Deaver, Jeffery – faule Henker, Der

_Auch du kannst ein Zauberer sein!_

Qualvoll stirbt ein junges Mädchen in einer New Yorker Musikschule. Der Mörder flieht in einen fensterlosen Hörsaal. Als die Polizei den Raum stürmt, ist er leer. Lincoln Rhyme, der geniale gelähmte Kriminalist, und seine Partnerin Amelia Sachs ermitteln in ihrem fünften – und schwierigsten – Fall: auf den Spuren eines Mörders, dessen Metier das Unmögliche ist. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Jeffery Deaver ist nach nur zwei Romanen bereits einer der bekanntesten Krimiautoren der USA. Denn einer dieser zwei Romane wurde von Hollywood verfilmt: Unter dem Titel „Der Knochenjäger“ zeigte der Streifen Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen. Vorlage war Deavers Thriller „Die Assistentin“, in dem ebenfalls der Kriminalist Lincoln Rhyme die Hauptfigur darstellte. Deaver lebt abwechselnd in Virginia und Kalifornien.

Mehr Info: http://www.jefferydeaver.com.

_Handlung_

Als die zwei New Yorker Polizistinnen in den Raum eindringen, ist es bereits zu spät. Die junge Frau auf dem Boden kriegt keine Luft mehr. Ihre Hände wurden ihr auf dem Rücken gefesselt und eine Seilschlinge um ihren Hals gelegt, deren Enden mit den Fußfesseln verbunden sind. Durch diese Haltung hat sie sich selbst stranguliert. Harry Houdini, so ahnt noch niemand, hat diese Fesselungsart aus offensichtlichen Gründen als den „faulen Henker“ bezeichnet.

Der Mörder kniet noch über seinem Opfer, kann aber den Polizistinnen entkommen und flieht in einen Hörsaal. Weil er angeblich eine Geisel bei sich hat, dringen die beiden Cops erst spät ein – wieder zu spät. Der Hörsaal ist leer. Aber er hat weder Fenster noch eine unbewachte Tür. Wie also ist der Täter entkommen? Oder ist er etwa noch im Gebäude?

Dem gelähmten Kriminalisten Lincoln Rhyme und seiner Partnerin Amelia Sachs, die gerade die Prüfung zum Detective Sergeant beim NYPD abgelegt hat, ist klar, dass dieser Mörder keineswegs das erste Mal zugeschlagen hat. Zu demonstrativ ist seine Vorgehensweise, bei der er sich der Tricks großer Illusionisten und Entfesselungskünstler wie Houdini bedient. Exakt vier Stunden später schlägt er erneut zu. Wieder hinterlässt er einen beeindruckenden Beweis seiner Täuschungskunst (einen besonders blutigen „Trick“), und wieder lässt er die Ermittler ratlos zurück: Was ist Trick? Was ist Wirklichkeit?

Sachs und Rhyme gelingt es, die junge Zauberkünstlerin Kara als Beraterin zu engagieren. Sie soll ihn über die psycholgischen Hintergründe der Illusionswirkung (z. B. die bekannte „Trägheit des Auges“) und die Tricks der großen Könner aufklären. Kara kennt die Flucht aus einem Raum ohne Ausgang als klassischen Illusionistentrick namens „Der Verschwundene“ (siehe den O-Titel) und den ersten Mord selbst als „Der faule Henker“. Das Trio einigt sich darauf, den Gesuchten als den „Hexer“ zu bezeichnen. Das gefällt bestimmt auch den Medien.

Parallel dazu scheint sich ein ganz anderer Handlungsstrang zu entwickeln. Auf den New Yorker Bezirksstaatsanwalt Grady hat es eine rassistische weiße Organisation abgesehen, und Rhyme soll zu den gefundenen Spuren eines Einbruchs die richtigen Hinweise und Schlussfolgerungen liefern. Das lenkt ihn von der Gefahr ab, die sich ihm selbst von anderer Seite nähert.

Seine dritte Vorstellung hat der Hexer sehr sorgfältig vorbereitet, doch ausgerechnet sie geht schief. Als er bereits auf einem Kunsthandwerksmarkt von Polizisten umzingelt ist, kann sich der Hexer in einer weiteren seiner zahllosen Verkleidungen verbergen. Dabei belauscht er Amelia Sachs, wie sie Lincoln Rhymes Namen ins Handy spricht. Jetzt weiß der Hexer endlich, wer ihn jagt.

Für Lincoln Rhyme, den Gelähmten, der sich nicht vom Fleck rühren kann, bereitet er eine ganz besonders heiße Nummer vor: Er bezeichnet sie als „Der Eingeäscherte“ …

_Mein Eindruck_

Hier wird der Leser nach allen Regeln der Kunst hinters Licht geführt. Aber Lincoln Rhyme ergeht es wenig besser, selbst wenn er sein Täterprofil ständig aktualisiert und verfeinert. (Wer will, kann sich selbst einen Reim auf dieses Profil machen, ohne sich um die Schlussfolgerungen Rhymes zu scheren). Fast der ganze Roman ist eine einzige, komplexe Illusionsshow. Um den Spaß nicht zu verderben, darf ich nicht zu viel davon verraten.

|Täuschungen und Falltüren|

Zunächst sieht es so aus, als hätte es der Täter, der sich als meisterlicher Illusionist, Taschenspieler, Verkleidungs- und Entfesselungskünstler herausstellt, auf Rache abgesehen – an Leuten wie dem Maskenbildner, der Clownin/Musikantin und der Reiterin. Dann fällt der Verdacht zunehmend auf die Sache mit Bezirksstaatsanwalt Charles Grady, dem einige „Patrioten“ ans Leder wollen. Doch ist das vielleicht nur ein weiteres Ablenkungsmanöver, um von einer Bombe, die der Täter im Zelt des im nahen Central Park gastierenden Zirkus platziert hat, abzulenken? Und selbst, als man des Täters schon habhaft geworden ist und ihn ins Untersuchungsgefängnis bringt, zaubert er noch eine böse Überraschung hervor.

|Illusionisten unter sich|

Amelia Sachs hat als die Frau mit dem Sinn fürs Praktische keine Chance, den nächsten Zug des Täters vorauszuberechnen, geschweige denn, ihn zu durchschauen. Ganz anders hingegen Lincoln Rhyme. Der querschnittsgelähmte Meisterdetektiv mit der Vorliebe für schottischen Single Malt Whisky behält den Überblick und die Nerven – kein Wunder: Es ist ja nicht sein Hintern, der sich in der Schusslinie befindet. Daher gelingt es ihm, mit Karas Hilfe die „Methode“, also die Art und Weise, wie der Täter seine Illusionen bewerkstelligt, zu durchschauen und einem Muster zuzuordnen. Das Muster besteht meist aus einem Zaubertrick, den schon einer der Meister aufgeführt hat, beispielsweise Harry Houdini.

Kara bringt es an einer Stelle auf den Punkt: Auch Rhyme könnte ohne weiteres als Illusionist auftreten, denn er beherrscht die Kunst, sein Gegenüber zu beeinflussen, abzulenken und gleichzeitig etwas ganz anderes zu tun. Das bekommt auch der Täter zu spüren. Leider ist Rhymes „Methode“ zwar gut, aber ihr „Effekt“ – die Illusion an sich – nicht natürlich genug, um den Täter, einen Experten auf diesem Gebiet, täuschen zu können.

Mehr als einmal fragen sich Amelia Sachs und ihre Kollegen auf der Straße, ob der „Hexer“ in einer seiner tausend Verkleidungen gerade durch ihr Blickfeld spaziert. Dr. Mabuse lässt schön grüßen. Was ist Trick und Illusion, was ist echt? Kara bringt es noch einmal auf den Punkt: Die Erinnerung an die Vergangenheit ist unzuverlässig und trügerisch (sie hat eine Mutter, die unter Alzheimer leidet), und über die Zukunft können wir nur Vermutungen und Spekulationen anstellen. Was bleibt uns also? Die Illusion der Existenz im Augenblick der Gegenwart …

Wie einfach sich der Zustand der wahrgenommenen Realität manipulieren lässt, demonstrieren Rhyme und Kara in einer der finalen Szenen auf schlagende Weise. Der Leser selbst wird ebenso wie Amelia Sachs und andere derart überzeugend in die Irre geführt, dass man das Gefühl hat, es würde sich eine weitere Falltür in der Wirklichkeit öffnen – und welche Schrecken lauern wohl darunter?

|Die große Show|

Wie gesagt, ist der ganze Roman eine einzige große Illusionsvorstellung. Der Hexer wendet sich sogar persönlich an uns, sein „verehrtes Publikum“! Was haben Kriminalisten wie Rhyme dem entgegenzusetzen? Rhyme pocht immer wieder auf das Duo „Wissenschaft und Logik“ – in Eschbachs neuem Roman [„Der Nobelpreis“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2060 in dem es ebenfalls um Illusion und Naivität geht, setzt der Autor auf möglichst viele Knoten vernetzten Wissens. Auch eine Methode, der Illusionen beizukommen, die uns überall untergejubelt werden sollen (allzu oft sogar von der eigenen, selbstgewählten Regierung).

|Trost der Logik|

Die Logik mag eisernen Gesetzen wie der Mathematik gehorchen, aber wie sieht es mit der Wissenschaft allgemein aus? Bekanntlich hat sie sich im Laufe der Jahrhunderte seit Kopernikus und Galilei gewaltig verändert, und wenn man sich die neuesten Trends in der Quantenphysik (z. B. Stringtheorie) ansieht, so scheint die Realität mehr aus einer Art Schaum zu bestehen als etwas Solidem. Rhymes Pfleger Thom bringt auch das ironisch auf den Punkt: „Er [Rhyme] meint seinen Bauch.“ Die Realität der Kriminaler, sie ist nicht schwarzweiß, sondern grau. Jeder muss wählen, auf welcher Seite er stehen will. Rhyme dachte sogar einmal daran, auf die Seite des Verbrechens überzulaufen, erfahren wir. Es wundert uns keineswegs. Der Akt der Wahl zwischen Recht und Verbrechen verändert die Realität, in uns und um uns herum. Die Realität, um es mit Sartre und Camus zu sagen, ist also ein moralischer Akt. Oder um es mit Kästner zu sagen: „Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“

_Unterm Strich_

Wieder einmal könnte man großzügig Jeffery Deaver Genialität bescheinigen, was die Entwicklung eines ausgeklügelten Roman-Plots angeht. Allerdings erweckt er diesmal den Eindruck, zu viel des Guten getan zu haben, will heißen: Der Zuschauer sitzt in Deavers Illusionistenshow (= Roman) und hält das, was er gezeigt bekommt, zunächst für ganz toll, dann für verblüffend, dann aber schließlich nicht nur für unwahrscheinlich, sondern – an dem Punkt, an dem der Unglaube das Handtuch wirft – sogar für beliebig. Das ist das Schlimmste, was einem ambitionierten Romanautor passieren kann. Da hätte er ja gleich einen Groschenroman hinfetzen können, für ein Zehntel des Aufwands.

Damit aber der Unglaube eben nicht siegt, sondern selbst der verblüffte Verstand dem Geschehen mit Interesse weiter folgt, hätte der Autor vielleicht noch mehr Wert auf die Erklärungen all der gezeigten Tricks legen müssen. Manchem Leser reicht es eben nicht, dass der Hexer selbst seine Tricks erklärt und warum er all diese Mühe auf sich nimmt. Mehr als einmal dürfen wir seinen Gedankengängen folgen. Sollen wir ihn bewundern oder einfach nur versuchen, sein Tun zu begreifen? Sicherlich das zweite, vielleicht aber sogar das erste, auch wenn das Tun in einem raffinierten Verbrechen besteht.

Deaver stellt uns, genau wie Rhyme, vor die Wahl, den Verbrecher als Manipulator der Realität zu bewundern oder ihn als großen Manipulator zu verdammen, weil er dabei Menschen – quasi als Statisten seiner Reality-Show – in den Tod reißt. Vielleicht zeigt uns Kara einen Weg, aus dem Dilemma herauszukommen: Sie wählt die Selbständigkeit als Zauberkünstlerin, gegen den Wunsch ihres Mentors, der sie quasi für immer als Schülerin an sich binden will. Ergo: Auch wir können Zauberkünstler sein!

Man sieht also: In jedem Fall gibt der ausgefeilte Thriller eine Menge Stoff zum Nachdenken, von der spannenden Unterhaltung mal ganz abgesehen.

|Originaltitel: The vanished Man, 2003
479 Seiten
Aus dem US-Englischen von Thomas Haufschild|

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