Kate DiCamillo – Der Elefant des Magiers

„Die Welt ist entzwei, dachte Peter, und sie kann nicht heil gemacht werden.“

Die Welt des kleinen Peter ist tatsächlich entzwei: Seine Mutter ist bei der Geburt seiner Schwester gestorben, sein Vater – ein tapferer Soldat – ist gefallen. Seitdem lebt Peter bei einem alten, mürrischen Offizier namens Vilna Lutz, der einst an der Seite von Peters Vater gekämpft hat. Vilna Lutz hat Peter immer erzählt, dass seine Schwester Adele noch bei der Geburt gestorben ist. Als aber eine Wahrsagerin eines Tages auf dem Markt in Balta auftaucht, beschließt Peter, sein ganzes Geld, für das er eigentlich Fisch und Brot kaufen sollte, zu investieren, um der Wahrsagerin eine Frage zu stellen – nämlich die, ob seine Schwester noch lebt. Und tatsächlich behauptet die Wahrsagerin, dass Adele noch lebt und dass ein Elefant Peter den Weg zu seiner Schwester weisen würde.

Peter ist völlig durcheinander. Nicht nur gibt es in Balta weit und breit nirgends Elefanten, aber er weiß nun auch, dass er belogen wurde, entweder von Vilna Lutz oder von der Wahrsagerin. Langsam kehrt eine Erinnerung zurück, in der Peter seine schreiende Schwester im Arm gehalten hat. Also kann sie folglich nicht tot geboren worden sein, und Vilna Lutz muss der Lügner sein. Als ein Zauberer aus Versehen – statt eines Straußes Lilien – einen Elefanten ins Opernhaus zaubert, ist Peter klar, dass er seine Schwester suchen muss.

Doch wie soll er das bewerkstelligen? Der Elefant wurde in der Zwischenzeit im Haus der Gräfin Quintet eingesperrt, wo er totunglücklich ist und beschlossen hat zu sterben. Nur am ersten Samstag im Monat dürfen Besucher kostenlos den Elefanten besichtigen. So stattet auch Peter dem traurigen Elefanten einen Besuch ab und erkennt schnell, dass die Zeit eilt, um den Elefanten zu retten und seine Schwester zu finden …

Melancholisches Märchen

In diesem modernen Märchen ist die Welt anfangs trist und düster. Peter hat seine gesamte Familie verloren und lebt bei einem etwas verschrobenen Offizier, der aus Peter ebenfalls einen Soldaten machen will. Doch Peter hat nur einen Wunsch: das Versprechen seiner Mutter gegenüber einzulösen, immer auf seine Schwester aufzupassen. Denn tief in seinem Inneren ist Peter überzeugt davon, dass Adele noch leben muss. Die wiederum lebt im Waisenhaus der Schwestern zum Ewigen Licht und träumt immer wieder von einem Elefanten, der an die Pforte des Waisenhauses klopft und Adele zu sich holen will. Doch immer wieder wird der Elefant abgewiesen, weil die Schwester an der Pforte seinen Wunsch nicht versteht.

Draußen vor den Toren des Waisenhauses lebt der Bettler Thomas mit seinem blinden Hund Ido, der einst als Meldehund bei der Armee gedient hat. Doch blind wie er nun ist, fragt sich der arme Hund immer wieder, wer nun die Nachrichten an seiner Stelle überbringt?

Der unglückliche Zauberer, der nur einmal einen ganz besonderen Trick wagen wollte, sitzt derweil im Gefängnis, weil beim Herbeizaubern des Elefanten leider ein Unglück geschehen ist: Denn der schwere Elefant ist auf den Beinen der Madame LaVaughn gelandet, die seitdem völlig verbittert mit zerschmetterten Beinen im Rollstuhl sitzen muss. Aber auch der Elefant ist tieftraurig, kann er sich doch gar nicht erklären, was geschehen ist und wie er nach Balta gekommen ist. Er sehnt sich nach seiner Heimat und beschließt daher zu sterben.

Unterstützt wird diese traurige Atmosphäre vom tristen Wetter in Balta, wo keine Sonne mehr scheinen will und wo es jeden Tag kälter wird. Alles wirkt trost- und hoffnungslos. Diese ganze Melancholie schwingt in jedem Satz des Buches mit, der eingangs zitierte Satz bringt die gesamte Grundstimmung des Buches auf den Punkt. Kate DiCamillo zeichnet ein sehr düsteres Bild in ihrem Buch, das vermutlich besser für ältere Kinder und Jugendliche (und natürlich auch für Erwachsene) geeignet ist und nicht für die Achtjährigen, die laut Verlagsinfo zur Zielgruppe zählen.

Zu dieser Finsternis passen auch die zarten Strichzeichnungen aus der Feder von Yoko Tanaka, die stets sehr schlicht und in schwarz-weiß gehalten sind. Besonders ausdrucksstark sind die Gesichter der Menschen oder auch des Elefanten getroffen, denn nie zeichnet Tanaka ihnen ein Lächeln ins Gesicht. Alle Figuren erscheinen uns auch auf den Zeichnungen nachdenklich und melancholisch. Erst zum Ende hin heben sich die Mundwinkel der Menschen, ein Lächeln wird sichtbar und das Happy End kündigt sich auch in den Zeichnungen an, welche die Geschichte wunderbar untermalen.

Hoffnungsschimmer

Hoffnung gibt es erst, als Peter einen Plan fasst, den Elefanten zu retten und seine Schwester zu finden. Auch klingt diese Hoffnung an, wenn wir den netten Polizisten Leo Matienne im Gespräch mit seiner Frau erleben. Die beiden sind ungewollt kinderlos geblieben und wagen kaum daran zu denken, wie es wäre … ja, wie es denn wäre, wenn …. wenn vielleicht Peter zu ihnen käme. Diesen Wunsch trauen sie sich bis zum Schluss nicht, offen auszusprechen, auch wenn der Leser diesen Hoffnungsschimmer natürlich erkennt und es allen Beteiligten wünscht, dass es so kommen möge.

Alle auftretenden Charaktere tragen eine gewisse Traurigkeit mit sich herum, manch einer – wie der Elefant und der Zauberer – sind völlig verzweifelt und am Boden zerstört, die verkrüppelte Madame LaVaughn ist gar völlig verbittert angesichts ihres Schicksalsschlags. Nur langsam wandelt sich die Grundstimmung des Buches in eine etwas hoffnungsvollere, nämlich wenn Peter zusammen mit Leo Matienne seinen Plan in die Tat umsetzt und sich auf den Weg macht, den Elefanten zu erretten. An diesem ganz besonderen Abend ändert sich sogar das Wetter in Balta, um den Geschehnissen zu huldigen, die in der Nacht noch folgen würden:

Wirklich, es hatte angefangen zu schneien. […] Der Schnee betonte die elegante geschwungene Form des Griffes an der Elefantentür der Gräfin Quintet. Und den Wasserspeiern, die zusammengekauert auf der Kathedrale hockten und voll Abscheu und Neid auf die Stadt hinabblickten, setzte er modische, aber auch ein klein wenig alberne Mützen auf. Der Schnee tanzte um die Lichtkreise der Laternen, die die breiten Boulevards Baltas säumten. Er legte sich als weißer Vorhang über das düstere, wenig einladende Gebäude, in dem sich das Waisenhaus der Schwestern zum Ewigen Licht befand, als bemühe er sich, diesen Ort den Blicken zu entziehen. Der Schnee fiel. Endlich.

So prosaisch ist natürlich nicht das gesamte Buch geschrieben, doch schafft Kate DiCamillo es stets, Stimmungen gekonnt einzufangen und sie in ausgewählten Worten zu beschreiben.

Magische Geschichten

Kate DiCamillo hat es wieder einmal geschafft, mich mit ihren Worten und Geschichten zu bezaubern. Während sie ihre Charaktere ausschmückt und all das Elend beschreibt, das in deren Leben bereits geschehen ist, bin ich selbst traurig geworden. Sie hat es geschafft, die Stimmung des Buches auf mich als Leserin zu übertragen. Genauso hat sie es aber auch geschafft, mir Hoffnung einzuflößen, als es auch in Balta bergauf geht. Die Autorin hat wahrlich ein ganz seltenes Talent, und gerade diese traurigen Geschichten scheinen ihr im Blute zu liegen, wenn ich da nur an „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ denke – ein Buch, das zu den schönsten zählt, die ich je gelesen habe. Das vorliegende Buch erreicht nicht ganz diese Faszination und hat mich auch nicht ganz so tief berührt, dennoch hat mich Kate DiCamillo auch mit ihrem neuesten Werk vollkommen überzeugt.

Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
ISBN-13: 978-3423760027
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 7 – 11 Jahre
Originaltitel: The Magician’s Elephant
Deutsch von Sabine Ludwig
Mit Illustrationen von Yoko Tanaka

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