DiLullo, Tara – 300 – The Art of the Film

_Schöner Fotoband in stabiler Ausstattung_

Dieser von Mike Richardson, Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern herausgegebene Bildband dokumentiert illustrierend die Entstehungsgeschichte bestimmter Filmszenen von der Strichszene des Storyboards bis zum fertigen, mit dem Computer bearbeiteten Bild. Das Buch stellt mit seinen spezifischen Mitteln ein Making-of zu Zack Snyders Film [„300“]http://www.powermetal.de/video/review-1048.html dar, der am 5. April in unseren Kinos angelaufen ist.

_Inhalte_

|Das informative Vorwort „Die Dreihundert: eine geschichtliche Betrachtung“ …|

… stammt von einer wissenschaftlichen Koryphäe auf dem Gebiet altgriechischer Kriege. Dr. Victor Davis Hanson ist leitender Wissenschaftler für Militärgeschichte an der Stanford University in Kalifornien und Autor einschlägiger Bücher. Er beschreibt, welchen Stellenwert die von Herodot und anderen überlieferte Schlacht in der Geistes- und Militärgeschichte einnimmt. Fern von aller Glorifizierung dieses Freiheitskampfes würdigt er den Erfolg der nur 7000 Mann starken Streitmacht der Griechen gegen die „Viertelmillion Perser“.

Aber er zeigt die Freiheiten auf, die sich der auf einem [Comic]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2667 basierende Film von Zack Snyder hinsichtlich der historischen Fakten herausnimmt bzw. herausnehmen muss, um eine künstlerisch wertvolle Präsentation auf der Leinwand zu schaffen. So ist es interessant zu erfahren, dass die Spartaner nicht Metallschilde benutzten, sondern Holzschilde, die mit Bronze beschlagen waren – diese Schilde waren sicherlich leichter zu tragen. Und die Schwerter sehen recht „futuristisch“ aus.

Auf komplexe Zusammenhänge geht der Professor nicht ein, wie etwa die Frage, wieso die Perser unbedingt nach Griechenland expandieren wollten. (Es ging wohl um Kleinasien und die Vorherrschaft in Ägäis und Mittelmeer.)

|Die Einleitung …|

… stammt wohl von der Autorin Tara DiLullo, die für alle Texte verantwortlich zeichnet. Der Text ist Lob und Schulterklopferei in Reinkultur, deckt aber für den Uneingeweihten, der mit „300“ erstmals in Berührung kommt, die Zusammenhänge zwischen Historie, Comic, Filmvorläufern und dem Zack-Snyder-Film auf. Damit keine Verwirrung entsteht, wer nun bei wem abgekupfert hat.

Die Autorin legt zudem dar, welchen Zweck das Buch verfolgt. Hier hätten Zack Snyder und sein umfangreiches Team (siehe Dankesliste am Schluss des Bandes) dokumentieren wollen, was sie machten und vor allem, wie sie es machten. Dass 99% aller Aufnahmen vor Blue- oder Greenscreens stattfanden, hat sich herumgesprochen. Doch was geschah danach und davor? Abläufe in der Erstellung von visuellen und anderen Effekten werden deutlich gemacht.

|Die Bilddokumentation …|

Lässt sich in mehrere Kategorien unterteilen, obwohl eine solche Einteilung vom Buch selbst nicht vorgenommen wird.

1) Fertige Bilder werden Storyboard-Skizzen gegenübergestellt.

2) Der Entstehungsprozess eines fertig zusammengesetzten Bildes wird demonstriert: Kostüme, Licht, Darsteller, Bühne, CGI, Storyboard-Sequenz kommen zusammen, um z. B. die erste Szene über der Schädelstätte zu dokumentieren, wo ein Neugeborenes auf Tauglichkeit geprüft wird.

3) Der Ablauf der Dokumentation ist chronologisch, d. h. man kann die im Laufe des Bandes gezeigten Bilder in der gleichen Reihenfolge sehen wie die des fertigen Films.

4) Die Darstellung des Entstehungsprozesses von Hautimitaten, Prothesen und Attrappen kann wegen der großzügig verwendeten Farbe leicht auf den Magen schlagen.

5) Für den Wolf am Anfang wurde eine animatronische Puppe gebaut. Sechs Mann waren nötig, um sie zu bedienen!

6) Comicbilder werden Filmbildern gegenübergestellt.

7) Die Seiten 88 bis 91 zeigen beispielhaft die Entstehung eines Filmbildes – von der Skizze und dem fertigen Vordergrund bis zum Auswahlprozess für den komplexen Hintergrund: Himmel, Wolken, Sonne, Lichtverteilung etc. Diese Sequenz ist für jeden VFX-Designer sehr aufschlussreich. Man beachte den Kaffeeflecken-Effekt!

8) Auf Seite 43 links unten ist eine winzige Landkarte vom Schauplatz abgedruckt: „Coastal Region & Hot Gates Geopgraphy“. Sie macht den Küsten- und Frontverlauf deutlich.

9) Zugleich wird diese Draufsicht mit künstlerischen Impressionen der Geografie vor Ort – Steilküstenklippen – in Bezug gesetzt.

10) Diverse Highlights werden hervorgehoben: Ephialtes, Xerxes, die Unsterblichen, das Nashorn, der Elefant usw. Die Seiten 92-95 bilden eine durchgehende Sequenz. Hier ist ein seltenes CGI-Draht- bzw. Polygonmodell zu sehen.

11) Ein oder zwei analytische Seiten (über Bauteile) folgen einer Ergebnisseite (fertiges Bild) und werden von einer kurzen Erklärung des Dargestellten begleitet. Das bedeutet, dass sich der Text auch auf eine vorhergehende Seite beziehen kann, beispielsweise auf Seite 78.

Alle analytischen Seiten weisen „Blutspritzer“ auf, die Ergebnisseiten jedoch nicht. Dies gehört zum durchgehenden Designkonzept des Bandes.

Nach der erwähnten Dankesliste folgt Werbung des Verlags.

_Mein Eindruck_

Zum Film selbst habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben. Deshalb ist es unnötig, noch einmal darauf oder auf die Aussage der Bildinhalte näher einzugehen. Der Leser sei freundlich auf meine entsprechende [Kritik]http://www.powermetal.de/video/review-1048.html verwiesen.

Das Prinzip, das den Aufbau dieses Dokumentationsbandes strukturiert, sieht folgendermaßen aus: Zuerst wird der Ausgangspunkt für ein Bild gezeigt, dann das fertige Ergebnis, wie man es im Film bewundern kann. Durch die Diskrepanz in der Qualität dieser beiden Darstellung bildet sich – so hoffen die Autoren – im Leser zwangsläufig die Frage: Wie konnte es gelingen, aus dem unscheinbaren A ein wunderschönes B zu kreieren?

Diese Frage beantwortet die folgende Doppelseite, die ich als die „analytische Seite“ bezeichnet habe. Damit nicht immer die gleichen Entstehungsphasen gezeigt werden, decken diese Analysen viele verschiedene Aspekte ab: Kostüme ebenso wie Prothesen, Attrappen und andere Designelemente. (Beim Sound muss dieser Band natürlich passen – es geht ausschließlich um visuelle Aspekte. Daher kann das Buch das Filmerlebnis auf keinen Fall ersetzen. Eigentlich eine banale Erkenntnis, doch der Interessent sollte sich das beim Kauf des Buches in Erinnerung rufen.)

Dieser Aufbau des Buches ist leicht als didaktisch zu erkennen, auch wenn an keiner Stelle der Finger des Oberlehrers erhoben wird. Wer Augen hat zu sehen und zu verstehen, der wird die abgebildeten Entstehungsprozesse sofort finden – und sei es auch anhand einer Fotostrecke, die wie ein Filmstreifen aussieht. Ich finde diese Methode der Dokumentation und Erklärung sehr sinnvoll. Der Leser und Betrachter schlägt das Buch – wie bei einem Werkstattbericht – mit einem tieferen Verständnis des Sachgebiets wieder zu.

Dass sehr vereinzelt Druck- oder Tippfehler vorkommen (und die seltsame Sache auf S. 78, s. o. Punkt 11), geht auf das Konto des deutschen Verlags, nicht auf das der Autorin DiLullo. Von ihr darf man wohl kaum erwarten, dass sie den Film und seine Macher in die Pfanne haut – ganz im Gegenteil. In ihrer Einleitung erklärt sie den Aufbau dieses Buches und welche Teile der Produktion darin berücksichtigt wurden, beispielsweise die visuellen Effekte, die Kostüme, die Darsteller usw.

Auch Dr. Hanson ist nicht der Mann, um harte Kritik zu üben. Seine Methode besteht darin, die unhistorischen Details zu erwähnen, wie etwa Schilde, die vollständig aus Metall bestehen (was ihnen ein enormes Gewicht verliehen hätte). Für eine wissenschaftliche Publikation würde dies bereits das Todesurteil bedeuten, aber zum Glück handelt es sich hier |nicht| um einen wissenschaftlichen Beitrag, sondern um einen Werkstattbericht post factum, der lediglich zu erläutern versucht, was die Filmemacher verbrochen, pardon: kreiert haben. Ich hoffe, Dr. Hanson hat sein Honorar für einen guten Zweck verwendet.

_Unterm Strich_

„300 – The Art of the Film“ ist ein recht brauchbares Werk für denjenigen, der schon den Film gesehen hat und nun seinen – hoffentlich positiven – Eindruck davon mit etwas Faktenwissen unterfüttern will. Diesen Zweck erfüllt das Buch hervorragend, indem es die Frage beantwortet, wie es gelingen konnte, aus einer unscheinbaren Strichzeichnung ein durchstilisiertes Kompositbild zu erschaffen. Zahlreiche Aspekte des Design finden hier Berücksichtigung, darunter Kostüme, visuelle Effekte und CGI, aber auch verschiedene Darsteller werden gesondert herausgestellt. Besonders freute mich die Fotostrecke über Lena Headey, die Königin Gorgo spielt.

Ich kann den Band denjenigen Kinogängern empfehlen, die ihre Erinnerung an den Film mit einem gut gemachten Fotoband plus Werkstattbericht wachhalten und ihr Verständnis von diesem besonderen Werk vertiefen wollen. Der Preis ist für ein Buch von bester Foto- und Druckqualität durchaus angemessen. Man hat hier nicht auf ein preiswertes Softcover als Umschlag gesetzt, sondern einen stabilen Hardcover gewählt. Das mag zwar etwas teurer sein, doch der Käufer hat mehr davon, wenn sich sein Buch länger hält und nie irgendwelche Eselsohren bekommen wird.

|Originaltitel: 300 – The Art of the Film, 2007
130 Seiten, aus dem US-Englischen von Tanja Engler|
http://www.cross-cult.de

Schreibe einen Kommentar