Dahl, Kjell Ola – Lügenmeer

_Mord in Oslo, Verhängnis in Uganda_

Ausgerechnet eine Journalistin findet die Leiche von Kristine Ramm an einem Montagmorgen in einer Tiefgarage. Normalerweise fallen Drogentote nicht in das Ressort von Kommissar Gunnarstranda, aber jemand will ihm eins auswischen. Gunnarstranda, nicht blöd, schlägt zurück und veranlasst eine superteure Obduktion. Überraschung: Sie starb nicht an einer Überdosis Heroin, sondern wurde vorher mit Äther betäubt und im Auto deponiert.

Verzweifelt sucht Gunnarstranda nach einem Mann auf dem Überwachungsvideo, der zur Tatzeit dort war: Stuart Takeyo. Doch der ist unter falschem Namen längst wieder in seiner Heimat Uganda. Einer von der Kripo muss dorthin, um diesen wichtigen Zeugen – und womöglich Mörder – ausfindig zu machen. Alle schauen Frank Frølich an …

_Der Autor_

Kjell Ola Dahl, 1958 in Norwegen geboren, hat mit seinen beiden Romanen „Sommernachtstod“ (dt. 2002) und „Schaufenstermord“ (dt. 2003, beide bei |Lübbe|) die deutschen Krimifans begeistert. Der ehemalige Gymnasiallehrer für Ökonomie und jetzige Halbtags-Landwirt in der Gegend von Gunnarstranda lässt in „Lügenmeer“ (2004) zum dritten Mal das einmalige Ermittlerduo Gunnarstranda und Frølich auf Verbrecherjagd gehen.

_Handlung_

Als Lise Vagenes, die Journalistin einer Osloer Tageszeitung, morgens durch die dunkle Tiefgarage geht, bekommt sie Raumangst. Außerdem ist sie eh schon spät dran. Und dann bemerkt sie in dem neben ihr geparkten Auto eine Frau, die sich nicht rührt und den Kopf in einem unnatürlichen Winkel hält. Lise weiß sofort, dass sie eine brandheiße Story hat, und ruft als Erstes einen Fotografen herbei. Dann erst informiert sie die Bullen.

|Die Kripo|

Kriminalhauptkommissar Gunnarstranda bekommt den Fall mit der offensichtlich an einer Überdosis Heroin Gestorbenen reingewürgt. Er revanchiert sich fies mit einer superteuren Obduktion. Während er auf deren Ergebnis wartet, finden er und sein Kollege, Kommissar Frank Frølich, heraus, dass die Tote die Kellnerin und Studentin Kristine Ramm ist, die mit Marianne Sandvik die Wohnung teilte. Auf dem Überwachungsvideo ist der Bekannte Kristines zu sehen: Stuart Takeyo, ein Wissenschaftler aus Uganda, der an der Uni von Oslo forschte. Der Mann ist unauffindbar, sein Pass noch da. Er flog aus dem Land mit dem Pass eines Freundes, zurück nach Uganda.

Den Mann zu finden, wird umso dringender, als die Obduktion ergibt, dass Kristine Ramm bereits vor ihrem Goldenen Schuss betäubt worden war, mit Chloroform. Will heißen: Die Überdosis wurde ihr verabreicht, es war Mord. Ist Takeyo der Mörder? Der Mann muss hergebracht oder wenigstens vor Ort vernommen werden, und die Wahl für diesen Auftrag fällt einhellig auf Frank Frølich. Der ist davon nicht sonderlich erbaut, findet sich aber mit seinem Schicksal ab.

Während er im gleichen Flieger wie Lise Vagenes nach Nairobi düst, schnüffelt Gunnarstranda den Spuren Takeyos und Kristine Ramms nach. Er findet heraus, dass beide am Tag vor ihrem jeweiligen Ableben bzw. Verschwinden an Bord der Luxusjacht des zwielichtigen Unternehmers Pedersen waren, Kristine als Kellnerin und Takeyo – ja, als was? Er schien einen Vortrag zu halten. Und so unwahrscheinlich es klingt: über ein AIDS-Heilmittel. Das es so ein Heilmittel nicht gibt, gräbt Gunnarstranda noch tiefer in der Vergangenheit Pedersens und stößt auf mafiöse Strukturen im eigenen Land.

|Uganda|

Frank Frølich wird von der Polizei hunderte von Kilometern ins Landesinnere gefahren, von Nairobi an den Viktoriasee. Er befürchtet, dass Lise Vagenes, die von einer Kooperation mit ihm nichts wissen will, bereits vor ihm eingetroffen sein wird, da sie geflogen ist. Aber das macht nichts, wie sich herausstellt, denn sie ist keinen Deut weitergekommen in ihrer Recherche.

Allerdings merken Lise und Frank Frølich ein wenig zu spät, dass ihr Erscheinen einige lokale Mächtige nervös macht und sie dadurch das Leben Stuart Takeyos in Gefahr bringen – und nicht zuletzt sich selbst …

_Mein Eindruck_

Der Krimi zeigt auf spannende Weise, wie gewissenlose norwegische Unternehmer die Ressourcen von Uganda ausbeuten, andererseits aber auch ahnungslose Investoren abzocken.

Wie jedem Fernsehzuschauer mittlerweile durch die Dokumentation „Darwins Albtraum“ bekannt sein dürfte, haben Entwicklungshilfen am Viktoriasee dazu geführt, dass der in den 1950er Jahren von Briten ausgesetzte Nilbarsch inzwischen als Exportgut gefördert wurde. Von diesem Exportgut haben die Einheimischen überhaupt nichts, außer einem Hungerlohn für die Fischer. Doch weil der Nilbarsch inzwischen alle anderen Fischarten gefressen hat, bleibt den Einheimischen nicht einmal mehr genug zum Fischen, dass sie überleben können. Vielmehr leiden die Kinder unter Mangelernährung, weil das einzige proteinhaltige Nahrungsmittel, das ihnen ihre Mütter heute noch servieren können, die Gräten des Nilbarsches sind: der Abfall der Fischfabriken. Das Knowhow für diese Fabriken kommt, so der Autor, von den Norwegern, die ja Experten für Fischzucht sind.

Das zweite Übel für Uganda – wie für den Rest Schwarzafrikas – ist AIDS. Dem Autor zufolge wurden den Afrikanern AIDS-Medikamente geliefert, die wirkungslos waren. Vielmehr zeigten sie sogar schwere Nebenwirkungen. Die Lieferanten wussten jedoch, dass das Medikament in Europa deswegen längst verboten war. Sie arbeiteten im Auftrag skrupelloser Unternehmer, die lediglich Investoren mit einem AIDS-Heilmittel abzocken wollten. Dass sowohl Geldgeber als auch Ugander „bluten“ mussten, kümmerte sie wenig. Im Roman ist der Drahtzieher dieser Verbrecher ein ehemaliger Entwicklungshilfe-Ingenieur aus Oslo, der mit dem Schwindler Pedersen unter einer Decke steckt. Dass dieser Mann seine Leute auch vor Ort am Viktoriasee hat, liegt nahe.

Nacheinander kommen sowohl Lise Vagenes und Frank Frølich dieser Organisation in die Quere. Die Folgen sind fatal für sie wie auch für Stuart Takeyo, der nun nicht mehr in sicherer Entfernung lebt, sondern mitten in die Schusslinie gerät. Frank Frølich entgeht einem Anschlag und Lise einer Entführung. Dass diese Gefahren die beiden näher zusammenbringen, dürfte wohl nicht verwundern, und sie landen im Bett. „Welcome to Africa.“

Die Schilderung der afrikanischen Verhältnisse ist kenntnisreich und fußt zumindest teilweise auf nachprüfbaren Fakten, wie man an der erwähnten Dokumentation „Darwins Albtraum“ leicht erkennen kann. Anscheinend gibt es zudem Quellen für die Nachprüfung von norwegischen Entwicklungshilfeprojekten. Diese muss ja irgendjemand genehmigen, und dieser Jemand lässt sich in Listen wiederfinden. Als Lise Vagenes den Namen dieses Jemands herausfindet, fällt sie aus allen Wolken: Sie war nur eine Art Laufbursche. Nun ist ihr Leben in unmittelbarer Gefahr …

Sowohl Frank Frølich als auch Gunnarstranda sind Kommissare mit Ecken und Kanten, besonders Letzterer. In diesem ihrem dritten Fall wird ihr besonderes Verhältnis zueinander nicht mehr begründet und der Leser bleibt im Dunkeln, woher die Dynamik dieses Duos rührt. Frank Frølich scheint mehr der Handlanger des „Kopfes“ Gunnarstranda zu sein. Er, der Schwerenöter auf Frauensuche, bildet einen sympathischen Kontrast zu dem Witwer Gunnarstranda, der die Gesellschaft seines stummen Goldfischs Kalfatrus vorzieht, aber auch mal einen Abend mit seiner Freundin Tove verbringt. Dass er vom Kettenrauchen ein Lungenemphysem hat, dürfte schon bald das Aus für seinen Konsum von Sargnägeln bedeuten.

Ich konnte den Roman sehr schnell lesen. Die Sätze sind kurz und prägnant, die geschilderten Szenen kann man sich bildlich vorstellen. Besonders die Figurenzeichnungen haben mir gefallen. Der Autor liebt es, boshafte Adjektive und Epitheta einzusetzen, um eine Distanz zu der Figur aufzubauen. Das gilt aber auch für die Helden Frølich und Gunnarstranda. Durch ihre Fehler und Macken erscheinen sie als sehr menschlich und sympathisch. Sie sind nicht schlauer als der Leser, sondern wissen meist sogar noch noch weniger.

|Die Übersetzung|

… ist ausgezeichnet gelungen. Die zahlreichen englischsprachigen Ausdrücke wurden einfach so belassen, weil dies ja die Eigenart der jeweiligen Figur hervorhebt. Man sollte also wissen, was unter „hard feelings“ (Ärger, Groll) zu verstehen ist.

Die Hardcover-Ausgabe von 2004 bei |Ehrenwirth| informiert den Leser mit zwei Landkarten. Auf der Einbandinnenseite ist a) die Innenstadt von Oslo verzeichnet, auf dem hinteren Gegenstück b) die Region um den Viktoriasee mit den drei Statten Uganda, Tansania und Kenia – ein riesiges Gebiet. Dabei fiel mir die unterschiedliche Schreibweise eines Dorfes am See auf: hier heißt es Whichloom, im Text aber Witchloom. Woher kommt das? (Die Bezeichnung „witch-loom“ würde zumindest den Sinn „Hexen-Webstuhl“ ergeben.)

_Unterm Strich_

Auch das dritte Abenteuer der Osloer Kommissare Gunnarstranda und Frølich ist rätselhaft, spannend bis zum Schluss und kritisch-engagiert, wenn es die Zustände in Uganda und Oslo anprangert. Die Geschichte liest sich flüssig, geizt nicht mit Kabbeleien zwischen den Hauptfiguren, bissigen Dialogen und erotischen Begegnungen. Besonders gelungen fand ich die boshaften Charakterzeichnungen des Autors. Sie machen das Buch für jeden Zyniker zu einem wahren Festschmaus. Man sollte aber auch nicht die menschlich-allzumenschliche Seite außer Acht lassen, die ich relativ realistisch geschildert fand.

|Originaltitel: Lille tambur, 2003
Aus dem Norwegischen von Kerstin Hartmann|
http://www.bastei-luebbe.de

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