Dickens, Charles – Spukhaus, Das

_Unheimlich: Der Geist im Spiegel_

So ein Spukhaus ist eine famose Sache: Es gibt immer was zu tun. Das denkt sich auch unser Ich-Erzähler, als er davon hört, und beschließt, es für sechs Monate zu mieten. Doch den Spuk gibt es wirklich, und nacheinander nehmen seine Bediensteten Reißaus, alle bis auf einen, der stocktaub ist. Es gibt also noch Chancen. John, der Erzähler, und seine Schwester Patty laden ihre ebenso famosen Freunde ein, sich die Sache mit dem Spuk mal genauer anzusehen: furchtlose Zeitgenossen allesamt. Doch in Master B.s Dachstube will trotz aller Mühen der Spuk nicht enden.

_Der Autor_

Charles Dickens, geboren 1812 bei Portsmouth, ist einer der wichtigsten Schriftsteller des viktorianischen Englands. 1824 wurde Charles‘ Vater wegen Schulden eingebuchtet, und seine Mutter und ihre acht Kinder mussten sehen, wie sie zu Brot kamen. Mit zwölf Jahren erfährt Charles in der Fabrik alles Elend, das Ausbeutung durch Arbeit bereithält (nachzulesen in „Hard Times“ und anderen Romanen).

Erst drei Jahre später kann Charles eine Schule in London besuchen. Er arbeitet tagsüber als Schreiber für eine Anwaltskanzlei und lernt nachts. Seine Studien zahlen sich aus. Er erhält eine Chance als Zeitungsreporter und wird Parlamentsberichterstatter. 1833 beginnt er, eigene Geschichten zu veröffentlichen und legt sich das Pseudonym „Boz“ zu.

Dickens‘ Durchbruch erfolgt 1837 mit den humoristischen „Pickwick Papers“, die ihn auf einen Schlag berühmt machen. Er heiratet die Tochter seines Verlegers Catherine Hogarth und arbeitet als Schriftsteller. In den folgenden Jahren schreibt er zahlreiche, mitunter recht umfangreiche Romane und etliche Erzählungen, ruft ein wöchentliches Literaturmagazin ins Leben, für das er als Verleger und Autor arbeitet, gründet ein Amateurtheater, in dem er selbst auftritt, und unternimmt ausgedehnte Reisen in Europa und nach Amerika.

1858 trennt er sich von seiner Frau, mit der er zehn Kinder hat, und beginnt eine Beziehung mit der Schauspielerin Ellen Ternan. Er stirbt am 9. Juni 1870 in Gadshill bei Rochster an den Folgen eines Schlaganfalls.

_Der Sprecher_

Matthias Haase, geboren 1957, wurde an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Hannover ausgebildet, unter anderem am Klavier und am Cello sowie als Bariton. Neben Engagements am Schauspiel Köln sowie in Düsseldorf war er in zahlreichen Rollen in Film und Fernsehen zu sehen, unter anderem in „Atemnot“, „Heinrich Heine“, „Ein Bayer auf Rügen“, „Notaufnahme“, „SOKO Köln“ und „Verbotene Liebe“. Er hat bereits in rund 300 Hörspiel- und Hörbuchproduktionen mitgewirkt, so zum Beispiel in Hauptrollen in „Herr der Ringe“, „Das Foucaultsche Pendel“ und „Die Stadt der Blinden“.

Haases Vortrag ist mit Geräuschen und Musik untermalt.

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

_Handlung_

Der fest auf dem Boden der Tatsachen stehende Ich-Erzähler der Geschichte bezieht als Urlaubsdomizil ein altes, verfallendes Haus, das den Einheimischen im nahen Dorf als Spukhaus gilt. Unser Erzähler ist ein vernünftiger Mann, der nichts vom Geisterglauben der Dörfler hält, schon gar nicht von den Anekdoten, die man sich vom Erscheinen einer verschleierten Frau und einer Eule erzählt. Allerdings trägt auch er insgeheim tief im Herzen eine gewisse Furcht vor jener „anderen Welt“ mit sich.

Nachdem er mit seinen Dienstboten für sechs Monate eingezogen ist, gibt es jede Menge zu tun: Nichts funktioniert – außer der Klingel zu „Master B.s Zimmer“. Nächtelang klingelt, klappert, knarrt und spukt es im Haus, bis es den Dienstboten schließlich zu viel wird – mit einer Ausnahme: Bottles, der Stallknecht, ist stocktaub und bekommt von dem allnächtlichen Aufruhr rein gar nichts mit. Das gibt unserem Erzähler und seiner klugen Schwester Patty zu denken: Was wäre, wenn man diese störenden Tonquellen einfach abstellen würde?

Das geht aber nicht alleine, sondern zu diesem Zweck laden die beiden ihre liebsten Freunde aus London ein. Darunter sind Anwälte und ein paar raubeinige Seeleute, die dem Tod schon mehrmals ins Auge gesehen haben. Diese kühlen Köpfe bereiten dem Spuk ein Ende, indem sie quietschende Wetterhähne, klappernde Fensterrahmen und gluckernde Wasserrohre reparieren. Außerdem überführt unser Held einen der Dörfler, seine Hand im Spiel zu haben.

Doch in Master B.s Dachstube endet der Spuk keineswegs, und hier hat sich der Erzähler zur Ruhe gebettet. Könnte es sein, dass all der Spuk nur mit ihm zu tun hat? Was hat er uns verschwiegen?

_Mein Eindruck_

In der ersten Hälfte des in einer Doppelfolge publizierten Textes herrscht eine melancholische Stimmung vor, die sich natürlich auf das verlassene Spukhaus konzentriert und gründet. Am Ende des zweiten Drittels des Gesamttextes verfliegt diese Stimmung endlich, als sämtliche Spukerscheinungen – bis auf eine – beseitigt und aufgeklärt sind. Dann schlägt die Stimmung wieder komplett um: ins Märchenhafte.

_VORSICHT, SPOILER!_

Dickens arbeitete ja bekanntlich viel mit Symbolen, Metaphern und Allegorien. Man denke nur an seine Weihnachtsgeschichte um Mr. Scrooge. Drei Geister erscheinen da, die Allegorien bzw. Verkörperungen der vergangenen, gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht. In „Das Spukhaus“ praktiziert der Autor den gleichen Trick, allerdings mit einem anderen Sujet und weitaus weniger plump als bei Mr. Scrooge, sondern geradezu modern.

|Spaltung|

Die Hauptrolle beim Übergang zu dem, was kommt, spielt, wie könnte es anders sein, ein Spiegel. Denn dieses Ding ist das Symbol für die Spaltung und Verdopplung des Bewusstseins. Der Andere im Spiegel ist einer von drei Männern: ein Junge, dann der junge John (Erzähler) im Alter von 24 oder 25 Jahren, sein Vater und sein Großvater, den er nie gesehen hat. Was haben sie mit Master B. zu tun, dem ehemaligen Bewohner dieser Dachstube? John, unser Erzähler, glaubt, ein Skelett neben sich im Bett liegen zu sehen. Es spricht zu ihm und fordert ihn zu einer Reise auf …

|Geistreise|

Nach und nach und auf verschiedenen Vehikeln – Besenstiel, Schaukelpferd, Droschke und sogar ein kopfloser Esel – begibt sich John in ein seltsames Land. Er nimmt auch einen anderen Körper an, der dem seines Begleiters verblüffend ähnlich sieht: großer Kopf, aber kurze Beine, sowie altertümliche Kleider. Sie sind Kinder, und als Kinder werden sie von einer Gouvernante erzogen, von Mrs. Griffin. In diesem Kinderland erschaffen sich John und B. eine Fantasie, wie sie während des ganzen 19. Jahrhunderts sehr verbreitet war: der Orient. Sie beschließen, sich einen Harem zuzulegen. Und das klappt auch ganz prächtig …

|Der Ursprung|

Doch alle guten Dinge müssen enden. Und schließlich muss sich John, der Erzähler-John fragen, wohin dieses Wunderland verschwunden ist und was es überhaupt bedeutet. Es ist seine Kindheit, und er hatte sie vollständig verdrängt. Aus einem ganz bestimmten Grund: Das Ende dieser Kindheit wurde von einem schrecklichen Ereignis bezeichnet: dem Tod seines Vaters (so wie der Autor mit zwölf Jahren wegen der Verhaftung seines Vaters in die Fabrik musste). John verlor sein Heim und musste in die Waisenschule, wo man ihn hänselte und triezte. „Master B.“, das ist der Geist seiner eigenen Kindheit. Nun geht er gerne mit einem Skelett zu Bett.

|Analytisch|

Die Geschichte nimmt geradezu die Methode der Psychoanalyse vorweg, kleidet die Kräfte, die am Werk sind, in Symbole und Figuren. Die Kinderphantasie mutet wie ein Märchen an, doch der Harem, dem sich die Freundinnen anschlossen, scheint innerhalb der damaligen Orient-Phantasien durchaus möglich gewesen zu sein. In einem bestimmten Alter (hier: acht bis neun Jahre) spielen Kinder Rollen durch, und eine der Rollen ist zur Abwechslung mal eine Haremsdame statt einer Prinzessin. Die Favoritin des Harun al-Raschid (= John) heißt demnach stilecht Zobeide, und der Großwesir, eine Art Isnogud, zettelt tatsächlich eine Palastrevolution an. Für Aufregung ist also auch in diesem Teil der Geschichte gesorgt. Und da das gesamte Spiel vor Mrs. Griffin geheimgehalten werden muss, ist es obendrein auch noch spannend.

|Humor|

John, unser Chronist, ist ein abgeklärter, älterer Herr und seine Schwester Patty, 38, ein ebenso kluges Frauenzimmer. „Wir können doch auch ohne Dienstboten hier leben“, meint sie. Was für ein kühner, beinahe schon anstößiger Gedanke, findet John. Ein Mann seines Standes, und keine Dienstboten! Doch die besagten Bediensteten sind wenig zuverlässig. Besonders das junge Hausmädchen, eine Waise aus einem religiösen Bildungsinstitut, ist höchst labil, und über ihre Art, wie sie regelmäßig in einen starren, kataleptischen Zustand verfällt, macht sich John unterschwellig lustig. Sie sieht überall Augen, und wenn sie in Starre verfällt, kann man sie nur mit Riechsalz wieder zu sich bringen. Das ganze Haus stinkt danach, und das Riechsalz ist schließlich aufgebraucht. Dann ist für das Gesinde Feierabend.

|Der Sprecher|

Matthias Haase kann seine Stimme flexibel einsetzen, so dass er in der Lage ist, jedem Sprecher eine individuelle Charakteristik zu verleihen. Dadurch ist es dem Hörer möglich, die Figur von anderen zu unterscheiden. Während John, der Erzähler, mit einer relativ normalen, männlich tiefen Stimme spricht, äußert sich der durchtriebene Ikey aus dem Wirtshaus drucksend und schnell, jedenfalls alles andere als ehrlich und aufrichtig. Sein genaues Gegenteil ist die Köchin, die geradezu entsetzt ist über die Zustände, die sie im Spukhaus vorfindet. Ihr Gegenteil wiederum sind der brave Captain Jack Governor, ein Seemann von altem Schrot und Korn, und sein Kumpel Nat Beaver. Namen, die für sich sprechen!

|Musik und Geräusche|

Die Seemänner werden von den Klängen eines Schifferklaviers eingeführt und begleitet. Das Spukhaus jedoch bedarf einer ganz anderen Stimmung. Zunächst wird es durch ein trauriges Cello-Solo charakterisiert, später, als die Spukstimmung aufkommt, durch einen Soundeffekt, den ich einfach mal als „äolischen Sphärenklang“ bezeichnen will. Er klingt geisterhaft, mystisch und ist keinem klassischen Instrument zuzuordnen, das mir bekannt wäre.

Auf dem Höhepunkt der Spukmanie unter den Bediensteten ist eine interessante Kombination aus Glockenspiel und Geigenpizzicato zu hören (pizzicato: die Geigensaiten werden gezupft statt gestrichen). Alle diese musikalischen Motive werden mehrmals verwendet, so dass ihr Wiedererkennungswert hoch ist. Alle dienen wie stets dazu, die Emotionen des Hörers zu steuern und Assoziationen zu wecken, z. B. Schifferklavier und Seefahrt, oder: quäkende Flöte und Märchen-Orient.

Die Geräusche klingen zwar realistisch, werden aber nur dann eingesetzt, wenn sie wirklich etwas bringen. Also dann, um eine düstere Stimmung zu erzeugen, so etwa grollender Donner und das Krächzen von Krähen. Nur einmal drängeln sich die Geräusche in den Vordergrund, weil sie nämlich ein Element der Handlung bilden: Die Klingeln im Spukhaus treiben die neuen Bewohner schier in den Wahnsinn.

_Unterm Strich_

„Das Spukhaus“ ist innerhalb des Kanons an Geschichten über Gespensterhäuser eine sehr ungewöhnliche Geschichte. Der Spuk ist nicht bedrohlich, denn so etwas wie Vampire taucht nicht auf. Sondern es geht dem Autor vielmehr um eine Art Zeitreise in die eigene Kindheit.

Die Wirkung ist in dem letzten Drittel der Erzählung märchenhaft und will nicht zu einer einheitlichen Wirkung beitragen. Offenbar war Dickens kein Anhänger von Poes kritischer Theorie, wonach eine Kurzgeschichte in allen ihren Teilen eine einheitliche Wirkung auf den Leser ausüben sollte („Unity of effect“). Wie auch immer. Es ist schön, auch mal eine solche Spukgeschichte kennen zu lernen. Wer sich aber ein Vampir-Ambiente oder gar ein Poe-Imitat à la Lovecraft erhofft, ist hier an der falschen Adresse.

Dafür waren aber sicher die Viktorianer darüber entzückt, vor allem die Frauen. Nicht von ungefähr erwähnt unser Chronist John, dass zu seinen Freundinnen auch eine gewisse Belinda Bates gehört, die sich stark für die Belange der Frauen engagiert, also eine frühe Feministin. Da hat der Autor wohl Punkte sammeln wollen.

|Originaltitel: The haunted house, 1859
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
70 Minuten auf 1 CD|
http://www.stimmbuch.de

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