Doctorow, Cory – Backup

_Mord und Absturz in Disney World_

Vor seiner Ermordung hätte sich der Komponist und Designer Julius nicht träumen lassen, wie wichtig ein zeitnahes Backup der eigenen Erinnerungen ist. Aber da dies schon sein vierter Tod ist, hat er allmählich eine Vorstellung davon, wie wichtig eine Sicherungskopie ist. Daher ist er wenige Tage später schon wieder in einem neuen Klonkörper einsatzbereit. Seine Freunde Dan und Lily helfen ihm, den Verantwortlichen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen.

_Der Autor_

Cory Doctorow ist nach Verlagsangaben Schriftsteller, Journalist und Internet-Aktivist. Er wurde 1971 in Toronto geboren und lebt heute im weltweiten Netz. Man finde ihn unter der Adresse http://www.craphound.com. Aber ich habe die Listen von literarischen Auszeichnungen im weiten Feld der Phantastik durchgeackert und bin mehrfach auf Doctorows Namen gestoßen. So wurde der vorliegende Roman „Down and out in the Magic Kingdom“ anno 2004 von den Lesern des einflussreichen LOCUS (SF-)Magazins zum besten Debütroman gewählt. Na, das ist doch was.

_Handlung_

Vor seiner Ermordung hätte sich der Komponist und Designer Julius nicht träumen lassen, wie wichtig ein zeitnahes Backup der eigenen Erinnerungen ist. Aber da dies schon sein vierter Tod in seinem über hundertjährigen Leben ist, hat er allmählich eine Vorstellung davon, wie wichtig eine Sicherungskopie ist. Daher ist er wenige Tage später schon wieder in einem neuen Klonkörper einsatzbereit. Seine Freunde Dan und Lil helfen ihm, den Verantwortlichen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Er weiß nur, dass ihn ein Mädchen umbrachte. Aber wer waren ihre Auftraggeber?

Da er und seine Freundin im Betreuungspersonal von Walt Disney World in Orlando, Florida, arbeiten, fällt ihr Verdacht sofort auf die Neuankömmlinge: Debra und ihr Team. Debra ist ebenfalls Designerin von Attraktionen für Themenparks und hat sich durch ihr Engagement im Pekinger Disney World jede Menge Woppel erworben. Woppel ist die elektronische und jederzeit durch Funknetzverbindung (WLAN) abrufbare Währung in Form von Ansehen. Je mehr Woppel, desto mehr Ansehen, desto mehr Überzeugungskraft.

Debra hat in Julius‘ Augen revolutionäre Pläne für die Hauptattraktion von Liberty Place, nämlich die „Halle der Präsidenten“. Statt der mechanischen sprechenden Köpfe (die einst Philip K. Dick zu seinem Roman [„Die Lincoln-Maschine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4008 inspirierten) der Präsidenten will Debra dem Besucher durch Instant-WLAN-Verbindung die entsprechenden Informationen direkt in das Body Area Network (BAN) des Besuchers einspeisen. Alle Menschen heutzutage sind durch synthetische Bauteile ständig miteinander und mit zentralen Datenbanken vernetzt. Daher funktioniert ja auch das Woppel-System so hervorragend.

Kurz und gut: Debra gewinnt den Streit um die „Halle der Präsidenten“, ihr Woppelkonto steigt in astronomische Höhen. Julius wird gelb vor Neid und bleich vor Angst um das nächste Prunkstück am Liberty Place: das Spukhaus. Sein genialer Plan, es mit von Fans ferngesteuerten Robotern aufzumotzen, scheitert an technischen Schwierigkeiten und an der nicht ganz unbedeutenden Tatsache, das seine Freundin ebenso wie die angeheuerten Komparsen aus dem Fan-Lager ins feindliche Lager überläuft. Zudem hat sein bester (und einziger) Freund Dan etwas mit Lil, schon lange. Julis fühlt sich so mies, dass er nicht vor einem brutalen Anschlag auf die „Halle der Präsidenten“ zurückschreckt.

Aber das ist erst der Anfang seiner Schwierigkeiten, die ihn zu einem Pariah machen. Doch selbst wenn man ganz unten angekommen ist, soll man die Hoffnung nicht aufgeben, dass noch ein Wunder geschieht. Und es geschieht. Denn irgendwer muss ihn ja umgebracht haben, nicht wahr?

_Mein Eindruck_

Auch wenn den SF-Kenner vieles an diesem Plot an den seligen Philip K. Dick und dessen Ideen erinnert, so wird doch nicht dessen Methode, die Realität zu zertrümmern, angewandt. Vielmehr setzt der Autor das Realitätsprinzip fort, nur mit dem Unterschied, dass die sogenannte Realität schon so viel weiter entwickelt ist, dass ihre Ausformungen uns heute grotesk anmuten statt erhaben zu erscheinen.

Der Autor hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie wir in hundert Jahren leben werden, und als (für Amerikaner) allseits vertrauten Schauplatz nimmt er sich das eng umgrenzte Areal des Magic Kingdom vor. Nach einer Weile fragt sich der Leser, ob das Magic Kingdom neben dieser schönen neuen Woppel-Welt nicht ziemlich altbacken und blass aussieht. Genau diesen Effekt will der Autor erreichen. Denn dadurch bewirkt er zwei Dinge: Er kann die Wunder der Disney-Imagineure ebenso kritisieren wie die Wunder der Woppel-Welt (sie heißt hier „Bitchun Society“, aber das bedeutet nichts ohne den Kontext).

Die Woppel-Welt stellt die kühnen Träume der Disney-Imagineure weit in den Schatten, die von Bildtelefonen und Städten auf dem Meeresboden träumten – zu sehen im Epcot Center und Futureworld. Daneben wirkt das Magic Kingdom mit seinem Schloss, dem Spukhaus, den Piraten der Karibik und so weiter wie die Inkarnation der konservativen Vorstellungskraft, die Amerikaner bereits mit der Muttermilch einsaugen. (Diese Stabilität ist nötig, um zu erklären, warum es die schon jetzt alten Einrichtungen wie die „Halle der Präsidenten“ in hundert Jahren immer noch im gleichen Zustand gibt.) Zwischen diesen drei Polen entwickelt sich das Schicksal unseres Helden.

Er ist ein Held, der sich ständig selbst überschätzt und darum laufend von der schnöden Wirklichkeit überrascht wird. Noch schlimmer wird er, als er seine technische Aufrüstung nach und nach verliert, bis er sie schließlich ausbrennen lassen muss (per elektromagnetischem Puls). Warum nur will er nicht auf seinen alten, in den Augen seiner Umwelt minderwertigen Körper, sozusagen die Wetware, verzichten? Sein neuer Klonkörper liegt ja schon zur Abholung bereit. Eine kleine Backup-Überspielung, und schon kann’s in dem neuen Körper wieder losgehen.

Der Haken ist das Backup. Es ist Kulius nicht neu genug. Würde er den Körper wechseln, würde er also alle Erinnerungen an seine Existenz nach dem Mord vergessen – an alle Projekte, Erfahrungen, Auseinandersetzungen. Das will er nicht. Der Preis ist astronomisch. Er verliert nicht nur jeden Woppel, sondern auch seine Freunde, d. h. alle außer Dan. Als Ausgestoßener der Woppel-Welt sieht er deren Errungenschaften mit anderen Augen. Da geht sie hin, seine Halle der Präsidenten, und auch das Spukhaus ist nicht mehr sicher. Aber eine Revolution anderer Art bahnt sich an, und sie geht ausgerechnet von Dan aus. Wie das?, wundert sich Julius. Nun, Dan hat einen ganz bestimmten Grund dafür, Julius zu helfen …

|Stirnrunzeln|

An einer Stelle auf Seite 151/152 fasste ich mir an den Kopf und runzelte heftig die Stirn. Als SF-Leser stößt man nicht alle Tage auf einen derartigen Fehler im wissenschaftlichen Kontext. Es geht um Folgendes:

Bekanntlich herrscht auf der Erdoberfläche eine Schwerkraft von 1 g (g = Gravitationsbeschleunigung), auf dem Mond aber nur ein Sechstel davon, weil der Himmelstrabant eine geringere Masse hat. Dort konnten die Astronauten entsprechende Hüpfsprünge vorführen. Um solche Sprünge geht es an der bewussten Stelle. Der Stolperstein ist jedoch, dass sie hier, auf einer Raumstation, bei nicht weniger als „acht bis zehn g“ stattfinden. „Man wankt nicht, sondern hüpft wie ein Ball durch die Gegend.“ Das soll mir mal jemand vormachen, wenn er statt 90 Kilo auf einmal 720 Kilo oder mehr wiegt! Wahrscheinlicher ist sein Ende in einer Proteinpfütze.

_Unterm Strich_

Bis auf diese merkwürdige Stelle, die wohl auf den Autor selbst zurückgeht, hat mir das flott erzählte und halbwegs spannende Buch gut gefallen. Dass die Schrift ziemlich groß gedruckt ist, hat sicherlich dem Lesefluss geholfen. Die Einfälle fußen zwar auf Dick und Stross‘ [„Accelerando“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2863 (Woppel-Währung) und etlichen anderen Leuten, aber die Story ist wenigstens originell und auf der menschlichen Ebene verständlich, ja sogar anrührend erzählt. Man sollte sich nicht von der großsprecherischen Werbung ablenken lassen, denn der Roman liefert nur eine kleine Vignette im großen, unkennbaren Panorama der Zukunft.

Aber auch der Narr mit seiner Schellenkappe hat das Recht auf einen Auftritt auf der literarischen Bühne. Und er hat das Vorrecht, uns – und den verehrten Kollegen der Zunft – den Spiegel vorhalten zu dürfen. Denn was Stross, Gibson, Sterling und alle „Visionäre“ der New Space Opera so verkünden, wird nichts an dem ändern, was schon Stanislaw Lem erkannte. Dass wir den alten Adam (und die Eva dazu) immer dorthin mitnehmen werden, wohin wir auch gehen. Und dieser olle Knilch wird noch in hundert oder tausend Jahren die gleichen Grundbedürfnisse haben. Woppel hin oder her.

|Literaturhinweise|

Dies ist ein weiterer SF-Titel, der aus der Lektorenschule von Wolfgang Jeschke stammt. Im Unterschied zur optimistischen, nicht selten militaristischen SF (David Weber, John Ringo und Konsorten), befasst sich die anspruchsvollere SF, die |Heyne| veröffentlicht, mit der Frage, wie der Tod wohl in Zukunft aussehen wird. (Jeschke hat zu diesem Thema etliche beachtenswerte Erzählungen geschrieben.)

In der Woppel-Welt Doctorows ist der Tod ebenso abgeschafft wie in Richard Morgans [„Unsterblichkeitsprogramm“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=464 und in Sean Williams‘ Thriller „Auferstehung“. Kloning und Bewusstseinstransfer machen es möglich. Identitäten werden nicht nur ebenso austauschbar wie Körper, sondern sie verkommen auch zur Ware. Mit allen Nachteilen, die damit verbunden sind. Ein guter neuer Roman zu diesem Thema ist Michael K. Iwoleits Thriller „Psyhack“ (März 2007 im |Fabylon|-Verlag).

Der Terminus „Menschlichkeit“ bekommt eine neue Definition, aber das ändert noch nichts an der biologischen Grundlage. Diese ändert sich erst, wenn auch die Reproduktion des Menschen von der Frau an die Brutmaschine abgegeben wird, wie Aldous Huxley es in [„Schöne neue Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book= 1408 so trefflich skizzierte. In Doctorows Roman sind die Menschen schon Kyborgs, also kybernetische aufgerüstete Organismen.

Erste Anfänge sehen wir heute schon allenthalben, so etwa mit der Implantierung von Bio-Chips und RFID-Chips, die eine drahtlose Identifizierung ermöglichen. In der Sicherheits- und Therapietechnik werden diese Methoden unweigerlich Verbreitung finden. So lange erscheinen mir die hundert Jahre gar nicht, die Doctorows Woppel-Welt von uns entfernt sein soll. Sie ist durchaus schon in 20-25 Jahren realisierbar.

|Originaltitel: Down and out in the Magic Kingdom, 2003
287 Seiten
Aus dem US-Englischen von Michael K. Iwoleit|
http://www.heyne.de

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