David, Saul – größten Fehlschläge der Militärgeschichte, Die. Von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zur Operati

Suchen Sie schon lange nach einem Buch, bei dessen Lektüre Sie sich mal wieder so richtig aufregen können? Oder schätzen Sie Werke, die das literarische Äquivalent zu jenen Sendungen darstellen, mit denen das private Fernsehen genüsslich die Dämlichkeiten synaptisch fehlgeschalteter Zeitgenossen zelebriert („Die ulkigsten Genickbrüche der Welt“)?

Dann greifen Sie zu, denn eine größere Ansammlung von Nieten und Versagern werden Sie in der nächsten Zeit nur noch in der täglichen Schenkelklopf-Show eines gewissen grinsenden TV-Metzgers finden. Einen gewichtigen Unterschied gibt es allerdings: Die Stümper („blunder“ = engl. Schnitzer, Pfusch oder eben Stümperei), die der Militärhistoriker Saul David uns hier vorstellt, haben Menschenleben auf dem Gewissen – und das nicht zu knapp!

Der Krieg ist der Vater aller Dinge, hat der griechische Philosoph Heraklit um 500 vor Christus angeblich geschrieben. (Keine Sorge: Das soll´s auch schon gewesen sein an humanistischem Bildungsgut der Vergangenheit.) Wenn er darin die Dummheit mit einschließt, hat er wohl Recht. Der Kampf, die Schlacht, der Krieg – das sind nicht nur Namen für den gewaltsamen Konflikt mindestens zweier verfeindeter Menschengruppen. Die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln (nun gut – einer sei mir noch gestattet: Carl von Clausewitz, 1780-1831) war und ist immer auch die Geschichte von Menschen unter Druck – und das ist bekanntlich keine gute Ausgangsposition für ein heikles Unternehmen wie den Versuch, einen (ähnlich gestressten und bis an die Zähne bewaffneten) Gegner in die Flucht zu schlagen.

Unter diesen Voraussetzungen ist es verständlich, dass Saul David es leicht hatte, Beispiele für strategische, politische oder einfach „nur“ menschliche Fehleinschätzungen aus der Militärgeschichte zusammenzutragen. 30 bekannte und weniger bekannte Konflikte aus 2000 Jahren – von der Schlacht im Teutoburger Wald (Römer gegen Germanen, 9 n. Chr.) bis zur „Operation Desert Storm“ (USA gegen Irak; wird bis heute gelegentlich in kleinerem Rahmen wiederholt) – analysiert der Autor, schildert kurz den Kampfablauf und entwickelt daraus das Wie und Warum der entscheidenden Fehler. Es ist bedrückend zu lesen, wie unfähige oder übertrieben ehrgeizige Kommandanten, simple Kommunikationsprobleme, bewusste „Bauernopfer“, die Einmischung unkundiger Politiker oder das Unterschätzen des Gegners wieder und immer wieder in dieselbe Katastrophe mündeten: den unnötigen Tod zahlloser Menschen, deren Pech es primär war, als Soldaten den Befehlen von Stümpern ausgeliefert zu sein.

Bücher (und Filme) über militärische Holzköpfe haben Konjunktur; kein Wunder, wenn wir die tragischen Geschichten hinter dem ungläubigen Kopfschütteln bedenken. Besonders unsere britischen Nachbarn beschäftigen sich intensiv mit den zahlreichen Schlachten ihrer langen Geschichte; da sie zumindest in den letzten Jahrzehnten jeweils auf der „richtigen“ Seite gekämpft haben (bis auf diese peinliche, aber halb vergessene Sache auf den Falklandinseln), können sie das relativ entspannt und ohne schlechtes Gewissen tun. Nun gut, ob sie es tun können, sei dahin gestellt; sie tun´s halt einfach – und zwar mit Begeisterung: Lässt man im Internet eine Suchmaschine – Ihr Rezensent bevorzugt Google – nach dem Begriffspaar „Military“ und „Blunders“ (nach dem Originaltitel des vorliegenden Buches) suchen, werden stolze 15.000 Websites angeboten!

Allerdings sollte Begeisterung keinesfalls Sachkenntnis ersetzen. Ohne in Details zu gehen, möchte Ihr Rezensent an dieser Stelle anmerken, dass ihm, der sich in der frühen und mittelalterlichen Geschichte berufsbedingt ziemlich gut auskennt, einige Punkte in Sauls Darstellung der besagten Schlacht im Teutoburger Wald, besonders aber des zweiten Kreuzzugs arg missfallen haben. Hier stützt sich der Autor zum Teil auf veraltete oder sogar definitiv falsche Quellen. Das lässt natürlich Misstrauen aufsteigen, inwieweit wir ihm sonst vertrauen können.

Ein weiteres Manko: Man mag es kaum ansprechen, aber wenn man nicht gerade zu denjenigen Zeitgenossen gehört, deren höchste Wonne es ist, die Schlachten der Weltgeschichte mit Tausenden von Zinnsoldaten nachzuspielen, ermüdet es unabhängig von der Zahl der Opfer rasch nachzulesen, wieso welcher Truppenteil wann welchen Berg stürmte (oder nicht). David selbst beschreibt die Schwierigkeit, um der Lesbarkeit willen die Balance zu finden zwischen der streng wissenschaftlichen und der eher populärwissenschaftlichen Darstellung; so recht ist ihm das jedenfalls nicht gelungen.

Angesichts der höchst komplizierten Dynamik, die dem Prozess des Kriegführens offensichtlich innewohnt, fragt man sich allerdings, ob noch so sorgfältige Pläne den Ausgang eines Gefechts wirklich beeinflussen können. Irgendwann scheint sich stets der Zufall durchzusetzen, es sei denn, der Kommandant ist definitiv verrückt, was übrigens häufiger vorgekommen ist, als man sich das vorstellen mag.

So wird die Lektüre mit fortschreitender Seitenzahl langsam etwas zäh. Man wird ungeduldig, runzelt über das inhaltliche Durcheinander bzw. die eigentümliche thematische Gliederung („Unfähige Kommandanten“, „Katastrophale Pläne“, „Einmischung von Politikern“, „Übertriebenes Selbstvertrauen“, „Truppenversagen“ – eine klare Trennungslinie kann da überhaupt nicht gezogen werden) die Stirn, mag Stalingrad nicht unbedingt an der Seite von Little Big Horn sehen. Vielleicht wäre es ratsam, „Die größten Fehlschläge …“ nicht am Stück, sondern in Etappen (um in den Jargon des Themas zu verfallen) zu lesen. Zu viel Dummheit am Stück kann ermüdend wirken oder zu wütender Resignation führen.

Übrigens präsentiert uns Saul David keineswegs „die größten Fehlschläge der Militärgeschichte“, wie uns der deutsche Titel weismachen möchte. Der Autor kann bereits im Vorwort glaubhaft machen, dass es ihm leicht gefallen wäre, ein Vielfaches an militärisch-menschlichen Katastrophen aus der Geschichte zu wählen. Aber sein Potpourri menschlichen Versagens reicht auch so vollauf!

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