Dickens, Charles / Wakonigg, Daniela – Treibjagd

_Ein beinahe gelungener Versicherungsbetrug_

Die folgende Geschichte wurde von einigen historischen Kriminalfällen inspiriert. – Im Versicherungsbüro von Mr. Sampson erscheint der schwarz gekleidete, geheimnisvolle Mr. Julius Slinkton. Er will eine Lebensversicherung für einen Bekannten abschließen. Doch Sampson misstraut seinem scheinheiligen Klienten. Zu Recht, wie sich herausstellt, denn Slinktons Vergangenheit ist alles andere als lupenrein. Und wie es aussieht, plant er bereits die nächsten Verbrechen. Sampson beschließt, dies zu verhindern, denn schließlich geht es um das Leben einer jungen Frau.

_Der Autor_

Charles Dickens, geboren 1812 bei Portsmouth, ist einer der wichtigsten Schriftsteller des viktorianischen Englands. 1824 wurde Charles‘ Vater wegen Schulden eingebuchtet, und seine Mutter und ihre acht Kinder mussten sehen, wie sie zu Brot kamen. Mit zwölf Jahren erfährt Charles in der Fabrik alles Elend, das Ausbeutung durch Arbeit bereithält (nachzulesen in „Hard Times“ und anderen Romanen).

Erst drei Jahre später kann Charles eine Schule in London besuchen. Er arbeitet tagsüber als Schreiber für eine Anwaltskanzlei und lernt nachts. Seine Studien zahlen sich aus. Er erhält eine Chance als Zeitungsreporter und wird Parlamentsberichterstatter. 1833 beginnt er, eigene Geschichten zu veröffentlichen, und legt sich das Pseudonym „Boz“ zu.

Dickens‘ Durchbruch erfolgt 1837 mit den humoristischen „Pickwick Papers“, die ihn auf einen Schlag berühmt machen. Er heiratet die Tochter seines Verlegers Catherine Hogarth und arbeitet als Schriftsteller. In den folgenden Jahren schreibt er zahlreiche, mitunter recht umfangreiche Romane und etliche Erzählungen, ruft ein wöchentliches Literaturmagazin ins Leben, für das er als Verleger und Autor arbeitet, gründet ein Amateurtheater, in dem er selbst auftritt, und unternimmt ausgedehnte Reisen in Europa und nach Amerika.

1858 trennt er sich von seiner Frau, mit der er zehn Kinder hat, und beginnt eine Beziehung mit der Schauspielerin Ellen Ternan. Er stirbt am 9. Juni 1870 in Gadshill bei Rochster an den Folgen eines Schlaganfalls.

_Die Inszenierung_

Bodo Primus liest die ungekürzte und mit Geräuschen und Musik angereicherte Textfassung.

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

_Handlung_

Der ehemalige Versicherungsdirektor Sampson ist im Ruhestand und sinniert über die Fähigkeit des Menschen, einen anderen nach dessen Gesicht und Äußerem zu beurteilen. Auch er hat sich täuschen lassen, obwohl sein erster Eindruck zutreffend war. Man nehme nur mal den Fall Julius Slinkton …

Dieser Mann taucht eines Tages in den Besuchsräumen der Versicherung auf, die Sampson leitet. Sampson kann die Besucher, die Mr. Adams bedient, durch eine Glasscheibe beobachten. Slinkton holt zwei Formulare ab und geht wieder. Sofort fasst Sampson eine instinktive Abneigung gegen den Mann, den Grund kann er nicht sagen, denn Slinkton ist eine elegante Erscheinung, nur der Mittelscheitel ist etwas seltsam.

Zwei Wochen später sieht Sampson ihn wieder, auf einem Abendempfang. Slinkton schleimt sich bei allen möglichen Leuten ein, hat Sampson den Eindruck. Von sich aus bringt Slinkton die Rede auf Mr. Melton, einen Versicherungsstatistiker, der nach dem Verlust seiner Verlobten in Depression verfiel und den Dienst quittierte. Slinkton schluchzt und seufzt zum Steinerweichen, während er berichtet, er habe seine Nichte kürzlich verloren und sorge sich um deren Schwester Margaret Nylah. Sofort bereut Sampson sein Misstrauen und redet sich ein, an Slinkton sei nichts Verdächtiges. Erkundigungen ergeben, dass Slinkton mal Priester werden wollte, bevor er seine Nichte verlor.

In den folgenden Tagen besucht ihn Slinkton in seinem Büro. Eine Freund namens Alfred Beckwith habe doch eine Lebensversicherung über 2000 Pfund beantragt, oder? Mr. Adams bringt den Antrag. Als Leumundszeuge soll Slinkton den Antrag ergänzen. Alles Weitere hat ebenfalls seine Richtigkeit, so dass die Lebensversicherung abgeschlossen und von Sampson genehmigt wird.

Erst im Oktober sieht er Slinkton er wieder, an dessen Seite auch die reizende, aber trauernde Margaret Nylah. Sie fühle sich von einem älteren Gentleman verfolgt. Als ein Rollstuhlfahrer auftaucht und Mr. Slinkton gerade im Meer badet, rät ihr Sampson dringend, sie solle um ihrer eigenen Sicherheit willen dem Rollstuhlfahrer folgen. Das sei Major Banks von der East India Company und der werde sie ebenso wie Sampson vor Slinkton beschützen. Gesagt, getan.

Erst als Sampson Mitte November die Wohnung des bislang unsichtbaren Mr. Alfred Beckwith aufsucht, klären sich die Rätsel um Slinkton, Melton und Miss Nylah auf. Ein echter Showdown – mit tödlichem Ausgang.

_Mein Eindruck_

Diese Kriminalerzählung ist – für heutige Verhältnisse – sehr ungewöhnlich erzählt. Sicher, Agatha Christie mag sich noch an diesem Stil erfreut haben, und auch bei ihr wird erst am Schluss in einer großen Gegenüberstellung alles geklärt (auch noch bei Detektiv Nero Wolfe). Aber zunächst ist die Story vor allem eine Wiedergabe von genauen Beobachtungen, wie sie eines Poes würdig gewesen wären. Leider haben sich aber auch Dickensianische Manierismen eingeschlichen. Dass der Schurke ausgerechnet „Slinkton“ heißen soll – von engl. „to slink = schleichen, sich wohin stehlen“ – wirkt schon wie ein ziemlich großer Zaunpfahl, mit dem der Autor hier winkt: „Achtung, Schurke!“

Außerdem tritt im Showdown-Finale eine weitere Hauptperson auf – ziemlich spät, um das Mindeste zu sagen. Es ist der ominöse Mr. Melton, so viel darf wohl verraten werden, und Slinkton will ihn als Mr. Alfred Beckwith für den Betrug von Mr. Sampsons Versicherungs nutzen. Das findet Mr. Sampson seinerseits ziemlich uncool und hat nicht übel Lust, Mr. Slinkton den Hals umzudrehen. Doch dessen Schicksal wird von anderer Seite besiegelt. Nur auf dieser Schiene wird der Titel „Treibjagd“ erklärlich.

Die Romantik darf in einem Dickens-Text natürlich nicht fehlen, schließlich sollen auch Frauen angesprochen werden. Menschliche Rührung ist bei Dickens immer willkommen und angestrebt, und das finde ich an ihm so unerträglich (bis auf „A Tale of Two Cities“, ein echter Knaller). In dem vorliegenden Text sorgt Miss Margaret Nylah als offenbar verwaiste und dem Tod näher als dem Leben stehende junge Frau für das nötige Element von Rührung und Liebe.

Allerdings ist es jene Szene, in der sie zuerst auftritt, diejenige, die dem Hörer bzw. Leser das größte Rätsel aufgibt. Wie gesagt, verlässt Miss Nylah auf Drängen von Mr. Sampson ihren bisherigen „Beschützer“, um sich einem völlig Unbekannten anzuvertrauen, den sie bis jetzt für einen bedrohlichen „Schatten“ gehalten hat. Sehr merkwürdig. Und nur dadurch zu erklären, dass besagter Mann im Rollstuhl als Major und Geschäftsmann und Freund Mr. Sampsons vorgestellt wird. Aber ist er das wirklich? Stimmt seine Identität? Schließlich können wir uns ebenso wie Miss Nylah nur auf das Wort Mr. Sampsons, des Ich-Erzählers, verlassen. Könnte es sein, dass er uns hinters Licht führt? Man sollte sich fragen, wie die verstorbene Nichte, um die Slinkton angeblich trauert (also Miss Nylahs Schwester), und Mr. Melton zusammenhängen.

Eine mysteriöse Erwähnung eines „Besuchers am Fenster“ trägt ebenfalls nicht gerade zur Erhellung des Sachverhaltes bei. Vielmehr schürte sie in mir den Verdacht, dass etwas vor sich geht, das der Chronist verschweigt, um am Schluss die Bombe umso effektvoller platzen lassen zu können. Dies zumindest gelingt Dickens einwandfrei. Aber es ist nicht gerade die gegenüber dem Hörer / Leser rücksichtsvollste Vorgehensweise.

|Der Sprecher|

Bodo Primus verfügt über jene distinguierte Ausdrucks- und Sprechweise, die einem älteren Gentleman des viktorianischen Zeitalters so wohlansteht. Dieser vertrauenerweckenden Stimme folgen wir gerne – leider zu unserem eigenen Schaden, wie ich gezeigt habe. Man tut gut daran, Mr. Sampson ebenso wenig Vertrauen entgegenzubringen wie Mr. Slinkton und sollte aus den Informationsbrocken, die er uns darbietet, schnellstmöglich eigene Schlüsse ziehen. Dennoch wird die Überraschung am Schluss ziemlich perfekt sein.

Der Sprecher charakterisiert auch Mr. Slinkton und dessen einschmeichelnde, geradezu einnehmende Redeweise, jedenfalls bis zu Slinktons Verwandlung. Ein krasser Kontrast zu Mr. Alfred Beckwith, der einem geradezu wie ein Choleriker vorkommt. Er lallt zunächst wie ein Alkoholiker und haut auf Metall, bevor er schließlich, wuterstickt keuchend, seine Flüche ausstößt.

|Geräusche und Musik|

Die Geräusche sind dezent und zielgerichtet eingesetzt, nur selten ist ein überflüssiges Geräusch zu hören. Obligatorisch sind die Stimmen auf der Dinnerparty, die rauschenden Wellen am Strand von Scarborough (die Begegnung mit Miss Nylah) und schließlich der Showdown in Beckwiths Wohnung. „The wind cries Mary“ könnte man als Überschrift für diese Szene formulieren, denn fortwährend heult und wimmernd der Wind, der durch die Ritzen in Fensterrahmen und Türen hervorbläst. Dieser Laut macht das Finale umso schauriger. Aber es gibt noch einen versöhnlichen Epilog, denn die Geschichte hat ein Happy-End.

Das Hauptmotiv für den Einsatz von Musik ist die eindeutige Charakterisierung einer Szene oder einer Person hinsichtlich Stimmung oder Entwicklung. Intro und Outro werden von einem flotten Stück bestritten, in dem die Streicher ein Pizzicato zupfen, worüber eine romantisch klagende Oboe ihr Lied singt. Sowohl Oboe als auch Cello erklingen immer wieder, meist um gefühlvolle Momente zu unterstreichen, besonders wenn Melancholie angesagt ist.

_Unterm Strich_

Auf seine trickreiche Weise erzählt der bekannte Autor von „Oliver Twist“ und „David Copperfield“ die Story des Julius Slinkton, der unseren Chronisten, den Versicherungsdirektor Mr. Sampson, betrügen will. Da gerät er aber an den Falschen. Obwohl sich Sampson von seinem ersten negativen Eindruck Slinktons abbringen lässt, scheint er doch seine Vorbehalte nicht über Bord zu werfen, sondern rettet vielmehr eine junge Frau aus den Klauen diese schmierigen Typen.

Damit nicht genug, versucht er auch dem versuchten Betrug, der als solcher noch nicht erkennbar geworden ist, auf den Grund zu gehen. Wie man sieht, ist die Begründung der Handlungen Mr. Sampsons etwas wackelig. Ein Showdown mit Todesfolge löst alle Rätsel auf – klassischer Krimistil. Normalerweise werden für diese Drecksarbeit Detektive eingesetzt. Dass sich Sampson selbst engagiert, hängt mit gewissen persönlichen Beziehungen zusammen, die uns zunächst noch nicht verraten werden.

Das alles ist recht schlau und geschickt erzählt, doch ich fühlte mich ein wenig düpiert und hinters Licht geführt. Das ist aber reine Geschmackssache. Ebenso übrigens wie der Auftritt einer weiteren Hauptfigur, die bislang im Dunkeln geblieben ist. Am Ende entsteht ein vollständiges Bild, aber es ist aus einer so stückwerkhaften und verdrehten Perspektive präsentiert, dass die daraus entstehenden Rätsel bis zum Schluss für Spannung sorgen.

|Das Hörbuch|

Das Hörbuch wurde von Daniela Wakonigg und Peter Harrsch gewohnt eindrucksvoll produziert und mit einem informativen Booklet ausgestattet. Sprecher, Geräusche und Musik sind von der bei |Stimmbuch| gewohnten guten Qualität. Orchesteruntermalung darf man allerdings nicht erwarten. Aber ein kleines Streicherquartett ist ja auch mal ganz nett.

|Hunted Down, 1859
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
64 Minuten auf 1 CD|
http://www.stimmbuch.de

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