Deaver, Jeffery – Täuscher, Der

Biometrische Daten – der Weg zum ‚gläsernen Bürger‘, über den zahlreiche Daten, so banal und unerheblich sie auch für uns im Alltag erscheinen mögen, gespeichert werden. Datenschützer, die unsere Grundrechte schon angegriffen und vergewaltigt sehen, gehen auf die Barrikaden und prognostizieren Manipulationen unseres persönlichen und privaten Umfelds, die wir uns (noch) nicht vorstellen können oder vor deren drohender Gefahr wir lieber die Augen verschließen.

Längst schon gibt es Firmen in privater Hand, die unsere Kaufdaten analysieren und mit den Daten prophetische Voraussagen über die nächsten Käufe treffen, die wir tätigen wollen. Auch statistische Ämter und andere staatliche Behörden horten unsere ganz persönlichen Daten. Noch unangenehmer wird es, wenn wir darüber nachdenken, was die vielen verschiedenen Kreditinstitute über uns wissen.

Spinnen wir den Gedanken weiter, dass es eine Firma gibt, die möglichst alle persönlichen, privaten und beruflichen Daten speichert, aufbereitet und daraus strukturierte Dossiers erstellt. Ein Alptraum, erst recht dann, wenn diese Daten durch dritte Personen manipuliert werden, denn Wissen ist Macht und vermag Machtvoles zu tun: Manipulation von Kontobewegungen oder Kreditwürdigkeiten, Veränderungen von offiziellen persönlichen Daten oder medizinischen Details.

Ein Horrorszenario, das bereits einige Male in Buch und Film aufgegriffen wurde. Jeffery Deaver hat mit seinem aktuellen Roman „Der Täuscher“ diese Gefahr zum Kernthema gemacht und wie immer in seinen Thrillern um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs einen unaufhaltsamen Spannungsbogen darauf aufgebaut.

_Inhalt_

Lincoln Rhyme ist seit einem Unfall vom Kopf abwärts gelähmt, sein messerscharfer Verstand und seine Fähigkeiten, sich in die Denkweise eines Kriminellen zu versetzen, lassen ihn jedoch weiterhin für jeden Verbrecher zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahr werden. Mit psychologischer Raffinesse und der Hilfe seiner Assistentin und Geliebten Amelia Sachs, die die Hände und Augen für den behinderten Ermittler am Tatort ist, kommt es diesmal zu einer persönlichen Konfrontation mit einem Killer, der scheinbar schon seit Jahren sein blutiges Handwerk ausübt.

Ein schockierender Anruf lässt den Kriminalisten Lincoln Rhyme an seine Vergangenheit denken. Vor seiner Karriere als Polizist wuchs er mit seinem Cousin Arthur Ryhme auf. Ihr Verhältnis war eng, sie empfanden fast wie Brüder füreinander, bis sie sich völlig zerstritten und seitdem keinen persönlichen Kontakt mehr pflegten.

Und doch ist für seinen Cousin nun Lincoln die einzige Hoffnung. Arthur ist des vorsätzlichen Mordes angeklagt und sitzt in Untersuchungshaft, die Kautionssumme ist zu hoch, als dass er bis zum Prozess auf freien Fuß kommen könnte. Die Beweislage ist niederschmetternd und Staatsanwalt wie auch seine Verteidigung bedrängen Arthur, sich schuldig zu bekennen und einzulenken, doch der ehemalige Professor beteuert verzweifelt seine Unschuld. Die Chance, dies zu beweisen, tendiert gegen null, denn in Arthurs Auto wurden das Blut der jungen Frau und andere Spuren gefunden, ein anonymer Anrufer hat ihn zudem aus dem Wohnhaus der Getöteten flüchten sehen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Arthur für die Tatzeit den Beamten kein Alibi vorlegen kann und im Zusammenhang mit dieser Tat ein kostbares Bild gestohlen wurde, für das sich Arthur interessierte.

Lincoln Rhyme folgt dem Bitten von Arthurs Frau und beginnt zusammen mit Amelia Sachs, den Fall zu analysieren. Wenig später stößt das Duo auf zwei weitere Todesfälle, die nach gleichem Muster abgelaufen sind. Kann es sein, dass auch die beiden in diesen Fällen verurteilten und inhaftierten Täter unschuldig sind? Rhyme und Sachs vermuten dies und kommen dem Verhaltensmuster des gefährlichen Killers immer näher. Bei einem weiteren Mord unterläuft dem flüchtenden Täter ein erster gravierender Fehler: Er verliert einen Zettel mit einer Hoteladresse in Manhattan.

Als Sachs diese Adresse prüft, trifft sie auf einen verzweifelten und ruinierten Mann, der behauptet, jemand habe seine Identität erst gestohlen und dann mit Kalkül zerstört. Wer hat in seinem Namen ganze Häuser gekauft und enorme Schulden angehäuft? Seine Familie ist zerstört, seinen Beruf als Arzt darf er nicht mehr ausüben, ihm bleibt nichts mehr. Die Spuren führen Rhyme und Sachs zur führenden Firma in Manhattan, die sich auf Datensammlungen und deren Auswertung spezialisiert hat – Strategic Systems Datacort (SSD). Die Firma kooperiert mit Sachs und ihren Ermittlern, und der Kreis der verdächtigen Personen, die Zugriff auf die enorm ausführlichen Datenmengen hatten, wird enger. Aber auch der Täter beginnt zu ‚ermitteln‘ und nutzt sein Wissen, um systematisch gegen die Polizei vorzugehen. Ein erster Todesfall in deren Reihen beweist, dass er zu allem fähig und entschlossen ist …

_Kritik_

„Der Täuscher“ von Jeffery Deaver ist grandios konzipiert. Mit viel Gespür für unsere ärgsten Alpträume und dem immer wiederkehrenden aktuellen Thema des Datenmissbrauchs und der Datenmanipulation als Grundlage, ist der Roman in seinem Spannungsaufbau kaum zu übertreffen. „Der Täuscher“ ist ein psychologischer Thriller, kein typischer Krimi, denn Lincoln Rhyme und „Täuscher“ fechten hauptsächlich mit ihrer Intelligenz ein Duell aus, das mit einiger Wucht die Gefahren des ‚gläsernen Menschen‘ thematisiert. Wenn Deaver den Täuscher zeigen lässt, welche Daten er sammeln und auswerten kann, um sie dann in teuflischer Weise dafür zu nutzen, um zu seiner eigenen Befriedigung Existenzen zu zerstören, überläuft es den Leser eiskalt.

Die Handlung wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt. Neben Lincoln Rhyme, der – an sein Bett oder seinen Stuhl gefesselt und auf die Hilfe seiner Mitarbeiter Amelia Sachs und Ron Pulaski angewiesen – Spur für Spur analysiert, plant sein Gegner minutiös jeden weiteren Schritt, und ist dabei scheinbar immer im Vorteil. Der Täuscher gibt sich selbstsicher und gottgleich, bis er erkennen muss, dass auch er Fehler begeht. Seine Arroganz lässt ihn unvorsichtig werden; zwar versucht er den angerichteten Schaden immer wieder zu begrenzen, doch auch der Protagonist Zufall hat seinen Auftritt und spielt mit.

Wer hinter der Identität des Täuschers steckt, wird bis zuletzt nicht verraten; immer wieder werden Nebenfiguren ins Spiel gebracht, welche die Handlung vorantreiben und durchaus eigene Motive besitzen, um solche Verbrechen zu begehen, doch das Blatt wendet sich unaufhörlich, während sich die Ermittler und der Täuscher ein Psychoduell liefern. Ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel zieht sich als roter Faden durch die Handlung.

Doch es gibt auch viele und interessante Nebenhandlungen, beispielsweise wird ein Teil von Lincoln Rhymes Vergangenheit aufgearbeitet. Der unterschwelligen Rivalität und dem Konflikt, der seit Jahren zwischen Arthur und Lincoln vor sich hin dämmert, müssen sich beide stellen. Einige alte Bekannte tauchen wieder neben Rhyme und Sachs auf, wie zum Beispiel Detective Selito. Trotzdem kann man diesen Thriller auch gänzlich unabhängig von den anderen Teilen lesen, da sie nur wenig aufeinander aufbauen.

Den Realismus bezieht die Handlung nicht nur aus den detailierten Ermittlungsmethoden, auch wenn sie vielleicht ein wenig unkonventionell wirken, nein, es sind tatsächlich die Verbrechen, welche der Täuscher verübt. Wie oft hinterlassen wir im Alltag persönliche Daten in Behörden, Geschäften oder bei Banken? Wie oft werden wir gefilmt, ohne es vielleicht zu merken, oder nehmen dies als alltäglich hin, da es unserer Sicherheit dienen soll. Der Täuscher verwendet diese Daten als Waffe, und das sehr effektiv und berechnend – er ist allwissend. Ein Zukunftsszenario? Nein, Jeffery Deaver hat sich größtenteils an Fakten gehalten, und wer mehr über Firmen wissen möchte, die Daten von Privatmenschen sammeln, findet im Anhang einige Internetadressen, die sich mit dem Thema wie auch den Gefahren auseinandersetzen.

Lincoln Ryhme und Amelia Sachs ergänzen sich bei den Ermittlungen gekonnt, jeder Teil dieses Ganzen wäre ohne den anderen zwar immer noch ein guter Ermittler, aber nur zusammen sind sie derart erfolgreich. Lincoln, der körperlich sehr eingeschränkt ist, klingt dabei manches Mal verbittert und kaltherzig. Amelia Sachs dagegen hat sich ihre Menschlichkeit bewahrt und geht eher gefühlsbetont und mit weiblicher Intuition vor. Von beiden Ermittlern erfährt man persönliche Details und nimmt sie als Persönlichkeiten wahr. Der Täuscher dagegen könnte jedermann sein, ein Normalbürger, jemand mit zwei Gesichtern und Persönlichkeiten. Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ist bei diesem unsichtbaren Gegenspieler fließend und nicht überzogen unrealistisch gezeichnet worden.

_Fazit_

„Der Täuscher“ von Jeffery Deaver ist der achte und sicherlich nicht der letzte Fall des Ermittlungsduos Rhyme und Sachs. Stilsicher und spannend geschrieben, ist „Der Täuscher“ einer der intensivsten Psychothriller des Autors und wird den treuen Leser begeistern, auch wegen der aktuellen Debatte um Daten und ihren Missbrauch, die zum Glück immer wieder in den Medien aufgegriffen wird. Der Roman zeigt erschreckend auf, was passieren kann, wenn sensible Daten in falsche und kriminelle Hände geraten können. Das Gesetz kann hier trotz aller Beteuerungen nur schwerlich helfen und Geheimhaltung garantieren.

„Der Täuscher“ ist also in der Summe ein genialer, tiefsinniger und psychologischer Thriller, der spannender kaum gemacht sein könnte. Jeffery Deaver hat mit diesem Roman einen seiner Höhepunkte als Schriftsteller erreicht.

_Der Autor_

Jeffery Deaver wurde 1950 in der Nähe von Chicago geboren. Bereits mit elf Jahren schrieb er sein erstes Buch – es bestand aus zwei Kapiteln. Er studierte Journalismus und arbeitete danach als Autor für ein Magazin, ehe er sich an der Fordham Law School für ein Jurastudium einschrieb. Nach seinem Abschluss war er mehrere Jahre als Anwalt an der Wall Street. Auf den langen Bahnfahrten zu seinem Arbeitsplatz begann er, Thriller zu schreiben – übrigens auch seine bevorzugte Lektüre. Seit 1990 arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller und gilt seitdem als einer der erfolgreichsten Thrillerautoren. Seine Bücher erscheinen in 150 Ländern, werden in 25 Sprachen übersetzt und stehen weltweit ganz vorne auf den Bestsellerlisten.

Für seine Romane und Kurzgeschichtensammlungen hat er zahlreiche Preise erhalten. Sechsmal war er für den Edgar Award der Mystery Writers of America nominiert und ist unter anderem mit dem Steel Dagger Award und dem Short Story Dagger Award der British Crime Writers Association ausgezeichnet worden.

„Dead Silence“ (Buchtitel: „Die Schule des Schweigens“) wurde mit James Garner in der Hauptrolle verfilmt und lief im Fernsehen. Der erste Roman um den gelähmten Ermittler Lincoln Rhyme, „Der Knochenjäger“ (Buch: „Die Assistentin“), kongenial besetzt mit Denzel Washington und Angelina Jolie, war auch in den Kinos ein großer Erfolg.

„Die Menschenleserin“ war 2008 der Auftakt zu einer neuen Serie um die Verhörspezialistin Kathryn Dance. Weitere Romane um Lincoln Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs sind in Vorbereitung. Jeffery Deaver lebt abwechselnd in Virginia und Kalifornien.

|Originaltitel: The Broken Window
Lincoln Rhyme, Band 8
Übersetzung von Thomas Haufschild
543 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7645-0296-6|
http://www.jefferydeaver.com
http://www.jeffery-deaver.de

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