindruck täuscht. So ist es immer. Die Ergebnisse der Ermittlungen auf Seiten der A-Truppe werden mit schöner Regelmäßigkeit zusammengefasst, so dass der Leser bzw. Hörer die Veränderungen vergleichen kann, die die Theorien über den Tathergang der Sigla-Schlacht und ihrer Hintergründe erfahren. Diese Resümees sind ganz wichtig, damit wir den Überblick bewahren. Dem einen oder anderen mögen sie als zu viel des Guten erscheinen, weil sie sich zu wiederholen scheinen, aber das ist bei genauerem Hinhören nicht der Fall. Und noch eines: Sie bringen die Vielzahl der auftretenden Figuren in einen kausalen Zusammenhang.

Trotz dieser Wiederholungen gelingen dem Autor immer wieder verblüffende Überraschungen, die das ganze Geschehen mit einem Schlag aus einem völlig anderen Blickwinkel darstellen. Mehrere Male haben die einzelnen Ermittler ihre Aha-Momente und Erleuchtungen. Immer wieder ändert sich ihre Perspektive, sei es durch äußere Informationen oder durch innere Emotion.

Sie gehen durch Metamorphosen, wie Ovid es einst beschrieb, und aus Kollegen werden auf einmal Liebende (und schließlich ein Ehepaar), aus Freunden auf einmal Todfeinde, aus Starken Schwache usw. Und da auch die Action in einer Szene des Polizeizugriffs nicht fehlt, kann es zu unerwarteten Geständnissen kommen. Kerstin Holm, gerade am Kopf angeschossen, glaubt sich dem Tode nahe und gesteht Paul Hjelm ihre Liebe. Hjelm, selbst angeschossen, wird ebenso wie sie ohnmächtig. Hultin, der Boss, kotzt. Ist ja auch verständlich: Er glaubte sich mit 62 Jahren schon sicher im Ruhestand, und nun diese Katastrophe!

Wie es sich gehört, kulminiert die Handlung bei einem Großereignis: Die Olympiade der Polizisten ist von einem Sprengstoffanschlag bedroht. Doch wie es sich nun mal großen Plänen häufig so verhält, genügt schon ein kleines Sandkorn, um das ganze Getriebe knirschend zu einem unvorhergesehenen Stopp zu bringen … Hier erweist sich der Autor als ein abgeklärter Mann mit großartigem Sinn für Ironie.

|Der Sprecher|

Till Hagen gelingt es, besonders die Nebenfiguren hervorragend zu charakterisieren. Da ist etwa der schwule Gast in der Fankneipe, den alle nur als „Stein-Tunte“ bezeichnen. Er heißt ja auch Stein. Der Typ drückt sich ganz gemäß dem Klischee geziert und ein wenig schmachtend aus, als er die machomäßigen Ex-Skinheads am anderen Tisch beschreibt. Per Karlsson hingegen, der von Hjelm und Holm als erster Vernommene, spricht stockend und zögernd, fast schon lethargisch. Die Inspektoren kommen nicht mal auf die Idee, dass dieser bildungsbeflissene Leser von Ovids „Metamorphosen“ etwas mit den Vorgängen in der Kneipe oder später zu tun haben könnte.

Hagen erweist sich als erprobter und stilsicherer Bühnenschauspieler, der genau weiß, wie eine Figur zu charakterisieren ist. Aber auch die Situationen hat er im Griff, in denen sich eine Figur, die sich bislang ganz „normal“ verhielt, auf einmal als jemand anderer zeigt. Es gibt eine Szene, in der Sara Svenhagen, die sonst so sanft auftritt, einen knallharten Tonfall annimmt, als sie einem von Nedics Männern, Ljubomir Protic, Kinderschänderfotos zeigt. Und dieser harte Brocken von einem Mann fängt plötzlich zu schluchzen und zu flennen an, dass es zum Steinerweichen ist.

Hagen gelingen dank der Erzählkunst des Autors beeindruckende Charakterzeichnungen. Das bringt aber auch mit sich, dass die Lesezeit überdurchschnittlich lang ist. Mit 515 Minuten Länge – jede CD hat also bis zu 85 Minuten Laufzeit – bietet das Hörbuch mehr Text pro Euro als so manche andere Profiproduktion.

Geräusche und Musik gibt es keine, aber das ist auch gar nicht nötig, wie ich finde.

_Unterm Strich_

Der Autor greift eine ganze Wagenladung aktueller Themen auf. Diese werden in einem komplexen Handlungsgewebe miteinander verknüpft, doch dank der regelmäßigen Wiederholung des Ermittlungsstandes verliert der Leser bzw. Hörer nicht den Überblick.

Metamorphosen sind das Generalthema auf der menschlichen Ebene, und daher kann der Leser bzw. Hörer mit einer Menge Überraschungen und unerwarteten Erkenntnissen und Verwandlungen rechnen. Manche Szenen sind nur verblüffend, andere fesselnd, die dritten wiederum sehr bewegend. Von Rechts wegen sollte am Schluss eigentlich eine Doppelhochzeit stehen, aber es ist dann doch nur eine einzelne, die ist aber auch sehr schön. So findet das mörderische Geschehen vom Mittsommertag, einem beliebten Feiertag in Schweden, doch noch ein Happyend.

Der Sprecher Till Hagen erweist sich als einer der Meister seines Fachs. Ihm gelingen besonders unter den Nebenfiguren herrlich ironische Charakterisierungen, aber auch bewegende Szenen, die in Erinnerung bleiben, so etwa das Schicksal der zwei Liebenden, die sich in Kontaktanzeigen als „Orpheus“ und „Eurydike“ bezeichnen (noch ein Paar aus Ovids Buch). Jederzeit findet Hagen den angemessenen Tonfall, sei es für eine Actionszene oder für einen inneren Monolog. Beides gibt es zur Genüge, und in beidem wirkt sein Vortrag stets glaubwürdig. Mit der Aussprache des Schwedischen hat er zudem nie Probleme, was sehr zu seiner Glaubwürdigkeit beiträgt. Nach fünf Arne-Dahl-Lesungen kann ich mir keinen anderen Sprecher dieser Romane mehr vorstellen.

|Originaltitel: Upp till toppen av berget, 2000
Aus dem Schwedischen übersetzt von Wolfgang Butt
515 Minuten auf 6 CDs|
http://www.sprechendebuecher.de

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