Davis, Stephen – Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga

Angeblich gibt es bei der Bundeswehr die inoffizielle Aufgabe des Zahlmeisters. Das ist ein Feldwebel, der in einem gepanzerten Geldwagen hinter Manövern herfährt und dabei verursachte Schäden an Vieh, Saaten oder Zäunen mit den betroffenen Bauern sofort per Handschlag und Bargeld regelt. Auch skandalträchtige Rockbands sollen gerüchteweise über diskrete Schnellregulierer verfügen, die mit der dicken Brieftasche anrücken, nachdem vor „zufällig“ anwesenden Fotoreportern Hotelzimmer zerlegt oder Fernseher aus dem Fenster geworfen worden sind. In Stephen Davis‘ Bandbiographie „Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga“ kann man an einigen Stellen zwischen den Zeilen lesen, dass es auch bei dieser Gruppe wohlkalkulierte Spontanausbrüche gegeben haben mag.

Im Großen und Ganzen aber ist „Hammer of the Gods“ als |Chronique scandaleuse| angelegt, die ausgiebig über Drogen- und Sexanekdoten verschwörerisch raunt und dabei ebenso die Jungen erfreut, die hier lesen können, was Mutti gar nicht schätzt, ganz wie die Altgewordenen, deren Jugend desto schöner wird, je weiter sie zurückliegt. Das Buch ist selbst schon ein kleines Stück |LED ZEP|-Geschichte geworden. 1985 erschien es zum ersten Mal und wurde seitdem mehrfach fortgeschrieben und um spätere Projekte wie |PAGE/PLANT| oder nachträgliche Veröffentlichungen ergänzt. Die letzte Überarbeitung, welche die Live-CD „How The West Was Won“ und die DVD „Led Zeppelin“ (beide 2003) erwähnt, den umjubelten Auftritt in London am 10.12.2007 aber nicht mehr, liegt seit November dieses Jahres in deutscher Übersetzung vor.

Wer ernsthaft an Rockgeschichte interessiert ist, findet in „Hammer of the Gods“ jede Menge Informationen und gewinnt dennoch kaum Erkenntnis. Über weite Strecken schreibt Davis als unkritischer Fan, und vor allem bemüht er das Klischee vom wilden Rock-&-Roll-Leben. Ein Füllhorn an Groupies, Rauschmitteln und schwarzer Magie wird über dem Leser ausgeschüttet. Dabei lässt sich Davis immer ein Hintertürchen offen, indem er nur selten klipp und klar sagt, wer denn was angestellt hat. Gerade bei Eskapaden, die strafrechtlich relevant sein dürften, hüllt sich alles in Nebel. Waren nun Bandmitglieder beteiligt? Oder doch nur die Roadies? Oder ist das Ganze nur ein Gerücht? (Oder hat unser geheimnisvoller Zahlmeister verkaufsfördernde Skandalgeschichten in die Welt gesetzt?)

Hinter dem Erfolg von |LED ZEPPELIN| standen vor allem zwei Männer: Zunächst war da der Bandgründer und Gitarrist Jimmy Page, ein guter Schüler und Student, der bereits in sehr jungen Jahren ein gut bezahlter Studiomusiker war. Er war das letzte Mitglied, das bei den |YARDBIRDS| aufgenommen wurde. Doch als diese sich auflösten, gehörten ihm die Namensrechte! Der zweite war Manager Peter Grant, der vermutlich Geld riechen konnte und immer neue Einnahmequellen entdeckte. Nach Amerika, wo es echtes Rockradio gibt und seinerzeit britische Bluesrockgruppen sehr gefragt waren, schickt er die Band regelmäßig auf Tour. Auf unfreundliche Presseberichte hin lädt man Journalisten zu Tourreportagen ein und engagiert sogar einen eigenen Pressesprecher. Als sich der Erfolg eingestellt hat, schlagen sie bei ihrem Verlag |Atlantic| ein eigenes Label, |Swan Song|, heraus, das erfolgreiche Bands wie |BAD COMPANY| und die |PRETTY THINGS| unter Vertrag nimmt und das |Atlantic| noch als Distributor unterstützen darf.

Da Davis alle tatsächlichen und angeblichen Eskapaden exhibitionistisch ausbreitet und als lustigen Dauerkarneval präsentiert und dann aber nur selten wirklich konkret wird, verliert er selber die Maßstäbe. So heißt es von Jimmy Page, dass er sich bei den ersten Amerikatourneen, als es besonders hoch hergegangen sein soll, von harten Drogen fernhielt. Später erwähnt der Autor ganz beiläufig, dass Page und Grant Mitte der Siebziger sogar vor Zeugen Kokain schnupften, und geht gedankenlos zur nächsten Episode über, ohne zu würdigen, dass sich hier offenkundig das Ende schon ankündigte. Gab es in der Anfangszeit von |LED ZEPPELIN| fast jedes Jahr ein Album und zwei Tourneen, bricht ab 1975/76 langsam alles zusammen. Die äußerst wichtige Frage, ob John Bonhams Tod 1980 die Ursache oder nur noch der Anlass für die Bandauflösung war, bleibt unbeantwortet. Gleichzeitig siecht auch das von schnellem Erfolg begünstigte Label |Swan Song| dahin, weil in dieser Firma allmählich niemand mehr arbeitet.

Richtig ärgerlich wird es, wenn es um das Thema Okkultismus geht. Etliche Artikel über die Band hantieren seit Jahren etwas hilflos mit der Frage herum, inwieweit Aleister Crowley Jimmy Page und |LED ZEPPELIN| beeinflusst haben mag. Aber dieses ominöse, affektgeladene Thema lässt sich Stephen Davis natürlich nicht entgehen, um noch mehr effektheischende Nebelschwaden zu entfachen. Gleich zu Beginn tischt er eine mittelalterlich anmutende Räuberpistole vom Pakt mit dem Teufel auf, und Begriffe wie „Magie“, „Ritual“ usw. gibt es gleich im Dutzend billiger. Zu Crowley selber gibt es nur ein paar dürre biographische Daten, aber keine kritische Würdigung. Die entscheidende Frage, ob er denn wirklich ein dämonischer Teufelsbeschwörer oder vielleicht doch nur ein geltungsbedürftiges Großmaul war, wird gar nicht erst gestellt. Ebenso wenig, ob Pages Sammlung an Crowley-Devotionalien eine ernsthafte, womöglich verehrende Beschäftigung mit diesem Phänomen war oder nur ein Spleen oder ein medienwirksamer Trick.

Sehr stark ist das Buch dann, wenn es um das eigentliche Thema geht, die Musik. Jedes Studioalbum bespricht Davis Stück für Stück, er gibt die Konzertprogramme mit den verschiedensten Coverversionen und Medleys wieder, er nennt die Entstehung derjenigen Aufnahmen, die erst posthum auf der „Coda“ (1982) veröffentlicht wurden, und erwähnt auch sämtliche Soloalben, die nach der Bandauflösung entstanden sind. Insbesondere die ausführliche Würdigung der einzelnen Stücke und Konzertfavoriten macht einem wieder die Klasse und Bedeutung dieser kaum zu überschätzenden Gruppe bewusst. Ihre Beschäftigung mit Rock ’n‘ Roll, Blues, keltischer Folklore und auch exotischer Musik wird vorgestellt. Obwohl Fan, behandelt der Autor auch ausführlich die Tatsache, dass sich die Band gerade in ihrer Frühzeit gerne bei Fremdkompositionen bediente. Dass |LED ZEPPELIN| einige ihrer Stücke auf Grundlage fremder Ideen ausarbeiteten, mindert überhaupt nicht ihre künstlerische Bedeutung, zeigt aber, dass ihr Geschäftsgebaren manchmal die guten Sitten missachtete. Wenn es schließlich um die Wirkung ihrer Musik geht, tappt Davis in die eigene Falle. Er schildert ein wild begeistertes Konzertpublikum, Jugendliche außer Rand und Band, auf die ‚Whole Lotta Love‘ eine aufreizende und ‚Dazed And Confused‘ eine gespenstische Wirkung ausübte. Aber nachdem er so viele Skandalgerüchte aufgerührt hat, weiß man nicht mehr, ob man das glauben kann oder nicht. Und wenn ja, woran lag diese Entfesselung? War es die zeitbedingte Gier nach Neuem, oder sind wir heute – etwa vierzig Jahre und hundert Trends später – einfach zu abgestumpft, um eine derart tiefgehende Wirkung nachzuempfinden?

Natürlich sind Themen wie Geld und Organisation nicht annähernd so spannend wie halbdunkle Skandalgeschichten. Aber dennoch wäre es für Fans und Nachwuchsmusiker sicher interessant zu lesen, warum einige Bands wirtschaftlich überleben konnten und andere nicht. Und insbesondere in einer Zeit, in der etliche Musiker von Managern und Verlagen über den Tisch gezogen wurden, macht ein gesunder Geschäftssinn eine Rockband keineswegs unsympathisch. Inwieweit der Erfolg von |LED ZEPPELIN| von der Musik, der Geschäftstüchtigkeit und geschickter Öffentlichkeitsarbeit beeinflusst wurde, wird bei Davis nicht geklärt. Dass die Musik aber, die in ihren besten Momenten wirklich faszinierend war, die entscheidende Voraussetzung war, steht ganz außer Zweifel.

|ISBN-13: 978-3-927638-43-3
409 Seiten, 16 Fotografien|
http://www.led-zeppelin.com
http://www.rockbuch.de
http://www.edel.de

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